Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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mmmi -jüdisches drehn Erscheintwöche ntlicfK—ReÖaktiön, Administrationund Inseratenaufnahme; IX., Liechtensteinstraße tl, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich YPÄ.J1—12 Uhr vormittags und 4>5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K hgjbjähr. K 5.—, .Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige c^c^caoGS9G59ci£3äzoäsoc|p..'? Ausland ganzjähr.- Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. --- Nr." 8. Wien, Freitag den 24. Februar 1911. V. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Der Polenklub als Kulturträger. Korruptes aus dem Polenklub. Die letzte Heldentat der Großjuden. Eine zionistische Studentenversammlung. Jeanette Herz! Journalistische Gefälligkeiten. Schöne Seelen. Der Aufstand in Yemen. Dreifacher Verrat. Preußische Pickelhauben. Aus dem jüdischen Leben. Par.teinachjrichten. Vereins- und Versammlungsnachrichten. Ueberläufer. . Der Polenklub als Kulturträger, Die Machthaber in Galizien, die Schlachzizen, halten viel auf einen guten Ruf und wünschen fürs Leben gerne, daß man sie im Westen als Kulturmenschen betrachte .und respektiere. Die Demonstration der Schanker in Wien hat die Erfüllung dieses sehnlichen Wunsches um ein gutes Stück in die Ferne gerückt. Vor den Augen der Wiener wurde ein Bild der in Galizien herrschenden rohen Willkür entrollt. Wfiten<L. aähnekn»:- sehend Waben die polnischen ’Pasenas^ara beiden Extrazügen nach'geblickt, welche 2500 freche Juden nach Wien trugen. Alle Drohungen und Wutausbrüche des Statthalters Bobrzinski und seiner Gesellen konnten diese Männer, Greise und gebrechlichen Frauen nicht zurückhälten, ihr Elend auf der Ringstraße „spazieren“ zu führen. Die ihrer Existenz grausam beraubten Schanker und Schänkerinnen haben durch ihr bloßes Erscheinen bewirkt, was den jahrelangen Bemühungen vieler Politiker und Publizisten nicht gelungen ist. Die öffentliche Meinung, die gesamte Presse wurde gezwungen, sich mit der Ungerechtigkeit und Korruption, welche im österreichischen Osten herrschen, zu befassen. Den Kulturprotzen aus dem Polenklub ist die glatte Maske vom Gesichte gerissen worden und die zivilisierte Welt blickt in die brutalen Züge gewissenloser Gewaltsmenschen. Wie schön wußte man doch die an den Juden verübte Gewalttat zu bemänteln und der zivilisierten Welt mundgerecht zu machen! Nur um das arme Volk vqm Satan Alkohol zu befreien, mußten die Konzessionen den bisherigen Inhabern entzogen und ihre Zahl überhaupt .verringert werden. Ein Argument, dem rnan sich wohl oder übel fügen mußte. Jetzt aber stellt es sich heraus, daß die den Aermsten entzogenen Schankrechte an die Reichst en verliehen werden, daß alle salbungsvollen. Ausführungen gegen den Alkoholismus eitle Vorwände, lügenhafte Beschönigung eines infamen Raubzuges waren. Die Gräfin Potocka, die Witwe des erschossenen Statthalters, eine hundertfache Millionärin, hat ein Dutzend Konzessionen bekommen, Fürst Sa pieha drei oder vier, der Antisemit R. v. Moysa zwei, kurz, was Geld, Titel und Einfluß besitzt, darf heute Schnaps ausschenken. Der Branntwein, welchen der arme Dorfjude verabreichte, war unheilvolles Gift, aber der Schnaps, mit dem die wohledle Potocka wuchert, ist natürlich himmlischer Balsam, welcher die Gemüter veredelt. Heute bereits kann konstatiert werden, daß nach der Entrechtung der jüdischen Schankwirte in Galizien viel mehr Alkohol konsumiert wird, als vordem. Die von den profitgierigen adeligen Schnapswucherern geförderte Trunksucht nimmt solche Dimensionen an, daß in den ruthenischen und unabhängigen polnischen Zeitungen eine große Gegenagitation entfaltet werden mußte. Abgeordnete vom Polenklub — bezüglich der edlen Herren Paduch, Fiedler und W i a c e k liegen bereits Publikationen vor — haben einen schwunghaften Handel mit Konzessionen eröffnet. Gegen entsprechenden Tribut an die Schlachta kann maikwieder „Gift“ ausschanken. Man muß nur die Mittel zu ausgiebigen Bestechungen und mehr wie je. Um dieses herrliche Ziel zu erreichen^ hat man mit frömmelndem Augenaufschlage und im Namen des sozialen Fortschrittes fünfzigtausend Juden ihres erworbenen (Rechtes beraubt und sie auf die Landstraße, in den Hunger und ins Elend gejagt. Der Nutzen, den die großangelegte Demonstration d£n gaUzischen Schänkern bringen wird, kann jetzt noch nicht abgeschätzt werden. Jedenfalls hat der Ministerpräsident B i e n e r t h die Verleihung von 900 Nachtragskonzessionen an alte Schänker zugesagt. An den guten Willen der Zenträlregierung, dem skandalösen Treiben der Schlachta entgegenzuwirken, kann man heute glauben. Allerdings steckt Galizien noch allzufest in den Klauen einer gewissenlosen politischen Klique, als das für die nächste Zeit gründliche Besserung zu erhoffen wäre. Aber der Anfang ist gemacht, das Rezept, wie man den Ausbeutern an den Leib kann, ist gefunden. Rücksichtslose Besprechung und Demonstration vor der breitesten Oeffentlichkeit! Diesen Gewalten wird auch der allmächtige Polenklub weichen müssen. Die Zeiten, wo der Schlachziz in ungestörter Heimlichkeit die wehrlosen Bauern und Juden knechten durfte, sind vorüber. Die Juden des Westens, vor allem die Jüdischnationalen, halten Wacht und werden jederzeit ihren bedrückten galizischen Brüdern hilfreich beispringen. Jeder Willkürakt, den man gegen sie verübt, wird der zivilisierten Welt in anschaulichster Weise zur Kenntnis gebracht werden. Die polnischen Machthaber werden sich den Gesetzen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit fügen oder aber werden sie darauf verzichten müssen, als Kulturträger vor dem Westen paradieren zu können! Korruptes aus dem Polenklub. Provisionen für gaüzische Schankkonzessionen. Die „Gazeta Poniedzialkowa“ veröffentlicht Briefe, welche die polnischen Abgeordneten Paduch, Wiacek und Fiedler an galizische Schänker gerichtet haben und in denen die Adressaten verständigt werden, daß die Abgeordneten in der Lage wären, gegen ein Honorar, dessen Höhe zwischen 200 und 5000 Kronen schwankt, neue Schankkonzessionen vom Lande Galizien zu erwirken. Das Blatt reproduziert zuerst einen Brief des Abgeordneten Paduch an den Schänker G o 1 i a. ln dem Briefe bestätigt Paduch den Empfang von 700 Kronen und fügt hinzu, wenn er die restlichen versprochenen 300 Kronen nicht erhalte, könne er in der Konzessionsangelegenheit nichts mehr unternehmen. ln einem zweiten Briefe fordert Paduch einen gewissen Dym in Krosno auf, ihm sofort 200 Kronen einzuschicken, er werde sonst seine Konzession nicht erhalten. Ein dritter Brief stammt vom Abgeordneten F i e d r , der von einem Schänker in verlangt; Wie das genannte Blatt weiter mitteilt, hat Paduch ein förmliches Bureau für Schänkerkonzessionen organisiert. Zum Beweis dessen wird ein Brief Paduchs an seinen Privatsekretär reproduziert, worin diesem aufgetragen wird, die Adressen jüdischer Schänker zu sammeln. Der Sekretär solle in einem Rundschreiben diesen Kommittenten zu verstehen geben, Paduch sei der einzige wirkliche Judenfreund im Polenklub, die anderen Abgeordneten seien Antisemiten und würden für die Konzessionen gewiß nichts tun. Am 20. d. M. ist die parlamentarische Kommission des Polenklubs zusammengetreten und hätte über diese Affäre beraten sollen. Doch getrauten sich die Parteihäuptlinge nicht, unverzüglich in dieses Wespennest zu greifen, da der Skandal zu arg werden könnte. Es wurde daher — wie erzählt wird — vorläufig eine Kommission zur Untersuchung dieser Anwürfe gewählt. Daß diese Untersuchungskommission nicht auch eine Begräbniskommission der Korruptionsaffäre werde, sorgen alle benachteiligten Kreise und nicht zuletzt die zionistische Partei, die im Interesse der galizischen Schänker diesen gemeinen Schwindel aufdecken wird. . * t Lazarskis Antwort. Die Antwort, welche der Obmann des Polenklubs, Lazarski, der galizischen Schänkerdeputation gab, liegt in zwei Fassungen vor. Die erste, von Ohrenzeugen stenographiert, lautet ganz anders als diejenige, welche von der „Polnischen Korrespondenz“ vor die Oeffentlichkeit gebracht wurde. Der Polenklub hatte erkannt, daß sein Obmann zuviel aus der Schule l geplaudert hat und rektifizierte seine Ausführungen. Dieses Vorhaben ist aber vollkommen mißlungen. So heißt es im offiziellen Kommunique, daß Abg. Lazarski sich darüber aufgehalten habe, daß aus einer wirtschaftlichen eine politische Frage gemacht wor-