Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 w ah rscheinlicheinemsubalternen Beamten zur V erni chtung übergeben. Diesem aber tat es-um den Nebenverdienst leid und er verkaufte die Otiginal-Zählurigsbogen einem Drohobyczer Greisler. Sie wurden dort von einem Gesinnungsgenossen entdeckt und schleunigst nach Wien gesendet. Einigen Bogen sind sogar noch d i e amtlichen Matrikelauszüge beige h e f 1 e t. Durch die zufällige Entdeckung dieser als Makulatur verkauften amtlichen Dokumente — denn im Augenblicke der Ablieferung werden die Bogen amtliche Dokumente — kam man auf den empörenden Mißbrauch und Schwindel, der seitens der Drohobyczer Bezirkshauptmannschaft getrieben wird. Ist dieser von einer k. k. politischen Behörde frivol betriebene Mißbrauch nicht tausendmal verdammenswerter als die Schwindelei eines nichtbeamteten Abgeordneten? Abg. Stand wird in Angelegenheit dieser sonderbaren Volkszählung eine Interpellation überreichen und geeignete Schritte unternehmen, um die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. N Eine Zionistendebatte in der türkischen Kammer. Aus Konstantinopel brachten in der letzten Woche die Blätter folgende Meldung: Bei Beratung des Finanzetats griff der Führer der Volkspartei Ismael B e y den Finanzminister heftig an. Er behauptete, daß der Minister sich im Schlepptau der Zionistenbewegung befinde. Der Redner behauptet weiter, daß die letzte Anleihe in Frankreich deshalb nicht zustande gekommen sei, weil der Finanzminister mit. den Zionistenbanken arbeiten wollte. Der Großvezier erklärte die Behauptungen des Redners für Märchen und betonte in längeren Ausführungen über den Zionismus, daß die Israeliten der Türkei mit dem Zionismus nicht zu identifizieren seien, da derselbe nicht das Programm eines Volkes, sondern ein Phantasiegebilde sei. Im weiteren Verlauf der Sitzung verteidigte ein anderer Delegierter die Regierung und bezeichnete die Opposition als böswillig. Das führte zu großen Lärmszenen und zum Schluß der Sitzung. So weit die Meldung des Korrespondenzblattes. ' Eine Persönlichkeit, die mit den Strömungen und Stimmungen in den türkischen Regierungskreisen wohl vertraut ist, äußerte sich über diese Vorgänge wie folgt: Der Angriff Ismael Beys gegen den Finanzminister ist lediglich der Ausfluß der in der Volkspartei vorherrschenden antisemitischen Strömung, wobei auch der Umstand ausschlaggebend gewesen sein mochte, daß der Finanzminister aus einer getauften jüdischen Familie stammt. In diesem Angriffe hat Ismael Bey lächerlicherweise auch die türkische Nationalbank, eine Gründung Sir Ernst Cassels, als zionistische Bank bezeichnet. Cassel ist, wie bekannt, ein Assimilant reinsten Wassers und Mitglied der unter Führung Zangwills stehenden „jüdisch-territorialistischen Organisation“. Die Bank steht unter Einfluß der englischen Regierung und hat mit der zionistischen Bewegung gar nichts zu tun. Von der Regierung wurde auch dementiert, daß sie mit zionistischen Banken verhandelt und zionistische Offerte angenommen habe. In seiner Erwiderung bezeichnete der Großvezier die zionistischen Pläne als Phantasiegebilde. Diese Erklärung ist nur die Frucht böswilliger Denunziationen seitens der aus den Allianceschulen' in Konstantinopel hervorgegangenen Assimilanten, die unter Führung des berüchtigten David F r e s c o stehen. Diese haben seit Monaten einen fortgesetzten Verleumdungsfeldzug gegen den Zionismus unternommen, indem sie die türkischen Zionisten als antipatriotisch verdächtigen usw. Hiezu berichtet die offizielle „N. J. K.“ aus Konstantinopel: ln den hiesigen zionistischen Kreisen bewahrt man gegenüber den Ereignissen in der Kammer am 1. März eine ruhige Haltung. Es wird darauf verwiesen, daß es sich in der Rede des Abgeordneten Ismael Bey um antisemitische Ausfälle handelt, wie solche von Zeit zu Zeit in vielen Parlamenten üblich sind. Die Aeußerung des Groveziers, die übrigens von der „Jeni Gazetta“, dem „Jeune Turc“ und anderen Zeitungen energisch zurückgewiesen wurde, wird als eine Entgleisung aufgefaßt, zu der sich der Ministerpräsident in seiner Abwehr der antisemitischen Angriffe auf den Finanzminister hinreißen ließ. Für den Zionismus, so wird hier erklärt, bestehe > kein Grund ■ zuirgendwelcher Aufregung. Interpellation des Reichsratsabgeordneten Stand in Angelegen-. heit der Volkszählung. j Am 20. Dezember 1910 erschien ein Erlaß der k. k. Statthalterei in Lemberg, in dem sich folgender Passus befindet: „Wenn eine Person mosaischer Konfession „Jüdisch“ als ihre Umgangssprache angeben wird, soll der Konskriptionskommissär sie darauf aufmerksam machen, daß „J ü d i s c h“ als Umgangssprache nicht anerkannt ist. Falls sie dabei beharrt, ist diese Rubrik unausgefüllt zu lassen. Jeder, der auf diese Weise die Ausfüllung dieser Rubrik vereiteln wird, ist im Sinne des Gesetzes vom März 1859 mit einer Geldstrafe von 4 bis 40 Kronen, event. einer Arreststrafe von 1 bis 4 Tagen zu bestrafen.“ Dieser Erlaß ist eine vollkommen falsche Interpretation des § 30 des Volkszählungsgesetzes, auf welchen er sich beruft, ist als Androhung von Strafen für die wahrheitsgemäße Angabe des „Jüdischen“ als Umgangssprache eine Verletzung des konstitionell garantierten Rechtes der jüdischen Staatsbürger auf Wahrung und Pflege ihrer Nationalität, ihrer Kultur und ihrer Sprache und bedeutet den Zwang zu unwahren Angaben, einen Mißbrauch der Amtsgewalt zu politischen Zwecken. 2 .In Ausübung obigen Erlasses übten die Behörden, die Magistrate der Städte Lemberg und Krakau, sowie die Bezirkshauptmannschaften einen unerhörten Zwang aus, zwecks Einschüchterung der jüdischen Bevölkerung und Verringerung der Zahl derjenigen, die „jüdisch“ als ihre Umgangssprache angeben wollten. —- Der Magistrat der Stadt Lemberg veröffentlichte eine Ankündigung des Präsidenten Ciuchcinski, der für die Angabe des „Jüdischen“ als Umgangssprache sofort das Höchstmaß der im § 30 des Votkszählungsgesetzes angeführten Strafen, d. h. 40 K oder 4 Tage Arrest, ankündigte. Andere Bezirkshauptleute beeinflußten persönlich die jüdischen Kultuspräsidenten, Rabbiner und andere angesehene Personen, um sie durch Androhung von Strafen zur falschen Angabe der polnischen Umgangssprache zu bewegen. So mißbrauchten ihre amtliche Stellung die Bezirkshauptleute von Przemysl, Brody, Stanislau, Beiz. Die zur Durchführung der Volkszählung in Lemberg beorderten Kommissäre erzwanen durch Androhung widerrechtlicher Strafen ei vielen Juden falsche Aussagen, ln vielen Städten wurden die Juden gar nicht nach ihrer Umgangssprache gefragt, sondern es wurde ohne ihr Wissen „P o 1 n i s c h“ in die entsprechende Rubrik eingetragen. In manchen sogar gegen die entschiedenen, ausdrücklichen Ptoteste der betreffenden Bürger. In Sasow, Strzyzow, Kossow, Komarno, Zalosze, Mikulizcyn, Zborow, Brzezany, Wojnilow, Mikulincze, Sniatyn, Chorostkow, Gwozdziec, Mielec, Zablotow hatten die Konskriptionskommissäre keinen einzigen Juden nach seiner Umgangssprache gefragt, sondern diese Rubrik eigenmächtig mit „Polnisch“ ausgefüllt. In Telsztyn fragte der Kommissär jeden Juden, ob er polnische Buchstaben schreiben könne, und trug im Falle der Bejahung als Umgangssprache die polnische ein. — In Mikuliczyn ließ sich, der Kommissär noch 50 Heller für die Ausstellung des Bogens in polnischer Sprache von jedem Juden bezahlen. Am empörendsten ist das Benehmen der politischen Behörden denjenigen gegenüber, welche sich durch Drohungen nicht einschüchtern ließen. Bis heute wurden in Lemberg zirka 300, in Brody, Przemysl, Tarnopol, Stanislau, Die Kinder erschraken und fingen Zu weinen an- ' „Euren Vater sollt ihr schon begraben! Verstummen sollt ihr,“ schrie sie und. begann die Kinder izu schlagen. Die Kinder rannten vom Tisch fort und versteckten sich. „Mein verbittertes Herz werde ich an euch auslassen, an eurem Leib und Leben, an euren Händen und Füßen . . . ,“ brüllte sie. Schwer ließ sie sich auf die hölzerne Schlafbank fallen. Ihr Herz schlug stürmisch und sie wollte sich Luft machen. „Er soll es nichtwagen nach Hause zu kommen. Ich werde ihm Sden Kopt spalten. Den Spüleimer werde ich ihm über den Kopf ießen. Nicht erleben soll er es zurückzuommen. Sie stieß erregte Worte hervor, bis ihr plötzlich einfiel, Alles in der Stube zu zerschlagen. Mit einem Aufschrei stürzte sie zum Herd, wo das Essen stand, aber in diesem Augenblick öffnete sich die Türe und Salmin Lomine, Mendel Kossoj und Chaim der Grüne betraten mit Weib und Kind die Stube. „Gut Jom tow. Was geht hier Vor-’?“ fragte Salmin. „Wen bedient man hier?“ „Bedienen soll man ihn schon,“ antwortete Chane und wischte sich mit der Schürze die Tränen aus den Augen. „Ist er also wirklich fortgegangen?“ fragte Chaim. Das war Oel ins Feuer und Chane fing noch stärker zu fluchen an Die Gäste suchten sie zu beruhigen. „Es geht auch ohne ihn,“ sagten sie. „cs wird schon gemütlich werden,“ rief Salmen. „Setzt Euch nur!“ Da hatte Chane einen Einfall. „Nein — ich bring ihn wieder her,“ rief sie laut. Sie warf ein Tuch um und wie ein Pfeil schoß sie aus der Tür hinaus. / „Sie hat ganz recht,“ rief eine Frau. „Und noch wie,“ stimmten die Männer zu. „Wenn ich wüßte, daß der Fabrikant platzt, würde ich nicht hingehen,“ sagte Chaim. „Ich auch,“ rief Mendel. „Mojsze Leib ist ein Narr!“ \ „Ein Narr, ein Pferd ist er.“ „Ein rechtes Rindvieh!“ Chane rannte atemlos und ein wilder Zorn erfüllte sie. Heftig riß sie an der Türglocke des Fabrikanten und fluchte laut. Aus der Stube kam jemand schnell gelaufen und öffnete die Türe. Als der sie erblickte lief er ins Speisezimmer zurrück und rief: „Mojsze Leib, dein Weib ist gekommen!“ Chane kam hereingestürzt „Wo ist er?“ schrie sie, als sie Mojsze Leib nicht erblickte. „Er soll lieber im Guten nach Hause gehen!“ „Er ist nicht hier. Er ist schon fortgegangen,“ antwortete man ihr. „Ich gehe ohne ihn nicht fort,“ rief sie unter Tränen. I „Komm hervor,“ schrie sie nach einer Weile und sah sich in den Winkeln um. Keine Antwort. „Spiel nicht mit mir,“ fuhr sie schreiend fort. „Miau!“ hörte man plötzlich hinter einer Tür. Alles lachte. „Das letzte Mal sollst du schon miauen,“ rief Chane und lief nach der Stelle, woher der Laut kam. Man suchte sie aufzuhalten, aber jetzt kam Mojsze Leib aus seinem Versteck hervor. Er war ein wenig angeheitert und schnitt Grimassen, daß man sich vor Lachen krümmte. < „Sofort sollst du nach Hause gehen,“ schrie Chane. „Gewiß, gewiß,“ krächzte Mojsze Leib mit der Stimme eines alten Weibes und wackelte mit dem Kopf. Da bekam Chane einen hysterischen Anfall. Sie wart sich zur Erde, lachte und weinte in einem Atem und raufte sich das Haar. Alle erschraken. Mojsze Leib war sofort ernüchtert und suchte sie zu beruhigen. Ihm war plötzlich sehr traurig zu Mute. Als sich Chane erholte, nahm er ihren Arm und führte sie zur Tür. Er ging mit gesenktem Kopf, denn er fühlte sich schuldig. „Wie sie sich aufgeregt hat! Man hat ihr den Mann weggenommen!“ rief ein Gast, als sich die beiden schon bei der Türe befanden. Bei diesen Worten richtete sich Chane auf. Ihr -Blut geriet in Wallung und sie verspürte Lust, diesen Leuten etwas Schimpfliches zu sagen. Sie wollte ihnen wünschen, daß sie gezwungen sein sollen, bei Fremden ihr Brot zu verdienen — aber sie hielt an sich. Bloß die Tür ließ sie Mojsze Leib nicht zusperren, sondern wart sie selbst mit lautem Kracn zu. Krank und müde, mit verweintem Gesicht, schleppte sich Chane nach Hause, aber sie fühlte sich befriedigt. Ihren Willen hat sie doch durchgesetzt! \