Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438327-2438340--2354-2442024- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Jüdische zeitung Nr. 13 gerne den ehrlichen nationalen Kandidaten ihre Stimme geben. Sache der Leitung ist es, zu verhüten, dass das kostbarste Gut, dasVertrauen des Volkes, Unwürdigen ausgeliefert wird. Wir haben in unserer Partei schon diesbezüglich Enttäuschungen erlebt Wir dürfen dies als ehrliche Politiker ruhig eingestehen. Es haben sich — es handelt sich gottlob nur um vereinzelte Fälle — Leute gefunden, die auf dem Rücken der Partei emporgeklettert sind und dann das demokratische radikale Programm, auf das sie geschworen haben, feig im Stiche gelassen. Für das radikale Programm haben die armen Wähler Gut und Blut eingesetzt und bequeme Mässigkeitsapostel haben den errungenen Sieg für ihre persönlichen Bedürfnisse ausgebeutet. Die galizische Wahlleitung hat die Pflicht, Wiederholungen zu verhüten und nur gesinnungstüchtige ehrliche nationale Demokraten als Kandidaten aufzustellen. Wohin führt der Palästinismus ohne Nationalismus? Immer wieder wird den Propagatoren der Nationalpoliiik in Oesterreich von den sogenannten „reinen“ Zionisten vorgeworfen, daß sie durch ihr heftiges Auftreten gegen die Assimilanten den Prozeß der sukzessiven lnteressierung derselben für Palästina aufhalten. Dies ist an sich ganz unrichtig, denn erst im Moment, wo Zionisten Politik trieben, entdeckten die Assimilanten, daß der wahre Zionismus in Palästina liege und begannen (von diesem Lande ' zu schwärmen — allerdings, ohne irgendeine besondere Opferwilligkeit für dieses neue ideal zu zeigen. Aber selbst abgesehen davon und von der naheliegenden Frage, ob der Zionismus ohne Nationalismus nicht eine verbesserte Auflage der Chaluka wäre, kann heute an Beispielen gerade der Palästinapolitik gezeigt werden, wohin der Zionismus ohne Nationalismus führt. Ein ehemaliger Zionist, Herr Dr .Nossig, fand vor einem Jahr, daß der Nationalismus Im Zionismus nach zwei Richtungen hin schädlich sei: Erstens verhindere er die Gewinnung der Assimilation für Palästina, zweitens machte er Erfolge bei der türkischen Regierung unmöglich, weil diese vor einer national-autonomen Siedlung der Juden Angst hätten. Herr Nossig, gründete also die Allgemeine jüdische Kolonisationsorganisation [A. J. K. O.J, die anfangs auch von Zionisten, welche durch sie tatsächlich Assimilanten für Palästinakolonisation gewinnen wdllten, unterstützt w urde. Herr Nossig, der die Politik viel besser versteht, als die Zionisten, fuhr mit großem Tamtam .nach Konstantinopel, wo er Audienzen nachsuchte, die er bei einigen Ministern auch erhielt. Er’ überreichte ein Memorandum; seine darin erhobenen Forderungen wurden aber abgelehnt. Das Resultat, das er erzielte, war aber die letzte, türkische Kammerdebatte. Der Minister des Innern erklärte in dieser, „die Zionistenvereine“ hätten derungen erhoben, die er glatt ablehnt“ usw. Die Zionisten hatten aber nicht die geringste Forderungen erhoben, die er glatt ablehnt“ usw. Politik führen und die türkische Regierung nicht unnötig haranguieren. Wohl aber haben sie die Folgen der überschlauen Politik des Herrn Nossig zu tragen, welche die Ursache jener unangenehmen Kammerdebatte war. Dieselbe hat aber noch eine andere Quelle. Der gegen die türkische Regierung gerichtete Angriff sprach von „zionistischen Banken“, mit denen sie angeblich liiert W’äre. Gemeint war die „Nationalbank“, eine Schöpfung des Herrn Ernst Cassel. Wie konnte man diese Bank eine zionistische nennen? Herr Cassel ist zwar längst getauft, aber er gehört doch dem „Internationalrat“ der Ito des Herrn Zangwiil an, einer nichtnationalen Vereinigung zur Kolonisation von Juden irgendwo in der Welt, nur nicht in Palästina. Denn dieses Bestreben würde das Mißtrauen der türkischen Regierung erwecken. Und nun erleben wir das traurige Schauspiel, daß die weise 'Politik der A. J. Kl O. und die bloße Existenz der Ito dahin führen, dem Zionismus zu schaden und dessen Politik, welche die einzigrichtige ist: nichts anderes zu tun, als die öffentliche Meinung der Türkei über unsere wahren Absichten aufzuklären und die Regierung nicht zu haranguieren — zu durchkreuzen. Wir haben nie verfehlt, gegen diese Gründungen, die noch nicht ein Jota genützt und nur geschadet haben, die heftigsten Anklagen zu erheben und die jüdische Oeffentliclikeit über die Gefahr, welche »sie für unsere Sache bedeuten, aufzuklären. Die Vertreter einer „Versöhnungspolitik“ gegenüber den Assimilanten haben das nie begriffen. Angesichts des vorliegenden Falles müssen diese endlich einmal einsehen, daß sogar in der Frage der 'Palästinapolitik die nichtnationalen Besserwisser nicht nur selsbst Schiffbvuch leiden, sondern auch noch dazu dem Zionismus schaden. Die Ursache ist leicht zu begreifen. Nur eine von natior nalen Ideen tief ergriffene Organisation zeitigt in jedem ihrer Mitglieder, vor allem aber bei ihren Führern, ein nationales Verantwortlichkeitsgefühl. Der Zionist, der bestimmt würde, in Konstantinopel zu verhandeln, müßten nicht nur ein langerprobter und erfahrener Politiker sein, sondern er wüßte auch genau, daß jeder seiner Schritte von den größten Folgen für die Gesamtlage des jüdischen Volkes begleitet sein wird. Ob aber die Millionäre von Berlin W., welche die A. J. K. Oi. gründeten, oder jene von London W., welche die Ito zur Welt brachten, auch nur in ihrer Verdauung gestört werden, w»enn irgend ein Emissär in Stambul abblitzt, dabei aber so jnebenibei auch dem jüdischen Volke furchtbar schadet, das wagen wir zu bezweifeln. \ Wir können deshalb nicht oft und nicht eindringlich genug vor diesen Konkurrenzunternehmungen des Zionismus w»arnen und auf ihre eminente Gefährlichkeit aufmerksam machen. Wir Juden sind in unseren Wohnländern schon zur Genüge von den assimilatorischen Politikern politisch, moralisch und. sozial ruiniert wrorden. Mit verzweifelten Kraftanstrengungen suchen wir uns durch den Zionismus von den. Folgen dieser Politik zu befreient Und nun sollen wir dulden, daß die assimilatorischen Politiker, die zuhause abgekracht sind, sich die zionistische Palästinapolitik , als Tummelplatz ihrer dilettantischen Künste envählen? Sollen wir noch weitere Proben derselben abw»arten? Wir glauben, das w»äre nicht nötig, um endlich einen energischen Kampf gegen diese pseudozionistischen Klubs, in denen assimilatorische Millionäre Judenrettung als Amateure betreiben wollen, zu führen. b. Aus der Wiener Kultusgemeinde. Die Rotschildspende. Bekanntlich hat der verstorbene Baron Rotschild in seinem Testamente bestimmt, dass am Tage seiner Beerdigung hunderttausend Kronen an jüdische Arme Wiens zu verteilen seien. Der Betrag wurde auch der Kultusgemeinde überwiesen, aber über seine Verwendung schweigt bisher die Geschichte. Die jüdische Oeffentliclikeit hat wohl das Recht, über die Verwendung einer so grossen Summe einiges zu erfahren. Welche Kategorien von Armen wurden beteilt, nach welchem Schlüssel fand die Aufteilung statt, wie war sie organisiert, wurden Vereine herangezogen oder alles dem Belieben einiger Vorstände überlassen? Der Kultusvorstand hat darüber nicht ein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Am, Tage des Leichenbegängnisses waren an dreitausend verzweifelter jüdischer Schanker in Wien, die um ihre Existenz kämpften. Die Bitte der Zionisten, für die gastliche Aufnahme und Versorgung dieser Leute während ihres Wiener Aufenthaltes aus der 'grossen Spende ein Scherflein beizutragen, wurde vom Vertreterkollegium der Wiener Kultusgemeinde brüsk abgewiesen. Diese Ablehnung war die einzige öffentliche Kundgebung, die sich der Kultusvorstand mit .Bezug auf die Rotschildspende leistete. Also: Wer leer ausgegangen ist, vissen wir. Aber wir erachten es für wünschenswert, darüber einige Aufschlüsse zu erhalten, wer denn eigentlich etwas bekommen bat. Die Heilen Vorstände dürfen doch die Sache Dicht so auffassen, dass Gelder, die der jüdischen Oeffentlichkeit znr Verfügung gestellt werden, von ihnen nach Belieben und ohne jede Verpflichtung zur Rechenschaft verausgabt werden dürfen. Haben sie merklich Bedürftige und Würdige beteilt, oder Gewohnheitsbettler, schnorrende Protektionskinder, Stammgäste der SeiienstäiLngasse. Die niederösterreichische Statthalterei hat den gleichen Betrag für den gleichen Zweck erhalten und hat mit Hilfe der Polizei und lumiau tärer Vereine die Verteilung besorgt. Sie hat ■ das auch der Oefientlichkeit kundgetan. Wenn die Stattlialterei reden kann, so brauchte doch der Kultusvorstand nicht so hochmütig und beharrlich zu schweigen. * # W alilrechtserweiterung. Die Wahlordnung der Wiener Kultusgemeinde ist die rückständigste und nngerechteste. Sie verwehrt 90 Prozent der Wiener Juden den Zutritt zur Urne. Die dreijährige Sesshaftigkeit, der hohe Zensus, die Kurie der Höchstbesteuerten, dev berühmte Streicbungsparagrapli und ähnliche Zutaten lassen sie so miserabel erscheinen, dass nicht einmal die Herren, die an der Schüssel sitzen, sie zu verteidigen wagen. So erlebt man den jedesmal bei Wahlen das Schauspiel, dass’ die offiziellen Kandidaten selbst die bornierte Rückständigkeit des Systems zugeben und hoch und heilig versichern, dass sie, im Falle ihrer Wahl, sofort an die Beseitigung, der Uebelstände und an die Erweiterung des Wahlrechtes schreiten werden. Jetzt danert diese Versieherungskomöjlie schon zehn Jahre und die Leute haben keinen Finger gerührt, kein i-Tüpfelchen des famosen Gemeindestatutes geändert, Da sitzen Männer drin, die sich seinerzeit auf die Zionisten, auf die demokratischen Nationaljuden herausgespielt und um die Stimmen unserer Paitei gebuhlt haben. Sie konuten sich in- Versicherungen ihrer Feindschaft gegenüber dem herrschenden Systeme nicht genug tun. Früher nahmen sie den Mund so voll, jetzt schweigen sie. Es wird bald Gelegenheit genommen werden, diese Männer an ihren Wortbruch, derb zu erinnern. Die Reform des Wahlrechtes ist eine Notwendigkeit unddie Bevölkerung wird sie zu erzwingen wissen. Hilfsverein der deutschen Juden. Am 19. März fand in Berlin die Generalversammlung des Hilfsvereines der Deutschen Juden statt. Der Vorsitzende Dr. James Simon konnte alsdann feststellen, daß, wie in jedem auch im Jahre 1910, die Mitgliederzahl des Hilfsvereines gestiegen und seine Einnahmen gewachsen seien. Der Verein hat jetzt über 22000 Mitglieder mit mehr als 154.000 Mark Jahresbeiträgen. Zum Bericht über die Tätigkeit des Vereins übergehend, schilderte der Vorsitzende zuerst die Notlage der Juden in Galizien, die sogar - dazu geführt hat, daß eine staatliche Enquete einqeleitet wurde. Auch die jüdischen Organisationen haben sich unter dem Vorsitz der ICA in zwei Konferenzen damit befaßt, was zur wirtschaftlichen und kulturellen Hebung der Juden Galiziens getan werden könne. An diesen Arbeiten hat sich der Hilfsverein in regster Weise beteiligt. Zur Lage der Juden in Rußland führte Herr Dr. Simon aus, daß die Bedrückung der- Juden dort in unvermindertem Maße während des Jahres 1910 'angedauert hat. Aus hunderten von Orten werden (Täglich bald einzelne Juden bald größere oder kleinere Gruppen von Juden vertrieben, so beispielsweise aus Riga, Libau, Tula, Tiflis, Tambow, aus Zarizin und Tomsk, also aus allen Teilen Rußlands,, von der europäischen bis zur asiatischen Grenze. Viele tausende Familien sind im Laufe des Jahres auf diese Weise heimatlos geworden-. Dieser Kampf gegen das Wohnrecht der Russischen Juden wurde auf der ganzen Linie wie auch der systematische Kampf gegen die Bildungsbestrebungen der Juden von der Regierung fortgeführt. Die berüchtigte Prozentnorm, die Bestimmung, daß an d.en staatlichen höheren JSchulen nur 3 Prozent Juden in den Hauptstädten, 5 Prozent in sonstigen Gegenden, die außerhalb des Rayons und 10 Prozent im Rayon zugelassen werden, wurde in wenig erweiterter Form auch für Privatschulen und Kommerzschulen übertragen.