Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 15 in der Zwei-Millionenstadt Wien auf einen Ruf dieses Vereines keine 50, oder 30, oder auch' nur 10, ja kaum ein einziger Arier erscheint; insolange ist es auch von den Juden nutzlose Kraftvergeudung, da mitzutun. Die Reichsratswahlen stehen vor der Türe, und wenn alle Juden ihre Stimme nur treujüdisdien Kandidaten geben — dort wo solche auftreten — andernfalls aber nur soldien Kandidaten, welche ehrenwörtlich und schriftlich versprechen, für genau umschriebene jüdische Forderungen einzutreten, dann schaffen sich die Juden selbst eine Plattform, von welcher aus die Uebergriffe des Antisemitismus wirksam zurückgewiesen werden können. Mit Zionsgruß Ing. Löwenbein. Hofrat Kuranda. Die Mumien sitzen gespenstisch im Saal, Dumpf rasseln die morschen Knochen... Die liberale Reic h srats wähl Wird von dem „Klub“ besprochen; Und außer Schwefel- und Moderduft Liegt schwül in der macabren Luft Der Name: Hofrat Kuranda! Herr Pollak vo n Parvenuegg spricht: „So wahr per Kassa ich kofe! Wir hrauchen keinen andern nicht, Er ist beliebt bei H o f e; Dort wünscht man ihn im Hohen Haus — (Ich geh’ doch bei Habsburgs ein und aus!) Deshalb nur: Hofrat Kuranda! Der Orthodoxe erwidert verschmitzt; „Und zweitens ist er ein Os eher! Und erstens hat er uns unterstützt... Drum p a s k e n e ich koscher!“ Und alle Deutschen, zu denen er sprach, Sie sagten ergriffen die Brache nach Für Hofrat Kamillo Kuranda! Dann hat die Blattlaus der „W ochenschrift" A la fontaine gesprochen; Man merkte an Balsam, Schmalz und Gift: Es wurde genügend geblochen! Und schließlich hoben sie dankerfüllt Den k. k. Macher auf den Schild, Den Hofxat Kamillo Kuranda! Wir haben ihn wieder! Durch Dünn und Dick Marschiert er, das ist kein Sophisma! Chiari, Sylvester und Dobernigg Benützen deshalb ihn als K1 i s m a ... Im Herzen die deutsche Nation, Und das deutsche Herz im Pantalon- Heil Hofrat Kamillo Kuranda! Und wieder zappelt er hin und her, Und quasselt akademisch; Die böse Clown- und Maul-Misäre, Sie bleibt demnach endemisch! Drum wähle jeder Wanzerich („Zur Ehr’ für ihn, zur Ehr’ für sich!“) Nur: Hofrat Kamillo Kuranda! Beda. Aus dem jüdischen Leben. Die ungarische Grenzpolizei und die ausländischen Juden. Aus Budapest wird berichtet: Der jüdische Advokat Dr. Albert Szeke 1 y in Satoraljaujhely veröffentlichte dieser Tage in einem dortigen Blatt einen Artikel, in dem er die Sztropkoer und Bartfelder Grenzpolizei scharf angreift, weil sie in grausamer und unberechtigter Weise zu strenger Winterszeit eine Anzahl jüdischer Familien, die bereits seit 20, 30, ja sogar seit 40 Jahren in Sztropkö wohnen, ohne Rücksicht aut die von ihnen eingelegte Be- : rufung ausgewiesen hat. Die Regierung hat nunmehr die Satoraljaujhelyer Staatsanwaltschaft ermächtigt, gegen Dr. Szekely wegen öffentlicher Verleumdung das Verfahren einzuleiten. Der Prozeß wird vor den Kaschauer Geschworenen verhandelt werden, und man bringt ihm schon aus dem Grunde großes Interesse entgegen, weil er so manchen Gewaltakt der Grenzpolizei gegen wehrlose Juden zutage fördern dürfte. Die Unruhen in Yenten. Nach Mitteilungen des Leitersder Allianceschule in Kairo nimmt die yemenitische Einwanderung in Aegypten, wenn auch in kleinerem Maßsfab, ihren Fortgang. Vom 25. Jänner 1910 bis zum 31. März dieses Jahres hat das Komitee von Suez 155 Einwanderer empfangen. Man hat geglaubt, daß der türkisch-yemenitische Krieg einen Massenauszug unserer Glaubensgenossen aus dem Yemen verursachen würde. Das ist glücklicherweise nicht der Fall. Die Letztangekommenen erzählen, daß die Kriegführenden den Israeliten kein Leid zufügen. Diese leben in relativer Sicherheit. Man ist der Meinung, daß die Türkei den Aufruhr unterdrücken und das Land beruhigen wird. Das Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle hat durch Vermittlung des italienischen Konsuls in Hodeida der israelitischen Bevölkerung in Sanaa Hilfsfonds zugehen lassen. Vom jüdischen Theater. In der „Deutsdien Bühne“, dem Blatt des Deutschen Bühnenvereines, erzählt S c h a 1 o m Asch, der bekannte „jiddische“ Dramatiker: In Petersburg besuchte ich an einem Sonntag nachmittag eine Kindervorstellung im Alexandrowsky-Theater. Man gab ein Stück von Ostrowski. Es handelte von einem alten, reichen Kaufmann, der ein armes Mädchen heiraten will. Das Mädchen hat einen jungen Geliebten, den es auf Wunsch ihres Vaters verlassen muß, um die Frau des alten, ungeliebten Mannes zu . werden. Wie tief wirkte dieses Stück auf die’ jungen, unschuldigen Gemüter! Die kleinen Mädchen weinten still vor sich hin und die Knaben bissen die Lippen fest zusammen. Im Zwischenakt war ich - in deri'ä^arderobe Zeuge eines Streites zwischen i dem'- Schauspieler Dawidöff und dem Regisseur. Dawidöff wollte die Rolle des alten Kaufmanns vor den Kindern nicht weiterspielen. „Die Kinder hassen mich,“ sagte er. Im letzten Akt, als die Tragödie den Höhepunkt erreicht hatte, schrien die Kinder laut durcheinander, so daß sich Dawidöff nicht mehr zu helfen wußte und den falschen Bart vom Gesicht riß, indem er ausrief: „Seht her, ich bin es doch, ich, euer alter Dawidöff!“ Und die Kinder freuten sich sehr darüber, daß die ganze Geschichte nicht wahr war. Manche weinten sogar vor Freude. Ueber Künstlertaufen. Ueber dieses traurige Kapitel schreibt das Breslauer „Jüdische Volksblatt“: „Die Praxis, die dem getauften Juden gewährt, was sie dem; ungetauften Vorenthält, sollte von uns mit der gleichen zähen Ausdauer beantwortet werden durch die andere entgegengesetzte, vom Standpunkt wahrhafter Moral unseres Erachtens begründetere Art, unserseits dem Renegaten alles zu versagen, was wir dem treuen Juden gern gewähren'. Das können wir Juden ganz besonders bei einer Sorte von Renegaten durchführen, für deren Uebertritt nicht einmal wirtschaftliche oder soziale Vorteile fälschlich als Milderungsgrund angeführt werden können, bei denen vielmehr die Motive des Uebertritts noch viel leichterer Art sind: die es fertig bekommen, denen, die ihnen Piedestahl ihrer Größe, ihres Wachstums und ihrer Erfolge waren und zum Teil noch sind, einen Fußtritt zu versetzen und aus dem jüdischen Gesellschafts- und Zugehörigkeitskreis hinausstreben, sobald sie „was geworden s i n d.“ Wir fragen, was kann einen Künstler jüdischen Geblüts in unseren Tagen wohl veranlassen, die Reihen des Renegatentums zu verstärken? In den freien Künsten erringt sich' die wahre Größe und das wirkliche Können heute denn doch schon die Reverenz und Aner- ' kennung auch dann, wenn derjenige, dem sie leigen, Jude ist. Ein Liebermann, ein Joseph Israels, ein Antokolski, ein Lesser Ury, ein Schildkraut ein Ludwig Fulda, Oscar Blumenthal, Reinhardt oder Brahm,' ein Biz’et etc., ihnen allen war die jüdische Zugehörigkeit keine Fessel, kein Hindernis ihrer Größe oder Bedeutung. ' Wir lehnen es selbstverständlich ab, irgend wie persönlich zu exemplifizieren. Aber wir haben in den letzten Tagen zu unserem tiefen Bedauern in den Listen der aus dem Judentum Ausgetretenen, die nun ja in immer mehr Gemeinden publiziert werden, auch einige Namen auf dem Gebiete der ausübenden Kunst ganz hervorragender Künstler gelesen. Was in aller. Welt mag sie wohl zur Taufe veranlaßt haben, nun da sie im Zenith ihres Ruhmes stehen, sie noch immer in ihren Konzerten die ersten und teuersten Plätze von Juden besetzt zu sehen gewohnt sind, die ihre treueste Anhängerschaft schon, als sie selbst noch im Dunkel des Ringenden lebten, bei den Juden fanden, auf deren Kunstbegeisterung sie noch heute vielfach allein die Fülle ihrer Auditorien zurückführen müssen. Gar häufig genug würden sie ihre Kunst vor leeren Bänken produzieren müssen, wenn diejenigen fernblieben, deren ^Reihen sie nun verlassen, die notorisch die eifrigsten Besuchen künstlerischer Veranstaltungen sind: nämlich die Juden. Man erzählt sich jetzt, daß eine Anzahl von Juden in Berlin W. sich entschlossen habe, die bereits abonnierten Konzertplätze unbesetzt zu lassen in allen Veranstaltungen, die von getauften Künstlern unternommen werden. Ob dies Sage oder Tat ist, wird sich wohl bald feststellen lassen. Wie dem auch sei, es steht doch fest, daß die Kunstfreudigkeit und die Bereitwilligkeit, für den künstlerischen Genuß Ausgaben zu machen, kaum irgendwo so groß ist, als bei uns Juden. In diesen Tagen, da die jüdische Welt aber nicht mehr achtlos an den Täuflingen vorübergeht, und das Empfinden der Bedeutung und des Sinnes der Judentaufen so geschärft ist, wäre es in der Tat nicht ausgeschlossen, daß man sich die Erklärung der Minderwärtigkeit des Judentums, die durch den Akt der Taufe bekundet wird, nicht so einfach gefallen läßt und einer solchen Mißachtung die M je j d u n g entgegensetzt. „Meide den Renegaten“ ist .ein Ruf, den man jetzt erfreulicher Weise immer lauter in unseren Reihen hören kann, und was das für einen jüdischen Künstler, der sich taufen läßt, unter Umständen bedeuten kann, soll nicht weiter auseinandergesetzt sein. Wenn sich indessen das gestärkte Selbstbewußtsein unserer Glaubensgenossen konsequent zu diesem: „Meide die Renegaten“ be-: klennen sollte, dann würde daS Niemand empfindlicher treffen, als die Künstler, die aas Judentum verlassen.“ Jüdischer Sport. Haköah gegen Makkabi 2:2. Sonntag, den 2. April, standen (Sich in 'Krakau die I. Mannschaft der Hakoah und des Makkabi gegenüber. Genießt der Sportklub Makkabi an und für sich schon die weiteste Sympathie in Krakau, so waren diesmal über 1000 Zuschauer zu dem ersten Zusammentreffen zweier jüdischer Mannschaften erschienen. Hakoah, die bereits in dieser Saison manche Erfolge erzielt hatte, sah sich etwas überrascht einer vorzüglich eingespielten Mannschaft gegenüber, die ihr bestes-Können zeigen wollte. Dazu mußte die Hakoah ohne ihren jständigen Tormann antreten. Eine leichte Kombination des linken Hakoahflügels erzielte durch Mahl den ersten Treffer, der seitens des Makkabi bald darauf durch einen Freistoß ausgeglichen wird. Ein Vollschuß Spitzers bringt Hakoah die Führung. Nach Seitenwechsel spielt sich der Kampf nur mehr auf dem Felde des , Makkabi ab, der aber infolge seiner tüchtigen Verteidigung, besonders des Goalmannes, alle Anstürme der Hakoahstürmer, die auch so manche Chance verschießen, abwehren konnte, Erst knapp vor Schluß gelingt einem Makkabistürmer ein Vorstoß, der zu einem Treffer führt, und so endete das Wettspiel der Wiener gegen die Krakauer blauweißen Farben unentschieden. Die Böhmische Industrial-Bank-Filiale Wien, I., Wipplingerstr. 2 Telephonnnmmern 23067, 23068, 23069,18347,21813 — besorgt sämtliche Bank- und Wechselstubengeschäfte und verzinst die Einlagen auf Einlagsbücher mit Die Rentensteuer trägt die Bank aufs Eigene, Aktienkapital K 30,000 000. 4 1! 0 0