Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 16 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Die Wahlbewegimg. Mähren. Jüdisch-nationale Kandidatur im Gödinger Wahlkreis. Am 16. April fand in Ung.-Hradisch ein« Beratung der zionistischen Vertrauensmänner des Gödinger Wahlkreises statt. Nach eingehender Beratung wurde die Notwendigkeit der Bekämpfung der Kandidatur des Renegaten Redlich einmütig festgestellt und beschlossen, sich mit der Leitung des „Jüdischen Nationalvereines“ wegen Aufstellung eines geeigneten Kandidaten ins Einvernehmen zu setzen. Der „Jüdische Nationalverein“ hat beschlossen, Gg. Lucian Brunner als Kandidaten für diesen Wahlkreis zu nominieren. Wien. Hofrat Kuranda für Christlichsoziale. Kuranda, der alte Schützling der Kultusgemeinde, der wiederholt die jüdischen Volksinteressen aufs Schwerste geschädigt hat, geht nunmehr auch daran, seinen engsten „deutschfreisinnigen“ Parteigenossen zu zeigen, welch Muster von Treue, Mut und Ueberzeugung er zu bieten vermag. Bei der letzten Sitzung des „Vereines der Fortschrittsfreunde“ wurde angeregt, im Rathausviertel dem christlichsozialen Kandidaten W i 11 e k einen freisinnigen Kandidaten entgegenzustellen. Kuranda sprach sich mit Entschiedenheit dagegen aus, weil ihm Wittek — den Leopoldsorden verschafft habe. Ein sauberer Volksvertreter, der für einen Orden seinen ganzen Freisinn hingibt. Bedenkt man noch, daß bei der letzten Reichsratswahl Wittek 1211 Stimmen hatte und der freisinnige Kandidat es auf 742 Stimmen brachte, dann ist das Bild dieses wackeren und überzeugungstreuen Volksmannes vollständig. Herr Kuranda, diese sonderbare Zierde des Judentums, hat übrigens Von seinen Parteigenossen auch die Kandidatur des deutschnationalen Antisemiten C h' i a r i im Parkviertel verlangt. Man sieht also, dieser . Mann hat wirklich den Befähigungsnachweis zum freisinnigen und jüdischen Politiker erbracht. ■. Täuflinge im Parkviertei. Audh im Parkviertel der Inneren. Stadt gibt es ein kleines Wettrennen deutschliberaler Kandidaten. Offiziell haben sich bisher gemeldet der Brotfabrikant und kais. Rat Fritz Mendl, der, wie im Flatzlprozeß hervorkam, das Unrecht Jude zu sein, den christlichsozialen Machthabern zulieb von sich getan hat, und der Fabrikant Max Friedmann, dessen Vater bereits — offenbar in Voraussicht der politischen Karriere seines Sohnes — sich hatte taufen lassen. Als Dritter äugelt — vorläufig inoffiziell — der durch seinen Durchfall bei den letzten Gemeinderatswahlen in der Inneren Stadt wohlbekannte Hof- und Gerichtsadvokat und Täufling Dr. Wilhelm Neumann, mit dem bis nun von Bielohlawek besetzten Mandat. Warum sich die Meschumodim gerade im Parkviertel Rendezvous geben? Offenbar weil ^ie glauben, bei der reicheren und darum „freiheitlicheren“ Judenschaft, welche diesen Wahlkreis Bewohnt, weniger Anfechtung zu erfahren, als bei dem „klerikalen“ Gros der Juden. Die Herren von jenseits des großen Wassers mögen es sich gesagt sein lassen, daß die “Hausse für ihresgleichen Unwiederbringlich vorbei ist. Haben doch sogar schon Dr. Stern und Oberrabbiner Güdemann, und die sind ja bei jeder Entwicklung im Judentum die letzten, den Meschumodim die Freundschaft gekündigt! Wir Juden haben an. den Redlichs, Lichts und Ellenbogens Wahrlich genug der Schmach im Parlament ßitzen gehabt. Galizien. Wahlmanifest. Das Zentralkomitee der galizischen Zionisten erläßt folgendes Wahlmanifest: Wir stehen vor neuen Wahlen.' Vor vier Jahren hat das jüdische Volk in unserem Land deutlich gesprochen, daß es die Verwirklichung aller Rechte und Freiheiten fordert, welche die österreichische Verfassung allen Bürgern ohne Unterschied der Religion und Nation zugesagt hat. Wir hoffen bestimmt, daß die galizischen Juden audh bei den kommenden Wahlen diesen wahrhaft demokratischen und fortschrittlichen Standpunkt wahren werden, weil politische Reaktion immer gleichbedeutend war mit Unterdrückung und Knebelung des jüdischen Volkes. Vor vier Jahren hat der größte Teil der galizischen Juden bewiesen, daß sie ihre politischen und nationalen Aufgaben richtig erfassen. Es wurden drei zionistische Abgeordnete gewählt und diese waren in dem ganzen österreichischen Parlament die einzigen, welche dort die Pflicht übernahmen, die jüdische Bevölkerung!zu schützen und sie haben zusammen mit dem jüdischen Vertreter aus der Bukowina, Dr. Straucher, zum erstenmale einen „jüdischen Klub“ in einem österreichischen Parlament gebildet. Der „Jüdische Klub“ hat seine Pflicht ernst erfüllt. In allen jüdischen Angelegenheiten ist er mutig und energisch aufgetreten. In der Bekämpfung des Antisemitismus hat der „Jüdische Klub“ mit Anspannung aller Kraft gearbeitet, um einen Sieg der antisemitischen Christlichsozialen zu verhindern, wie z. B. bei der Abstimmung über den judenfeindlichen Antrag Schmidt . Als der antisemitische Polenklub viele tausende jüdische Erwerbsleute mit einem Streich vernichten wollte, war der „Jüdische Klub“ der einzige Beschützer unserer Bevölkerung. Ebenso in der furchtbaren Schänkerfrage. und bei dem Hausiergesetz. Und wenn die galizischen Behörden die jüdischen Massen chikanierten, verfolgten, terrorisierten und bedrängten, trat stets der „Jüdische Klub“ auf gegen die ungerechte Behandlung jüdischer Bürger. Der „Jüdische Klub“ war der beste Beweis für das nationale Erwachen unseres Volkes. Er hat im Parlament für die jüdische Bevölkerung jhre nationalen Rechte gefordert, die Gleichstellung mit allen andern Nationen, und er hat besonders zur Zeit der Volkszählung unsere gerechten nationalen Forderungen gegen das ungesetzliche Vorgehen der galizischen Behörden verteidigt. Keine Angelegenheit in dem Leben des 'österreichischen Judentums im allgemeinen und des galizischen im besonderen, hat der „Jüdische Klub“ vernachlässigt und überall bei Juden und bei den anderen Völkern galt nur er als der wahre Vertreter des jüdischen Volkes in Oesterreich. Juden! Brüder! Wir stehen vor einem schweren Kampfe. Die ehrliche Arbeit dps „Jüdischen Klubs“, die treujüdische Tätigkeit unserer zionistischen Partei hat den Zorn der Feinde unseres Volkstums erregt. Sie wollen unsere Massen verfolgen und vernichten. Sie wollen alles was jüdisch ist, mit der Wurzel ausrotten. Und in dieser antisemitischen Arbeit werden sie gehindert durch das Bestreben unserer ehrlichen Abgeordneten und unserer Partei, das nationale Bewußtsein in unserm Volk zu verbreiten. Mit Hilfe einiger Verräter aus unserer Mitte, die um ihrer Karriere willen unsere Volksinteressen verkauft haben, wollen sie bei den kommenden Wahlen es (Versuchen, den wahren Willen des jüdischen Volkes zu fälschen. Vor vier Jahren haben wir als ganz junge Partei, als wir zum erstenmale in den Wahlkampf eintraten, unsere Gegner niedergeworfen. Nach vierjähriger erfolgreicher Tätigkeit stehen wir wieder auf unserm Posten, sind stärker und mächtiger geworden, und es wird darum unseren Todfeinden nicht gelingen, die jüdischen Massen durch Terrorismus von ihrem Willen abzulenken, sich ihre jüdischen, zionistischen Sachwalter im österreichischen Parlament zu wählen. Voll Mut und Hoffnung gehen wir in den Kampf. Der „Jüdische Klub“ muß-auch in dem neuen Parlament seine Stätte finden, weil in der jüdischen Bevölkerung sich schon die Ueberzeugung eingelebt hat, daß auch sie gleich allen anderen Nationen in Oesterreich im Parlament ihren getreuen, redlichen und eigenen Sprecher haben muß. Bei den kommenden Wahlen wird die galizische Judenschaft, so wie vor vier Jahren, unerschrocken kämpfen für den Sieg der jüdischnationalen Idee und wird alle Kraft anstrengen, damit auch im neuen Parlament ein starker „Jüdischer Klub“ entstehe. Konferenz der galizischen Zionisten. Am 9. April fand in Lemberg eine Konferenz, eine Vertrauensmännerkonferenz der galizischen Zionisten statt, welche sich mit den bevorstehenden Reichsratswahlen beschäftigte. An der'Konferenz nahmen 90 Delegierte jius 'allen Wahlkreisen Galiziens teil. Namens des Zentralkomitees erstattete Gg . Dr. Michael Ringel Bericht ijjjber die politische Situation und über die seitens des Zentralkomitees begonnenen Wahlarbeiten. Nach einer erschöpfenden Debatte, in welcher alle prinzipiellen und taktischen Fragen eingehend besprochen wurden, wurden unter anderem folgende Beschlüsse gefaßt : 1. Die zionistische Partei Galiziens tritt in den Wahlkampf ein und stellt in allen Wahlkreisen, in denen die Juden eine ansehnliche Zahl der Bevölkerung bilden, eigene Kandidaten auf. 2. Die Kandidaten der zionistischen Partei verpflichten sich für den Fall ihrer Wahl einen „Jüd. Klub“ zu bilden. Sollte die Bildung des Klubs wegen zu geringer Zahl nicht möglich sein, dann (verpflichten sich die Kandidaten „Wilde“ zu bleiben, d. h. keinem der bestehenden Klubs oder Parteiverbände des Parlamentes beizutreten. In der Nachmittagssitzung erstatteten die Delegierten Berichte über die Situation und die Verhältnisse in den einzelnen Wahlkreisen in:- besonders über die Stellung der anderen Parteien. Nach einem warmen Appell des Abgeordneten Stand,'mutig und energisch in den Wahlkampf zu treten, wurde die Konferenz geschlossen. Falsche Gerüchte. In den letzten Tagen wurden in Galizien Gerüchte über ein Kompromiß zwischen der zionistischen Partei und den Assimilationsjuden zwecks gegenseitiger Unterstützung bei den kommenden Reichsratswahlen verbreitet. Es braucht wohl nicht besonders betont zu werden, daß alle diese Gerüchte falsch sind. Dr. Gold in Nöten. Der gewesene israelitisch-allpolnische Abgeordnete von Zloczow, Dr. Gold, befindet sich in einer verzweifelten Situation. Vor einiger Zeit wandte er sich an den Statthalter Bobrzynski mit der Biitte um Unterstützung seiner Kandidatur im Zloczower Wahlkreise. Der Statthalter antwortete ihm: Er könne es verstehen, wenn sich jemand als Allpole erklä.re, ebenso, wenn jemand (sich als Jude bekenne; daß aber ein Mensch, der ernst genommen werden will, Jude und Allpole zugleich sein wolle, sei ihm unverständlich; einen solchen Kandidaten könne er nicht unterstützen. Diese Erklärung des Statthalters machte auf den überzeugungstreuen Dr. Gold einen so starken Eindruck, daß er sofort erklärte, die allpolnische Verkleidung abzulegen. Und tatsächlich trat Dr. Gold vor einigen Tagen aus der allpolnischen Partei aud. Doch das Unheil schreitet schnell! Wegen dieses Verrates an den Allpolen haben diese beschlossen, Dr. Gold einen allpolnischen Kandidaten entgegenzustellen. Aus Zloczow wird uns telegraphiert: Am Sonntag fand hier eine massenhaft . besuchte Wählerversammlung statt, in welcher Gg. Adolf Stand sprach. Es wurde eine Resulution angenommen, in welcher dem ehemaligen Abgeordneten Dr. Gold das Mißtrauen ausgesprochen und das zionistische Zentralkomitee in Lemberg aufgefordert wurde, einen zionistischen Kandidaten aufzustellen. Dr. Kolischer auf der Flucht. Dr. Kolischer hat aus seinem bisherigen Wahlkreis Kolomea die Flucht ergriffen und will nun sein Glück in B r o d y versuchen. Dadurch hat Dr. Kolischer seine Getreuen in Kolomea in arge Verlegenheit gebracht. Kolomea entsandte bisher immer einen Juden ins Parlament. Nach der Flucht Kolischers bewirbt sich nun der christliche Bürgermeister Dr. K 1 e s k i um das Mandat. Das ist selbst den Moschkos zuviel. Sie entsandten zu Dr. Kleski. eine Deputation, 'welche ihn flehentlich bat, von seinem Vorhaben abzulassen. ■ Doch Dr. Kleski besteht auf seinem Vorhaben. Hoffentlich werden die Juden Kolomeas durchdie Wahl des zionistischen Kandidaten den Polen die gebührende Antwort erteilen. i * Aus Sniatyn wird dem „Lemberger Tagblatt“ geschrieben: Hier ist Dr. S. R Landau aus Wien eingetroffen, um für seine Kandidatur Stimmung zu machen. Doch er hat keine Aussichten. Er wandte sich auch an die hiesigen Zionisten nm Unterstütang. Diese erklärten ihm, sich nur für den vom zionistischen Zentralkomitee aufgestellten Kandidaten einsetzen zu wollen. Die Lemberger Gemeiaderatswahlen. Von unserem Berichterstatter. Nach einem mehrere Wochen dauernden Skrutinium ist vorige Woche das Resultat der Lemberger Gemeinderatswahlen bekannt geworden. Die antisemitischen Allpolen siegten fast