Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 12 selben Gesinnungsgenossen, welche in den Mitteilungen sich nachrühmen, daß sie den innerpolitischen Vorgängen die nötige Aufmerksamkeit schenken und die lokalen Organisationen dafür interessieren — das scheint mir der sicherste Beweis dafür, daß das Distriktskomitee einen Kurs eingeschlagen hat,' auf dem ihm die tnähr.- schlesischen Zionisten auf die Dauer nicht folgen werden. Noch sonderbarer ist eine zweite Resolution, welche nicht mehr und nicht weniger verlangt, als daß die personale Trennung in der Leitung der zionistischen Organisation und der jüdisch-nationalen Reichspartei »entschieden und ohne jede persönliche Rücksichtnahme sofort« zu erfolgen hat Für und gegen diesen Antrag stimmten je 13 Delegierte und der Vorsitzende dirimierte für den Antrag und dies — es ist schwer ernst zu bleiben — unter Berufung auf den Krakauer Zionistentag. Was steht den Herren eigentlich zuDiensten? Der Krakauer Zionistentag verlangt die politische Betätigung der österreichischenZionisten;in den »M itt e il u ng e n« erfolgt eine Berufung auf diese Beschlüsse, das Distriktskomitee will sogar die »LokalOrganisationen für die politische Betätigung interessiert« haben: beim Distriktstag aber stimmen die führenden Gesinnungsgenossen des mäh ris ch-s ch I es i sehen Distriktes gegen die politische Betätigung der Zionisten! Oder glaubt der Distriktstag gar am Ende, daß der Präsident des zionistischen Zentralkomitees Adolf Böhm, von dem noch in den »Mitteilungen« erzählt wird, er sei in die politische Reichsexekutive gewählt worden, um durch seine Persönlichkeit die Brücke zwischen Reichsexekutive ufid der westösterreichischen zionistischen Organisation herzustellen, nunmehr schleunigst aus der Reichsexekutive austreten und die Brücke wieder abbrechen wird? Oder soll vielleicht Reichsratsabgeordneter Stand, der zugleich Präsident des zionistischen Landeskomitees für Galizien ist,' sein Reichsratsmandat niederlegen und irgend einen »gemäßigten Israeliten« an seine Stelle treten lassen? Diese Art von Beschlußfassungen ztugt von einer so heillosen Begriffsver- 'Wirrung, von einer solchen Verkennung des Grundwesens gedeihlicher zionistischer Tätigkeit und steht derart im Widerspruch zur Denkart der österreichischen Zionisten, -daß mir ein weiteres Verweilen bei diesen Beschlüssen als überflüssig erscheint. Etwas mehr Aufrichtigkeit und Bescheidenheit täte dringend not!' Auch ich war Gründer und Leiter einer zionistischen Provinzorganisation, u. zw. im der national am heissesten umstrittenen Stadt Böhmens. Mir sind also die Schwierigkeiten ' der politischen Betätigung nicht unbekannt. Ich weiß sehr wohl, daß wir überall Mitläufer haben, welche Schekel- und Nationalfondsbeiträge gerne leisten, ich gebe auch gerne zu, daß die Sammeltätigkeit sehr rühmlich ist und uneingeschrän tes Lob verdient, ich kann es aber nicht loben, wenn Mitläufern zuliebe parteipolitische Grundsätze preisgegeben Werden. Das Baseler Programm bezeichnet bekanntlich als Mittel znr Erreichung unseres Endzieles die Hebung des jüdischen Volksbewußtseins, kurz, die nationale Erziehung der Juden, in der richtigen Erkenntnis, daß der Zionismus nichts anderes sei, als die letzte Konsequenz des national-jüdischen Gedankens. Zweifelt das mähr.:schl. Distriktsköm itee daran, daß der Aufenthalt der Juden in fremd-nationalen Lagern nicht sonderlich geeignet ist, das jüdische Nationalbewußtsein zu stärken? Empfinden sie. es nicht gleich uns als Schmach, daß in einem mährischen Wahlkreis, Tn dem die Juden der ausschlaggebende* Faktor sind, ein deutschtümelnder Täufling Reichsratsabgeordneter ist? Oder freuen sie sich vielleicht darüber, daß die größte Zahl der mährischen Kultusvorsteher noch zur Garde des verkrachten deutschen .Freisinns“ gehört? Ist es nicht vorgekommen, daß mährische Juden aus nationaldeutscher Ueberzeugung einen Sozialdemokraten bekämpft und dem deutschen Antisemiten ihre Stimmen gegeben haben? Hetzt nicht jeden Augenblick irgend ein mährischer Jude gegen die Errichtung der tschechischen Universität in Mähren? Ist wirklich kein Feld für jüdischnationale Betätigung gegeben? Allerdings, alle diese jüdischen Spielarten werden uns das beste Wohlverhaltungszeugnis ausstellen, wenn wir fleißig Geld sammeln, im übrigen aber den Ereignissen freien Lauf lassen. Aber zu wütenden Hassern werden sie in dem Augenblick, in welchem wir unser national-jüdisches Bekenntnis betätigen. Zwischen Lebensbejahung und Lebensverneinung, d. i. zwischen Zionismus und Assimilation, gibt es eben kein Kompromiß, da gibt es nur einen Kampf, der restlos zu Ende geführt werden muß. Daß die Entwicklung der Dinge auch die mähr.-schl. Zionisten auf diesen Kampfplatz stellen wird, ist für m ich nicht zweifelhaft. Diese Entwicklung werden aberyResolutionen nicht aufhalten. Die,,Berichte*11 des Herrn Statthalters! Als einziges von den in Wien erscheinenden Blättern hat die „Jüdische Zeitung“ ver zwei Wochen über die skandalöse Gebarung mit den jüdischen Volkszählungsbogen in Drohobycz berichtet. Der deutsch-liberale Abgeordnete des Kais, Kuranda,schöpfte aus unserem Blatte die Kenntnis von diesen unerhörten Vorgängen nnd interpellierte bei der Budgetdebatte . den Minister des Inneren wegen dieses empörenden Vorfalles Der Minister des Inneren beantwortete in einer der-jiäuhstenvSitznngeu,.die lnterpella ion des Abgeordneten Kuranda und teilte zugleich mit, ■ dass gegen die Straferlässe der galizischen Bezirkshnuptmannschafteu 163 Rekurse überreicht würden, welche alle im S‘in n e d er. fieku rrenten erledigt wurden. Diese"auf Information der galizischen Statthalterei beruhende Behauptung ist unwahr Kein einziger' Rekurs ist von der S t 111halterei günstig erledigt worden. Die Straferlässe wurden vielmehr ausnahm los bestätig Daraus folgt, dass die galizische Statthalterei dem Minister entweder einen falschen Bericht eingeschickt hat, oder dass sie eine so zweideutige Auskunft erteilte, dass der Minister, der in dieser Sache auf Seiten des Rechtes, das ist der Juden steht, daraus die Grundlage für seine Behauptung schöpfen konnte. Für jeden Fall liegt neuerdings ein Vertuschnngsstücklein galizischer Amtspraxis vor, das bis jetzt unerreicht dasteht. Zuerst bedrücken und peinigen und dann verdrehen und entstellen! Echt jesuitisch, echt schlachzizisch. Abgeordneter Stand wird in der Badge debatte Gelegenheit nehmen, dieses Scbandstiick der galizischen Statthalterei anzunageln und/wenn noch Rechts- und Ehrgefühl in Öesterreicli vorhanden sind, dann werden die Schuldigen ihr Verbrechen büssen. Generalversammlung des „Jüdischen Nationalvereines für Oester; eich“« > Am 21. März fand die IV. ordentliche Generalversammlung des „Jüdischen Nationalvereines“ unter sehr starker Beteiligung seitens der Mitglieder und zahlreicher Gäste statt. Der Obmann Gg. Dr. Jakob Ehrlich eröffnete die Versammlung und hielt dem verstorbenen Reichsratsabgeordneten Dr. Heinrich Gabel einen Jehuda Halevi*) Man muß sich ins zwölfte Jahrhundert denken und in das Spanien des C i d, der für die kastilische Krone gegen die Araber und die Herrschaft der Omajaden kämpfte und wütete wie Gottfried von Bouillon wider die ungläubigen Seldschuken, die in Jerusalem ein 'türkisch Regiment führten. Vom Hintergründe dieser Zeit hebt das Bild Jehuda Haie vis Sich ab, der in dem gleichen Jahre in Toledo an der Brust einer jüdischen Mutter zum Leben erwachte, als der Cid, stolz wie Blüdier, an der Spitze seiner Ritter und Reisige, das Kreuz in der Linken, das bluttriefende Schwert in der Rechten, in die abgeblühte Stadt einzog. Unten in zwei Kammern in einem Hause an einer der steilen Gassen des menschenreichen Toledo wohnt er als Junggeselle, von einem verhuzzeLten alten arabischen Weib bedient und betraut, das mit ihren mehr als hundert Jahren wie das beste Geschäftsschild ihres Herrn wirkt Der wohnt im Erdgeschoß, allen Kranken wohlbekannt, die sich freuen, keine kalten harten Treppen zu ihm heraufhumpeln und -ächzen zu müssen. Die Hauptkammer liegt nach hinten dem Hof zu, dessen kleiner Springbrunnen von dem größeren - Lärm des Tajo übertönt wird, den man draußen über das steinerne Geröll seines Flußbettes rausdien hört. Dort *) Folgende Bruchstücke sind einer Abhandlung von Herbert Eulenburg [Kaiserswerth] in der „Frankf. Ztg.“ entnommen. hockt Halevi auf einem niedrigen, geschnitzten schwarzen Taburett und untersucht im dünnen Licht, das durch die bunten inaurischen Hufeisenbögenfenster hereindringt, den Harn, den ihm ein armer, verwachsener Krüppel aus ia Mancha gebracht hat, der gerne wissen möchte, ob er leber- oder nierenleidend ist oder beides zusammen. Einige Flaschen und Kolbengläser mit roten und grünen Tinkturen stehen neben drei Stößen von gelehrten, dicken, alchimistischen Büchern auf dem Ebenholztisch nebenan, der sich in der Dämmerung matt auf den hellen, mit Arabesken durchzogenen Fliesen des Fußbodens spiegelt... Wir können unbekümmert zu Halevi hereintreten. Denn um diese Abendstunde empfängt er gewöhnlich Besuch von irgend einem aus der Gemeinde, der mit Sorgen des Leibes oder der Seele, was für den Arzt das gleiche ist, zu ihm kommt Heute ist es sein langjähriger Freund, der Almojarife und Obersteuerwächter von Kastilien, Isaak Ibn Jechiel, der mit uns, aufgeregt wie ein gescheuchtes Huhn mit den Armen um sich schlagend, in die halbdunkle Kammer Haieris flattert. „Bruderleben! Freund! Gefährte! Vetter!“ so sprudelt Jechiel wie draußen der Springbrunnen im viereckigen Hofe über. „So ist es wahr, du willst uns wirklich verlassen, mich, deine Brüder und Schwestern und deine ganze Sippschaft in. Toledo. Bist du meschugge, wer heißt dich herauslaufen aus deiner Verwandtschaft und Freundschaft. Ueber fünfzig Jahre lebst du am Platze hier und hast dir ein Bett zurechtgemacht wie Joseph in Aegypten, als der Pharao ihn erhöht hatte. Geachtet bist du als einer der besten Aerzte und bis Cordova horchen alle Kranken'voller Hoffnung auf, wenn dein Name fällt, w'ie wir bei dem Worte „Messias“.“ Ernst und ruhig wendet Jehuda sein weißes Gesicht, das sein langer, weißer Bart schier verdeppelt, dem aufgeregten Freunde zu. Seine Hände falten sich, alle irdische Quacksalberei vergessend, und er steht auf wie zum Gebet. „Jsaak Ibn Jechiel!“ beginnt er, „wußtet ihr nicht, daß mein Herz immer nach Jerusalem stand und zeigte, wie jene Magnetnadel auf dem Tisch dort ewrig nach Norden weist. Ich habe mich mit der Eitelkeit der Heilkunde beschäftigt in den Stunden des Tages Iwie der Nacht, obgleich ich nicht zu heilen vermag. Die Stadt, in der jeh lebe, ist groß und ihre Bewohner sind Riesen gegen mich und harte Herren. Ich kann sie nicht anders beschwichtigen, denn indem ich meine Tage mit der Heilung ihrer Krankheiten vergeude. * Ich heile Babel, aber es bleibt immer siech. Darum flehe ich zu Gott, wie Hiob, daß er mir endlich die Erlösung sende und mir die Freiheit gewähre, meine Ruhe zu genießen, und mich zu einem Orte lebendigen Wissens und zur Urquelle, von der alle unsere Weisheit herströmt, zurüekbringe.“ „Wie redest du, Jehuda!“ unterbricht ihn der ungeduldige Freund und Finanzmann. „Sprichst du nicht von Jerusalem, als stände