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Jüdische Zeitung · 1911-04-28 · 17 (28.4.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 17. wegungen. Audi unsere wütendsten Gegner gestehen uns diese Eigenschaften zu. Nun wäre es eigentlich zu erwarten, daß ein durch so hervorragende Eigenschaften ausgezeichnetes Volk eine glänzende Karriere gemacht haben müßte. Im Verhältnis zu unserer ' großen geistigen Potenz sollten wir heute zumindest als ein wirtschaftlich starkes und in seinen sozialen Rechten geachtetes Volk dastehen. In Wirklichkeit ist es aber um unsere wirtschaftliche Stärke so bestellt, daß man in Oesterreich zirka' dreiviertel Millionen jüdischer Bettler und Luftmenschen zählt. Der Besitzstand der übrigen aber ist so wenig gesichert, daß ihn die kleinste Schwankung in der politischen Atmosphäre zu erschüttern vermag. Wir müssen vor den unbedeutendsten Zufällen und Faktoren zittern. In der allerjüngsten Zeit haben wir traurige Beispiele dieser Tatsache miterlebt. Die Schänkervcrcrdncng und das Hauskrgcsetz. Der Polenklub hat in seinem hohen Rate einfach beschlossen 10000 Juden das Schankrecht zu nehmen. Die Zusammensetzung dieser edlen Körperschaft, des Polenklubs, dürfte ihnen ja bekannt sein. Die Schlachzizen sitzen drin, die Adeligen, gleisnerische Staatsköstler, die das eigene Land auf den Hund gebracht und die Bevölkerung'zum Tier erniedrigt haben, übermütige ProVinzpasdias, die sich hier in Wien auf die Kulturmenschen, auf die parfümierten Salonlöwen herausspielen, während zu hause Schnaps und Korruption zum Himmel stinken. Das ist das aristokratische Element in dieser Körperschaft, das demokratische wird durch einige biedere Landsleute vertreten,' welche für 2 Kronen jeden Meineid schwören und für 5 Kronen Judenhetzen veranstalten. Das ist ja aus den letzten ©chenkerprozessen deutlich zu ersehen. Und der Wille, die bloße Laune einer solchen Glesellschaft hat genügt um 10000 jüdische Geschäfte zu sperren, d. h. 50000 ehrlich und schwer arbeitende österreichische Juden? 50000 österreichische Staatsbürger brotlos zu machen! Das westliche Gegenstück bildet das Hausiergesetz. Eine moralisch nicht viel höher stehende Koalition, die vereinigten christlichsozialen und nationalen Antisemiten, haben kurzer Hand, einem bloßen Schlagworte zuliebe ein Gesetz geschaffen, welches hunderte fleißiger Juden und. inre Familien , um die Existenz bringt. Das sind aber nur die wirtschaftlichen Elementar er eignissie, die uns bedrohen. Ne- ‘ bfenher ünd noch viel schlimmer’ wütet der antisemitische Boykotte Es braucht den Herren Deutschen und den Herren Tschechen hur zu belieben, sich etwas stärker in die Haare zu fahren, so kriegen wir J uden ein Reißen in allen Gliedern, sofort setzt der Boykott schärfer ein und der jüdi:che Kaufmann, der Provinzarzt, der Pr.ovinzädvokat muß die Zeche bezahlen. Kommt ein neuer Minister Zur Regierung, der um einenjGedan!-' ken antisemitischer angehaucht ist, wie sein Vorgänger, §ofort wird eine ganze Reihe-von AemternfärJudenge»jierrt, eineganze Reihe von - Lieferungsgeschäften wird den jüdischen Kaufleuten entzogen. Das alles hat bei uns den Charakter der Selbstverständichkeit angenommen, zum Gesetz ist das geworden, so daß man schon gar nicht mehr dagegen protestiert, von einer energischen Gegenwenr gar nicht zu sprechen. So sieht unser wirtschaftlicher Besitzstand aus. Um unseren gesellschaftlichen und politischen ist es noch ärger bestellt. Wir sind in Oesterreich so geehrt und so geachtet, daß uns jeder Provinzlümmel aus Deutschböhmen, jeder Ottakringer Greisler, jeder versoffene Kouieur- ' Student vor der breitesten Oeffentlichkeit beischimpfen darf, ohne daß. sich der sonst so nervöse Staatsanwalt rührt. Die gesamte bürgerliche Welt klatscht Beifall. Das große Kapital glänzender Eigenschaften hat uns österreichischen Juden also verflucht wenig Zinsen getragen. Unwürdige Schwächen der jüdischen Politik. Und es entsteht die Frage: Ja, muß das Alles so sein, muß das Alles so bleiben? Muß denn der österreichische Jude in aller Zukunft der vogelfreie Knecht bleiben? Die Neunmalweisen unseres; Volkes sagen darauf: „Ja es muß so bleiben.“ Wir Juden sind nun einmal die Schwachem, wir werden es immer sein, wir müssen uns also hübsch bescheiden und hinten halten.“ Das sind die Fatalisten, die Resignierte n und sie bilden leider noch die Majorität. Nach ihrer Theorie ist es Bestimmung der Juden zu leiden und Verfolgung zu erdulden, die Vorsehung hat uns eigens' und zu dem Zwecke erschaffen,. damit wir getreten, geschunden und chikaniert werden und durch unsere Leiden die Mitwelt erleuchten und erlösend Wir.soIIen als Prügelknaben durch die Welt laufen. Für diese Bestimmung danken wir aber ganz ergebenst. In gewissen Lebenslagen mag ja diese Theorie ganz akzeptabel sein. Wenn z. B. ein jüdischer Millionär in der Equipage durch die Straßen fährt und ein blonder Sdhusterbub ruft, ihm „Saujud“ nach, so mag sich dieser Ma/ih getrost auf die seidenen Polster zurücklegen und salbungsvoll sagen: Ich will dieses große mir auferlegte Leid geduldig ertragen, weif ich dadurch die Menschheit erlöse! Wenn man aber einen jüdischen Familienvater der Existenz beraubt, weil er Jude ist, wenn man seinen Sohn von Tür zu Tür jagt und jedes Amt verschließt, wenn man ihn noch verhöhnt und beschimpft. Gehen Sie doch zu diesem Manne und trösten sie ihn mit der Leidensbestimmung! Wenn er ihnen nicht alle Knochen im Leib'zerbricht, ist er nicht nur ein Unglücklicher sondern auch ein Esel. In einer tehag ich geheilten Synagoge Vor sa'trn Zuhörern nimmt sich'ja die Geschichte von der Leidensbestimmung der Juden nicht übel aus. Aber im rauhen Existenzkämpfe, den wir in Oesterreich zu bestehen haben, k’ingt sie wie blutiger Hohn! Die Natur s ch afft Menschen und Volke r, damit siel e'b-e n lind ni cht, damit sie leiden. Und auch wir Juden haben ein Anrecht ans' Leben. Wir sind mit diesem heiligen Rechte aus dem Mutterleib gekommen und nicht mit der Verpflichtung zu leiden. Es ist auch gar nicht einzusehen, welchen guten Dienst wir der. übrigen Menschheit durch unsere Schmerzen erweisen. Wird der russische Bauer deshalb auf ein höheres Ku’.turniveau gehoben, weil er Juden. erschlagen darf?. Wird der Mechaniker Schneider sittlich gehoben, weil er das .Ritualmordmärchen verbreitet, säuft denn der deutsche Universitätshörer weniger, seitdem er den Juden keine Satisfaktion g ibt? Sinn, Verstand und Herz müssen sich gegen diese Legende strauben. Sie ist gut. für Genußmenschen, die weitab vom Schüsse sitzen und ihr Schäfchen im Trockenen haben,., gut für verzweifelte Schwächlinge. Wir aber müssen mit allen Kräften gegen diese Resignation ankäjnpfen, insbesondere aber dagegen, daß, dieses schwachsinnige Dulden und Raunzen ins jüdisch-politische Leben übertragen wird .Greift man uns als Juden an, so müssen wir uns als Juden wehren. Wer Ihnen anders rät, der rät Ihnen schlecht! Wir sind schwach, .weii uns die Organisation fehlt! - ’ Die Gegner des 'jüdischnationalen Gedankens, die Gegner 'der . Organisierung der Juden wenden auch ein, daß die Juden zu schwach und die Feinde zu stark sind,, daß ein Kampf von vorneherein aussichtslos .ist.. Der Glaube :an unsere unendliche Schwäche .und an die unend- ' Jidhe Stärke des antisemitischen’Gegners verdient auch auf seinen. .wahrem,G$a't, geprüft zu werden. Gewiß, wir Juden in’Oesterreich-sind politisch . Schwach, die.. Regierung/, respektiert die Resolution einer rumäpheaen Dorfgemeinde, mehr als den Willen aller jüdischer Steuerzahler. Wir sind sch w-ach, abe,.r, n jcht weil unsdie Natur alle Kräfte ve sagt hat, sondern weil uns der Wille zur Stärke fehlt, weil uns etwa? fehlt, was jedes Volk braucht, sowie der Mensch die Luft braucht, uns fehlt der bewußt gepflegte innere, Zusammenhang, die Organisation. An diesem Mangel, nicht aber, an angeborener Schwäche und Untüdhtigkeit kranken wir. Der rührige und tüchtige .Jude muß Schritt für Schritt dem minderwertigen Gegner weichen, weil bei uns Juden jeder alJ'ein, für sich kämpfen muß, der Gegner aber der. Antisemit kämpft organisiert. Als Lueger vor 15 Jahren mit seiner Prozession von Betschwestern, Vorstadtspießern und Kirchendienern in die politische Arena einzog, da war bei der, gesamten bürgerlichen Intelligenz große ■ Heiterkeit; zu verzeichnen, insbesondere aber bei der jüdischen. Heute regiert Luegers Geist und die gesamte bürgerliche Intelligenz (liegt Vor ihm auf dem Bauch, auf genau demselben Bauche, den sie sich anno 95 vor Lachen gehalten hat. 100 organisierte Kerzelweiber sind eben im politischen Kampfe mehr wert, als 1000. isolierte jüdische Intelligenzen. Diese ureinfcche Wahr dt mußte uns urgescheidten Juden erst handgreiflich bewiesen werden! Sind die Antisemiten unbezwihglich. Mit der unüberwindlichen Stärke unserer politischen Gegner hat es auch seine eigene Bewandtnis, man muß nicht so ganz und so u n b e ding t dar an glauben. Wenn man sich die Herrschaften etwas genauer besieht, so büßen sie sehr viel von ihrer schrecklichen Größe ein. Ein mächtiger’ Gegner der österr. Juden ist der deutsche Nationalverband, diese gewaltige parlamentarische- Gruppe welche den Schmidschen Schulantrag favorisiert, das Hausiergesetz geschaffen und Wiener Judenabgeordnete hinausgeworfen hat. Die Geschichte dieses Verbandes ist. eine-G es chi cht e unsäglicher Schwäche. Wie dressierte Hündchen haben die Deutschriationalen der Regierungpariert, Stück für Stüde ihres freiheitlichen Programmes haben sie preisgegeben, selbst der wilde Los von Rom Wolf ist zahm und katholisch geworden. Stumm und dumm haben sie gedient, noch - dazu ohne " Lohn, man müßte denn die Pension, welche der Schreiner bekommt oder diel Tantiemen, welche der Der sdhatta als Lloydpräsident bezieht als Errungenschaften für'die deutsche Nation ansehen. Nun, Leuten, welche auf der einen Seite so erbärmlich schwach sind, denen -müsste doch auch von einer anderen Seite beizukommen sein. z. B. von der Judenseite her. Und es ist ihnen beizukemmen! Die Herren Deutschnationalen sind in Böhmen, Mähren und Schlesien von uns abhängig. Angesichts einer starken Judenorganisation, die sich über ganz Oesterreich erstreckt und überall die Paroh ausgibt, werden sie sehr klein beigeben und den antisemitischen Bübereien ihrer Anhänger einen starken Dämpfer aufsetzen. Die Herren sind ja nicht allmählich wir haben sie nur verwöhnt. Wir sind ihnen zü viel nachgelaufen. Eine jüdische Organisation würde das Bild ganz andere machen. Mit einem selbstbewußten Nationaljuden würden die trutzigste’n Germanen ganz anders umspringen, als etwa mit einem deutsch jüdisch liberalen Kuranda, der sich hinauswerfen läßt und noch im Fluge über die Treppe „SCaön Dank und Hei,“ schreit. Ich will gewiß nicht studentische Sitten und Bräuche ins bürgerlich - politische Leben übertragen sehen, aber eine Betrachtung der VerhältnLse an der Wi:n:r UnivsrsitLt vor und nach Schaffung der jüdischnationalen Organisation ist lehrreich. Früher waren antisemitische Bübereien an der Tagesordnung. Die studentische Blüte der deutschen Nation hat sich jeden Samstag damit vergnügt, jüdische Studenten und Studentinnen zu insultieren, dann wurde die Wacht am Rhein gebrüllt und die Geprügelten mußten noch ehrfürchtig das Haupt entb.ößen. Heute genügt ein Wink* und 1000 national organisierte jüdische; Studenten erscheinen in der Aula'. Sie ’ sollten nur isehen, wie besänftigend das aut die wildesten Teutonen wirkt, wie lammfromm' die nach J udenblut dürstenden Berserker werden. Man kann schon' dafür sorgen, daß die . antisemitischen Bäume, nicht in den Himmel wachsen. Die Mich! einer jüdischen Organisation. Ein erhebendes Beispiel von der Macht unserer jungen Organisation hat auch die fc.iänkcrdemonstratiöri geboten. Die. .polnischen 1 Machthaber haben 50.000 Juden zum Hungertode verurteilt. In früheren Jahren hätte kein; Hahn danach gekräht. Sang1 und klanglos wären die Tausende im Elend versunken. Dahaben; wir uns dieser Unglücklichen,- die nebenbei bemerkt nie .unsere politischen Anhänger waren,, angenommen. .Wir haben das an ihnen geübte Unrecht in alle Welt ger s eh r fte'-e n,' wir haben -die gesamte. Pressejwelche sonst alle galizischen. Skandale - verschweigt, zum Reden gezwungen.- Wir haben das Wagnis unternommen und 3000 Schanker nach Wien gebracht, 3000 polnische Kaftanjuden ins chr.istlichsoziale Wien.. Unser .Wagnis hat sich glänzend bewährt. In ohnmächtiger Wut haben die polnischen Machthaber geschworen, jeden- Schänker, der nach Wien fährt, einzusperren. Und zähneknirschend mußten sie mitansehen, iw‘ie jüd is ch es’ E1 e n d auf der Ringstraße ve r.a n s ch a u li ch.t wurde, sie, die sonst Allgewaltigen, mußten es sich gefallen lassen, daß die Regierung über, ihre Köpfe hinweg-den Juden einige hunderte Konzessionen zusagte. Wenn schon eine junge Partei, wie die unsere,, solche, in Oesterreich bisher unerhörte Dinge vermag, so ist es klar, daß eine^durchgebi.dete Organisation, die ganz Oesterreich umfaßt, einen, gewaltigen Machtfaktor darstellen wird. Jüdische Intelligenz, jüdische Regsamkeit und Kraft vereint, werden, einen Block bilden, an dem gar. mancher Antisemitenschädel zerschellen muß! Juden! Meidet den Nationalitätenkanpf! Der wohltätige Einfluß einer jüdischnatioinalen Organisation auf die Lage der Juden selbst, steht i>vohl außer Zweifel, aber auch die zu Anfang gestellte zweite Frage findet eine zustimmende Beantwortung. Wir haben gefragt: Ist die Bildung einer neuen politischen nationalen Gruppe, neben den vielen bestehenden, für den' österreichischen Staat von Vorteil? Wird dadurch die politische Gesamtlage vereinfacht oder kompliziert, verbessert oder verschlechtert? Man kann mit-ruhigem Gewissen sagen, daß jede Bewegung, welche die Juden aus den Lagern dsr Deutschen, Polen und Tschechen entfernt und in das' jüdische Lager führt, beruhigend und klärend wirkt. Jeder objektive Beobachter muß zugeben, daß die Tätigkeit der Juden in fremdnationalen Parteien eine unheilvolle ist und viel zur Verschärfung des N at io n al i t ä t e n k a m pfes beigetragen hat. Ein klassisches Beispiel bietet die Wirksamkeit der jüdischen Assimilanten im Dienste der deutschen Parteien. Um nur ja als vollwertige Deutsche zu gelten, ■'übertreffen sie alle ■ anderen an radikalem Chauvinismus. Es ist gar nicht lange her, daß in meinem Hslmatslande, in Mähren, jüdische Fa-

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