Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 12 natürlich gegen gutes Honorar — unter der lügenhaften zionistischen Maske einen kritiklosen Abdruck der Missionsrede. Herr Lippöwitz als Jndenbekehrer! Auch nicht schlecht. Die deatschliberale Presse bleibt unentwegt der alten Tradition treu und unterstützt den krassesten Schwindel, wenn nur die Münze klingt! Fünfzig Jahre Italien. Von Ludwig B a t 6. Am 17. März jährte sich, zum fünfzigsten Male der Tag, an welchem König Viktor Erna-- nuel II. vor die in Turin versammelten Vertreter der italienischen Nation trat, um die vollzogene Tatsache der Einigung des zersprengten Italiens zu verkünden. Es war nicht ein Moment, verklärt durch öden Hurrahpatriotismus, es war vielmehr ein Augenblick, in dem die kühnsten Träume vieler Generationen in Erfüllung gingen. Denn seit den Zeiten Dante Alighieris gab es keinen Dichter auf italischem Boden, der nicht die Sehnsucht seines Volkes nach Wiedervereinigung der zerklüfteten und unter fremder Herrschaft schmachtenden Heimat besungen hätte. So mancher Italiener, der sich in den Dienst dieser Idee stellte, mußte schweren Herzens in die Verbannung ziehen. Viele wurden in dumpfen Kasematten lebendig begraben und Tausende brachten auf der Richtbank oder auf dem Schlachtfelde dem hehren Ideale ihr Leben zum Opfer. ■ Jeder modern, vorurteilslos und wirklich demokratisch gesinnte Mensch wird daher dem feiernden Italien Sympathie entgegenbringen. Und vor allem die Juden. Nicht deshalb — wie es wohl viele, sklavisch denkende Israelitenblätter festzustellen nicht unterlassen werden — weil Italien zu wiederholten Malen jüdische Minister ernannt hat, sondern weil ihre Geschichte, ihr ererbtes Wesen die Juden m die erste Reihe der wahrhaft freisinnigen Menschheit verweisen und sie es mit Freude begrüßen lassen, wenn sich irgendein Volk vom Sklavenjoche befreit. Die ‘italienische und die jüngjüdische Frei heitsbewegung weisen, wie grundverschieden sie auch auf den ersten Blick scheinen mögen, viele Berührungspunkte auf. Vor allem das Ziel: „Ein freies Volk auf eigenem Bode n.“ Es :hat nichts zu sagen, daß die Italiener während des' Kampfes bereits in ihrem Lande leb-’ ten, während die Juden es erst zu beziehen gedenken... Noch ein sehr widitiges, gemeinsames Moment: Der Kampf gegen die inneren Feinde. Wer heute nach Italien kommt und von den Alpen bis zum Aetna ein einheitliches Volk vorfindet, wird nicht gut glauben können, daß vor 50 Jahren — was bedeutet ein halbes" Jahrhundert in der Geschichte eines Volkes — im ganzen Lande bloß einige, als verrückt betrachtete junge Carbonari für die Unita Italia schwärmten. Die meisten Reichen und Satten fühlten sich unter der Herrschaft der verhaßten Bourbonen und im frommen Kirchenstaate sehr wohl. Ja, die in fremdem Solde stehenden Italiener gingen gegen ähre national gesinnten Volksgenossen unbarmherziger vor, als die Fpemden selbst. Dieser Zustand hat zur Folge gehabt, daß diese Leute das Ideal eines Mazzini und eines Garibaldi noch einige Jahre vor dem denkwürdigen Märztage geringschätzend eine „U t o - pie“ nannten. Aehnliche Symptome sind in der jungjüdischen Bewegung zu verzeichnen. Die Utopisten haben trotz innerer und äußerer Feinde den Sieg davongetragen und heute ist Italien ein einheitlicher, von demokratischem ■'Geiste beseelter Staat, .dem ein liebenswürdiger Bürgerkönig vorsteht. Demokratischer als die französische Republik oder die schweizerische Eidgenossenschaft. Der Franzose kann den angeborenen Judenhaß nicht überwinden. Das freie Frankreich verbündet sich mit dem Zarenreiche. Die Schweiz liefert Anarchisten aus, wäh- ‘ rend ihre Universitäten den Pogromhelden Schutz. angedeihen lassen! Solche Dinge sind in Italien nicht möglich; aber es wäre töricht, von einem Nichtvorhandensein des Antisemitismus zu sprechen. Im Volke gilt das Wort e b r e o noch immer .als Schimpfwort und es gibt Wörterbücher, welche dieses Wort mit „Wucherer“ übersetzen. Sogar die Parole „Kauft nicht bei Juden!“ hat im schönen Lande ohne besondere Propaganda Anhänger gefunden. Es ist' mir u. a. ein Fall bekannt, daß ein Kaufmann im völlig judenreinen Siracusa bereits aufgegebene- Bestellungen zurückzog, als er erfuhr, daß der Reisende C a s s u t o heißt. Denn in Italien wird der Jude am Namen ebenso leicht erkannt, wie bei uns. Nicht als Zeichen besonderer' Judenfreundlichkeit haben es die Juden in Ancona betrachtet, als sie vor acht, neun Jahren eines schönen Morgens an ihren Ladentüren folgende Aufschrift vorfanden: „Geht nach Hause, ins Judenland!“ . Es sind dies wohl vereinzelte Erscheinungen, aber sie sind symptomatisch. Zu rohen Ausbrüchen. dürfte es nie kommen, hiefür bürgt der Volkscharakter und — die geringe Zahl der im Lande lebenden Juden. Allerdings haben die Juden dem Papste viel zu verdanken. Dem Papste? Jawohl. Freilich nicht seinem Wohlwollen. Der Papst sieht nämlich in den Italienern noch immer die Usurpatoren seiner Macht und läßt demzufolge die Gründung einer politisch-katholischen Partei nicht zu ... Fast banal klingt die Konstatierung, daß die Juden in allen radikalen Parteien, oft an leitender Stelle, vorzufinden sind. Die republikanische nennt einen B a r z i 1 a i ihren Führer und Emiüo T r e v e s gilt als einer der ersten Sozialisten des Landes. Und Nathan, dessen Name in letzter Zeit so oft genannt Wird. Man hat es nie vergessen können, daß Nathans Wiege nicht auf italienischem Boden stand, er wird oft daran erinnert, daß sein Vater ein nach England ausgewanderter deutscher Jude war, der eine italienische Jüdin zur Frau nahm. Daß die italienischen Exulanten, darunter Garibaldi und Mazzini; im gastfreundlichen Hause seines Vaters ein ruhiges Heim fanden, daß der junge Nathan den in ihre Heimat rückkehrenden Patrioten folgte und ihnen streitend und wirkend geholfen hat, das dritte Italien zu errichten, wird wenig oder nie erwähnt. Und Nathan hat sich redlich bemüht, seine Vergangenheit und Abstammung vergessen zu machen! Hierin kann nur noch der jetzige Ministerpräsident Luigi L u z a 11 i mit ihm wetteifern. Luzatti, einst Samuele Luzzatti genannt, der mit den Antiklerikalen liebäugelt, ist zugleich der größte Verehrer des Christentums. Für das Judentum hat er nie ein begeistertes oder preisendes Wort gefunden. Ihm gilt der Heiland als die erhabenste Gestalt der Weltgeschichte und er rühmt sich oft, den alten Poe- ten Carducci, dem alles Christliche verhaßt war, von der maßlosen Wohltat des Katholizismus für die Menschheit überzeugt zu haben. In dieser Hinsicht ist Nathan nicht zweideutig. Aber wenn er von der Freiheit und Verbrüderung der Völker, vom Hasse gegen die Unterdrücker tönend spricht, denke ich daran, daß er das Geschick des eigenen, des jüdischen Volkes, nie mit gleichem Maße gemessen hat.. Es war vor 2irka zwei Jahren. Eine, Abordnung der Stadt Bukarest erschien in Rom, 'um der Ewigen Stadt das Standbild einer Wölfin zur Erinnerung an die g emeinsame Abstammung von den Altrömern zu überreichen. Nathan empfing die rumänischen Herren an der Spitze des römischen Magistrates und begrüßte die lateinischen Vettern aufs herzlichste. Er stand vor keiner leichten Aufgabe, doch hätte ein wackeres jüdisches. Herz und ein vernünftiger Kopf den richtigen Weg gefunden, um weder die Würde der Juden, hoch die Gefühle der Römer und das Gastrecht Zu verletzen. Doch was sprach der Sindaco di Roma: „Seid begrüßt Ihr lateinischen Brüder, die ihr die Kultur und Zivilisation im fernen. Osten vertretet und uns, den gebildeten Westen, jahrhundertelang vor den Einbrüchen der barbarischen Türken geschützt habt. Wir sind stolz auf Euch, Ihr seid des lateinischen Namens würdig, ein Kulturvolk!“ Ob unsere bedrängten Brüder an der unteren Donau in die Lobhymne des Juden Nathan einstimmen werden? Unwillkürlich denkt man an den gewesenen Londoner Lord-Mayor Mr. Samuels. Dieser unerschrockene Jude veranstaltete nach den Judenverfolgungen in Rumänien ein Festessen, zu dem die diplomatischen Vertreter aller Staaten — mit Ausnahme des rumänischen — geladen waren. Der rumänische „K u 11 u r s ta a i“.. fühlte sich zwar verletzt, doch haben die . Engländer dem wackeren Bürgermeister begeistert zugejubelt. Oder sollen gar die Italiener, die einen Mazzini Und Garibaldi hervorbrachten, die die Bresche an der Porta Pia schlugen, reaktionärer sein, als Albions Söhne? Dies ist kaum anzunehmen. Nathan ist eben die typische Erscheinung, die man im Golus so häufig antrifft. fon den amerikanischen Juden. Unser bekannter Gesinnungsgenosse Doktor Schmarjahu Lewin, Abgeordneter in der ersten, Duma, hat vor einigen Wochen eine Amerikareise absolviert, welche der Propaganda für das Technikum in LHaifa gewidmet war. Nach seiner Rückkehr aus Amerika hielt er in Berlin einen Vortrag über das amerikanische Judentum. Im Nachfolgenden seien einige 'Bruchstücke aus seinem Referate wiedergegeben. „Man beginnt bereits zu erkennen, daß das amerikanische Judentum nicht nur eine Masse von Schustern, Schneidern und Lesern der „gelben Presse“ ist, sondern daß es auch in kultureller Hinsicht einen wertvollen Teil des Judentums darstelit. Der Vereinigungsprozeß aller, aus verschiedenen Ländern stammenden Juden geht ^allerdings nur langsam vor sich. Dieser Vereinheitlichungsbewegung steht aber ein Assimilierungsprozeß entgegen. Wohl ist die kirchliche Taufe eine sehr seltene Erscheinung, aber die moderne Scheintaufe, der Anschluß an verschiedene sogenannte „ethische Bewegungen“ ist auf der Tagesordnung. Doch darl; man aus diesen Erscheinungen keinen pessimistischen Schluß aut die zukünftige Gestaltung der Verhältnisse unter den amerikanischen Juden ziehen! Die Erfahrung lehrt, daß nach zwei Generationen, die sich dem Judentum entfremdet hatten, eine Rückkehr zum angestammten Volke erfolgt, denn letzten Endes erkennen sie doch, daß eine vollständige Assimilation Weder von den anderen gewünscht wird, noch von den Juden bewerkstelligt werden kann. Dieser Zustand bietet der jüdisch-nationalen Agitation günstige Aussichten. Das empfinden besonders die Reformrabbiner, Welche nur im Trüben fischen, will sagen, nur bei ungeklärten Verhältnissen ihr Geschäft machen können. Ihre gequält hatten, daß er später heimgekehrt von sich dichten durfte: Zur Fremde zog ich aus, froh mich zu weiden, da ließ das Leben mich verwundet bluten. Ich suchte Trost und Ruh, da ließ der Leiden zum Rand gefüllter Kelch mich überfluten. „Was willst du?“ erwiderte Jehuda auf alle schrecklichen und traurigen Vorstellungen des Freundes. „Ein jeder trifft den Tod, der ihm .vorherbestimmt ist von Gott, am Ende seines Lebens. Gabirol wurde erschlagen um Neid von einem maurischen Dichter. Aber der Feigenbaum, darunter der Mörder ihn verscharrt hatte, trieb vielfache Blüten, daß das Volk stutzig wurde und die Schandtat entdeckte und den Schelmen an dem gleichen Baume erhängte, der ihn verraten hatte. Und sterbe ich im Osten in der Fremde, so sterbe ich Jerusalem doch näher als hier, wo meine Heimat nicht ist und wo ich lebe, ein hebräischer Mann auf bunten arabischen Fliesen. Als Kind schon habe ich mich hier mit dem Herzen eines Achtzigjährigen einsam und traurig gefühlt wie Moses am Nil und mich von hier fortgehärmt gleich einem Vogel, der im Käfig im Norden überwintern muß. Was sind die Drangsale der Reise für mich! Mußte unser Volk nicht Jahre lang durch die 'Wüste und die Dürre irren, ehe es in das Land kam, das ihm Gott verheißen hatte! Er wird mir voranziehen, der Unbegreifliche, in einer Wolkensäule des Tages und in einer Feuersäule des Nachts und' mich behüten auf allen meinen Wegen... Wie könnt ihr sagen, daß ich unser Volk verlasse, wo ich hingehe, es wiederzufinden! Ich glaube an Israel wie keiner von euch. Denn Israel ist in der Welt wie das Herz im Menschen. Wie dieses an allen Leiden des Körpers Anteil hat, so wird Juda von jedem Mißgeschick, das von den Völkern ausgeht, am unbarmherzigsten getroffen. Und die Geschlechter der Erde können von ihm sprechen: „Es trägt unsere Krankheit, und unsere Schmerzen sind ihm aufgeladen.“ Denn nirgendwo sonst ist Israel sicher vor dem Haß und der Verachtung seiner Feinde. Auch hier nicht, auf der iberischen Halbinsel, wo ihr glaubt, wie in Abrahams Schoß zu liegen, weil ihr mit dem höchsten Adel vervettert und verschwägert seid und alles außer König werden könnt. Es wird euch nichts helfen, nun man die Mauern verjagt und das Kreuz über den Halbmond gesiegt hat und Israels schönste Nachblüte dahin ist. Eine Bestie wird kommen, ein Untier mit einer harten Schale aus Eisen und einem Gebiß gleich dem Elefanten und wird euch torquieren. .Sein pfeifender Atem tötet schneller als der giftigste Basilisk. Flammen entströmen seinem Munde und seinen Augen. Von euren Leibern wird es sich nähren und Spanien wird die Hölle für die .Juden heißen auf Jahrhunderte.“ Also weissagte Jehuda Halevi, von Gott erweckt, ehe er hinausfuhr aus Toledo und sich und seine Seele nach dem für ihn in Wahrheit „heiligen Lande“ einschiffte. Und wie er verkündet hatte, geschah es kaum 300 Jahre nach diesem Tage. An einem Tage, tam 2. August 1492, mußten mehr als -300.000 Juden Spanien unter den unwürdigsten Bedingungen arm und beraubt' verlassen. ■Jehuda Halevi, der erste Zionist, war seinem Volke auf einem Wege vorangeschritten, auf dem es ihm nicht gefolgt ist. Freilich Jerusalem, das Christlich gewordene, vertrieb ihn, den irrenden Juden, mit Hohn und Gelächter aus seinen verfallenen Mauern. Und wie ein rechtloser Fremdling zog er kreuz und quer nun aurch sein Land, sein Heimatland, die rührendste Figur, die es in der Tragödie Israel gibt. Irgend ein türkischer Reiter soll ihn, plump wie der Zufall, überritten haben, als er vor den Toren einer Stadt saß und diese letzten Verse in den Sand schrieb: Ich kann nicht länger warten. Hol’ mich in deinen Garten, Herr, nimm mich von hier fort! Ich hab’ zu viel gelitten, was kann der noch erbitten, der bis ins Herz verdorrt.