Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 13 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Den speziell jüdischen Schulen, von denen [5 Gymnasien und 1 Realschule] b.estehen, wurde der Garaus gemacht, indem man ihnen die Berechtigungen für die Zukunft einfach entzog und selbst diejenigen jüdischen Knaben und Mädchen, die sich privat vorbereiteten und als' Externe ihre Examina machen wollten, sind der Prozentnorm unterworfen worden. Der schwere Druck, der auf den Juden Rußlands lastet, hat, wie es nicht anders sein kann, seine Rückwirkung auch auf die ohnehin traurige wirtschaftliche Lage. Die größte Hilfe, die der Verein den Bedrängten bieten konnte, war auch in diesem Jahre wieder, daß er den Verfolgten durch Erleichterung der Beschwerden bei der Auswanderung die Möglichkeit gewährte, sich den Verfolgungen zu entziehen und jenseits des Ozeans eine neue Heimat aufzusuchen. Alsdann gab Herr Dr. Nathan.in großen Zügen einen Ueberblick üb er das Schul werk des Hiifs Vereins im Orient. Das Schulwerk, das der Hilfsverein der deutschen Juden in Galizien, Bulgarien, Rumänien, der europäischen und asiatischen Türkei, unterhält und unterstützt, ist im verflossenen Schuljahr wiederum, insbesondere im türkischen Orient durch Gründung neuer Institute in Saloniki, Jerusalem, Jaffa und Haifa bedeutend erweitert und ausgestaltet worden. Die altberühmte, bereits .länger als ein halbes Jahrhundert bestehende Edler von Lärr.e'.-Schule in Jerusalem, die ein wichtiges Mittelglied für das Schulwerk des Hilfsvereins in Palästina bildet, ist in das Eigentum und die Verwalt tung des Hilfsvereins der Deutschen Juden übergegangen. Auch sind bereits Terrains in Jerusalem und Jaffa erworben worden, auf_ denen binnen Kurzem eigene Gebäude für Schufen und Kindergärten, insbesondere für das Lehrerseminar des Hilfsvereins, erstehen werden. Der Hilfsverein unterhält' und subventioniert an 50 Bildungs- und Erziehungsanstalten in den genannten Ländern, davon etwa 30 in Palästina. Neuerdings ist der Hilfsverein dazu übergegangen, die einheimischen, rein religiösen Schulen der orientalischen Juden [Talmud-Thora- Schulen genannt] unter strengster Beibehaltung ihres Charakters in {der Richtung zu reformieren, daß moderne, pädagogische Methoden eingeführt werden und der Lehrstoff durch Darbietung profanen Unterrichts erweitert wird. Auf diese Weise werden große Schichten des' in tiefer wirtschaftlicher Not und geistiger Armut lebenden palästinensischen Judentums, ohne im mindesten an der überlieferten Religiosität einzubüßen, einem praktischen Erwerbs- . und Berufsleben zugeführt werden können. Große Teile der orientalischen Judenheit, von der noch vor einem Menschenalter alle profanen Bildungsanstalten in Bann getan wurden, _sind bereits für ein modernes Schulwesen gewonnen worden. Durch Erschließung der Talmud-Thora- Schulen für modernen profanen Unterricht wird der letzte und bedeutsamste Schritt getan, den orientalischen Juden den Segen der Kultur zuteil werden zu lassen. Europäische Sprachen brauchen weite Teile der orientalischen Juden nicht, aber Landessprache, Landeskunde und elementare Fächer, wie Rechnen, Schreiben etc., sind unerläßlich. Auf Anregung des Hüfsvereins der Deutschen Juden ist ferner in Haifa ein Jüdisches Institut für technische Erziehung in Palästina begründet worden, das bereits im Bau begriffen ist und in den nächsten Jahren ins Leben treten wird. Auf diesem Institut werden Techniker und Handwerker ihre Ausbildung empfangen, und durch sie werden der Sache der Judenheit wie zugleich dem Lande die größten Dienste erwiesen werden können. Es wird dann die Möglichkeit gegeben sein, große jüdische Massen in produktiven Berufen dauernd zu beschäftigen.- Das Bild über die Tätigkeit des Hilfsvereins wurde ergänzt durch die Ausführungen des Generalsekretärs, Herrn Doktor Bernhard Kahn, auf dem Gebiete der Auswanderung. In den Jahren 1908 und 1909 war eine merkbare Abnahme der jüdischen Auswanderung eingetreten. Im Berichtsjahre aber hat sich hauptsächlich infolge der Bedrückung der Juden in Rußland die jüdische Emigration wieder bedeutend vermehrt. Sie betrug im Kalenderjahr 1910 93107 Personen allein nach den Vereinigten Staaten gegen 74.643 im Jahre 1909; sie hat sich also um 250/0 vermehrt. Die Gesamtauswanderung nach den Vereinigten Staaten, nach anderen überseeischen Gebieten und nach kontinentalen Ländern ist auf 120.000 Juden zu veranschlagen. Die Hälfte von diesen mußte auf ihrer Wanderung ihren Weg durch Deutschland nehmen. Zur Fürsorge für die Scharen der Hilfs- und Schutzbedürftigen unter diesen ‘Auswanderermassen hat der Hilfsverein an den Grenzorten, im Inneren Deutschlands und in den Hafenplätzen 36 Komitees und Büros errichtet. Auch der Rückwanderer mußte sich der Hilfsverein der Deutschen Juden annehmen, umsomehr, als durch eine neue preußische Ministerialverordnung für die Rückwanderung besondere Schwierigkeiten geschaffen worden sind, zu deren Bewältigung der Hilfsverein sein Möglichstes getan hat. Der neugegründeten Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge hat der Hilfsverein seine Unterstützunggeliehen, an deren Arbeiten sich beteiligt und ihr einen größeren Beitrag zur Verfügung gestellt. Seelenfängerei. Von Ludwig B a t ö. Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“. Dieser Ausspruch des Evangeliums hat vor mehr als hundert Jahren den Anstoß zur Gründung der Englischen Bibelgesellschaft gegeben. Diese alte Institution, die durch Verbreitung der Bibel in allen Sprachen der Welt und durch mündliche Propaganda das gesteckte Ziel zu erreichen sucht, hat seit jeher ihr Hauptaugenmerk auf die in der Mitte der zivilisierten Völker lebenden Juden gerichtet, welche in so hartnäckiger Weise bei ihrem „lrrtume“ verharren. Die Missionäre besaßen von jeher und, wie die jüngsten Ereignisse lehren, besitzen noch heute eine geradezu staunenswürdige Anpassungsfähigkeit. Sie unterschätzen keineswegs das lebendige Nationalgefühl der jüdischen Massen und trachten den armen Juden die Bekehrung nach Möglichkeit mundgerecht zu machen und in jeder Art und Weise zu erleichtern. Gerade aus diesem Grunde bestreben sie sich insbesondere in Aeußerlichkeiten entgegenzukommen. Die Fassade des Londoner Palais der Bibelgesellschaft trägt eine hebräische Aufscchrift — ein Bibelzitat — in kubitaien Lettern. Der hebräischen Sprache haben die Missionäre überhaupt einen großen Spielraum gelassen und ihre Wichtigkeit viel besser erfaßt, als unsere Reformrabbiner. Es gibt sogar Missionskirchen — wie z. B. in Jerusalem — wo selbst das Vaterunser- Gebet in hebräischer Sprache verrichtet wird. Noch vor wenigen Jahren war es um die Befriedigung der geistigen Bedürfnisse der jüdischen Massen sehr schlimm bestellt. Von jüdischen Toynbee- und Lesehallen haben damals auch die kühnsten Geister nicht geträumt und der arme Jude war sich selbst überlassen. Die Gemeindegrößen waren mit ihrer Assimilationspolitik vollauf beschäftigt, kein Wunder, wenn sie für die Belehrung des Volkes keine Zeit fanden. Die Missionäre haben diesen desolaten Zustand der jüdiscchen Massen förmlich ausgebeutet. Sie erschienen im Ghetto, verteilten Flugblätter in jüdisch-deutscher Sprache, sowie Bibelexemplare, mit einem Anhang von mißdeuteten "Bibelstellen, die sich' auf Christis Erlösertum beziehen sollten. Sie besorgten sogar eine hebräische Uebersetzung des Neuen Testamentes und verteilten sie unter die Juden. Sie hielten auch Bibelvorträge, die sie stets mit dem herkömmlichen Namen „Deraschoth“ bezeichneten. Der arme Jude kam, ging aber nach dem ersten Vortrage angeekelt fort, um nie mehr zurückzukehren. Wohl fanden sich einige, die wiederkamen, denn die. Missionäre — nicht selten getaufte Juden — verstanden die Sprache der Juden nur zu gut. Mancher ging ihnen auf den Leim. Die Missionäre versprachen ihnen außerdem goldene Berge, mit dem Gelde geizten sie nie und so kam es oft vor, daß das Elend der Familie so manchen armen Teufel in die Arme der Seelenfänger trieb. Auf diese Weise ist es zu deuten, daß wir in der Liste der Ueberläufer sehr oft den Namen von Personen lesen, die den untersten Schichten der Gesellschaft angehören. Man fragt sich unwillkürlich: Was hat diesen oder jenen zur Taufe bewogen? Die Missionäre könnten uns- Aufschluß geben. Es kommt übrigens nicht selten vor, daß Juden, die sich aus Not taufen lassen, die jüdischen Satzungen auch weiterhin auf das strengste beobachten und demzufoge eine Art Marannendasein führen. Es sind dies tragische Golttsfiguren. Wie dem auch sei, aus den Berichten der Missionsgesellschaft geht klar hervor, daß die für die Bekehrung der ungläubigen Juden verwendeten Mittel zu den erzielten Erfolgen in keinem Verhältnisse stehen. Es ist zu ersehen, daß die Taufe eines einzigen Juden schwere T ausende kostet. Die Missionäre sind in jeder Groß- und Hafenstadt fleißig ajn Werke und arbeiten unbehelligt. Vor zwei Jahren hat ein Brief des Newyorker Bürgermeisters, in welchem dieser die Bitte eines Missionärs, im Judenviertel Vorträge halten zu dürfen, abschlägig beschieden hat, großes Aufsehen erregt. Nun sind solche Bürgermeister nicht überall vorhanden und selbst die jüdischen Gemeinden scheinen es unter ihrer Würde zu finden, den Missionären das Handwerk zu legen. Die national jüdische Idee, das erwachende jüdische Selbstbewußtsein, hat die Juden begreifen gelehrt, daß es die nationale Würde erfordere, gegen das schamlose Vorgehen der Missionäre energisch anzukämpfen. Die Newyorker Juden haben den Beginn gemacht, indem sie einige Versammlungen sprengten, und die europäischen Juden sind nicht zurückgeblieben. Vor fünf Jahren, als es die Mission überaus arg trieb, trafen einige Missionäre in Sarajevo ein, um dort Vorlesungen zu halten. Die jüdischnationale Jugend veranstaltete aber derartige Demonstrationen vor dem Hotel, in welchem die Missionäre abgestiegen waren, daß diese, ohne auch nur eine Vorlesung abzuhalten, das Weite suchten. Aehnliehe Fälle ereigneten sich in Arad und Budapest, ln der letzteren Stadt gingen sie so weit, daß sie unter jüdischer Maske auftraten. Es war Anfang 1906, kurz nach den furchtbaren Pogromen. Die Stadt würde mit .Einladungen zu einer Feier zu Gunsten der armen russischen Juden überflutet. Die Feier wurde im Namen des „Vereines der B u d a p e s t e r jüdischen Jünglinge“ veranstaltet und die Einladung trug als Motto den Ausruf des Propheten „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Die seitens der Zionisten bei der Polizei gepflogenen Erhebungen ergaben, daß ein Verein dieses Namens in Budapest nicht existiere. Die Feier fand im großen Saale der Missionsgesellschaft unter dem Vorsitze des Staatssekretärs a. D. Exzellenz Z s i 1 i n s z k y statt und viele Juden gingen in der Annahme hin, einem jüdischen Feste beizuwohnen. Die Ordnerdtenste besorgten protestantische Theologen. Nach Abwicklung des Programmes, das durchwegs aus jüdischen Stücken zusammengestellt war, erhob sich nun ein Budapester reformierter Pfarrer und ließ eine längere Rede vom Stapel. Er führte ungefähr folgendes aus: Den russischen Juden gehe es sehr schlecht und jeder Mensch ohne Unterschied der Konfession werde einsehen müssen, daß es notwendig sei, ihnen zu helfen. 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