Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JLLII5DE ZEITIJNG kxkk rnnumi -jüdisches umm sgg« aViii ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■uumrm Erscheintwöchentlich. —Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich Erscheintwöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4 -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige aaoeaoioczooioaiBGsoGiaczio Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. caoeacaocaoraaesonaoocao Nr. 13. - Wien, Freitag den 31. März 1911. V. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Der jüdische Klub. Vom Abg. Stauch Das Parlament im Sterben. Wohin führt der Palästinismus ohne Nationalismus. Aus der Wiener Kultusgemeinde. Deutscher Hilfsverein. Seelenfängerii. Aus dem jüdischen Leben. Parlamentnachi ichten. Vereins- und Versammlungsnachrichten. Ueberläufer. 1 Der jüdische Klub. Vom Reichsratsabg. Adolf Stand'. Vier Jahre jüdischer Klub. Im Frühjahr 1907 erging der Ruf an die jüdischen Massen Galiziens, sich in den Dienst der nationalen jüdischen Politik zu stellen. Es ist eine ungesunde, unberechtigte Strömung, schrieen die Einen, es ist verfrüht, behaupteten die Anderen. Es war längst an der Zeit, so urteilten diejenigen, die da sahen, daß in den vierzig Jahren österreichischer Verfassung alle Nationen ihr Recht ans Leben reklamierten, mit Ausnahme — der ältesten, der jüdischen Die anderen Nationen haben sich im öffentlichen Leben betätigt, und politisch geschult. — Und die Juden? Sie waren die stumpfe Masse, über die jeder Bürgermeister wie über eine Sache verfügen, die jeder Streber als seinen ewigen Besitzstand betrachten konnte. Der sogenannte jüdische Abgeordnete kümmerte sich nicht um die Wähler, die Wähler nicht um den Abgeordneten. Sie ignorierten sich gegenseitig. Einen Tag vor der Wahl' erschien der Kandidat mit seinen Sekretär. Der Kandidat hatte zu sprechen, der Sekretär zu handeln. Die Wähler übten häufig Milde. Sie erließen dem Kandidaten die Rede. Sie verhandelten dafür umso eifriger mit seinem Adjutanten, bis die Taxe für die Stimme festgesetzt war. Und es war Ruhe für sechs Jahre. Aus dieser Friedhofsruhe erwachten die Massen, als sie zum ersten Male zur Urne gerufen wurden. Es erwachte in Galizien der polnische Arbeiter und der ruthenische Bauer. Und auch der Jude erwachte. Auch er wollte sein ihm von der Verfassung gewährleistetes Recht ausüben. Wie wurde ihm das erschwert! Alle Kräfte des Landes vereinigten sich, um ihm dieses Recht zu rauben. Es gelang nicht. Jüdische Abgeordnete wurden gewählt. Enorme Arbeit war zu leisten. Man mußte die öffentliche Meinung über unsere Lage orientieren, ln vier Jahrzehnten schwiegen sich die Hönigmanns, Rapaports und Byks darüber gründlich aus. Man mußte das Volk erst politisch erziehen, mit den Grundsätzen der Politik, den Vorteilen einer strammen Organisation vertraut machen und es aus dem Schlamme der Korruption, des Stimmenschachers und letargischen Passivität emporheben. Seit 1907 sprechen auch jüdische Abgeordnete im Parlamente. Ueber jüdische Angelegenheiten, in moderner Weise. Sie verhüllen und vertuschen nicht, was offen gesagt werden muß; sie winseln nicht und flehen nicht. Sie führen eine männliche, energische Sprache. Und haben sich die Achtung aller Kollegen ohne Unterschied der Parteistellung erworben. Die Arbeit, die sie leisten, ist eine modernjüdische. Sie gilt nicht den Reichen und Satten, sondern den Aermsten der Armen, den polnischen Juden, deren sich durch vierzig Jahre niemand annehmen, und noch mehr, die niemand verlassen und anhören wollte. * * Die nationalen Abgeordneten beeinflussen auch die anderen Juden im Parlamente. Nur einige Beispiele. Viele Jahre saß Dr. Heinrich Ko lisch er im Parlamente. Er gilt für einen Fachmann in Eisenbahn- und Volkswirtschafts-Angelegenheiten. Um die Juden kümmerte er sich überhaupt nicht. Welch anderen Ton schlägt Dr. Kolischer in der jetzigen Session an! Seine Rede in der Schänkerangelegenheit bei der galizischen Enquete, seine Rede "über das Hausierergesetz im Abgeordnetenhause unterscheiden sich in Form, Ton und Inhalt wesentlich von denen seiner Kollegen. Nie wären diese Reden an berufenen Stellen in Lemberg und Wien gehalten worden, wenn nicht der jüdische Klub im Hause säße! Hofrat Kuranda unterzieht das Verfahren der galizischen Verwaltungsbehörden in Angelegenheit der Volkszählung im Budgetausschusse einer scharfen Kritik und verdammt die Bestrafung derjenigen Juden, die sich zu ihrer Muttersprache bekennen. Im liberalen Doktrinär, im strammen Deutsch-Nationalen erwacht das jüdische Gefühl. Wäre das auch in Abwesenheit des jüdischen Klubs erfolgt? Als unser seliger Kollege Dr. Gabel zum ersten Male das Wort in der jüdischen Schänkerfrage ergriff, zu einer Zeit, als den Schänkern noch zu' helfen war, da wurde er von den Sozialdemokraten wegen dieser „Förderung des Alkoholismus * heftig angegriffen. Ein Jahr später — als neben der Not von 10.000 Familien noch die Popularität und Volkstümlichkeit dieser Angelegenheit in Betracht kam, ereiferten sich auch die Sozialdemokraten für die Sache der Schanker. * * ♦ Keine Gelegenheit wurde versäumt, wenn es unseren Standpunkt zu wahren galt Und immer geschah es in würdiger Weise. Unter schweren Verhältnissen, angefeindet von den Machthabern des Landes, bekämpft von jüdischen Gegnern, die das Ende ihrer Zeit herannahen sehen, verleumdet von einer korrupten, feilen Presse, verfolgt vom Oberhaupte des galizischen Obskurantismus, dem Rabbi von Beiz, gehen wir unseren Weg. Wir gehen ihn mit Ruhe und Ausdauer. Denn er ist der Weg des jüdischen Volkes. Das Parlament im Sterben. Das Parlament, das nunmehr nachhause geschickt wird, war für die Juden von historischer Bedeutung: Zum ersten Male in der Geschichte der Diaspora ereignete es sich, daß jüdische Männer, auf nationales Programm gewählt, Sitze in einem gesetzgebenden Vertretungskörper errungen haben. Mit dieser großen Erinnerung erscheint die Bedeutung dieses Parlamentes für uns Juden aber auch erschöpft. Eine erbärmliche Jasagemaschine, vom reaktionärsten Geiste regiert. Sie geht in Trümmer und wir werden ihr keine Träne nachweinen. Das Lamentieren überlassen wir den anderen. Den Führern der Sozialdemokratie, die das elendste Volkshaus unter jeder Bedingung vor dem Zusammenbruche bewahren wollten. Vor der materiellen Sorge, welche die Neuwahlen heraufbeschwören, graut ihnen, vor allem aber fürchten sie den Durchbruch des nationalen Gedankens in den eigenen Reihen. Die nationalgesinnten Sozialdemokraten, insbesondere die tschechischen, werden gestärkt zurückkehren, der Einfluss der Wiener Führer, insbesondere der jüdischen, die sich so gerne um das nationale Problem herumdrücken möchten, wird auf ein Minimum zusammenschrumpfen. Das Erwachen des nationalen Gedankens wird die Juden in der Partei zwingen, nationale Farbe zu. bekennen, die »deutsche« Maske wird fallen und der J u d e wird bleiben. Das aber fürchten die roten Assimilanten, die Adler, Pick, Austerlitz und.Genossen wie die Pest. Auch den deutschen »freiheitlich« sich nennenden Regierungslakaien mag übel zumute sein. Sie haben während" der vier Jahre die schändlichste Rolle gespielt, sind den Feudalen und Klerikalen blind naciigelaufen, alle, von Redlich, dem Getauften bis zum reinrassigen Wolf. Jetzt müssen sie mit leeren Händen und dem Bekenntnisse ihrer Schmach, des Verrates, an dem freiheitlichen Gedanken, vor die Wähler hintreten. Und gar die lieben Herren vom Polenklub! Gerade jetzt, da die Fäulnis der Partei zum Himmel stinkt, da eine Zuchthausaffaire die andere ablöst, soll man vors Volk hintreten! Die gerichtlichen Protokolle geben ja den Gegnern die köstlichsten Agitationsschriften ab. Auch hier scheint das Gejammer über die »freventliche« Zerstörung des friedlich arbeitenden und jasagenden Parlamentes verständlich. Unsjuden stirbt mit diesem Parlamente kein Freund. Man braucht nur an den mit wenigen Stimmen geworfenen Schmidschen Schulantrag und das beschlossene Hausiergesetz zu denken. Die jüdische Nationalpartei kann dem kommenden Wahlkampfe mit Beruhigung entgegensehen. Der nationaljüdische Gedanke hat ungeheuer an Werbekraft gewonnen. Für die Wähler waren die vier Jahre jüdischer Politik eine gute Schule, die jüdischen Massen, besonders in Galizien, werden