Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 tiefempfundenen Nachruf, in welchem er insbesondere dessen hervorragende Verdienste um das Aufblühen des Vereines und die Ausbreitung des jüdisch-nationalen Gedankens in Oesterreich hervorhob. Der Nachruf wurde von der Versammlung stehend angehört. Gg. Dr. ,H. ■ Kadisch hielt hierauf in Vertretung des durch! ein Unwohlsein verhinderten Abg. St.and ein Referat über die politisch^--Lage. Seine aus-: gezeichneten Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifall; Dem Rechenschaftsbericht, den der Schriftführer Gg. LCopöld Sitzmann verlas, entnehmen wir folgendes: jüdisch-politischen Organisationen Oesterreichs beschlossen und die Reichsexekution gebildet. Der Verein hat in Erkenntnis der Not- Wendigkeit des Schutzes der politischen Rechte der Juden eine. Rechtsschutzabteilung ins Leben gerufen. Diese Institution hat gelegentlich vieler Rechtsbeugungen interveniert una rasche Abhilfe Bewirkt. (So beispielsweise gegen die Wahlmißbräuche in Gaiizien, Verfolgung der Juden beim Kreisgerichte Suczawa, Ausweisung russischer Juden aus M.-Ostrau und arideren Orten usw.j Hiebei war dem Verein insbesonders Reichsr.-Abg. Stand in äußerst dankenswerter Weise behilflich. Gleich nach Konstituierung entwickelte die Vereinsleitung eine eifrige Propagandatätigkeit und nahm zu allen Fragen, Welche jüdische Interessen tangieren, Stellung. Wir veranstalteten in Wien und in der Provinz 36 Prcpagandaversanunlungen, in welchen unsere Gg., die Reichsratsabgeördneten Dr. Gabel, Stand, Dr. j Straucher, ferner Dr. Herrn. Kadisch, Dr. Alfred Lanzer,. Lucian Brunner, Obering. E. Fried, Dr.! Krasny, ELig, Torczyner, Dr. Fritz Löhner und i Dr. Jakob Ehrlich sprachen. Am 15. März 1910 I wurde eine große Märzfeier veranstaltet, bei! der alle Mitglieder des „Jüd. Klubs“, und in j Vertretung des Ruthenenklubs ■ der Äbg. Petritzky sprachen. Diese Versammlung, welche fast von 2000 Personen besucht war, war eine imposante Kundgebung des jüdisch-nationalen freiheitlichen Gedankens. Am 30. März veranstaltete der Verein eine große Protestversammlung wegen des berüchtigten Kondolenzschreibens des Wiener israelitischen Kultusvorstandes anläßlich des Todes Luegers. Auch diese Versammlung wies einen ‘Massenbesuch auf. Bet den Gemeinderatswahlen aus dem I, Wahlkörper in der Leopoldstadt hat der Verj ein eigene Kandidaten nicht aufgestellt, hat die 1 Gelegenheit jedoch benützt, um in drei großen j Wählerversammlungen für den jüd.-nat. Gedan- | ken Propaganda zu machen. j Vor d6n Gemeinderalswahlen in der Inneren j Stadt fand eine massenhaft besuchte Versammj lung des „Nationalvereines“ im Hotel „Post“ j s att, in der R.-Abg. Dr. Straucher und Ing. j Stricker das Programm der jüdischen Natioi nalpartei entwickelten und die Anmaßung der Hockpartei, den jüdischen Wählern Täuflinge al9 Kandidaten zu präsentieren, aufs schärfste geißelten. Der Sieg der Gegenkandidaten war leider kein Erfolg der jüdischen Sache. Die jüdischen Gemeinderäte Frank und Stein traten sofort in den deutschfortschrittlichen Gemeinderatsklub ein, in welchem sie gemütlich neben Dr. Mittler und den übrigen Protektoren der Taufjuden sitzen, und die Blamage Herold ist noch nicht vergessen. Bei den Landtagswohlen in der Leopoldstadt stellte der Verein den Gg. Lucian Brunner a's Kandidaten auf. Diese Wahlbewerbung, selbstverständlich nur eine Kampfkandidatur, gab uns die erwünschte Gelegenheit, in einer großen Anzahl von Versammlungen das lächerliche deutschnationale- Getue der Mittler- und Schwarz-Hiller-Israeliten in das richtige Licht zu stellen. 1 - Nach dem Tode Dr. Gabels übernahm Hof- und. Ger.-Advokat Dr. Jakob Ehrlich die Leitung des Vereines. Bei den letzten , Kultusgemeinde wählen hat der Verein durch Delegierung seines gesamten Vorstandes-in das Wählkomitee, sowie durch Veranstaltung ,yon= Versammlungen vieles zum schönen Erfolgy der Wahlen beigetragen. Als die Massendeputation der galizischen Schanker in Wien erschien, um bei der Regierung nachdrücklichst gegen das an den Schänkern begangene Unredit zu protestieren, übernahm es der . Verein, gemeinschaftlich mit dem zionistischen Distriktskomitee, die Schanker mit Quartieren zu versorgen -und leitete die ganze Demonstration, ln der im „Goldenen Widder“ veranstalteten, von mehreren Tausend Personen besuchten Versammlung, in welcher von der Regierung Abhilfe verlangt wurde, führte der Obmann des Vereines den Vorsitz. Das unjüdische Vorgehen des Wiener isr. Kultusvor- I Standes wurde in dieser Versammlung wie auch in einigen, bald darauf veranstalteten Versammlungen gebührend gekennzeichnet. — Die Zahl der Vereinsmitglieder ist im letzten Vereinsjahr um 200 gestiegen und die Einnahmen weisen, wie aus dem vom Gg. Hammer erstatteten Kassabericht hervorgeht, eine erfreuliche Steigerung auf. Der Vereinsleitung wurde einhellig das Absolutorium erteilt. In die Vereinsleitung wurden folgende Gg. gewählt: Obmann Hof- und Ger.-Advokat Dr. Jakob Ehrlich, 1. Obmannstellvertreter Reichsratsabg. Adolf Stand, 2. Obmannstellvertreter Ingenieur Robert Stricker, Kassi'er Ing. Oskar Kramer, 1. Schriftführer Leopold Sitzmann, 2. Schriftführer Alexander Geller, Kassarev isor: Moses Hammer, ferner: Hof- und Ger.-Advokat Dr. Alfred Lanzer, Dr. J. H. Körner [Obmann des ^zionistischen D.-K.j, Ein ausführlicher Rechenschaftsbericht wird in Druck gelegt und'den Mitgliedern zugesendet werden. Jüdisch-deutsch-Freisicniges. Im Badgetausscliusse hat der Abgeordnete vom Wiener Kai, Kar an da, eine stramme Rede gegen die behördlichen Verfolgungen der galizischen Juden gehalten. Bekanntlich haben Ueber Iri iaüve unseres Vereines und dank j den Bemühungen unseres unvergeßlichen ver- | storbenen Obmannes Dr. Gabel fand am 15. ( und 16. Mai v. J. die II. politische Reichskonferenz in Krakau statt. Sie war vom Jüd. Klub, dem Jüd. Nat.-Verein, den zionistischen Organisationen Galiziens und den jüd.- na'ionalen Vereinen der Bukowina beschickt. Auf dieser Tagung wurde, der Zusammenschluß der sich tausende galizischer Juden a>.lässlich der Volkszählung zur jüdischen Sprache, d h. zur jüdischen Nation bekannt und wurden deshalb von den polnischen Machthabern hart gestraft Abg. Kuranda erklärte, dass die Jaden in gntem Rechte handelten und ihre Bestrafung einen Gewaltakt schlimmster Sorte daistelle. Dieses Vorgehen Knrandas verdient vollstes Lob. Aber wie reimt es sich zn seiner Stellung als „deutscher“ Abgeordneter? In einem ausschliesslich jüdischen Wahlkreise hat er als „ Deutscher“ kandidiert. Er ist wütender Hasser der Nationaljuden, hat die Existenz einer jüdischen Nation beharrlich geleugnet und hätten ihm; die Deutschnationalen nicht energisch abgewinkt, so sässe er heute im deutschnationälcu Verbände! Urplötzlich tritt er energisch für die „nationalen“ Rechte der Juden ein und charakterisiert damit sein ganzes politisches Vorleben als l ügengebäude. Ein dentscbliberaler .Glaubensgenosse“ braucht eben nur einmal den ehrlichen stolzon Juden hervorzukehren und schon liegt sein schönes Deutschem in Trümmern. Wir weiden die künftige Haltung Her»n Knrandas beobachten. * * * Anlässlich der böhmischen Ersatzwahlen in den Reichsrat hat sich die deutsch-freisinnige Presse einfach iibertroffen. Der jüdische Sozialdemokrat stand dem deutschnationalen Antisemiten in der Stichwahl gegenüber. Von den Christlichsozialen war die Entscheidung abhängig. Die „Nene Freie Presse“, das „Tagblatt“ und wie sie alle heissen, begannen brünstig um die Gunst des christlichsozialen Pöbeis zu buhlen. Die Wahl des Juden Karpeles wurde als das grösste Unglück hing stellt und die jü:iscli»n Schmocke appellierten in herzbewegenden Worten unter Hinweis anf die „gemeinsamen' Interessen an das goldene deutsche Herz'der Christliclisozialen, sie mögen doch um himmelswillen gegen den Juden stimmen! Die Charakterlosigkeit der von Juden geschriebenen und bezahlten Presse reicht fast an die „Geduld“ ihrer gläubigen Leser heran. * An: 21. d. M. veranstalteten Abgesandte; der grossen englischen Bibelgesellschaft in Wien eine Versammlung. Zweck: Bekehrung der Juden zum Protesiantisnius. Wochen vorher wurde grosses Tam-Tam geschlagen. Um den ganzen Schwindel wirksamer zn machen, wurden die Veranstaltungen unter dem Deckmantel des Z i o n i s in n s getroffen In der Versammlung traten mehrere Zionisten auf und deklarierten die infame Komödie. Das Publikum stürmte die Tribüne und die protestantischen r Judenbekehrt-r“ mussten schleunigst das Weite suchen. Charakteristisch war das \ erhalten der liberalen Jitdenpresse Die Wiener zionistische Par eileitnng hat rechtzeitig an alle Blätter eine Erkläuing versendet, welche die. Bevölkerung anfkläivn seilte. Diese Erkläuing wurde nicht geluncht, hingesen aber g u t b e z a h I t e I n s e r a t e d e r B i b e Ig e s e 11 s c h a f t. Am folgenden Tage, brachten einige dieser Org ne Berichte, in welchen der wahre Sachverhalt wieder verschwiege» wurde Das Organ des Ehrenmannes Lippowitz. das „Nene Wiener Journal“, leistetsich sogar — noch Davids Burg und Salomos Tempel in Zion auf dem Berge Morija mit Haßen und ehernen Säulen und Gitterwerk und den zween goldenen Cherubim! Sind nicht die ehernen Säulen zerbrochen worden und die Gestühle und das eherne Meer, das am Hause des Herrn -war? Ist nicht das Gitterwerk und die heiligen Pfannen und Becken, was gülden und silbern war, umgeschmolzen und ausgemünzt worden in Babel und Rom? Und weiden nicht heute die Schweine um die Trümmer des-Tempels und hausen nicht die Türken, noch schmutziger als jene Tiere, in seinem spärlichen Schatten? Sieh doch aus dir heraus! Was schiert dich unsere Vergangenheit außer am Sabbath und unseren Festtagen? Hier in Toledo, der Stadt, ist Neu-Jerusalem. Hier sind schon Brüder von uns hergeflüchtet, als noch Nebukadnezar und der große Artaxerxes Herren über die Heiden waren, deren Kopf auf keiner Münze mehr gilt. Du magst dich ruhig weitersehnen flach Jerusalem und der Zeit der Könige und Propheten und deine Zioniden, deine dreihundert Gesänge von Zion und seiner Herrlichkeit singen. Wir werden dir alle lauschen so freudig wie unsere Väter dem Triumphlied der Dehorah, das die Seherin anstimmte nach dem Siege über die Kanaaniter.“ Und wie entzündet von dieser großen Erinnerung seines Volkes, fängt Jechiel an, die schönste Zionide des Freundes laut herzusagen: O Stadt der Welt, du, schön in hohem Prangen, Aus fernem Westen sieh mich nach dir bangen. Mit Adleraugen möcht’ ich zu dir eilen und deinen Staub mit meinen feuchten Wangen benetzen, ach! ich muß im Westen weilen. Zion! Der schönsten Schönheit höchster Schimmer, der Liebe Seligkeit bewahrst du immer im Herzen deiner Treu’n. In Ewigkeit bleibt ihre Huldigung dir stets geweiht. Die deinem Sturze weinen, heiße Tränen in ferner Haft — dir gilt hoch stets ihr Sehnen! Wenn sich ihr Knie vor Gott in Demut beugt, nach deinen Toren ist Haupt geneigt. Zerstoben und zerstreut, auf Bergen, Talen, sie denken dein in Wonnen und in Qualen ’ bis zu dem Tag, da du dich neu belebst und aus dem Schutt dein strahlend Haupt erhebst. Ein Zittern um das andere überrieselt die kleine Gestalt Jehudas mit dem großen edlen Kopf beim Anhören dieser seiner eigenen Verse. Zornglühend fährt er den von der Dichtung ergriffenen Freund an: „Und du vermeinst, ich sei einer von den Schwächlingen, die nachts bei dem Wachslicht ihre Seele nach Zion senden- und tags über sich in Arabiens Joch nichts anmerken lassen wie Zugvieh, das hier geboren ist, die anders dichten wie sie leben wollen. Glaubst du, ich hätte mein Genüge damit, schön in Versen zu seufzen und mein Herz vor euch allen ins Maul zu nehmen, wenn es mich nicht Tag für Tag gelüstet hätte, meine Sehnsucht zu erfüllen und die Stadt au sehen, die ich besungen habe. Was schieren mich meine alten alten Gedichte vor dem Leben, das vor mir liegt! Nein! Was für ein kleiner Mensch wäre ich, wenn ich nur ein Dichter wäre, wenn ich mich nur sehnen und singen könnte wie ein Vogel! Ich habe mir kein Nest gebaut und keine Brut aufgezogen, die mich tröste über das Alter. Weil ich in der Fremde, im Exil nicht heimisch werden wollte und nicht Wurzel schlagen mochte außerhalb des heiligen Landes. Drum kann ich hier von dannen -ziehen im Alter mit weißen Haaren, ohne einen zu hinterlassen, der ein Anrecht auf mich hätte.“ „Außer uns aßen!“ warf Jechiel, der Freund, mit einem Seufzer ein. Und dann schildert er, als ob sich ein solch seltener Mensch wie Jehuda durch irdische Möglichkeiten hätte bestimmen lassen können, die Gefahren der langen See- und Landreise für ihn und seinen alten, nicht mehr starken Körper. Sprach von der engen Bretterwelt der Schiffskajüte, von Stürmen, von der Wüste, von Betrügern und Wirten, von Heiden und Christen und Räubern. Und erinnert den Freund an das wohlbekannte Schicksal seines poetischen Vorgängers in der neuhebräisch-arabischen Dichtkunst, des Mose Ibn-Esra. Den hatte die unglückliche fleischliche Liebe zu seiner Nichte, die seinem jüngeren Bruder zuteil wurde, in die Fremde getrieben, wo ihn die Tataren und Türken ergriffen und fast mehr noch als seine Liebe