Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 10 und Glücksritter gemacht hat. Durch Jahr- tausende erhaltene und vererbte Jüdische Volkstugenden, der eminente jüdische Familiensinn und die jüdische Mäßigkeit und Nüchternheit, Tugenden, die auch von den Feinden des Judenvolkes anerkannt _und gewürdigt werden, sind gefährdet Über diese Situation kann man sich nicht mit Scherzen und Achselzucken hinwegsetzen. Die Bekämpfung der jüdischen Spielwut kann von keiner Partei, von keiner Zweckvereinigung geführt werden. Da muß die Gesellschaft als solche eintreten, die Agitation von Mann' zu Mann platzgreifen. An dieser Arbeit, welche nationale Schutzarbeit im besten Sinne des Wortes ist sollten sich auch die jüdischen Frauen beteiligen, insbesondere aber xiie nationalgesinnten, zionistischen Frauen. Die Gefahr des Kompromisses. *) Von Dr. Oscar Nathan, Hamburg. Die Kräfte, denen die jungjüdische Bewegung das Dasein verdankt, stellen die letzte Anstrengung des Judentums dar Das müßten wir, selbst wenn wir nicht so fest davon überzeugt wären, uns sagen, um unser Pflichtbewußtsein und unsere Arbeitsfreudigkeit zu stärken. Die jungjüdische Bewegung will die Krisis im Judentum beseitigen. Wird ihr das gelingen? Es scheint, daß zu dieser Krisis eine neue, fast noch gefährlichere, hinzutritt. Es ist zu Grenzverwirrungen zwischen Jungjudentum und anderen Richtungen im Judentum gekommen. Diese Krisis heißt Kritiklosigkeit, Mangel an Unterscheidungsvermögen, politisch gesprochen Kompromiß. Aber während der niederste politische Kuhhandel ein Geben und ein Nehmen bedingt, gibt das Jungjudentum im Kompromiß unendlich wertvolle Inhalte hin und tauscht dafür ein Nichts ein! Das Zeugnis der maßegebenden jüdischen Kreise, es fange langsam an, vernünftig zu werden, - Wir reden heute so viel von Differenzierung. Wir haben den allerpolitischen Ausdruck, den Begriff „Nation“, zur Grundlage unserer Reformation gemacht. (Wir sind schon deswegen keine Reform, weil wir uns nicht *) Dieser Artikel ist der trefflich redigierten „Jüdischen Turnzeitung“ (Berlin) entnommen. Es ist von besonderem Interesse, zu beobachten, daß nun auch in Deutschland der nationale Gedanke in Parteikreisen an Tiefe gewinnt und der Protest gegen Bestrebungen, die sich zugunsten kleinlichen Tageserfolges gegen energische nationale Betätigung richten,, laut zum Ausdrucke kommt (Anm der Redaktion). vermessen, Ziele als Tatsachen hinzustellen, sondern noch auf dem Wege sind.) Unser Todfeind ist die Assimilation. Nun sollte man meinen, wir suchten unseren Stolz darin, aüf eigenen Füßen zu stehen, uns die anderen zu assimilieren, nicht den anderen uns. Weit gefehlt. Wir sind zahm, vernünftig, bedächtig geworden. Wie einer, der eine große Liebe gehegt und mit einer Geldheirat seinen jungen Menschen begräbt. Wir tun uns» ordentlich darauf etwas zugute, den Radikalismus der jungjüdischen Sturmpnd Drangperiode abgeworferi und die im Verkehr erforderliche realpolitische Kälte errungen zu haben. Glückliches Judentum! Es geht ein Sehnen nach Gleichheit durch deine Reihen. Das Meer deiner Schicksale kennt auf die Dauer keine Wellenberge, schnell und gierig ergießen sich die Wasser, die blanke Spiegelfläche wiederherzusteUen. 1 Wäre noch diese Neigung, das Judentum als totes Meer zu behandeln, dem Gedanken entsprungen, es nach außen hin als einheitlich und undurchdringlich erscheinen Zu lassen, sie könnte eine Stärke, sein. Aber weil diese Gleichmacherei nur dazu dient, Lebens- und Kraftäußerungen des Judentums den Wind aus den Segeln zu nehmen, die jedem gesunden, frischen Burschen unter uns wie ein kecker Brausewind um die Ohren pfeifen, müssen wir sie entschieden zurückweisen. Nicht nur, weil sie so manchen abhielt, überhaupt das Segeln zu lernen Der große Tag der „Regatta“ ist noch nicht da. Es herrscht dauernd Flaute. Wir haben es satt, daß das Jungjudentum erniedrigt wird zur Rolle des Lokomotivführers, schon deswegen, weil man-zu-häufig -uns das Einfahrtssignal verweigert und noch häufiger die Notbremse zieht. Einige Leute sind im Packwagen,' die meisten sehen sich vom Speisewagen aus die* Gegend an. Nun soll hier gewiß nicht schonungsloser, Prinzipienreiterei und erbittertem Chauvinismus das Wort geredet werden. Die Tugend jüdischen Gerechtigkeitssinnes ist zu alt, um gerade Stammesbrüdern gegenüber außer Acht gelassen zu werden. Wir wissen auch, daß man sich ab und zu mit Teilerfolgen bescheiden muß. Aber wir verlangen unbedingt in jedem Anhänger jene Festigkeit, die allen Sirenenrufen der Gleichmacher unter den Juden eindonnerndes „Bis hierher und nicht weiter“ entgegensetzt. Jener geschickten Herren,-die heute mit ■unseren Energien, mit unseren Gedankengängen, mit unseren Ausdrücken für ein an sich großes, aber gegenüber dem unserigen unbedingt kleines Ziel eintreten. Darum, Nationaljuden, wir wollen uns differenzieren. Auch untereinander. Wir halten - es lange /schon für abgeschmackt, zu beteuern, daß unser Nationalismus unsere staatsbürgerlichen Pflichten und patriotische Gesinnung nicht berührt. Wer uns in dieser Hinsicht denunziert, wird auch keiner Beteuerung glauben. Gar mancher, der sich an unserem Tische satt gegessen, hat schon gewünscht, unser( ständiger Gast zu sein, wenn es nicht immer den nationalen Gang gäbe, der ihm immer den Appetit verdirbt. Bedenkt, liebe Freunde, wir kochen und wir essen, um satt zu werden, um u n s zu kräftigen, und die solideste Kost, die nahrhafteste Speise, ist jener nationale Gang. Kräftigen wird das Judentum keine Paradezusammenstellung zuckriger Restaurationsgerichte, sondern schlichte, gewürzte Hausmannskost. Und eßt Ihr die allein, überlaßt aber Kompott und Nachtisch Euren Gästen, es schadet nichts. Sie sind es gar nicht anders gewöhnt. Wie in Galizien Gesetze und Verordnungen gehandhabt werden. In den letzten Wochen erregten die Korruptionsaffären einiger polnischer Abgeordneten aus Galizien in der Öffentlichkeit das größte Aufsehen. Wenn auch wir von den neuesten Enthüllungen Notiz nahmen, so sagten sie uns doch nichts Neues. Denn wir wissen es zu gut, daß politischer und behördlicher Schwindel in Galizien landesüblich ist und man nur zugreifen muß, um eine Schweinerei aufzudecken. Der Fall, über welchen wir aber heute zu berichten haben, ist so kraß, daß wir im ersten Augenblicke stutzig wurden und nicht zu glauben vermochten? daß seitens .einer österreichischen politischen Behörde derartiges verbrochen werden könnte. Vor einigen Tagen erhielt der Gesinnungsgenosse Reichsratsabgeordneter Stand ein umfangreiches Paket, in welchem sich einige hundert Volkszählungsbogen aus dem Jahre, 1910 befanden, d i e von der Drohobyczer Bezirkshauptmannschaft als Packpapier an Greisler abgegeben wurden. Die Bogen, deren . Angaben als Amtsgeheimnis zu betrachten sind, wurden, da sie durchwegs von Juden stammen und in der Umgangssprache mit „j ü d i s c h“ ausgefüllt sind, von der Bezirkshauptmann schaftdurch I andere gefälschte ersetzt und Mojsze Leib ließ den Kopf hängen. „Du hast ihm gewiß versprochen zu kommen,“ fuhr Chane fort. Er stellte sich zum Fenster, schrieb mit den Fingern auf den Scheiben und schwieg. „Hast du es versprochen,“ setzte sie ihm hartnäckig zu. „Wir wollen sehen, ob du gehst. Willst du einen Skandal hervorrufen?“ Sie warf ihm wütende Blicke zu und schlug mit einem Blechgeschirr, das sie in der Hand hielt, auf den Tisch. , „Ich frage dich, handelt so ein verständiger Mensch?“ fuhr sie schreiend fort und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. „Wieviel Branntwein soll ich 'kaufen?“' unterbrach er sie. „Kauf wieviel du willst. Was fragst du mich,“ antwortete sie. Mojsze Leib verließ die Stube. „Oj, Oj Oj,“ stöhnte Chane. „Alle Menschen, die mir Böses wünschen, sollen sein wie er :—“ * % Ihr Groß verging bald, den ganzen Tag kochte und briet sie. Mojsze Leib kaufte Branntwein, Häringe, Orangen * und Aepfel ein. „Was er nur für Einfälle hat/* murmelte sie noch immer nicht ganz beruhigt. „Den Fabrikanten unterhalten, der wird es sich auch so nicht schlecht gehen lassen! Was sich so ein reicher Mensch nur denkt ...!“ Dasselbe sagte sie auch am Abend ihrem Mann, als man sich zu Tisch setzte. Sie war zufrieden, daß sich Mojsze Leib ihrem Wunsche gefügt hatte, doch fand sie es unverzeihlich, daß er anderer Meinung gewesen war. Mojsze Leib hörte ihr schweigend zu. Er dachte daran, welche Miene der Fabrikant aüfsetzen werde. „Hinausschmeißen wird er mich doch nicht," sagte er sich. In der Stube war es jetzt rein und hell. Chane hatte die Feiertagskleider angezogen und ihr Gesicht sah verjüngt aus. Auch die vier Kinder hatte sie herausgeputzt. Mojsze Leib sollte es nicht bereuen, daß er zu Hause geblieben war. -Doch kaum hatten sie sich zu Tische gesetzt, als der vierzehnjährige Sohn des Fabrikanten die Stube betrat. - „Seht nur, wie er es sich bequem gemacht hat,“ rief der Junge. „Der Vater läßt dir jagen, daß du gleich kommen sollst!“ Mojsze Leib lächelte und sah sein Weib an. Chane warf dem Jungen wütende Blicke zu. „Komm nun, komm,“ wiederholte der Kleine und zog Mojsze Leib beim Aermel. „Was, komm nun, komm,“ schrie Chane. „Ohne ihn könnt; Ihr Euch wohl nicht unterhalten?“ „Komm nun endlich,“ rief der Junge ungeduldig. „Ich soll ohne dich nicht zurückkommten.“ „Ich werde nach dem Essen kommen, sagte Mojsze Leib. „Was dir nicht einfällt,“ schrie Chane. „Mojsze Leib, du wirst dich nicht vom Plätze rühren . . -.!“ Der Knabe kümmert sich nicht um sie und sucht Mojsze Leib fortzuziehen. „Rascher, steh auf und komm,“ rief er. „Wenn ich gesagt habe, daß er hier bleibt, dann nützt das Reden nichts,“ riet Chane. „Ohneo dich geh ich nicht fort,“ sagte der Junge. „Komm schön, komm. Bitten 'muß man ihn gar!“ Mojsze Leib blickte auf sein Weib. Der Junge zog aus einem Winkel Mojsze Leibs Mantel hervor. Mojsze Leib hatte einen Einfall. „Weißt du was, Chane! Ich gehe hin und komm bald wieder zurück.“ Chane wollte davon nichts wissen. „Laß mich in Ruhe! Du gehst nicht und dabei bleibt es,“ antwortete sie. Da traten zwei Bediente des Fabrikanten ein. „Waröm muß man dich solange bitten,“ fragte einer. „Du wirst den Herrn noch ärgerlich machen,“ sagte der Zweite. „Mein Weib läßt mich nicht gehen,“ lächelte Mojsze Leib. Chane sprang vom Stuhle auf und begann zu schreien;: „Er wird nicht gehen! Er wird nicht gehen! Er ist kein Sklave! Gibt uns denn der Fabrikant Almosen? Ich sage, daß er nicht gehen wird.“ Sie sucht die Bedienten fortzudrängen, aber diese stießen sie weg, ergriffen Mojsze Leib und führten ihn weg. S Mojsze Leib lächelte . Chane bebte vor Zorn, aber sie wußte sich keinen Rat. Als sie beim Tische vorbei kam, fiel ein Teller zur Erde und zerbrach. Das regte sie noch mehr auf. „Seine Jahre sollen verkürzt werden,“ Stieß sie endlich hervor. „O, über mein elendes Leben,“ seufzte sie und schlug sich mit den Fäusten an den Kopf.