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Jüdische Zeitung · 1911-03-17 · 11 (17.3.1911) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
11 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG, Nr. II f i •: v } [• :U.T fi .'. fl..; [j .V v*. >'' stimmte Kriegsrufe eingeschworen haben — das begrabene Kriegsbeil ruhe in Frieden! — aber durchdacht sollen die Delegierten haben, was sie wollen. Vor dem Kongreß, ehe seine Stimmung, seine. Leidenschaftlichkeit die Gemüter verwirrt, sollen 'sie das Problem des Zionismus und 'alle seine Einzelfragen noch einmal durchdenken, wohl überlegen, tollen die Verschiedenen Meinungen gegen einander .ab- \vägen und sich nicht von persönlichen und anderen verwirrenden Momenten beeinflussen lassen, sondern alles aus dem einen Gesichtspunkt heraus werten und beurteilen: Kommen wir so weiter? Führt uns das zum Ziel unseres Strebens? Als ein Mittel, das bei solcher Vorbereitungsarbeit gute Dienste leisten kann und wird, sei jedem aus unsern Reihen die obengenannte Broschüre Sokolows empfohlen. Nicht, daß man jeden Satz und jedes Wort darin unterschreiben müßte, daß man "sich darauf einschwören sollte, das s ist auch nicht die Absicht des Autors, Die Broschüre soll nicht durchgelesen und nachgebetet, sondern durchgearbeitet werden. Es hat sie einer geschrieben, der mit Herz und Verstand bei der Sache ist. Und so wie der Autor, so soll jeder Leser die Gedanken dieses Büchleins noch einmal bis zum Ende durchdenken, die Ideen des Zionismus. Es führt uns durch das ganze geistige Gebiet unseres Ideals, von seinen Grundlagen, seiner Entwicklung, dem Streben seiner Anhänger, ihrem Arbeiten und Wirken wird gesprochen, und von dem Irren im Streben, von dem, was man tat und was man zu tun unterließ, und schließlich von dem Systemwechsel, den der Verfasser für notwendig hält. Alles in beredten, schönen Worten, zuweilen voll poetischen Schwunges. Ich will hier nicht den Inhalt im einzelnen nacherzählen oder kritisch erörtern. Um aber einigen Einblick in das Ganze zu geben, will ich eine Anzahl Stellen aus dem Büchlein selbst folgen lassen. Die Anerkennung eines einhe i tli eben Volkes ist die Voraussetzung des Zionismus.... Zionismus ist — und dabei bleibt es — jüdisches Volksleben nach der Zukunft gerichtet_ Man hat eingesehen, daß der Jude ins jüdische Leben gehöre und daß er viel von all den Tagesdingen aus der fremden Welt entbehren könne, mit' denen er sich bis jetzt belastet und nervös gemacht hat... Ist nicht die Entstehung großer jüdischer Verbände und Vereine ein Beweis dafür, daß man nach allem Zerstreuen wieder zu konzentrieren sucht, da man gemerkt hat, wie in' der Tat die Zerstreuung zur Vernichtung führt? Freilich ist’s nur ein halbierter nationaler Gedanke, den man da anerkennen will, eine Glaubensgemeinschaft ohne Volk, d. h. ein Abstraktum ohne Realität und ein Volk ohne Boden, den es sein Gesamteigentum nennen könnte; und diese Divisoren der nationalen Wahrheit bleiben bei allen scheinbaren ersten Erfolgen schwach, wie Simson ohne Locken!... ' Es ist ein Irrtum, wenn immer und ewig von Agitation gesprochen wird. Wir haben nicht zu agitieren, sondern zu belehren ... Daß man auf der Rednertribüne nicht tun soll, als habe man Kinder vor sich, daß man mit demagogischen Mitteln und Mätzchen nichts ausrichtet, was dauerhaft sein könnte, wissen wir schon alle! - Was wir gewollt haben und wollen müssen, ist, durch die Wirkung des nationalen Be- 1 wußtseiiis das jüdische Volk organisieren... Außer straffer Zucht und Unterordnung — unter das Ideal — brauchen wir Energie, Schwung, Schaffensfreudigkeit, Wahrheitsextase, um uns selbst zu erhalten und um Aussicht zu haben, die nationalen Kräftespender der jüdischen Nation zu sein... Wenn wir nicht einen neuen geistigen Schwung in unsere Bewegung hineintragen, so können wir höchstens und im besten Fall in unseren engen Kreisen bleiben und — wras bedeuten unsere Kräfte?!... Es gibt nur eine Arznei dafür: Die Erwtckung des jüdischen Nationalbewiißtseins durch das jüdisch e Wissen, durch das Hebräische, durch die Vereinigung aller Juden, durch eine liebevolle P f 1 e ge jüd i s ch e r Eigenart. Lassen wir uns durch das Technische, Kleinliche und Formelle nicht vom Wesen des Zionismus, von seiner Bestimmung, von seinem nationalen und volkstümlichen Charakter entfernen. Der Zionismus kann und soll Aktiengesellschaften, Unternehmungen auf den praktischen Gebieten gründen, er kann und soll für Geldsammlungen die Trommel rühren, doch ist er selbst weder eine G. m. b. H. noch eine Spendenbüchse ... , ' ■ ■ . Die Idee kann nicht von „V erhältn i s.s e n“ abhängig sein, am allerwenigsten die nationale Idee. Führer einer nationalen Bewegung sollen die' Verhältnisse ' für ihre' Ideen nutzbar machen, aber sich von diesem Nesselgeflechte nicht in ihren Wegen bestimmen lassen. Was zeigen; uns die Verhältnisse nicht? Die Verhältnisse zeigen uns, daß wir keine Heimstätte haben und daß die Erreichung dieses Zieles mit den furchtbarsten Schwierigkeiten verbunden ist. Die Verhältnisse zeigen' uns, daß wir keine eigene, das ganze Volk umfassende lebendige Sprache haben. Dieselben Verhältnisse zeigen uns unzählige religiöse und soziale .Spaltungen, die unsere Arbeit erschweren. Aber der Zionismus ist nicht die Bestätigung, sondern die Verneinung solcher Verhältnisse. Es ist ein Irrtum, daß er sich in Osteuropa. aus den Verhältnissen ergibt. Nein, in bösen Zeiten ergibt sich die Notwendigkeit einer Flucht'— aus dem Judentum, aus dem Lande, von den - schlechten nach den besseren Verhältnissen. Nicht-‘aus diesen zeitlich und. örtlich begrenzten Verhältnissen ergibt sich der Zionismus, sondern aus Gesamtvertiältnissen des ganzen jüdischen Volkes in seiner ganzen Geschichte.. Dadurch sind zu allen Zeiten Völker groß geworden, daß sie einen als notwendig erkannten Zweck mit unermüdlicher Beharrlichkeit verfolgten . . . „Der Russe ist an allem schuld!“ So lief schon oft in der zionistischen Organisation die Parole. Und dieser „Russe“, was hat er getan? Er hat -mit<treuem, _warmen Sinn, ja vielleicht mit allzu schwellendem Gemüt die Größe, Herrlichkeit, Wiedergeburi des gesamten ' jüdischen Volkes gehegt, und er. tut es noch; er hat dabei nicht verleugnet, was er selber gilt. Ja er soll, ihm wurde der Beruf! Er hat gestrebt mit den andern, selbst in verzweifelter verworrener ' Zeit und gestützt so lange als möglich; er hat ohne kärgliches Rechnen, wo’s not tat, sein bares Gut dargebracht und sein bestes Blut hergegeben. ' Im Zionismus gibt es für mich ebensowenig ein Russentum wie ein Deutschtum oder Franzosentum. Es7igenügt, national zu denken, ja einfach menschlich und logisch zu denken, um zum Schlüsse zu gelangen, daß dieses Antirussentum das Symptom der Rückkehr, je/ier assimilatorischen Krankheit ist, die' dem assimilierten Juden . . den „russischen“ und „polnischen“ Juden .*... , als ein minderwertiges Wesen erscheinen 'läßt,. Der Russe ist nicht so manierlidi, er spricht'" auch eine ganz andere - Sprache. Folglifch! ist.ter. kulturlos. : s ■ .' , Man wird es begreifen, wie groß und unabxveislich die Pflicht ,ist, gegen diese Erscheinung mit aller Kraft .anzukämpfen, vorzüglich mit der der ruhigen Betrachtung. Es handelt sich darum, den ursprünglichen nationalen Charakter, den sittlichen Schwung, die geschichtliche Weihe, das -intensiv Einigende, das seelisch J irdische. zu wahren und zu einer höheren Entfaltung zu bringen. Der jetzige Zustand Delriedigt uns nicht: die Selbsttäuschung ist'ein gefährliches Üebel, und eine Sünde wäre es, keinen Wandel zu schaffen. Ein Dichter, ein Glühender gab den Schwung und die Herrlichkeit. Man tut diesem Großen unrecht, wenn man .seinen Schatten immer und immer wieder in der Diskussion heraufbeschwört. Seine Verdienste lassen sich nicht durch Worte beschrei- 1 ben, sein Andenken wird in unserem Herzen fortleben. Seine Größe lag in der Persönlichkeit, in der allgemeinen Gründung der Partei. Bodenerwerb und Arbeit, langsame systematische Arbeit, müssen das Alpha und Omega unsere Methode sein. Und doch ist es von dem Herzlismus etwas Großes geblieben, d. h. es soll etwas Großes bleiben. Was ist dieses Große? Dieses Große ist die Gemeinsamkeit der Bestrebungen iri allen Ländern, die Verbrüderung der gleichgesinnten Juden,:die schwungvolle Begeisterung, die Proklamierung des nationalen Charakters, das Bestreben, die Juden der Welt in ein Ganzes zusammen zu fassen. Wir haben uns. Zionisten genannt, mit einer ganzen Welt haben wir gebrochen, die ganze Nation haben wir in Bewegung gesetzt. Das heißt also, daß wir etwras ganz anderes sind. Es handelt sich nur darum, das zu beweisen! Die Anhänger der Nur-Organisation glauben eigentlich nicht mehr.; Sie stehen dem strebenden Zionismus genau so gegenüber, wie die Kolonisationsförderer..Herzl bei seinem Auftreten gegenüberstanden. Sie wiederholen die Fragen: Wie wollt ihr es machen? Was soll heraus- Kommen? HerzI gegenüber wurde die Romantik, die Poesie, die Phantasie verspottet; heute werden die „Theorien“ verhöhnt, „Phrasen“ heißt es. Bald ist die ganze Nationalität auch schon eine Phrase. Und was ist aus der Politik geworden? Mit der früheren ist es aus, eine moderne soll gemacht werden, aber sie erfordert viele Kräfte, Initiative. Denkt die Gesamtheit darüber nach, w'ie'es gemacht werden soll? Gibt man sich darüber Rechenschaft, welche Geschicklichkeit, welche Masse von Fähigkeiten dafür nötig sei? Unsere Richtschnur ist die Idee, unsere Führerschaft die höhere Intelligenz, unsere Kraft das Volk! Die nationale Idee ist unantastbar, aber die dermaligen Einrichtungen sind, keine Fetische. Sie sind vorübergehende Formen, Mittel, die so oft als möglich ausgebessert werden sollen, damit immer neues Blut und frische Luft hineinströmen sollen. Diesen, grundsätzlichen Systemwechsel halten wir für notwendig.“ .Mit. diesen Worten schließt die Broschüre Sokolow’s. Die auszugsweise gebrachten Sätze werden dem Leser ein /ungefähres Bild wenigstens eines Teiles der Ideen des Büchleins geben. Die Begründung und die weitere Ausführung muß schon jeder, im Original*) nachlesen. Auf dieses hinzuweisen ist der Zweck dieser Zeilen. Hugo Schachtel-Breslau. Parteinachrichten. Mitteilungen des i. ö. D.-K. Schekelagitation 5671. Das D.-K. veröffentlicht in der heutigen Nummer seines Organs den Schekelaufruf für den i.-ö. Distrikt. Gleichzeitig erstreckt das D.-K. die Schekelwoche bis zum 12. April. Die Zeit von Purim bis Passah soll nach alter Tradition von allen Gg. zur intensivsten, und unausgesetzten Einsammlung des Schekels benützt werden. Das D.-K. erwartet, daß jeder Gg. seines Distriktes dieser Pflicht nachkommen wird. Schekel-Wochenausweis. „Ness Zionah“ [Sch.-K. Majer] 60 K, .,Moriah“ [Sch.-K. Frl. Kohn[ 36 K., Dr. Zweig [Block 59.137] [+ 16.80 Kl 3.60 K,' „Z. Zentralverein“ [Sch.-K. Ing. Groag] [-f- 288 K] 7.20 K, „Jordania“ [Sch.-K. Schapira] [+12 K[ 6 K, Teitelbaum [Block 58901, 59173], [+ 67.20 K[ 11.80 K. Summe: K 124.60. Bereits ausgewiesen: K 490.80; zusammen: K 615.40. Zu den Landtagswahlen in der: Bukowina. Am 2. April beginnen die Landtagswahlen in der Bukowina und die Wahlvorbereitungen sind in vollem Gange.;Am heftigsten wird wohl der Kampf um die jüdischen Mandate toben: Der „V o 1 k s r a t“ des Prof. Kellner, dieses auf nebulösem Programme mit großem Tamtam von Malkontenten und beleidigten früheren Mitgliedern der jüdischen Nationalpariei geschaffene Gebilde, hat in die jüdische Wählerschaft eine gewisse Beunruhigung hineingetragen. Der von den Volksratsanhängern geführte Kampf ist trotz aller Phrasen und Versprechungen doch nichts anderes, als ein von persönlichem Rachegelüste und Mandatsstreberei diktiertes Unterfangen, das letzten Endes den Juden in der Bukowina nur zum Schaden gereichen kann. Ueberdies involviert diese Gründung einer neuen jüdischen Partei offenen Parteiverrat und, vom Standpunkte der jüdisch-nationalen Parteiein-' heit, kann diese Aktion der Verführer und Verführten nur schärfste Zurückweisung und Verurteilung finden. Es ist nicht unsere Aufgabe, Dr. S t r a ucher und die nationale Partei in der Bukowina zu verteidigen. Das werden die Herren wohl^ allein besorgen können. Aber wir haben das Recht, zu verlangen, daß persönliche Kämpfe und private Differenzen nicht auf dem Rücken *) Zu beziehen im „Orient-Verlag, Berlin- Schmargendorf. Preis Mrk. 1.—. (Vereine Rabatt.) Einlagen auf Biiohel 4% An- und Verkauf von Wertpapieren. Börsenordres. Darlehen auf Wertpapiere. Wechsel-Eskompte. O - Versicherung gegen Kursverlust. Safes der besten Konstruktion. WIENER FILIALE DER i banka PRO CECHY A NIORAVU WIEN, I. Herrengasse Nr. 12. Aktienkapital K 60,000.000. t Reserve- und Sicherstellangsfonds rund K 16,000.000 Zentrale in Prag. gegr. 1868. Filialen: Brünn, Budweis, Iglau, Krakau, Lemberg, Mähr.-Ostrauj Olmütz, Pardubitz, Pilsen, Proßhitz, Tabor u. Triest: Wechselstuben', L, Herreng.12 j III Praterstr:42, VII: Mariahilferstr. 84, X. Favdritenstr. 95. V

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