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Jüdische Zeitung · 1911-04-21 · 16 (21.4.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
16 (21.4.1911)
Date
1911-04-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 16 mens liegen aber ungezählte kleine jüdische Existenzen, hingestreckt durch den aus nationalen Beweggründen hervorgerufenen Boykott der Tschechen, der durch die deutschtümelnden Kapriolen jüdischer Politiker von der geistigen Kapazität und Gewissenlosigkeit eines Kurahda, Ofner . und Mittler hervorgerufen und ins Maßlose gesteigert wird. Der Entjudungsprozeß der deutschen Parteien ist heute restlos durchgeführt. Wenn in früheren Jahren Juden auf das Programm des deutschen Freisinns kandidierten, v konnten sie sich darauf berufen, daß es ihnen, gestützt auf eine größere, wenigstens ihrem Programm nach freisinnige Partei möglich sein könnte, im Rahmen ihrer Organisation für die bedrohten jüdischen Interessen einzutreten. Ist aber nicht schon längst Gessmann Führer des deutschen Bürgertums? Steht nicht schon längst die ganze, aber schon sehr gemischte Gesellschaft, welche die zweifelhafte Garde eines höchst anrüchig gewordenen „Freisinns“ bildet, unter dem Kommando der radikalen Antisemiten Pacher, Sylvester, K. H. Wolf und der unverhüllt judenfeindlichen Agrarier? Hat nicht der „deutsche Freisinn“ die bekannte Resolution Sch mied t, welche die jüdischen Kinder aus der Schule jagen wollte, fast zum Beschluß erhoben? Und hat es nicht der Stimmen des Ritualmordadvokaten B ax a und seines sonst gewiß nicht judenfreundlichen Anhangs bednrft, um diese Resolution zu Fall zu bringen? Hat nicht der „deutsche Freis i n n“ die boshafte und ganz zwecklose Barbarei des Hausierergesetzes vei brachen, das niemandem nützen wird und das einzig und allein den Erfolg haben kann, einige Hundert der kleinsten jüdischen Existenzen in grausamer Weise zu erwürgen? Und im Namen dieses Freisinns wagen es nunmehr die Herren K u r a n d a, Ofner und als dritter im Bunde der abgewirtschaftete Deutschliberale Mittler an die jüdische Bevölkerung des Kais und der Leopoldstadt heranzutreten. Und sie würden es gewiss nicht wagen, wenn sie nicht mit der Unterstützung des Wiener offiziellen Judentums, insbesondere aber mit der Unterstützung der Wiener Kultusgemeinde rechnen dürften, welche die Gelegenheit, das politische Prestige der Juden zu schädigen, gewohnheitsgemäss nicht wird ungenützt vorbeiziehen lassen. Schon der Beginn der Wahlkampagne hat gezeigt, welch lächerliche Komödie sogar die Antirenegatenbewegung bei den letzten Gemeinderatswahlen des ersten Bezirkes war, und wie die Wiener offizielle Judenvertretung und ihre Schützlinge alles in der Welt preiszugeben bereit sind, nur nicht ihren famosen „deutschen Freisinn.“ Optimisten konnten annehmen, dass die Niederlage der getauften Juden bei den letzten Gemeinderatswahlen der Inneren Stadt der Beginn einer jüdischen Politik sein würde. Eingetreten ist aber das Gegenteil, und Strebertum, Programmlosigkeituud politisches Agententum beherrschen nach wie vor das Feld. Wird die Kultusgemeinde, wenn sie den Kampf gegen das Renegatentum ernst meint, übersehen dürfen, dass Dr. Ofner mit Feuereifer für die Täuflinge eingetreten ist und öffentlich jene Juden, welche den Getauften ihre Stimmen nicht geben wollten, als Verräter am Freisinn bezeichnet hat? Sind die Täuflinge nicht vom „Verein der Fortschrittsfreunde“ in der Inneren Stadt kandidiert worden, und haben an diesem Beschluss di? zwei Vereinsgrössen Ku ran da und Mittler nicht aktiven Anteil genommen? Wie sehen aber erst die Gewählten aus, welche sich mit Geschick von den Wellen der Entrüstung emportragen ließen! Daß Herr Herold aus dem Fortschrittsldub ausgetreten ist, um Mitglied , eines antisemitischen Ballkomitees bleiben zu können, ist bei einem Wiener „Liberalen“ nicht besonders verwunderlich. Daß aber Herr Max Frank, der sich so gerne einen ,.Z i o n i s t e n“ nannte, nunmehr als Schriftführer in demselben Wahlkomitee sitzt, dessen Obmannstellvertreter der gegen ihn unterlegene Renegat Dr. v. Fürth ist, das ist wohl der Gipfel strebsamer Verwandlungsfähigkeit. Darum rastlosen Kampf gegen diese Politik der Würdelosigkeit und Lüge, die uns zu Heloten und Schmarotzern des „deutschfreisinnigen“ Antisemitismus deklarieren will, gegen diese Politik der Skrupellosigkeit, welche einigen Strebern zuliebe über Tausende kleiner Landjuden kühlen Bluts hinwegschreitet, gegen diese Politik der Feigheit, die den jüdischen Namen stets von Neuem schändet! Setzen wir an Stelle der Lüge die Wahrheit unseres nationaljüdischen Bekenntnisses, an die Stelle der Würdelosigkeit und des skrupellosen Strebertums den nationalen Stolz und die selbstlose Begeisteru ng, und an die Stelle des Schmarotzens bei anderen Völkern die redliche Arbeit für unser eigenes Volkstum! Und vor allem verlieren wir trotz aller Widerwärtigkeiten des Assimilationsjudentums. nicht den Glauben an die unverwüstliche Kraft unseres alten Volkes! 0 es terreichisch-israelitisch es Wahlpräludium. Viel Feind, viel Ehr! Dies Sprüchlein gilt bei uns mehr, als anderwärts. Es gilt aber nur für die Starken, ' die Aufrechten. Die Schwächlinge suchen Unterschlupf in fremden Lagern und sind glücklich, sich dort durch Lakaiendienste Duldung zu erwirken. Die sogenannte internationale Sozialdemokratie übt seit jeher auf solche Elemente eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus und kann sidh kaum des großen Zuzugs unserer Deserteure erwehren. Diese waren es hauptsächlich, welche sich ängstlich und leidenschaftlich abmühten, die stolz geblähte, internationale Hülle vor Rissen Zu bewahren. Sie wissen wohl warum. Vergeb’ne Müh! Auch diese Hülle ist geborsten. Der Vorhang hat einen klaffenden Riß erhalten. Man sieht durch denselben, wie sich einzelne nationale Gruppen von einander absondern. ln dem. entstandenen Vakuum schießen gleich aufgescheuchten Ratten unsere Deserteure herum und scheinen in ihrer Herzensangst taub geworden zu sein; denn sie hören nicht das Hohngelächter, das von außen erschallt. Zumindest tun sie so, als ob sie es nicht hören würden. Der naive Ratgeber spricht: „So geberdet Euch doch nicht, wie toll. Bleibt ruhig stehen und schließt Euch auch aneinander, wenn Ihr Schön seht, daß e» alle andern tun!“ Wäre dieser Ratgeber nicht naiv, so ‘müßte er wissen, daß er tauben Ohren predigt. Nicht um beieinander Zu sein, hat sich diese Rattengesellschaft zusammengefunden. Im Gegenteil. Einzeln sind sie unter die rote Hülle geschlüpft in der Hoffnung, dort unbemerkt und dem Verfolger unerkjennbar wirken zu können. Der Reichsrat ist aufgelöst. Allerorts wird die Werbetrommel gerührt. Der jüdische Stimmzettel spielt in der Geschichte eine ähnliche Rolle, wie das jüdische Geld. Ist der Jude auch nicht gelitten, Geld und Stimmzettel nimmt man doch von ihm. ln Mähren und Böhmen wird diesmal den Juden zweifellos die Ehre zuteil werden, deutschnational, ja sogar deutschradikal wählen zu dürfen, nachdem „deutschfortschrittlich“ zu sein aufgehört hat. Auch die Sozialdemokraten werden sich als tolerante, vorurteilslose Partei wieder herablassen, jüdische Bürgerstimmen einzuheimsen. Spllte ihr dies nachher übel vermerkt werden, so wird es schon der Redaktionsstab der Arbeiterzeitung mit bewährter Meisterschaft verstehen, den Vorwurf der Verjudung abzuwälzen. Diesbezüglich droht keine Gefahr, so lange an der Spitze der Redaktion, dieser ehrenwerten, teils getauften, teils konfessionslosen, also beileibe nicht jüdischen Gesellschaft, Held Austerlitz steht, denn Austerlitz nimmt es,. Gott sei Dank, was Verhöhnung des Judentums betrifft, mit jedem Vergani auf. Ihr lieben jüdischen Mitbürger, seid vorsichtig mit Eueren Stimmzetteln! Deutschradikale, Christlichsoziale und Sozialdemokraten gestatten JEuch, für sie zu stimmen, ihr dürft dies aber nicht laut tun. Euere Stimmen zählen zwar, aber sie kompromittieren gleichzeitig. Also Vorsicht. Sonst reizt Ihr den Gewählten und er zahlt es Euch heim. Seid zufrieden, daß Ihr Wählen dürft. Mehr zu verlangen, wäre unbescheiden. Unbescheidenheit ist eine der jüdischen Unarten, welche die Assimilation erschweren. Die Assimilationspolitik verlangt jetzt von Euch, daß Ihr in den meisten Wahlbezirken antisemitisch wählt. Es bleibt Euch nichts anderes übrig. Somit hätte die Assimilationspolitik ein Ziel, den Gipfel des Stumpfsinnes erreicht. Oder geht es noch höher? Vielleicht. Dann beginnt aber unzweifelhaft ein Gebiet, auf welchem bereits der Pathologe und nicht mehr der Politiker zu urteilen hat. Im bevorstehenden Wahlkampfe wird die jüdische Nationalpartei sich bemühen, die Vernunft im politischen Leben der jüdischen Bevölkerung wieder in ihre Rechte einzusetzen. Wird dies Bemühen von Erfolg gekrönt sein? Unbedingt. Jeder Schritt nach vorwärts ist ein Erfolg. Und wir gedenken, so manchen Schritt zu tun, Zu den Reidisrntswahleu. An unsere Gesinnungsgenossen in der Provinz! Bevor wir unseren Vertrauensmännern in den einzelnen Wahlkreisen genaue Mitteilungen über ihr Verhalten bei den Reichsratswahlen zukommen lassen, empfehlen wir ihnen vorläufig, um übereilten Entschlüssen vorzubeugen, die Beachtung olgender Grundsätze: 1. Wir kämpfen nicht um einen Augenblickserfolg. Die Einleitung c.ner im nationaljüdischen Interesse notwendigen Aktion darf demnadi niemals von der Frage der Möglichkeit eines Erfolges abhängig gemacht werden. Die Aufstellung jüdiscfhnationaler Kandidaten ist überall ein wirksames Mittel zur nationalen Erziehung der jüdischen Bevölkerung. 2. Alle Kandidaten' des deutschnationalen Verbandes sind unbedingt zu bekämpfen. Dieser Verband war unverhüllt antisemitisch und wird es nach' den Neuwahlen infolge seiner Annäherung an die 'christlichsoziale Partei in noch viel höherem Grade sein. Es ist Pflicht der Gesinnungsgenossen, die jüdische Bevölkerung in Versammlungen und durch Agitation von Mann zu Mann, hierüber aufzuklären und auf diese Weise insbesondere Zu verhindern, daß einzelne mährisdie und schlesische Kultusvorsteher die Juden ais deutschnationales Stimmvieh mißbrauchen. 3. Selbstverständlich ist allen jüdischen Renegaten aufs Schärfste entgegenzutreten,. — insbesondere gilt dies von den gewesenen Abge ordneten Redlich und Licht — und zwar wieder ohne Rücksicht darauf, ob ihre Niederwerfung gelingen kann oder nicht. 4. In allen Wahlkreisen mit einer größeren jüdischen Bevölkerung' ist die Aufstellung eigener Kandidaten beabsichtigt. Die Nominierung der «Kandidaten erfolgt ausschließlich durch den Jüdischen Nationalverein im Einvernehmen mit den! Vertrauensmännern der lokalen Zionistischen Organisationen. Agenten nichtzionistischer Vereine;sind unbedingt ferrtzuhalten. 5. Bei der. Auf Stellung eigener Kandidaten werden wir an dem Grundsatz festhalten, daß nur verläßliche Zionisten zu nominieren sind. Es wäre vollständig verfehlt, bei der Bekämpfung der Kandidaten des deutschnationalen Verbandes, insbesondere auch bei der Bekämpfung von Renegaten anderen Assimilationsjuden, und seien sie auCh milderer Schattierung, zum Siege zu verhelfen. Dies wäre kein Erfolg des nationalen Gedankens, sondern des von uns bekämpften Assimilationsjudentums, dessen letzte und häßlichste Konsequenz eben das Taufjudentüm ist Sämtliche Anfragen und Zuschriften sind, zu richten an das Sekretariat des) (Jüdischen Nationalvereines Wien, IX., Liechtensteinstraße 11. Der Vorstand des „Jüdischen Nationalvereines“ für Oesterreich.

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