Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 11 die Kolonisation in die Wege zu leiten, schon zwei Instrumente, den N.*F. und die P. L. D. C., geschaffen haben. Der N.*F. kauft den Boden, aber erst durch Bewirtschaftung seitens der P. L. D. C. wird der Boden tatsächlich durch die jüdische Arbeit in Besitz genommen. Es fehlt nur noch die Agrarbank. Kontrovers ist momentan die Frage, ob bis zum Zeitpunkt, wo eine solche gegründet werden soll, ein Agrar= oder Kolonisationsfonds gesammelt werden soll und erörtert die Gründe pro und contra. Jedenfalls sei klar, daß mit aller Energie die P. L. D. C. -ausge* baut werden müsse und daß dies die wichtigste Aufgabe der Organisa* tion sei. Sollte der Agrarfonds nicht geschaffen werden — und in dem Fall der S.=G. ist er als spezieller Genossenschaftsfonds mit Erfolg gesammelt worden —, so müßte durch geschicktes Zusammenwirken von Bank, N.*F., P. L. D. C. und privaten Garanten ein vor* läufiger Ersatz geschaffen werden. Es ist über* haupt notwendig, daß unsere Institutionen ein* ander ergänzen und Hand in Hand arbeiten, nicht aber, daß jede seine eigenen Wege geht. Das habe er im A. C. immer verlangt. Minde* stens eine Forderung müsse Redner unbedingt aufstellen. Das Zusammenwirken der Institu* tionen muß verhindern, daß irgend ein großes, in wirtschaftlicher Be* Ziehung wichtiges Ländstück., das preiswe rt angcboten wird, etwa aus Atangel an Mitte ln seitens der P. L. D. C. nicht gekauft wird. Da muß der N.*F; event. vorübergehend einspringen. Redner ver* breitet sich über die Art des Zusammenwir* kens der Institutionen und weist nach, wie kläglich gering die Mittel derselben, insbeson* dere jene der P. L. D. C., sind. Er spricht so* dann über deren kolonisatorische Aufgaben und appelliert an die Versammlung, zur Popularisie* r,ung der P. L. D. C. das ihrige beizutragen. Redner geht dann auf die Kulturfrage über und zeigt, daß eigentlich zwei Fragen darin mit einander konkurrieren. Es handelt sich einerseits um die Kulturzentrumsbedürfnisse des Diasporajudentums, die in einer Universi* tät und einer Akademie gipfeln, und den Kul* turentwicklungsbedürfnissen Palästinas. Redner befürchtet, daß die überwiegende Erfüllung der ersteren für das Palästinajudentum sehr schäd* lieh wirken könnte, etwas, worauf seines Wis* sens noch niemand hingewiesen habe. Redner glaubt nicht, daß wir eine wirklich kulturell bodenständige, mit der Scholle verwachsene Jiu denheit dereinst in Palästina besitzen werden, wenn wir bei den palästinensischen Kulturan* stalten das .erstgenannte Interesse werden vor* wiegen lassen. Redner wendet sich gegen die „Kultur als Schlagwort“ und meint, auch hier* bei können wir nur Bedingungen und nicht Dinge schaffen. Zum Schluß bespricht Redner die Anregung gen zur Vereinigung aller Palästinaorgamsa-, tionen Er stehe der Sache skeptisch gegenüber wegen der verschiedenen Weltanschauung der in v Palästina wirklich arbeitenden Körperschaften, Alliance, Ica, Hilfsverein und Zionismus. Da gibt es keine mechanische Vereinigung. Auch diese Sache muß organisch, und zwar auf dem Boden Palästinas selbst, hervorwachsen. Die Jisthuw daselbst wird bald so weit erstarken, daß sie z. B. gegen die Art der Arbeit der Alliance in einer Weise Stellung nehmen wird, daß diese zu einer Aenderung gezwungen wer* den wird. Aehnlich war es ja auch imit der Bewegung zur Verselbständigung der Hirsch* kolonien. Unsere Aufgabe sei es, das pälästi* nensische Judentum zu einem positiven, geschlossenen und lebendig sich entwickelnden Element zu machen, um es immer mehr zu befähigen, seine Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Hiezu haben wir die „Bedingungen“ zu schaf* fen, d. h. die Institutionen und Arbeitsmethoden äuszubilden und anzmvenden, intellektuelle Kräfte, quasid as Beamtentum hinsenden, der Entwicklung der Bevölkerung zur Selbständigkeit dürfen wir aber keine Schranken auferlegen, sondern sie zu fördern ist für uns eine wichtige Aufgabe. Redner schließt mit den Worten: Erst dann, wenn das palästinensische Judentum imstande sein wird, selbst die Führung zu übernehmen, können wir jeden Zweifel an die Zukunft des Judentums bannen. Das Ritualmordmärchen im Dienste der rumänischen Regierung. Anläßlich Ider Kammerwahlen hat die antisemitische rumänische Regierung sich der gemeinsten Mittel bedient, um die Stimmen der Wähler an sich ziu reißen. Die Agenten der herrschenden konservativen Partei haben an Verhetzung der Bauern und städtischen Massen das Möglichste geleistet. Die Wahlparole lautet aucn diesmal: „Gegen die Juden!“ Am flachen Lande und in den Bukarester Vorstädten wurden u. a. Wandkalender verteilt, die an Gemeinheit und Bösartigkeit alles übertreffen. Der Kalender trägt eine Illustration, die nach der Art der Bilder, wie sie seinerzieit aus Anlaß des'Prozesses von Tysz a-E ß 1 a r verbreitet wurden, das Märchen vom Ritualmorde veranschaulicht. Auf dem Bilde sieht man auf einem Tische ausgestreckt die Gestalt eines nackten jungen Weibes, die Romania darstellend, der von den Ritualmördern Blut abgezapft wird. Der Chef der liberalen Partei, Joan Bratianu, als Judenweib gekleidet, bringt eine Schüssel zum Auffangen des Blutes, und der konservativdemokratische Politiker Paul Brataschanu, gleichr falls als altes Judenweib dargestellt, fängt das aus dem Halse der abgeschlachteten Romania fließende Blut in einer änderen Schüssel auf. Ah Schlächter ist der Chef der konservativ-demokratischen Partei, Take Jonescu, in der Gestalt eines Rabbiners dargestellt; das Messer, mit dem er den rituellen Mord begeht, hält er zwischen den Zähnen, eine^seiner Hände liegt dem Opfer auf dem Kopfe, die andere auf dem Rücken. Neben ihm steht ein Jude, der Großpächter Moli Fischer, der voller Freude den Mord betrachtet. Die Hände der Romania wurden von ehemaligen-Justizminister B ad a rändern intimsten politischen Freunde Take-Jonescus, und ihre Füße von einem anderen konservativ-demokratischen Politiker festgehalten. Neben Badaran sieht man den alten Demokraten und Volkstribunen Fleva als alten Juden, und im Hintergründe liest ein Jude, der die Züge eines bekannten Zeitungsherausgebers .trägt, das demokratische Blatt „Adeverul“'. Dieses Bild trägt als Rahmen die Gestalt Take Jonescus als Beizebub, der einer dreiköpfigen Schlange,' den Brüdern Bratianu, die Hand reicht. Und über dem Bilde ist folgende Inschrift zu lesen: „Von Juda Ischarioth Botschaft. Es hat sich in dieser Zeit ereignet, daß Beizebub die Hand der ungläubigen und verlockenden Schlange gereicht hai (Anspielung auf das Wahlkartell zwischen Taku Jonescu und Bratianu), um mit ihrer, ganzen Schar das Lamm Gottes zu opfern, so wie es geschrieben steht im talmudischen „Adeverul“; und der Oberpriester Take Jonescu, der Vollbringer des Willens Mosis, freut sich mit Joan Bratianu^de^. dem Allerhöchsten zum Trotze vergossenen. Blutes.“ — Chef der rm manischen Regierung ist heute Carp, dessen Ernennung seinerzeit von den Juden Rumäniens mit Freuden begrüßt wurde, weil Carp im Rufe eines Judenfreundes steht. Der Korrespondent der „Jüdischen Zeitung“ hat schon anläßlich der Ernennung Carps der Meinung Ausdruck gegeben, daß es Carp nicht gelingen werde, der rohen, - antisemitischen Instinkte seiner Parteigenossen Herr zu werden. Das- Vorgehen der rumänischen Regierung hat diese traurige Prophezeiung bestätigt. Wer auch heute in Rumänien das Staatsruder führt, den Juden blüht das gleiche Los. , Panislamismus u. Panjudaismus* Oer „Osmanische Lloyd“ das offizielle deutsche Organ in der Türkei, beschäftigt sich in seiner Nr. 55. vom 5. März d. J. in einem langen Artikel unter dem Titel „Panslawismus und Panjudäismus“ mit der am 1. März durchgeführten Zionistendebatte in der türkischen Kammer. In dem Artikel'Wird zu Eingang eine Paralelle zwischen dem Panslawismus und den alljüdischen Bestrebungen des Zionismus gezogen. „Wir sehen“, sagt der Artikel, „wie die slawischen Nationen sich als Zweige eines Stammes zu erfassen suchen und unter dem Banner des Panslawismus zusammen scharen. Wir sehen, wie die fortgeschrittensten und geistig bedeutendsten der Israeliten fast aller Länder die zwischen ihnen entstandenen Sdirankcnfallen lassen und eine panjudäische Bewegung einleiten, die die Zusammenfassung aller nationalen Kräfte im Schatten der alten Davidsburg unter den Mauern von Zion zum Ziele hat.“ Das Hauptorgan des Panslawismus, die „Nowoje Wremja“ in Petersburg habe, so führt der Artikel weiter aus, kürzlich das jungtürkische Komitee angegriffen, weil es die phantastischen Ideen des Panslawismus ermutigte, von welchen dem russischen Staate Gefahr drohe, da sich die die Mohamedaner Rußlands angeblich im Zeichen des Panslawismus national zu organisieren trachten. Diese Gefahr, sagt der „Osmanische Lloyd“, sei für Rußland ebensowenig vorhanden, wie der Türkei aus den zionistischen Bestrebungen eine Gefahr drohe. Die ganze Existenzberechtigung des Zionismus liegt in der Abstraktion von allen nationalen Verschiedenheiten, wie sie auf dem Boden Europ,as bestehen, und in der Anerkennung des jüdisch-nationalen Gedankens. Die Auffassung eines griechischen Blattes, der Zionismus sei nichts als ein Nachtrab des Germanismus, sei unrichtig. Wenn wir diesen Zusammenhang bestreiten, so soll damit nicht gesagt sein, daß nicht .viele Deutsche für die von bedeutenden Männern, die der Menschheit angehören und nicht nur dem Judentum, mit so vieler Warmherzigkeit und so viel Energie vertretene Idee des Zionismus Sympathien hegen, aber die. Zionisten als Träger des Deutschtums zu betrachten, wäre grundfalsch und hieße die ganze Bewegung mißverstehe n.“ Am Schlüsse schreibt der „Osmanische Lloyd“: „Was aber" in Rußland geschehen ist, ist auch im Zentrum der mohamedanischen Welt, in der Türkei nicht unmöglich. Langsam und zögernd betritt diese die Bahn der wirtschaftlichen Entfaltung. Ihre große, Gebietsausdehnung läßt Raum für das Zusammenwirken vieler Kräfte, die sich nicht gegenseitig aufheben oder lähmen, sondern die sich ergänzen und Hand in Hand schaffen können. Die Türkei braucht solche von draußen kommende Kräfte, da in einem kapitalarmen Lande der Anstoß der wirtschaftlichen Entwicklung nur .vom Jenseits der Grenzen kommen kann. Die politische und nationale Unduldsamkeit wäre daher ein gefährlicher Luxus, der die Entwicklung des Landes ernstlich, hemmen könnte. Das jungtürkische Komitee hat diese Wahrheit in vollem Umfänge erkannt. Es hält darauf, daß d ie Türkei, was sie stets gewesen ist, das Land der Toleranz in jeder Hinsicht bleibt. In diesem Sinne hat der Großwesir die antisemitischen Reden der Herren von der Volkspartei und der übrigen Oppositionspartei beantwortet. Obwohl wir hierbei nicht vergessen, daß dieser plötzlich in Erscheinung getretene Antisemitismus nur eine Waffe war, die man nach dem Gebrauche vielleicht wegwerfen wird, müssen wir es doch beklagen, daß mchamedanische Abgeordnete eine andere Religionsgemeinschaft in. derselben Weise bekämpfen wollen, in der in Rußland ihre eigenen Glaubensgenossen bekämpft worden. Ein russischer Mohämedaner hat sich im „Jeune-Turce“ schon über das Widersinnige dieses Vorgehens ausgelassen. Möge man sich das recht zu Gemüte führen.“ Aus dem jüdischen Leben. Antitaufbewegung in Deutschland. In einer von mehreren hundert Gemei-demitgliedern besuchten, vom Neuen Jüdischen Gemeindeverein in Berlin einberufenen Versammlung wurde nach einem Referat des Herrn Rechtsanwalts Dr. A. Klee und nach warmer Empfehlung durch - die Herren Fabrikdirektor E. Lichten stein und G. Spi.ewkowski folgende, von Herrn Dr. J. Zwirn eingebrachte Erklärung einstimmig angenommen: Die am 21. Februar 1911 in den Residenz-Sälen tagende, vom Neuen Jüdischen Gemeindeverein einberufene Versammlung jüdischer Gem.-Mitglieder begrüßt das Erscheinen des Gemeindeblattes mit lebhafter Genugtuung, weil es einem oft, auch vom Neuen Jüdischen Gemeindeverein, ausgesprochenen Bedürfnis der Gemeinde abhilft. Insbesondere hält sie die regelmäßige Veröffentlichung der aus dem Judentum Ausgetretenen für ein geeignetes Mittel, dem Abfall vom Judentum wirksam entgegenzutreten und die Aufmerksamkeit -unserer jüdischen Gemeinschaft auf diesev traurige Erscheinung zu lenken. Die Versammlung spricht die Erwartung aus, daß die Veröffentlichung dieser Listen auch weiterhin konsequent durchgeführt werden wird. * Die im Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde Berlin erfolgte Veröffentlichung der Liste derjenigen, die aus dem Judentum ausgetreten sind, scheint von denjenigen, die sich zum Austritt entschlossen haben, wenig angenehm empfunden worden zu sein. Ein jüdischer Jurist, der im Begriffe stand, sich taufen zu lassen, hat sich beim Herrn Polizeipräsi-, dehten beschwert und das Einschreiten desselben verlangt. Der Polizeipräsident aber soll dem Herrn bedeutet haben, daß hierzu gar kein Anlaß vorliege, da solche Publikationen rechtlich gar nicht zu beanstanden seien, was sich der . Herr Jurist eigentlich auch schon selbst hätte sagen können. Er habe den Beschwerdeführer auch darauf hingewiesen, daß die Namen