Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NRTIDNFIL JJDECHE5 OREflN Erscheint wöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Lfejchtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich v°n 11—12 Uhr vormittags und 4 -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjihr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Für das übrige czaczoGg3Gg3Ga3Ga3CB3cg3cao Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. cKJCBocaacaaesoczaczacaacao Nr. II. Wien, Freitag den 17. März 1911. V. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Sdtekelaufruf. Die Entweihung der Märzgräber. Unsere Palästinapolitik. Das Ritualmordmärchen im Dienste der rumäni- _ sehen Regierung. Panislamismus und Panjudaismus. Dia Antitaufbewegung in Deutschland. Dia Juden in der Schweiz. Dia Landtagswahlen in der Bukowina. Die Krankenpflege bei den Juden. Parteinachrichten. Vereins- und Versammlungsnachrichten. Ueberläufer. Jüdischer,. Nationalverein für Österreich. Dienstag, den. 21. März 1911 findet um 8 Ulir abends im Cafe Residenz, Wien, 1. Franz Josefsquai 81, die S. ordentl. Eeneralversammlung statt. , ■■■. .•• .... Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Reichsratabgeordneten Adolf Stand über die politische Lage, 2. Bericht über die Vereinstätigkeit, 3. Neuwahl, 4. Eventualia. Der Vorstand des Jüdischen Nationalvereines für Österreich. Zionisten! Sammelt den Schekel! Wie alljährlich, ergeht dieser Ruf an Euch und wie alljährlich soll er Euch willkommen sein. Ist es ja unser Stolz, daß der Aufwand der zionistischen Zen® tralleitung nicht aus ängstlich angehäuften Fonds, sondern durch die stetig quellende Begeisterung unentwegter Beken® ner gedeckt wird. Moses hat einst die waffenfähigen Männer nach den von ihnen entrichteten Schekeln ge® zählt. Heute ist uns im Kampfe um die Wieder^ erlangung unseres geliebten Landes der Schekel jedes Volksgenossen, ob Mann, ob Weib, ob Greis, ob Kind, gleich wertvoll. Der. Staat Oesterreich hat bei der jüng® sten Volkszählung das Bekenntnis zur jüdischen •Nation verpönt, darum werdet 'Ihr Euch doppelt freudig als Juden bekennen. Gehet zu Eueren Brüdern und Schwestern, rührt an ihr Herz, weckt das schlummernde, jüdische Gefühl, befreit den gefesselten Willen zu einem neuen jüdischen Leben, zum Zionis® mus, und sammelt bei ihnen den . Schekel, dies kostbare Symbol, daß sie mit uns eines.Sinnes geworden. Der Schekel gibt das Recht, an der Wahl zum nächsten Zionistenkongreß teilzunehmen. Im August d. J. tritt der 10. Kongreß in Basel zusammen. Er soll über das bisher Erreichte Rückschau halten und die Zen® tralleitung den Bedürfnissen einer nationaLdemokratischen Wahlbewegung und einer energischen praktischen Palästirtaarbeit anpassen. Die ■ österreichische Landsmannschaft wird auf diesem Jubelkongreß in einer ihrem nationalen Wert und ihrer Opferwilligkeit für alle Parteizwecke würdigen Stärke erscheinen. Unser Distrikt darf hier nicht zurückstehen. Wenn Ihr mit uns wollt, daß er ein starkes Fähn® lein Delegierter stelle, dann auf, ohne Säumen, sammelt den Schekel! Erfüllt Euere Pflicht als Zionisten und der •Erfolg wir unsere Mühe reichlich lohnen. Das innerösterreicü Distriktskomitee: Der Präsident: Di*. Körner. Wien, im März 1911. Entweihung der Märzgräber. „Die P. T. Vereinsmitglieder werden ersucht, sich zwecks Besuches der Gräber der Märzgefallenen zahlreich zu versammeln. Der Abmarsch erfolgt etc. etc.“ Diese Ankündigungen diverser „freiheitlicher“ Wiener Bürgervereine konnte man klein gedruckt, weit, weit, hinter interessanten spaltenlangen Abhandlungen über den Hosenrock und die Operation eines allerhöchsten Blinddarmes, in den letzten Nummern der freisinnigen Tagespresse lesen. Die Einladungen — im Stile der'Begräbnisanzeigen des Vereine^|l^i^;Ji^i^^^^f^|nea,jnit Musik oder der reisenden Kaufleute — locken eine kleine, aber bunt gemischte Gesellschaft auf den Wiener Zentralfriedhof. Freiheitlichsoziale, deutschdemokratische und deutschliberale Bezirks- und Gemeinderäte umstehen die Gräber der Märtyrer. Der Obmann hält eine ergreifende Rede. Sie ist sehr freisinnig und hat in der vorjährigen Protestversammlung wegen der schlechten Pflasterung der Taborstraße zündend gewirkt. Teilnahme malt sich auf allen Gesichtern und die Morgensonne spiegelt sich wehmütig in drei Dutzend Zylinderhüten. Lauter alte' Bekannte! Dieselbe Teilnahme auf den nämlichen Gesichtern und unter den gleichen Zylinderhüten konnte man beim Leichenbegängnisse Luegers erblicken, als diese Freiheitshelden dem Sarge des gewaltigen Finsterlings nachliefen. Die gleichen Glanzhüte werden sie tragen, wenn sie sich für huldvollste Verleihung des kaiserlichen Ratstitels bedanken werden. Die Leutchen wissen eben was sich schickt. Alles zu seiner Zeit. Am 13. März sind sie pünktlich um halb zehn, streng freiheitlich, „fast“ revolutionsfreundlich. Um viertel elf strömen sie der Tramway zu. Der Obmann handelt noch heftig mit dem Reporter. Er will über seine Rede wenigstens dreißig Zeilen, fett gedruckt in mindestens zwei Absätzen und nicht zu weit „hinten“ in der „Neuen freien Presse“. Der Reporter kann „höchstens“ fünfundzwanzig Zeilen geben, klein gesetzt, zwischen dem Repertoir vom Appollotheater und dem Reformmiederinserat. . . . Die. Vorfahren dieser Gesellen hockten im Jahre 4S angstschwitzend in den tiefsten Kellern. Auf den Barrikaden kämpften todesmutige Studenten, Arbeiter und Bürger. Die im kugelsicheren Winkel schätzten krämisch die Chancen des Kampfes ab. Das' Verstummen des Kanonendonners lockte sie ans Tageslicht. Und als sie, sahen, daß die Revolution gesiegt hatte, rissen sie den Mund weit auf, hielten blutrünstige Reden, warfen überall voran. Als die Kaiserlichen wieder oben waren, sangen die gleichen Mäuler loyale Hymnen und denunzierten die Revolutionäre. Alles zu seiner Zeit! Die Nachkommen tun in einem fadenscheinigen Freisinn, weil einige Aemter, Stellen und politische Titel doch nur unter „liberaler“ Marke in Handel kommen. Haben sie ihr Plätzchen ergattert, im Parlament, in der Gemeindestube, dann ducken sie sich gehorsam unter der Fuchtel der Reaktion. Das dumme Volk' hört und sieht nichts von ihnen, nichts von dem Sn Kandidatenreden versprochenen mannfesten Kampfe um die idealen Güter und die Freiheit. Nur einmal im Jahre im März werden alte kostbare Erinnerungen ans Tageslicht gezogen, der freiheitliche Zylinder und die sozialen Hosen werden frisch aufgebügelt und man ist Demokrat, Umstürzler, Revolutionär —draußen am Zentralfri.dhof zwischen zehn und elf. — Im Jahre 48 gab’s in Wien tur wenig Juden und die Wenigen, Studenten und Bürger, waren auf den Barrikaden, in den ersten Reihen. Die Verstecke, die Keller waren judenrein. In den Reihen der Heuchler und Zaghaften war kein Jude zu finden. Heute ist’s anders! Die österreichischen Juden folgen blind dem Lockrufe des Scheinliberalimus. Die Komödianten vom Zentralfriedhofe sind ihre Führer geworden. Aber nicht lange mehr kann es so bleiben. Schon haben sich viele von der Herde getrennt, dem schmählichen Knechtdienst bei fremden Völkern und Parteien entsagt, um unter der Flagge ihres jüdischen Volkstumes als ehrliche Demokraten für Recht und Wahrheit zu streiten. Der gute Geist der 48 iger Juden ist wieder erwacht! Unsere Palästinapolitik. Von Adolf Böhm, Wien. Am 11. d. M. hielt Gg. Adolf Böhm im Vereinslokal der Vereinigung „Bar Kochba“, deren Ehrenmitglied er ist, einen Vortrag über unsere Palästinapolitik. Redner befaßte sich zunächst mit den politischen Fragen und sprach über die Lage in der Türkei. Er wies darauf hin, daß er schon früher den optimistischen Ansichten vieler Gg., nach denen die Türkei tatsächlich schon als ein parlamenta® risch regierter Staat anzusehen sei, entgegen® getreten sei. Nur einen Fehler habe er in seinen Prognosen gemacht, er habe nämlich früher das Häuflein Jungtürken als eine homo® gene Masse angesehen. Auch das war nur kurze Zeit der Fall. Heute ist die Parlamentsmajo® rität in sich zerfallen und im Streit mit dem Komitee. Aus all dem. resultiert, trotz der Stütze der Armee, eine Richtungslosigkeit der Regierung, die sich u. a. auch in dem furcht® bar langsamen Tempo der Reformgesetzgebung, der Konzessionsgewährung etc. offenbart. Die Politik gegen die Nationalitäten ist gleichfalls eine schwankende. Redner bespricht ausführ^ lieh die bisherigen Handlungen der Regierung und sagt, angesichts der labilen Verhältnisse in der Türkei und des in Bezug auf jüdische Fragen vorherrschenden Einflusses der assimi® latorischen Allianceschulen, gibt es für uns nur eine Politik: Absolut nichts verlangen, d i e Türkei nicht fortwährend 'harang u i e r e n , sondern durch Schrift und Wort aufzuklären. Das geschehe durch die Presse auch in Konstantinopel und durch Vorträge, Kongresse etc. Dr. Jacobsohn habe eine wahrhaft staatsmännische Rede in Saloniki gehalten, in der er der Behauptung, wir woll® ten Palästina von der Türkei losreißen, wirksäm entgegentrat. Redner bespricht sodann den Inhalt, den mögliche Verhandlungen', überhaupt haben konnten, und geht im Zusammenhang damit auf die speziellen Palästinafragen über. Er zeigt, daß wir für unsere Hauptaufgabe,