Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 16 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZETTUNG XfiK NRTIDNFIL -JÜDISCHES ORGAN Sg»f ■ ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■«■■■ nnnna Erscheintwöchentlich.—Redaktion, Administration Und Inseratenaufnahme t IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. —Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. ■— Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. Nr. 16. Wien, Freitag den 21. April 1911. V. Jahrgang. 22. l©li, S TTIclx a/be:n_d.s„ Hotel „Central^, II., Taborstrase Np. 8s UJäbl er=U ersammluncj* Referenten: Dr. Paul Weisengriin und der KANDIDAT für den Wahlbezirk Leopoldstadt I Robert Stricker, Ingenieur der k. k- Staatsbahne n. Gesinnungsgenossen! Die jüdische Nationalpartei ist in den Wahlkampf eingetreten. Ihr alle wisset, welche Bedeuftung der Ausgang dieser Wählen für unsere künftige Arbeit hat. Eine große Stimmenzahl wird den Mut und die Arbeitskraft unserer Parteigänger heben und anspornen. An Arbeitswilligen ist kein Mangel. Viele Hunderte sind entschlossen, ihre ganze Kraft der Agitation zu widmen. Doch fehlen unserer Partei, die eine radikal-demokratische ist und daher wenig Reiche in ihren Reihen hat, die Geldmittel, um die Agitation wirksam zu unterstützen. Es ist Eure. Pflicht, auch in dieser Hinsicht das Möglichste zu leisten. Insbesondere den Gesinnungsgenossen, welche an der aktiven Wahlarbeit nicht teilnehmen können, ist Gelegenheit gegeben, unserer Sache einen wertvollen Dienst zu erweisen, indem sie das Ihrige Zur Stärkung des Wählfonds beitragen. Gesinnungsgenossen! Spendet und sammelt für den Wahlfonds! Spenden sind an die Administration der „Jüdischen Zeitung“, Wien, IX/1, Liechtensteinstraße 11 (Postsparkassenkonto 104.057), zu senden. Sammelbogen und Erlagscheine werden auf Wunsch zugesendet. Wahlfond. I. Ausweis. Dr. E .Z. K 50.— (1. Rate), Dr. K. P. K 50.—, Dr. P. W. K 30.— (1. Rate), ,Dr. jardi. K." K 30.-, S. S. K. K 25.-, Dr. J. H. K. K 20- Dr. L. P.- K 20.-, Dr. J. M. K 20.-, Dr. J. Sch'. K 20.—, Ing. E. Cz. K 20.—, Dr. J. E. K 20.—, j. H. W. K 10.—, Obering.iE. F. K;10.—, Dr. <H L. - K 10.-, Dr. B. H. K 10.-, S. Sch. K 10.-, R. W .K 10.—, Baum. E. K. K, 10.—, A. R. K 5.—, Gröbner K 5.—, Ing. K. Kl. K 5.—. Die Politik der Würdelosigkeit. In der Leopoldstadt und im Kaiviertel beginnt wiederum das alte, lächerliche und frivole Spiel.. Vor einigen Jahrzehnten hatten wir in Oesterreich noch eine deutschliberale Partei, die damals auf eine nicht unrühmliche Vergangenheit zurückblicken konnte. Sie hatte mitgeholfen bei der Schaffung der bürgerlichen Freiheiten, und die Juden konnten mit Recht hoffen, daß diese Partei dazu berufen sein könnte, die auf dem Papier gewährleistete Gleichberechtigung der Juden auch im öffentlichen Leben wirklich durchzusetzen. Man kann sich demnach nicht wundem, wenn der jüdischnationale Gedanke damals auf unüberwindbaren Widerstand stieß, wenn der Plan, die Juden Oesterreichs als selbstständige nationale Gruppe zusammenzufassen, als schier abenteuerlich erschien und immer wieder mit der Begründung abgewiesen wurde, der Anschluß der Juden an die deutschliberale Partei sei eine politische Notwendigkeit, eine Forderung der Vernunft und Dankbarkeit. Man wird auch nicht die Bedeutung der Tatsache unterschätzen dürfen, daß noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit-der Judenpunkt die deutschliberale Partei von den übrigen deutschen Parteien trennte, als sie auf die Mithilfe der Juden im nationalen Kampfe nicht verzichten, konnte, und daß demnach dieses Verhalten der deutschliberalen Partei den assimilationslüstemen jüdischen Politikern das Verkünden der Irrlehre erleichterte, die Juden seien nichts anderes, als ein bloß ihrem religiösen Bekenntnis nach verschiedener Bestandteil des deutschen Volkes, der notwendigerweise sein Schicksal mit dem des deutschen Freisinnes auf engste verknüpfen müsse. Wenn dieser Gedankengang vor zwanzig und dreißig Jahren einen Schein von Berechtigung haben konnte, werden heute nach dem geradezu beispiellos schmählichen Bankbruch jüdischer Assimilationspolitik der letzten Jahrzehnte nur Schwachköpfe und politische Gaukler an ihm festhalten können. Ueberschlagen wir mit mitleidiger Nachsicht die Geschichte der letzten Jahrzehnte und werfen wir bloß einen Blick auf die Vorgänge im ersten, auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes gewählten Volkshause. Was halfen dem Abgeordneten des Kais, Hofrat Kuranda, die tollen Bocksprünge, in denen er sich schon bei Einleitung seiner ersten Wahlkampagne gefiel? Was half es ihm, daß er als Generalpächter der deusch-antisemitischen Interessenvertretung auftrat und vor der versammelten Juden- , Schaft des Kaiviertels bewegliche Klagen ausstieß über die Zurückdrängung des Deutschtums und das;Heranbrausen Jder „slawischen Hochflut“? Lieber die Zugehörigkeit zum deutschen Volk entscheidet eben nicht der balzgries, wenn dort auch das Deutschtum zu den gangbarsten Artikeln gehört, und so war das Parlament noch nicht zusammengetreten, und der wackere Kuranda lag trotz seiner Anbiederungen vor der Tür des Deutschen Nationalverbandcs, dessen Schwelle er nicht einmal für den Preis einer ebenso albernen als schädlichen Lüge übertreten durfte. Am Salzgries und in der Leopoldstadt ist eben germanisches Heldentum billig wie Brombeeren, auf den wirtschaftlichen Schlachtfeldern Mährens und Böh-