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Jüdische Zeitung · 1911-02-24 · 8 (24.2.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 8 den sei. Das hat aber Lazarski nicht gesagt. Er meinte vielmehr, es sei unangebracht, 5aus einer wirtschaftlichen eine konfessionelle Frage zu machen. Als Abgeordneter Stand dazwischenrief, e< sei eine Frage der Menschlichkeit, entgegnete Lazarski wörtlich: „Die Sprache der Tatsachen belehrt mich, daß es eine konfessionelle Frage ist.“ Das klingt schon ganz anders, und wer das Wort „konfessionell“ zu deuten versteht, weiß, daß damit eine deutliche Anspielung auf die Macht des Antisemitismus gemacht wurde. Weiters heißt es im offiziellen Kommunique, daß Lazarski sein Befremden darüber ausdrückte, warum man die jüdischen Abgeordneten des Polenklubs von der Aktion ausgeschlossen habe. Lazarski sagte aber wörtlich: „Die polnischen Abgeordneten Ihres Bekenntnisses, Kolischer, Löwenstein, Gail und besonders Gold, haben lange gearbeitet und nichts erreicht, weil sich nichts erreichen ließ.“ Das lautetschon ganz anders! - Das heißt, daß die polnischen Mitglieder des Polenklubs nicht gewillt sind, etwas zu tun. Daß sie hingegen viel tun können, beweist der Schlußpassus der Lazarskischen Rede. Dieser lautete wörtlich: „Ich liebe die Wahrheit und Aufrichtigkeit; da&im sage ich Ihnen: Wenn Sie mit uns und dem Lande sein werden, werden w i r mit Euch sein.“ Eine solche Preisgabe der innersten Pläne mag den Herren im Polenklub nicht gepasst haben! Das läßt sich schon begreifen.. Denn dieser Ausspruch bewieis zweierlei i daß das ganze Geflunker von Reduktion der Schänkeranzahl nicht ernst gemeint ist und daß die Polen die Verleihung von Schänkerkonzessionen als politisches Erpressungsmittel mißbrauchen. Der Schlußpassus läßt an brutaler Offenheit nichts zu wünschen übrig. Er besagt: „Ergebet Euch uns auf Gnade und Ungnade; lasset Euch als Majorisierungswerkzeug den Ruthenen gegenüber gebrauchen! Verzichtet auf alles, was Euch teuer ist und werdet willen- und ehrlose Lakaien! Dann werden wir Euch Konzessionen geben!“ Das jüdische Volk. blutet - unter den „Wohltaten und G n&d* mb e WyCi sah!!.. der polnischen Politik und der polnischen Behörden. Es wird sich daher hüten, der Aufforderung Lazarskis Folge zu leisten. Immerhin ist dieses neueste Vertuschungsstücklein zu begrüßen. Es öffnet allen, die noch auf die Hilfe der Polen vertraut haben, die Augen und läßt sie die Hinterlist und Heuchelei der polnischen Führer erkennen, welche nach außen Judenfreunde und Gerechte spielen, Enqueten einberufen und von Wohlwollen faseln, im tiefsten Herzen aber eingefleischte Judenhasser sind. Die letzte Heldentat der Wiener Grossjuden. Als die Kunde kam, daß zweitausend arme, verzweifelte Stammesgenossen in Galizien sich zur Abreise nach Wien rüsten, um hier den letzten Versuch zur Rettung ihrer Existenz, ihrer hungernden Frauen und Kinder zu unternehmen, gingen die Wiener Zionisten daran, den Brüdern einen liebevollen Empfang zu bereiten. Nichts lag ihnen so fern, als diesen traurigen Anlaß politisch ausbeuten zu wollen. Sie gehorchten nur der Stimme der Menschlichkeit und Brüderlichkeit und forderten die Juden aus allen Parteilagern zur Mithilfe auf. Auch an die W i ener Kultusgemeinde wandten sie sich. Sie erhielten vom Kultuspräsidenten Dr. Stern die Antwort, daßderWienerKultusratknit dieser Angelegenheit nichts zu tun haben will und daß das Vertreterlkollegium einstimmig beschlossen habe, den armen Schänkern, die nichts als politische Demonstranten seien, jede Art von Gastfreundschaft zu versagen. In letzter Stunde neuerlich zur Mithilfe angerufen, wies Präsident Dr. Stern unter Berufung auf diesen Beschluß das Ansuchen neuerlich schroff ab. Man muß den Zug der Schanker gesehen haben, die alten, abgehärmten Frauen, die gebrechlichen Greise, aus deren Zügen die Verzweiflung sprach, die auf ihrem Wege vom sympathischen Mitleid der christlichen- Wiener Bevölkerung begleitet wurden, um die ungeheure Frivolität dieser Antwort zu ermessen. Für die Repräsentanz der Wiener Juden sind jüdischer Hunger und jüdisches Elend verdammenswerte politische Demonstrationsobjekte, die man von sich weist. Dr. Stern und seine Getreuen haben nicht nur die primitivsten Gebote der Menschlichkeil verletzt,, sie haben die ehrwürdigste jüdische Tradition mit Füßen getreten. Liebevolle Aufnahme armer Brüder aus der Fremde wurde immer als die heiligste Pflicht jeder Judengemeinde gewertet. Für den verfolgten Stammesgenossen wurde gesorgt, wie für das eigene Kind. Die Wiener Großjuden aber haben mit giftigen Worten die Verzweifelten von sich gestoßen. Wenn es nach dem Willen unserer „Repräsentanten“ gegangen wäre, dann hätten die greisen Frauen und siechen Männer im Freien übernachten und die kalten Straßen hungernd durchirren müssen. Die jungen zionistischen Studenten, denen Mißachtung der jüdischen Tradition so oft und gerade von Dr. Stern zum Vorwurfe gemacht wurde, haben sich der Verlassenen angenommen und für sie gesorgt. Dieser letzten Heldentat unserer Großjuden wird die gebührende Antwort zuteil werden. Die jüdische Oeffentlichkeit wird ihr Urteil sprechen. Sie wird dafür sorger, daß diese Herren nicht 1 ange mehr in der Lage sein werden, den Ruf der Wiener Judenschaft herabzusetzen. Uebrigens hat die Kultusgemeinde Nachahmer gefunden. Die „O esterreichischisraelitische Union“, der „Hilfsverein“, die „Alliance“ und andere Vereine, in (welchen „jüdische Interessen“ von Großjuden gewahrt werden, haben jede Mithilfe verweigert. Es wird sich Gelegenheit ergeben, auch mit diesen Stützendes ^Judentums abzurechnen. Eine Versammlung der zionistischen Studenten. Das i.-ö. D.-K. lud alle zionistischen Studenten Wiens zu einer am Dienstag, den 21. d., stattgefundenen Versammlung ein,- um mit ihnen aktuelle Fragen der i.-ö. Organisation zu besprechen. Einige Hundert Studenten, darunter alle inkorporierten, kamen der Aufforderung nach und so gestaltete sich die Versammlung zu einer Kundgebung der gesamten zionistischen Studentenschaft Wiens.- Gg. Dr. Körner ieröffnete hls Obmann des D.-K. die Versammlung und erteilte dem Obmanne des „Jüdischen Nationalvereines“, Dr, Jakob Ehrlich,; das Wort, welcher in einstündiger Rede, von der Schänkerfrage ausgehend, alle Probleme der GegenJwartsarbeit besprach und insbesondere unsere Stellung zu den Kultusgemeinden beleuchtete. Der nächste Redner, jur. M. W a 1 d m a n n, widerlegte die von den Polen angegebenen Argumente gegen die Berechtigung der von den Schänkern erhobenen Klagen und kritisierte besonders die Haltung der offiziellen Juden anläßlich der Schänkerdeputation. Schließlich beantragte er die Annahme folgender Resolutionen: 1. „Die am 21. Feber im Cafe Concordia in Wien versammelten jüdischen Hochschüler sprechen ihre tiefste Entrüstung darüber aus, daß die offiziellen Vertreter der Wiener Judenschaft anläßlich der Schänkerdemonstration ihren brotlos gewordenen, unglücklichen Brüdern aus Galizien jede Gastfreundschaft versagt haben. Insbesondere aber erfüllt sie das Verhalten der Wiener Kultusgemeinde, welche den armen Schänkern kaltherzig jede Mithilfe verweigert und so die heilige jüdische Tradition der Gastfreundschaft verletzt hat, mit Bedauern und Empörung,“; 2. „Die am 21. Feber im Cafe Concordia versammelten jüdischen Hochschüler drücken dem zionistischen D.-K. ’ und dem Vorstande des jüdischen Nationalvereines für ihre weitsichtige Arbeit im Dienste des jüdischen Volkes, insbesondere für ihre opferwiljige und zielbewußte Haltung in der Schänkerfrage Dank und Vertrauen ads.\ Die Ereignisse der letzten Zeit haben deutlicher als je bewiesen, daß die zionistische Organisation in erster Linie berufen und befähigt ist, die politischen Rechte und wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Volksgemeinschaft zu wahren. Die zionistische Studentenschaft ist überzeugt, daß nur unentwegte nationale Gegenwartsarbeit die vom Führer Herzl geforderte Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Heimatland zu erwirken, vermag. Im Bewußtsein ihrer Pflicht geloben die zionistischen Studenten, Sich jederzeit und allerorten in den Dienst der national-jüdischen Interessen zu stellen und erwarten, daß die zionistischen Behörden im engsten Zusammenhang mit der jüdischen Nationalpartei sie auf diesem Wege führen werden. Die zionistische Studentenschaft Wiens erachtet es als Ehrenpflicht, dem Abg. Ernst Breiter ihre Anerkennung auszusprechen. In opferwilligster Weise ist dieser Nichtjude in schweren Zeiten unseren verfolgten Brüdern in Galizien hilfreich zur Seite gestanden. Er hat sich damit den Anspruch auf unvergängliche Dankbarkeit erworben.“ Bevor der dritte Redner, cand. ing. Buchbinder, das Wort ergriff, sprach der Vorsitzende, Dr. Körner, den Gg. Moses Waldmann, Buchbinder und G r o a g für ihre Arbeit anläßlich der Schänkerdemonstration öffentlichen Dank aus, was mit stürmischem Beifalle zur Kenntnis genommen wurde. Gg.cand.techn. Buchbinder berichtet sodann mehrere, von der „Welt“ aus der „Neuen Freien Presse“ geschöpfte Angaben, worauf noch Gg. Gross sowie Gg. Adolf Böhm dieselbe Angelegenheit besprachen. Am Schlüsse wurden die vom Gg. Wa ld,~ m a n n verlesenen Resolutionen sowie eine von einem. Studenten beantragte Resolution, in wel- . eherdem- „Jüdischen Klub“ Dank und Vertrauen ausgedrückt wurde, einhellig unter stürmischen Beifallskundgebungen angenommen. Montag, den 20. d. M., verschied im Alter von 78 Jahren die Mutter' Theodor Herzls, Frau Jea wette Herzl. Das Begräbnis fand am 22. d. auf dem Döblinger Friedhof statt. Die Verstorbene ist allen Zionisten nicht nur als Herzls Mutter teuer und wert, ihre treue Anhänglichkeit an die Zionistische Idee und die liebevolle Sorge, mit der sie ihren Sohn und seine Lebensarbeit umgab, sichern ihr unvergängliche allgemeine Wertschätzung. Es ist bekannt, daß Theodor Herzl in seiner Mutter’auch die treueste Freundin und verständnisvollste Beraterin verehrte. Frau Herzl begleitete ihn zu allen Kongressen und nahm an seinen Arbeiten innigen Anteil. Seit Theodor Herzls Tode lebte Frau Herzl in vollständiger Abgeschiedenheit. An dem Begräbnis nahmen alle zionistischen Parteibehörden und Korporationen teil. Journalistische Gefälligkeiten. Exzellenz S i e g h a r t, früher Singer geheißen, ein jüdischer Kantorensohn, der es Dank seiner Taufe und der treuen Dienste, welche er als Präsidialist im Ministerrate den christlichsozialen Antisemiten geleistet hat, zum Bankgouverneur gebracht hat, hatte das Unglück, innerhalb weniger Monate Mutter und Frau durch' den Tod zu verlieren. Zum Unglücke gesellte sich aber noch das Pech. Beide Frauen sind Jüdinnen geblieben und demgemäß nach jüdischem Ritus begraben worden. Um unangenehmen Reminiszenzen zu begegnen, mußten die Berichte über die Begräbnisfeierlichkeiten

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