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Jüdische Zeitung · 1911-03-10 · 10 (10.3.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NRTIONflL -JUDI5CHE3 ORGAN »MC I ■ ■ ■■ ■■■■■■■■■■■■■■■■■■ Erscheintwöchen tlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: - Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk, 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige «3cz>cz)c^cz9(zac39c29cz9 Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. raoeüsesocascaoraoeaacaocso Nr.!0. Wien, Freitag den IO. März 1911. V. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: jüdische Spielwut. Die Gefahr des Kompromisses. Wie in Galizien Gesetze gehandhabt werden. Volkszählungschikanen in Galizien. Eine Zionistendebatte in der türkischen Kammer. Vorlesung Schalom Asch. Parteinachrichten. Yereinsnachrichten. Überläufer. Jüdische Spielwut. In den letzten Tagen fanden in Wien mehrere Prozesse statt, welche seitens der Behörden gegen Hasardspieler und ihre Helfer angestrengt wurden. Die Verhandlungen, welche großes Aufsehen erregten, förderten ein für uns Juden sehr trauriges Resultat zutage: die angeklagten und verurteilten Spieler und Kaffee wirte sind ausnahmslos' Juden. Die Auswahl, welche die Polizeibehörde getroffen hat, ist nicht etwa eine einseitige, parteiische, von antisemitischen Gefühlen beeinflußte. Der Umstand, daß nur Juden vor den Gerichtsschranken standen, hat seinenGreitd.'-äi - der nicht' wegzuleugnenden Tatsache, daß besonders in den größeren Städten das jüdische Element in Spielerkreisen weitaus überwiegt, daß das Spiellaster in der jüdischen Gesellschaft geradezu erschreckend grassiert. Mit der Freude an scharfsinnig kombinierten Spielen, welche an das Vorstellungsvermögen große Anforderungen stellen und die Spieler als geistige Rivalen einander entgegentreten lassen, hat die herrschende Spielwut gär nichts gemein. Das primitive, in der Konstruktion brutal einfache, lediglich auf den Geldgewinn berechnete Zufallsspiel, endlos monoton, wird kultiviert. Im Verkehre der Partner ist jedes feinere Empfinden ausgeschaltet. Die Sucht, dem Gegner das Geld aus der Tasche zu reißen, herrscht allein vor. Das Zufallsspiel übt eine verheerende Gleichmacherei aus: Ehrsame Bürger, Zuhälter, Advokaten, Ärzte und Taschendiebe, Mütter und Dirnen sitzen enggedrängt an einem Tische. Wer die Wirkungen des Hasardspiels beobachten will, braucht nur die Rennplätze aufzusuchen. In diesem Kesseltreiben, wo neben, besser gesagt, über dem Gott Zufall der Gott Schwindel sein Zepter schwingt, tritt dfe .jüdische Spielwut als Massenerscheinung zutage. An die neunzig Prozent der Besucher sind Juden, das Geld, das in Umlauf kommt, ist fast ausschließlich jüdisches Geld, aus stallduftenden Aristokraten;.und den typischen, verdummten Hausherrnsöhnen, fragwürdigen Existenzen aus den Vorstädten und Nachtkaffees rekrutiert sich der Rest. ■ Mit Weibr^tmd-v*Kiiidr=ait-herbei. Zehnjährige und jüngere Judenkinder drängen sich an den Kassen, das Studium der Gewinnstchancen vereinigt die ehrsame Wiener Judenfrau und den ungarischen Mädchenhändler im traulichen Gedankenaustausche. Von der Geldgier und Gaunerei steigt eine Dunstwolke auf, welche alle Grenzen verschwimmen läßt. Dieser Pesthauch bleibt am Spieler haften und er schleppt ihn in sein Heim. Das Bedürfnis nach Ausgleich der Turfverluste hat schon manchen Juden zum Betrug, manche Jüdin zur Prostitution gedrängt Es muß auch der Umstand in Betracht gezogen werden, daß die Spielwut Eingang in die Häuslichkeit des jüdischen Mittelstandes gefunden hat. Die Sorte jüdischer Hausfrauen, welche tagsüber die Kaffeehäuser bevölkerte, hat sich die Veranstaltung von „Familienabenden' zur Gewohnheit gemacht, von häuslichen Zusammenkünften, welche in Spielabende, respektive Spielnächte ausarten. Geistloser Tratsch bildet die Einleitung, nach Ablauf einer Stunde bilden die wohlerzogene Hausfrau und ihre liebenswürdige Freundinnen einen Haufen erhitzter, schweißtriefender Megären, die in ihrer Leidenschaft auch die Mogelei nicht verschmähen. Die Folgen derartiger, von der Gesellschaft heute direkt sanktionierter Unsitten sind ebenso gefährlich, sicherlich aber noch abstoßender als die Folgen des Spielens in der Öffentlichkeit, in der Spielhölle und am Turf. Das Spiellaster zehrt an der Kraft des jüdischen, insbesondere des großstädtischen Mittelstandes. Der Protest dagegen ist eine traurige Notwendigkeit, kein moralisierendes Salbadern. In den letzten Spielerprozessen haben Judenfrauen weinend vor der Öffentlichkeit Klage geführt, daß die Spielwut des Mannes ihr Familienleben zerstört und die Kinder brotlos gemacht hat. Es lagen Zeugnisse vor, daß das Hasardspiel aus soliden Kaufleuten, die sich Jahrzehntelang des Vertrauens ihrer Kunden und Geschäftsfreunde erfreuten, in wenigen Wochen unzuverlässige Faulenzer Eine Purimgeschiclite. Von David Pinski. Autorisierte Uebersetzung von Hermann Blumenthal. Mojsze Leib, der Schlosser, ist der geborene Komödiant. Er versteht es, so zu unterhalten, daß man sich vor Lachen den Bauch halten muß. Wo Mojsze Leib ist, dort herrscht Fröhlichkeit, trotzdem sein Gesicht ständig bewölkt ist. Wo er steht, bildet sich gleich ein Kreis um ihn, man spitzt die Ohren und das Lachen ist nahe. Am besten versteht er es, eine alte Frau zu kopieren.. Wenn er die Unterlippe über die Oberlippe stülpt, die Hand auf die rechte Wange legt und einen ■ keifenden Ton — wie aus zahnlosem Munde — hervorbringt, bricht ein Lachsturm los. Es ist also nicht zu verwundern, daß der Fabrikant, als er am Purim die Arbeiter früher als sonst Feierabend machen ließ, Mojsze Leib zum Festmahl einlud, damit er die Gäste unterhalte. Mojsze Leib war von der Einladung nicht sehr erbaut. „Komm’ bestimmt,“ wiederholte der Herr und sah ihn forschend an. „Gut,“ murmelte Mojsze Leib und öffnete die Tür. . . „Man soll dich nicht erst holen müssen, hörst du!“ schrie ihm der Herr nach. Mojsze Leib entfernte sich und der Fabrikant schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: Was sagt man zu den Arbeitern von heute! Auf der Straße tratendrei Arbeiter auf Mojsze Leib zu: Salmin.Lomine, Mendel Kossoj und Chaim, der Grüne. „Hör’ ihn nicht,“ riefen sie. „Bleib lieber zu Hause. Wir kommen zu dir und bleiben beisammen. Geh nicht hin!“ „Warum soll ich nicht hingehen?“ fragte Mojsze Leib. „Warum? Warum?“ rief Salmen ärgerlich. „Hast du keine Familie? Hast du nicht ein Recht darauf, das Fest zu Hause zu feiern?“ Mojsze Leib schwieg. Das hatte er sich ja selbst gesagt. Darum hat er dem Herrn auch nicht bestimmt zugesagt. „Sei nicht blöd und bleib’ zu Hause,“ rief Mendel Kossoj. „Wir kommen zu dir und werden die Nacht lustig verbringen. Ihm wird auch ohne dich lustig zu Mute sein.“ „Weil er sich unterhalten will, soll deine Familie ein gestörtes Fest -haben“, bemerkt Chaim, der Grüne „Wir werden sehen“, antwortete Mojsze Leib. „Nein! Wir haben nichts zu sehen,“ riefen die Arbeiter. „Du mußt uns versprechen, zu Hause z u bleiben.“ Mojsze Leib murmelte etwas, was die Arbeiter für Zustimmung; .hielten. „Sollen wir also am Abend zu dir kommen?“ fragte Salmin. „Kommt nur, wir werden sehen,“ murmelte Mojsze Leib. „Bei Gott, du bist ein Narr,“ rief Salmin. „Du bist dümmer wie ein Pferd.“ „Pfui, wirklich ein Narr,“ sagte Mendel.' „Ein Pferd, ein Rindvieh bist du,“ rief Chaim. „Hast du denn kein Heim?“ schrie Salmen. „Wie kann man seine Familie am Purimabend allein lassen?“ fragte Mendel. „Wenn ich auch wüßte, daß er’ mich morgen hinausschmeißt, würde ich nicht hingehen. Bei mir ist auch Feiertag,“ rief Chaim. , „So ist es,“ gab Salmin zu. „Jawohl,“ erklärte Mendel. Und es blieb dabei, daß Mojsze Leib es sich noch überlegen werde. * Der Herr hat mich zum Festmahl eingeladen,“ sagte Mojsze Leib zu seinem Weib Chane, als er nach Hause kam. Er sagte es in einem Tone, als sei er sich einer Schuld bewußt. „Und was denkst du zu tun,“ fragte Chane und warf ihm einen fragenden Blick zu. „Weiß ich?“ „Du weißt nicht,“ rief sie mit erhobener Stimme. „Ich denke, daß ich gehen soll,“ meinte er. „So — und ich — und die Kinder! Sollen wir allein Zurückbleiben?“ rief sie mit verhaltenem Grimme. Er schwieg und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. „Welcher Einfall!“ fuhr sie zornsprühend fort. „Hast du dich ihm denn ganz und gar verkauft?“ „Er zwingt mich doch nicht; nur ersucht hat er mich darum,“ verteidigte er den Fabrikanten. „Weiß er denn nicht, daß du eine Familie hast,“ fuhr sie schreiend fort. „Aber was kümmerst du dich um Weib und Kind. Wir sind ganz und gar überflüssig* . . .!“ Jetzt lagen schon Tränen in ihrer Stimme. „Beruhig dich, ich geh nicht hin,“ stieß er aufgeregt hervor. „Aber wozu war das nötig,“ rief sie. Du hättest ihm gleich sagen sollen, daß du nicht kommen kannst. Wozu hast du dir es erst übferliegt?“

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