Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 16 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 16 auf der ganzen Linie und von den zehn kandidierenden jüdischen Wahlbewerbern sind nur fünf gewählt worden. Dadurch ist der jüdische Besitzstand im Lemberger Gemeinderate, welcher zufolge einer /veralteten Bestimmung nur ein Fünftel jüdischer Gemeinderäte haben kann, trotzdem den Juden zumindest ein Drittel aller Mandate gebührt, von 20 auf 15 Mandate gesunken. Alle polnischen Parteien, begonnen von den Sozialdemokraten bis zur antisemitischen „Strzelnica“ (Schützen) strichen die jüdischen Kandidaten bei der Wahl und verschonten nicht einmal die treuesten Moschkos. So kam es, daß der gewesene Gemeinderat Feldstein, (der vor den polnischen Machthabern sein Leben lang auf dem Bauche lag und, um ihnen zu gefallen, oft die Zionisten als Feinde und Zerstörer Polens verleumdete, vor einigen Jahren den jüdischen Rigorosantenverein 'im Gemeinderate als den Brennpunkt zionistischer Propaganda denunzierte und gegen dessen Subventionierung Protest einlegte, jämmerlich durchfiel. Dasselbe Schicksal [widerfuhr dem Abg. Löwenstein, der nunmehr auch bei den Polen ausgespielt hat. Denn dieser saubere Patriot vermittelte den Verkauf großer polnischer Liegenschaften an die preußische Parzellierungskommission. Wodurch offenbar wurde, daß er nicht nur Verräter am angestammten, sondern auch am adoptierten Volke ist. Die Zionisten nahmen an den Wahlen feeinen aktiven Anteil. Sie unterstützten nur die Kandidatur des gewesenen Abgeordneten Ernst Breiter, "welcher ungefähr 2500 Stimmen auf sich (vereinigte, obwohl er erst 8 Tage vor der Wahl als Wahlbewerber auftrat. Verbot der Naiionalfondssammluugen in Russland. Ueber die neueste Gewalttat der russischen Regierung schreibt die „Jüdische Rundschau“, Berlin: „Bereits seit längerer Zeit hat die russische Regierung die Tätigkeit unserer russischen Gesinnungsgenossen mit Mißtrauen verfolget; es ist bekannt, daß russische Zionisten allein für ihre Teilnahme am Hamburger Kongreß bestraft, daß Nationalfonds-Büchsen konfisziert wurden u .dgl. m. Der Ausweis der Nationalfonds-Spenden im „Rasswjet“ erfolgte zuletzt nur noch anonym, weil die Spender durch die Veröffentlichung ihrer Namen sich der Gefahr strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt hätten. Daß es trotzdem unseren russischen Freunden bis fror (kurzem noch gelang, ihre Tätigkeit weiterzuführen, ja nach wie vor mit der Summe ihrer Nationalfondssammlungen an der Spitze aller Länder zu bleiben, ist eine unvergleichliche (zionistische Leistung. Nun bringt die neueste Nummer der „Welt“ an der Spitze des Nationalfonds-Teil folgende vielsagende Notiz: „Im Einverständnis mit Herrn Dr. E. W. Tsdhlenow bitten wir, Geldsendungen für den Nationalfands aus Rußland bis huf (weiteres ausschließlich an folgende Adresse zu richten: Dr. M'. J. Bodenheimer, Körn a. Rh., Karolingerring 31.“ Das heißt nicht weniger, als daß zurzeit in Rußland keine Nationalfondssammlungen stattfinden können! Welche moralische und materielle Schädigung unserer Bewegung es bedeuten würde, wenn dieser Zustaad dauernd bliebe, ist kaum zu übersehen. Wir glauben jedoch Grund zu der Vermutung zu haben, daß dieser schwere Schlag gegen unsere Bewegung sich durch die (vereinte Tätigkeit unserer Leitung in Köln und führender russischer Zionisten wird abwenden lassen, wenn auch eine gewisse, mindestens zeitweise Schmälerung unserer Sammlungen (wohl unvermeidlich sein wird. Wir haben gesehen, wie russische Zionisten unter Verhältnissen zu arbeiten verstanden, von denen wir uns kaum eine Vorstellung machen können. Wie leicht und einfach erscheinen uns daneben unsere Leistungen! Die neue Gefahr, die uns droht, darf uns deshalb nur ein Ansporn zu vermehrter Tätigkeit sein. Was unsere Organisation hier auf der einen Seite etwa verliert, soll auf der anderen ersetzt werden. Wir sind überzeugt, daß die (deutschen Zionisten durch vermehrten Eifer, durch gesteigerte Sammeltätigkeit das Jhre tun werden.“ Wir glauben nicht fehl zu gehen, wenn wir der Erwartung Ausdruck geben, daß unsere österreichischen Gesinnungsgenossen den Willkürakt der russischen Regierung durch doppelten Sammeleifer paralysieren werden. Die jüdische Bevölkerung Jerusalems, In der hebräischen Monatsschrift „Haschiloah“ veröffentlicht Josua Basiliai [Eisenstadtj aus Jerusalem interessante Ziffern über die Zahl der jüdischen Bevölkerung Jerusalems, die Seelenzahl der einzelnen Kolelim (Chalukahmannschaften), den Jahresbeitrag der Chalukah, der auf die Angehörigen der einzelnen Kolelim entfällt, die sonstigen Erwerbsquellen der Jerusalemer jüdischen Bevölkerung außer der Chalukah usw. auf eigenen genauen Schätzungen und hen teils auf eigenen g enauen Schätzungen und Beobachtungen, teils auf zuverlässigen Angaben anderer, mit den einschlägigen Verhältnissen durchaus vertrauten Personen. Die Anzahl der jüdischen Bevölkerung Jerusalems beziffert Barsilai auf etwas über 44000 Seelen. Davon gehören über 13000 der sephardischen Gemeinde an, die auch Jemeniten, Perser, Bucharer, Maghrebiner usw. umfaßt. Ungefähr 4000 Personen beziehen gar keine Chalukah’. Nähere Aufschlüsse über die einzelnen Landsmannschaften bietet folgende Zusammenstellung : Hiezu kommen die Angehörigen der sephardischen Gemeinde, und zwar Spaniolen 6000, Jemeniten 3000, Perser 1200, Georgier (Gurdsdhis) 1000, Bucharer 500, Maghrebiner (aus Marokko und Algier) 1500, .zusammen 13.200 Seelen. Bezeichnung des Kolel Seelenzahl Jahresbetrag der Chalukah p. Kopf Ungarn 2.000 Frcs. 100.— Galizien 3.000 40.- Siebenbürgen 100 > 180 — Deutschland und Holland 170 » 100.— Rumänien 600 > 20.— Amerika 1,000 Doll. 100.— Warschau 2.000 RhL 25.— Chabad 2.500 > 20.— Suwalk 1.200 > 25. — Wilna und Shamut 3.500 » 10.— Grodno 2.800 > 8.— Wolhynien 3.000 > 5. Reussen 700 - > 6— Minsk 1.200 > 4.— Pinsk 1.200 > 3.— Karlin 600 > 3.— Bessarabien 200 > 5.— Shitomir 400 > 5— Waad kol Hakolelim *) 1.000 Gesamtzahl der aschkenasischen Chalukahempfänger 27.170 Bei den Sephardim beziehen nur die Chachamim und Jeschibajünger, sowie Witwen und Waisen Unterstützung durch die Chalukah; die übrigen haben einen andern Erwerb. Aber auch die große Mehrzahl der Aschkenasim kann nur einen geringen Teil ihres Lebensunterhaltes aus den Geldern der Chalukah bestreiten. Bloß 3270 Personen, die dem deutschen, ungarischen und amerikanischen Kolel angehören, können mit der auf sie entfallenden Chalukah notdürftig ihr Auskommen finden; weitere 6000 Personen decken etwa die Hälfte ihres Lebensbedarfs aus den Mitteln der Chalukah, während zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung Jerusalems nur ganz minimale Beträge von der Chalukah empfangen und im großen und ganzen auf andere Erwerbsquellen angewiesen sind. Als solche Erwerbsquellen führt Barsilai an: 1. Einkünfte aus Kapital und Grundbesitz außerhalb Palästinas. 2. Einkünfte aus Kapital- und Grundbesitz in Palästina. 3. Handel, Gewerbe und Handwerk. 4. Unterstützung durch Verwandte außerhalb Palästinas. 5. Gelegentliche Unterstützungen. Nach seinen Berechnungen decken aus der unter 1 (genannten Erwerbsquelle etwa 5000 Per¬ * Eine von den Vorstehern verschiedener Kolelim gebildete Körperschaft, welche an diejenigen Personen, die keiner der obengenannten Landsmannschaften angehören, Cljalukahgelder aus einem speziellen Fonds verteilt. sonen, ebensoviel aus Nr. 2, 2000 aus Nr. 3, 5000 aus Nr. 4 und 3000 aus Nr. 5 ihren hauptsächlichen Lebensbedarf. Diese. Angaben schließen jedenfalls eine wesentliche Korrektur der landläufigen Anschauungen über die Erwerbsverhältnisse der jüdischen Bevölkerung Jerusalems in sich. Bezalel-Ausstellung in Prag. (Von unserem Korrespondenten.) Das jüdische Leben hat in Prag noch nie so stark pulsiert, wie in der vergangenen Woche, als es einen Mittelpunkt in der Bezalelausstgllung hatte. Die Juden in Prag, die infolge der lokalen Verhältnisse stärker als anderswo der Assimilation zuneigen, da sie entweder die Verpflichtung fühlen, die deutsche Kultur gegen den Ansturm der Slawen zu „retten“, oder aber aus Opportunitätsgründen sich den Tschechen blindlings an den Hals werfen, 'haben in allerletzter Zeit, unter dem Einfluß der fortwährenden Aufrüttelung Von zionistischer Seite, doch begonnen, sich auf sich selbst zu besinnen, und .man bemerkt allenthalben das Bedürfnis nach Zusammenschluß und jüdischer Betätigung. Was in dieser Saison hier an (zionistischer Arbeit in der Oeffentiichkeit geleistet wurde, soll nächstens im Zusammenhänge gesagt sein. Den Höhepunkt bildete die B e z a 1 e 1 a u s s t e 1- 1 u n g, die vom 2. bis 12. April stattfand. Zur Förderung des eminent .zionistischen Bezjalelwerkes haben sich eine Reihe von angesehenen Männern zusammengetan, die größtenteils der Partei nicht angehören. Es wurde im Vorjahre hier der „Kunstgewerbeverein Bezalel“ gegründet, der nun die erste Ausstellung veranstaltet hat. Am 2. April wurde die Ausstellung in feierlicher Weise eröffnet. Nach der Eröffnungsansprache des Obmannes, Herrn Theodor Welt sch, ergriff der Präsident der hiesigen Kultusgemeinde-Repräsentanz, Herr Doktor Arnold Rosenbacher, der die Beudeutung der palästinensischen Kolonisten und des Bezalel als Teiles derselben für das Gesamtjudentum schilderte und zur Förderung des Bezalel aufforderte. Montag abend hielt unser bewährter Gg. Maler Hermann Struck aus Berlin, im Rahmen der Ausstellung einen Vortrag über den Bezalel, den er durch Lichtbilder illustrierte. Die Ausstellung enthielt aus den verschiedenen Ateliers der Bezalelschule in Jerusalem reizende Arbeiten, die das Entzücken und die Bewunderung des Publikums erregten. Auch zahlreiche Nichtjuden besuchten die Ausstellung; Ackerbauminister a. D. Prof. B r a f sandte ein Schreiben, in dem er sich sehr lobend über die Schule |ausspricht. Ein großer Teil des jüdischen Publikums, das Jerusalem noch immer nur aus Märchen kennt, war überaus erstaunt, daß — in so kurzer Zeit f— schon solche Resultate erzielt wurden, und vor allem, daß überhaupt gearbeitet wird. Die Olivenholz- und Mosaikarbeiten, die Silberfiligrane, die Teppiche, besonders aber die Damascusmetallarbeiten fanden reißenden Absatz; letztere waren im Ansturm des ersten Tages ausverkauft. Um der Ausstellung ein reichhaltigeres Gepräge 'zu geben, wurden noch andere jüdische Sehenswürdigkeiten ausgestellt. So einige sehr wertvolle Quantitäten und Prunkstücke aus dem jüdischen Museum, ferner eine altjüdische Münzensammlung, die Herr Univ.-Prof. Münzer beigestellt hatte, endlich zahlreiche Radierungen Hermann Strucks, meist palästinensische Landschaften darstellend. Ein Damenkomitee aus den ersten Prager Gesellschaftskreisen unter dem Vorsitz der Frau Prof. Irma Münzer fungierte beim Verkauf der Ausstellungsgegenstände. Ueber 6000 Kr. wurden erlöst. Und über die engen Grenzen des Vereines Bezalel selbst kommt der Erfolg der bewußt jüdischen Sache und der zionistischen Idee zustatten, da die Juden, die sonst nur beim „Frühlingsfest der deutschen Vereine Prags“ zu sehen waren, lernen, sich mit jüdischen Sachen zu befassen. Ich praktiziere vom Mai bis Oktober in Bad Kudowa (Schlesien). Dr. Sandler, bisher Breslau. Die Böhmische Industrial-Bank-Filiale in Wien, I., Wipplingerstr. 2. Telephonnninmern 23067,23068,2^9,18347,21813 — Aktienkapital K 30,000 000,— besorgt sämtliche Bank- und Wechselstubengeschäfte All und verzinst die Einlagen auf Einlagsbücher mit "T I ■.- - Die Rentensteuer trägt die Bank aufs Eigene. 0 0