Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Jude hat sich sogar soweit hinreißen fassten; daß er diese armen Juden „Halbtiere“ nannte. Und warum all dies? Um zu zeigen, daß wir waschechte Magyaren sind ... Als es im XVI. Jahrhundert den Juden im deutsch-römischen Reiche gar arg erging und sie den furchtbarsten Verfolgungen ausgesetzt waren, richteten die türkischen Juden ein Send- ■S schreiben an ihre Brüder in Deutschland, in welchem sie sie herzlichst einluden, ihr undankbares Vaterland zu verlassen und nach der- Türkei zu ziehen, wo sie mit offenen Armen taufgenommen würden. Und dieser Geist herrschte überall in der Diaspora, wo die Juden bedrängte Brüder sahen. Das Gefühl der Solidarität war überall ausschlagebend und die Juden, denen es fehlt, sind eben entartet. Das sowohl von allgemein-menschlichen, wie vom Jüdischen Standpunkte aus würdelose und in der Geschichte des jüdischen Volkes beispiellose Vorgehen derjenigen ungarischen Juden, die stets im Namen der ungarischen Juden zu sprechen pflegen, ist daher — Volksverrat. Vor kaum einigen Wochen hat ein Nichtjude, der bekannte ungarische Schriftsteller Zoltan S z a siz, einer der Führer der Modernen, in einem Budapester Blatte geschrieben: „Die Wahrheit ist, daß sich die Budapester reichen Juden ihrer Brüder schämen,weilsie arm sind und weil sie im Kaftan herumgehen. Dieses ihr Vorgehen ist eine Schmach.“ Und nun nehmen wir an, daß für die ungarischen Juden auf wirtschaftlichem Gebiete die Einwanderung fremder Juden wirklich bedrohlich werden kann, was aber durchaus nicht der Fall ist. Nun, so mögen sie einfach zun Rettung der galizischen Judenschaft eine hilfreiche Hand "bieten. 'Und wenn sie die Einwanderung galizischer Juden nach Ungarn für gefährlich halten, so mögen sie sich doch an der Bewegung beteiligen, die dem jüdischen Volke eine Heimstätte gründen will. Sie wollen aber die armen galizisChen Juden weit von sich sehen, dabei gute Patrioten sein und sich vor allem an keinem jüdischen V^erke beteiligen, weil dies ihre patriotischen Gefühle in verdächtigem Lichte könnte erscheinen lassen. Und nicht in letzter Linie ist es dieser „Kasarenhetze“ zu verdanken, daß die ungarische Grenzpolizei so unbarmherzig gegen die eingew(anderten, oft schon seit 30—40 Jahren in Ungarn ansässigen Juden vorgeht und sie ohne Rücksichtnahme auf die von ihnen eingebrachte Berufung kurzerhand ausweist. Gegen dieses Vorgehen müssen wir Juden ebenso unsere Stimme erheben, wie wir es gegenüber den Gewalttätigkeiten der preußischen Regierung tun, die die ausländischen Juden, diese „lästigen Fremden“, zum Lande hinausjagt. Die ungarischen Juden mögen es sich ^agen lassen, daß die Beschimpfung und Besudelung ihrer eigenen Brüder gegen den Antisemitismus keinen erfolgreichen Schutz bietet und gar nicht darnach angetan ist, den Zorn von sich abzulenken. Dadurch wird vielmehr der Judenhaß großgezogen, die Aeußerungen der Juden, die ihre Brüder verraten, weil sie „arm sind, und im Kaftan herumgehen“ stärkt ihn nui% Dies beweist am besten die Freitagsitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses. Der Bruderbund Kramarz-Baxa. Als vor vier Jahren der deutsch-liberale Klub dem Juden Kuranda die Aufnahme verweigerte, da konnte man in den Kreisen der tschechischen Juden hören: „Seht, so etwas gibts bei unseren Jungtschechen nicht!“ Und es setzte sofort eine rege Agitation ein, um die böhmischen Juden zu bestimmen, das deutsche Lager zu verlassen und in das wahrhaft freiheitliche tschechische überzugehen. Der Erfolg war ein verhältnismäßig guter. Die Zahl der Juden, die sich zur tschechischen Nation bekennen, wuchs seither tatsächlich von Jahr zu Jahr. Wir Zionisten haben damals vergebens versucht, die Stimme der nüchternen politischen Vernunft zur Geltung zu bringen. Wir trachteten, den böhmischen Juden begreiflich zu ma- . chen, daß politische Entwicklungen auf der nationalen und sozialen Struktur der Bevölkerungsklassen basieren, sich daher mit Notwendigkeit Überall dort, wo analoge Vorbedingungen betstehen, auch analog vollziehen müssen. Und die Vorbedingungen sind für die Deutschen und Tschechen völlig gleich. In dem doppelten Kampf mit der deutschen Sozialdemokratie einerseits und der tschechischen Bourgeoisie andererseits; konnte sich das deutsche Bürgertum den Luxus nicht erlauben, wegen des 'für seinen politi-' sehen Besitzstand ziemlich gleichgültigen Judenpunktes in zwei Lager, ein antisemitisches und ein ij udenfreundliches, zu zerfallen. Man ließ auf der sogenannten „freisinnigen“ Seite die letzte Rücksicht auf die jüdische Gefolgschaft umso leichter fallen, als man derselben auf jeden Fall sicher zu sein glaubte, und vereinte sich mit den Christlichsozialen zu einem judenreinen Bund. Die Rechnung, daß die Juden die Ohrfeige ruhig einstecken werden, war auch völlig richtig. Herr Kuranda kandidiert trotz seiner „Hinauslehnung“ frisch, fromm, fröhlich und frei als deutscher Liberaler heute wie ehemals am Franz J,osefs-Kai. Nur politisch unreife Leute, und die Juden sind leider infolge der Assimilationslüge solche, konnten annehmen, daß sich bei den Tschechen die Entwicklung anders gestalten werde. Hier ist es der Kampf gegen die tschechische Sozialdemokratie und gegen die Deutschen, welcher den Zusammenschluß der tschechisch-bürgerlichen Parteien unbedingt notwendig machte. Es ist auch schon im früheren Parlament erfolgt und seine semitische Tendenz kann nur deshalb nicht zum Vorschein, weil es keinen jüdischen Abgeordneten im tschechisch-bürgerlichen Lager gab, um dessen Aufnahme es sich hätte handeln können. Deshalb konnten sich die tschechischen Juden noch weiter dem Wahne hingeben, daß die Jungtschechen demnach eine Judenschutztruppe geblieben wären. Nun aber wird auch diese Illusion zerstört! Die Jungtschechen haben mit den „Nationalsozialen“, d.h. mit dem blutrünstigen Antisemiten Baxa, der sich besonders in der Hilsneraffaire ausgezeichnet hat,. und mit dem ebenso sattsam bekannten Judenfresser Klofac einen Pakt geschlossen, wonach beide Parteien die Wahlkandidaturen aufteilen und einander gegenseitig keine Konkurrenz machen. Die „jungtschechischen“ Juden, die z. B. in Prag-Altstadt wohnen, werden von der Parteileitung ruhig dem Herrn Baxa als Wähler zugewiesen und ähnlich ist’s in anderen Bezirken. Natürlich werden die jungtschechischen Juden nicht so erbärmlich handeln, und sich zu Wählern der ärgsten Antisemiten kommandieren lassen. Sie werden für die -Sozialdemokratie stimmen, obzwar, wie schon so oft hier nachgewiesen wurde, auch diese stark antisemitelt und die betreffenden jüdischen Bourgeois wahrscheinlich Erzfeinde des Sozialismus sind. Die tatsächliche politische Entwicklung be- I stätigt so Schritt für Schritt das, was wir Jüdischnationalen seit eineinhalb Jahrzehnten. Voraussagen.' So schwierig auch die politische Erziehung der Juden ist, so ist doch zu hoffen,, daß 'die brutale Wirklichkeit unsere Volksgenossen langsam auf den richtigen Weg bringen wird. Der jetzige Wahlkampf ist eine gute Gelegenheit für unsere Partei, den Juden allüberall eindringlichst nahezulegen, sich von keiner nicht jüdischen Partei als Stimmvieh, das man nach Belieben mißhandeln kann, benützen zu lassen. Durch Organisierung der Juden als politisch' selbständige Gruppe, die als solche Forderungen aufstellt und Vereinbarungen trifft, sowie durch Nominierung von Zäklkandidaten, welche die jüdischen Stimmen auf sich vereinigen, die dann auch bei Stichwahlen eventuell ein wertvolles Mittel sein würden, um gewisse jüdische Forderungen durchzusetzen, müssen unsere Parteigenossen allüberall die Juden zu einem polia tischen Faktor zu machen suchen. Die berühmten „lokalen“ Verhältnisse werden nur in den seltensten Fällen für die Unterlassung eines solchen Vorgehens entschuldigen können, nachdem es heute klar erwiesen ist, daß es im politischen Leben Oesterreichs keine Partei .gibt, die Jüdischnationalen natürlich ausgenommen, welche auf die Juden auch nur die mindeste Rücksicht nimmt. Wie der Antisemitismus bekämpft wird. Verehr?lche Redaktion! Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus veranstaltete unlängst einen Vereinsabend mit Dr. Adolf Gelber am Vorlesetische. Zu folgender Betrachtung aber hat mich nicht der meisterhafte Vortrag, sondern die Ansprache feines Vereinsfunktionärs an das Publikum bewogen. Er machte Propaganda für ein in Berlin erschienenes Werk, aber mit nicht mißzuverstehender Betonung und Geste sagte er: „Nicht in Ihren Kreisen, sondern in Kreisen der Anderen sollen Sie es verbreiten“ Er als Arier konnte nicht sagen in „unseren“' Kreisen; er meinte offenbar die jüdischen Kreise, denn im dicht gefüllten Saale und unter den , Kopf an Kopf stehenden Zuhörern sah er nicht einen Arier (ich auch nicht). Unter den Gegnern aber verstand er wohl kaum bloß Schußgeld-Schneider und Konsorten, sondern die christlichen Kreise überhaupt. Es waren also alle, die da in Scharen herbeiströmten umden Antisemitismus abzuwehren, wieder nur lauter Juden. Nun drängt sich die Frage auf: „Wozu dieses Aushängschild und diese falsche Flagge?“ Wäre es nicht viel einfacher und richtiger, wenn alle Juden sich vereinigen würden zu einem Verein zur Erkämpfung der Gleichberechtigung, zur Erkämpfung der Menschenrechte für die Juden. Die Abwehr wäre in diesem viel höheren Ziele eo ipso auch enthalten. Wir Zionisten sammeln jetzt die Schekel für das laufende Jahr; bei einigem Nachdenken müßte wohl jeder solche Vereinsjude begreifen, daß er durch Stärkung des Jüd. Nationalfonds um eine einzige Krone wohl unendlich mehr für die Abwehr des Antisemitismus leistet, als wenn er sein Geld in einen Verein trägt, um sich dort vom Vorsitzenden auffordern zu lassen, „unsere lieben israelitischen Mitbürger“ deshalb zu achten, weil sie das lebende Denkmal einer Kulturepoche bilden, in der ein Moses lebte, u*id auch Christus hätte nur die Fackel, welche jener entzündete, weiter getragen“ u. s. f. Dies braucht man uns Juden nicht zu erzählen. Zu glauben, daß die Arier für unsere Rechte kämpfen werden, ist wohl einekindische Utopie. Niema 1 s noch ist etwas erkämpft worden, wenn nicht die Bedrückten selbst sich entschlossen zum Kampfe vereinigt hätten. Es ist nicht Zweck dieser Zeilen, gegen den Verein zur Abwehr des Antisemitismus aufzutreten, die Schande des Antisemitismus sollte jedem ehrenhaften, charaktervollen Christen die Schamröte ins Gesicht treiben, lnsolange aber Zivnostenskä banka Filiale Wien ■. Herrengasse 12. EINLAGEN auf Büchels EINLAGEN im Konto nach Vereinbar|ing. 4 Aktienkapital und Reserven: K 75 Millionen. Wechselstuben in Wien: 01 ( 0 Kulante Besorgung aller Bank- und Börsentransaktionen I. Herreng. 12. II. Pralerstr. 24, VII. Mariahilferstr. 84, X. Favoritenstrasse 95, XVI. Neulerchenlelderstrasse 41. Stahlkammer mit vermietbaren SAFES. Abonnement von K 12.— an. 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