Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 15 Plenarversammlung der Jüdischen Nationalpartei in Wien. In der Vertrauensmännerversammlung am 11. April wurde einstimmig für den Wahlkreis Leopoldstadt I (Wahlkreis 5) der Gesinnungsgenosse Ingenieur Robert Stricker als Kandidat für die Reichsratswähl nominiert. Weiters wurde dem Ausschüsse des Jüdischen Nationalvereines die Nominierung weiterer Kandidaten in Wahlkreisen mit größeren jüdischen Minoritäten (Göding, Wien, Leopoldstadt II., Alsergrund, Mariahilf, Neubau etc.) überlassen. Die Reichsratswahlen in der Leopoldstadt. Von Dr. Paul Weisengrün. Es läßt sich nicht leugnen, daß im. beginnenden Wahlkampfe um die Leopoldstadt eine gewisse prinzipielle Note angeschlagen wird. .'Dies muhet finen (fast seltsam an und wenn man; sich da erinnert, daß noch während der Landtagswahlen jene berüchtigte Telephongeschichte sowie das schwierige „Problem“, ob der Donauklub einen rekommandierten Brief erhalten oder nicht, fast die ausschließlichen Gegenstände der politischen Diskussion waren, so läßt sich immerhin (ein Fortschritt nicht verkennen. Dr. Mittler, der diesmal sehr eifrig vorgeht, (yerkündet, daß Dr. Ofner längst kein bürgerlicher Parteimann mehr ist, wenn er überhaupt einer jemals gewesen. Seine Annäherung an die Sozialdemokratie läuft auf eine Identifizierung mit ihren Intressen hinaus. Das seii aber nicht die Aufgabe eines Vertreters der Leopoldstadt! Dieser Wahlbezirk, in welchem die Getreidebörse und der Lederhandel zuhause sind, in welchem es nicht nur Proletarier sondern vielfach Fabrikanten, Großkaufleute, Hausbesitzer gibt, hat spezifisch bürgerliche Interessen. Wer über dieselben hinweggleitet, ist (wohl ein guter Abgeordneter für Ottakring oder Favoriten, nicht aber für den fünften Wahlkreis. Wer wollte leugnen, daß in diesen Ausführungen ein gewisses Scharfmachen gegen die Sozialdemokratie mächtig erklingt. Wir Jütiischnationalen können in dies Hora nicht1 stoßen. Ein Blick auf unser Programm muß genügen, um auch die kurzsichtigen Politiker (davon zu überzeugen, daß wir als die Vertreter einer wahrhaft demokratischen Organisation, als die Anhänger einer Richtung, die das ganze Volk umfassen will, noch' eine ganzje; Welt politischer und sozialer Forderungen mit dieser mächtigen Partei gemeinsam haben. Freilich, auf einem Kiassenkampfstandpunkte stehen wir nicht, wir haben niemals vorgegeben, rein proletarische Interessen zu vertreten. Diese Bemerkung betrifft die eine Seite der Ausführungen Dr. Mittlers. Andererseits muß man aber zugeben, daß eine starke Verschwommenheit und Unklarheit in der Stellungnahme Dr. Ofners zum sozialdemokratischen Problem vorliegt. Der Führer der Soziaipolitiker ist sicherlich kein Vertreter spezifisch bürgerlicher Interessen und daß auch diese Gruppen eine Vertretung im Parlament haben müssen, ist ein Standpunkt mit dem man rieh befreunden könnte. Stellen wir uns einmal auf den etwas einseitigen Standpunkt des Dr. Mittler. Sprechen wir nur von den spezifisch bürgerlichen Interessen der Leopoldstadt. Sicheriich gibt es ja solche, aber ihnen kommt neben einer sozialen auch eine nationale Verschiedenheit zu. Jeder Kaufmann, Fabrikant ist nicht nur Bürger schlechthin, sondern auch deutscher, tschechischer, slowenischer' etc. Volksgjenosse. Und ebensowenig wie man leugnen kann, daß es gemeinsame soziale Interessen gibt, so gibt es auch gemeinsame nationale. Wer wollte so naiv sein, in unserer Zeit, wo die Fluten des Nationalismus auch den festen Damm, den die gewaltige sozialdemokratische Organisation errichtet hat, bedrohen, diese* Tatsache zu verkennen. Was von allen Völkern gilt, gilt doppelt und dreifach" von den Anhängepr des jüdischen Stammfes, Der Jude wohnt gleichsam auch wirtschaftlich viel enger beieinander, das spezifisch jüdische Interesse ist in der Leopoldstadt mächtig vorhanden. Davon weiß der beredte Dr. Mittler kein Sterbenswörtchen zu sagen und (auch Dr. Ofner sdiwieigjU Wir aber rufen Klein- und /Mittelbürgern zu: im jüdischn ation a 1 en Lage r ist Platz für alle möglichen Schichten und alle möglichen Berufskreise unseres Stammes. Wie veraltet, wie schablonenhaft, daher unwirksam die Politik beider Richtungen, sowohl die des Dr. Mittler als auch die des Dr, Ofner bei Lichte besehen eigentlich ist, erweist auf deutlichste folgende Betrachtung. Lassen wir den Judenpunkt einmal beiseite. Was tut dem heutigen modernen Oesterreich, dem Oesterreich eines Volksparlamentes vor allem not? Es gibt im Donaureiche noch Hunderttausende, ja Millionen, die weder Sozialdemokraten noch Klerikale sind. Aber sie können auch nicht zur liberalen Fahne schwören, weil im Liberalismus nicht einmal die Ansätze zu der dritten großen, wahrhaft österreichischen Volkspartei vorhanden sind. An einer solchen Partei fehlt es, wir sprechen hiemit nur aus, was Hunderttausende undeutlich empfinden, was auch außerhalb des jüdischnationalen Lagers vielfach schon, wenn auch unklar formuliert worden ist. Findet sich in den Programmen der Herfen Mittler und Ofner auch nur ein Hauch' dieser'Bestrebungen? Haben sie auch nur andeutungsweise bisher Stellung zur nationalen Autonomie genommen, diesem „Grundproblem“ der österreichischen Politik? Kennen sie auch nur theoretisch den Gedanken, daß ein modernes Oesterreich eine dritte, alle Nationalitäten umfassende neue Volkspartei braucht. Die Anlehnung an die Sozialdemokratie unterscheidet Ofner von Mittler. In nationaler, vor allem politischer Beziehung aber verharren sie "beide nicht nur im Deutschtum, sondern jenem veraltetem Liberalismus, der im Kurienparlamente wohl einen Sinn gehabt, heute uns aber wie ein verstaubter politischer Anachronismus änmutet. Um es in einem kurijen Satze zu sagen: Ofner hätte seine Ausführungen vor zwanzig, Mittler seine Reden vor vierzig Jahren halten können. Ist es nicht staunenswert, daß die Juden, die im Geschäfts¬ und Erwerbsleben so sehr fürs Aktuelle sind, das „Unzeitgemäße“ beider politischen Richtungen nicht einmal merken. Wir Jüdisdhhatiohale können nur wünschen, daß diese Atmosphäre prinzipiellen Kämpfens sich weiter verdichte. Wir haben wahrlich nichts dabei zu verlieren! Denn wenn nicht um Perkonen und Individualitäten allein, sondern vor allem um Programme gekämpft wird, dann können wir uns schön sehen lassen, denn wir haben mehr wie ein Programm, wir besitzen eine Weltanschauung. Unser Eintreten in den Wahlkampf um die Leopoldstadt ist daher eine Notwendigkeit. Und wir hoffen, daß Sogar unsere Gegner, insofern sie loyal empfinden und wahrhaft politisch denken, dies einsehen werden. Dia Juden und der ungarische Reichstag. Von Ludwig Bato. Fürwahr, um den ungarischen Reichstag muß es sehr gut bestellt sein, wenn die Herren Volksvertreter — ohne Unterschied der Partei — bei der drückenden Last der zu bewältigenden parlamentarischen Arbeiten Woche für Woche die nötige Zeit finden, in ein, zwei und mehr Reden über die Juden herzufallem Letzten Freitag übernahm der sattsam bekannte Herr von P o lonyi die ihm durchaus geläufigie und '(überaus dankbare Rolle, den Juden eins am Zeuge zu flicken. Ja, die Rolle ist dankbar. Dies bewies deutlich1 der allgemeine Beifall, der seinen Ausführungen von allen Seiten des Abgeordnetenhauses zuteil wurde. Es, herrschte eine von den Propheten erträumte Einigkeit in dem in zahllosen Fraktionellen zerspaltenen Hause als Polonyi seine Donnerstimme gegen die hauptstädtischen Juden erhob, die sich da erfrechen, nunmehr 23 Prozent der Budapester (Bevölkerung zu bilden, die bereits die Hälfte der hauptstädtischen Gemeinderatsmandate ah sich gerissen haben und nun am Werke sind, die ganze Stadt zu judaisieren. Die Juden verfolgen ’Sonder-t bestrebungen, sie verbreiten staatsgefährliche. Ideen. „Wer in der ungarischen Nation nicht untergehen will — fuhr der' edle Redner fort — der möge 3as Land unverzüglich 'verlassen und sich anderweits ein Heim schaffen.“ (Allgemeiner Beifall.) Der folgende Redner, Paul von Beöthy, Mitglied der Regierungspartei, tat so, als ob er die Anwürfe Polonyis gegen die Budapester Juden zurückweisen wollte. Dies war jedoch nur ein Vorwand, um desto schärfer die Juden in Nordostungarn anzugreifen. Es ist nämlich in letzterer Zeit in sogenannten „besseren politischen Kreisen“ Ungarns allgemeiner Brauch gewesen, die unter den Ruthenen wohnenden, meist aus Galizien eingewanderten, teilweise aber schon seit Jahrhunderten im Lande ansässigen Juden in der schmählichsten Weise zu verunglimpfen. Die städtischen Juden anzugreifen ist „unfair“, das tun bloß die geschmacklosen Antisemiten. Wie aber, wenn man den eigenen judenfeindlichen Gelüsten freien Lauf gewähren, will? Da schimpft man eben auf die Juden in den Komitaten Marmaros, Ung und Bereg. Man ist sogar so schlau gewesen, diesen Juden den Namen „Kasaren" zu geben. Es seien dies keine echten Juden, bloß zum Judentume übergetretene Kasaren, die (daher mit „unseren“ intelligenten Juden gar nichts zu tun haben, pflegen diese Herren zu sagen. Und die ungarischen Juden stammeln ihnen diese plumpe Blödheit nach, ja sie applaudieren sogar, wenn ein antisemitischer Abgeordneter Hetzreden gegen diese armen Juden vom Stapel läßt. Einige Juden, u. zw. solche, die vom Judentume leben, eifern selbst gegen fliese Volksgenossen, indem sie über sie die größten Unwahrheiten verbreiten. Theodor Lessings gibt es überall, nur heißen sie anders. Auch Herr Beöthy hat in dem den ungarischen Politikern bereits geläufigen Tone gesprochen. Er verteidigte in einigen Worten die in den Städten wohnende Judenheit und fiel mit umso größerem Eifer den armen Landjuden in den Rücken, wobei er sich auf die Juden berief, die ja selbst gegen die Einwanderung dieser lumpigen, barbarischen Elemente Stellung nehmen . . . [Anhaltender Beifall.] Nicht minder, interessant ist die Haltung 0er Presse und vor allem die der jüdischen Finanzpresse. Der „Pester Lloyd“ findet .überaus tadelnde Worte für Herrn Polonyi, ja er will gar nicht verhehlen, daß das gesamte Abgeordnetenhaus seinen Ausführungen zugestimmt hat. Beöthy, der zweite Redner wird hingegen „das sympathische Mitglied der Arbeitspartei“ genannt. Auf gut deutsch: Es ist unverzeihlich, wenn jemand die reichen, satten und assimilitationslüsternen Juden Budapests anzugreifen wagt. Beschimpft aber jemand die armen und sich überlassenen Juden, so erhält er den Beinamen „sympathisch“. Viel trauriger als die Haltung der magyarischen Volksvertreter ist das Gehaben der ungarischen Juden, die sich durch hochtrabende, plumpe Reden einschüchtern lassen und selbst mithelfen, auf ihre eigenen Brüder Hetzjagden zu veransfalten. Doch vergebens! Auch sie werden nicht verschont. Die jüdischen Gemeinderäte in Budapest, die im Magyarentum schier aufgehen und oft den Kernmagyaren patriotische Lektionen erteilen, werden im Parlamente unter allgemeinem Beifall angegriffen. Bevor in England das Fremdeneinwanderungsgesetz hätte geschaffen werden sollen, wurden die hervorragendsten Juden des Landes zum Gegenstände befragt. Sie nahmen sich alle ihrer einwandernden .Brüder an und sprachen sidh für die Duldung der Einwanderung jausj. In Ungarn hingegen hetzen die Juden selbst gegen ihre armen Brüder in Galizien, die durch Hunger und die Mißwirtschaft der polnischen Schlachta genötigt sind, den Wanderstab zu ergreifen und im naheliegenden Ungarn ein zweites Heim zu suchen. „Wir haben mit diesem schlecht ten Pack nichts gemein“, rufen die ungarischen Juden, d. h. ihre „Vertreter“. Ein offizieller.