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Jüdische Zeitung · 1911-02-17 · 7 (17.2.1911) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Im letzten Ende aber ist es nur der Sozialismus, der ein völliges Nivellement der Menschenkinder proklamiert. Gibt man indes die -befruchtendee Wirkung des Judentums für die -sozialistischen Ideen zu, so wird man ^weiter zugeben müssen, daß es nur der unstillbare -Drang nach Freiheit, die Auflehnung gegen den Fluch der kapitalistischen Wirtschaftsordnung 1— trotz des-„kapitalistischen Wesens“ des Judentums — und ein wie mir scheinen will: spezifisch jüdisches Mitgefühl für die Verfolgten ■war, die bedeutende Juden zu Verkündern der sozialistischen Heilslehre gemacht haben. . Jüdisch ist im Sozialismus der Gerechtigkeitssinn, der in. der alt jüdischen Gesetzgebung •zu Maximen führte, die den Zweck hatten, den unheilvollen, kapitalistischen Wirkungen des Privateigentums vcfzubeugen. Auch das will •mir scheinen, ist nicht ganz vereinbar mit dem „kapitalistischen Wesen“ des Judentums. Leugnet aber Sombart die Bedeutung des Judentums für den Sozialismus, ist er der I Ansicht, daß das natürlich unauslöschbare Wesen J des Judentums die kapitalistische Wirtschaftsordnung bedinge, dann weiß man wirklich nicht, •meint er damit das Ende des Judentums oder das Ende des Sozialismus? Mit diesen Eigenheiten, wozu noch eine gewisse- Beweglichkeit selbst der Moral hinzukomme, — die obstruse Anführung, hatten wir -bei einem Sombart am wenigsten erwartet, — Will Sombart das jüdische Wesen erschöpft haben. Vergebens frage ich mich, auf welche dieser Wesenheiten beispielsweise das jüdische Familienleben, jüdische Pietät zurückzuführen sei, auf welche die jüdische Wohltätigkeit, auf welche der Idealismus, der Tausende von Juden auf den Scheiterhaufen führte, dem Tode fürs Volkstum und ihren Glauben in die Arme, ohne daß sie erst fragten: was tragt’s oder was nützt's? Da will mir wieder scheinen, als ob dem ' Nichtjuden Sombart der Vorwurf nicht erspart werden könnte, daß er allzu zweckbedacht Fleisch und Blut in ein System gesperrt hat. Es ist nun freilich nicht unsere Absicht, das Kind mit dem Bade auszugießen. Es hieße, den Kopf in den Sand stecken, wollte man Sombarts Kritik des Judentums die starre Negation ■entgegenstellen. Da die Juden einen gewissen Einfluß auf die Entwicklung der modern kapitalistischen Wirtschaft ausgeübt haben, daß gewisse Eigenschaften bei ihnen in gutem und;in schlechtem Sinne schärfere Ausbildung erfahren haben, wer wollte das leugnen? Aber ■elementar drängt sich die Frage auf, ob das ■denn wirklich das Wesen des Judentums sei? -Es ist im letzten Grunde ein müßiger — und vom Standpunkte des naturwissenschaftlichen •Evolutionismus wohl lächerlicher — Streit, ob es angeborene und erworbene oder bloß erworbene Volks- und Rasseeigentümlichkeiten gebe. Ich habe Jünglinge voller Ideale und Freundschaft gekannt; der Beruf hat aus ihnen schäbige Geldmenschen gemacht. Bekanntlich verdirbt auch Politik den Charakter. Zur höchsten Selbstaufopferung aber reißt eine große Zeit;auch wahre Krämerseelen. Was eine Stunde im Leben eines Menschen vermag, das vermöchten nicht tausend Jahre im Leben eines Volkes? Wovon spricht Sombart also? Von den Juden, die er sieht, oder will er sagen, daß :sie sich in ihrem Wesen nicht geändert haben 'durch Tausende von Jahren? Das müßte Wun- 'der nehmen -bei einem Schriftsteller, der sonst ‘den Einfluß des Milieus auf Menschen und Ideen Wohl zu schätzen .wußte [„Kapitalismus“]. Thomas Buckle ist nicht überwunden. Nicht immer waren die Juden ein Volk von Händlern. Auch sie sind aus Nomaden Ackerbauer geworden. In der einen Hand die Kelle, in der anderen das Schwert, haben sie Tempel .gebaut. Phöriikier haben lange Zeit ihren Handel versorgt. In der Zerstreuung erst, da haben sie unter dem Zwange der Not Fähigkeiten entwickelt, die für ihre Berufs- und Sinnesart -bestimmend wurden. Sie mußten der Gewalt «den Verstand entgegenstellen und darum haben -'sie ihn gebrauchen gelernt. Welchen Wandlungen das Wesen der Volsker unterworfen ist, darüber finden sich in einem Buche, das .Sombart-nicht unbekannt ist,* sehr .'lehrreiche' Beispiele und-Gutachten- 'die' Menge. Es würde zu -.yveit führen, hier darauf einzugehen. Es warauch nicht unsere Absicht, den ungezählten .Abhandlungen über das jüdische Wesen'"selbst eine neue hinzuzufügen. Chamberlain erklärt, es a’s das Rassenschuldbewußtsein einer ungeheuren Blutschuld durch Ver- . mischung mit diametralen Rassen; Weininger : der sich krampfhaft bemüht, Ghamberlain in der Vernichtung aller jüdischen Werte zu über-; bieten, proklamiert den Feminismus als einen Gründzug des jüdischen Wesens. Frome sieht . in der . Geschichte des Judentums den Triumph der Ethik über Logik und Aesthetik. Aber ich erinnere mich, in Mark.Twaingelesen zu haben, daß man noch nach zwanzigjähriger} Lootsezeit das Wesen des Mississippi nicht kenne. Ich halte es für ein ungeheures Wagnis, das Wesen des Judentums ein für allemal erforschen zu wollen. Tausend Möglichkeiten schlummern in: diesem Volke. Aber eines kann man wohl ruhig sagen: Der Jude ist gewiß nicht weniger Kind seiner Zeit, als seine Zeit Kind seiner Wirksamkeit. Was wir heute sehen, das ist das Produkt der Geschichte, und was noch in gährender Entwicklung ist, das sind die expansiven, noch allseits anstoßenden, noch ungelösten Kräfte eines von ungeheuerem Drucke sich losringenden Volkes. A. Der Krakauer Hochsclralstreik und die zionistischen Studenten. In der am Sonntag, den 5. Februar, in Wien abgehaltenen freiheitlichen Studentenversammlung kam auch ein Vertreterder Jüdisch nationalen, Jurist Moses Wal dmann, zu Worte, .welcher erklärte: „Wir sind von den einzelnen Streikkomitees, trotzdem wir die zweitstärkste Gruppe der Wiener Studentenschaft bilden und des öfteren, wie im Falle Wahrmund, unsere freiheit iche Gesinnung bekundet haben, nicht zum Eintritt eingeladen worden. Wir erheben .aber deswegen keine Rekriminationen, denn es ist uns gleichgiltig, ob wir eingeladen werden oder nicht. Wir betrachten die jetzige Affäre nicht als Machtsondern als Rechtsfrage. Wir wünschen nicht, daß irgend eine Strömung die Universitäten beherrsche. Wir wären unter der Herrschaft der Deutschfreisinnigen ebenso übel daran, wie unter der Herrschaft der Klerikalen. ich erlaube mir da an die Resolution Schmid [Ausschluß der Juden von Hoch- und Mittelschulen], welche die Lernfreiheit in brutaler Weise bedrohte, zu erinnern und frage, wo damals die Freiheitlichen verschiedener Kouleur gewesen sind? Keine Stimme hat sich damals, als es um uns Juden ging, zum Protest erhoben. Wir wünschen daher, daß an den österreichischen Hochschulen keine Gruppe, sondern lediglich das Recht herrsche. Wir Zionisten sind bereit, die Freiheit der Hochschulen zu verteidigen, schließen uns daher dem Proteste gegen die Maßnahmen des Krakauer Senates an und werden, wenn es nottut, auch nicht davor zurückschrecken, für die Freiheit der Hochschulen in den Ausstand zu treten, unbekümmert darum, ob wir von den „freiheitliche^ Komitees“ eingeladen werden oder nicht!“ * In der Sitzung vom 9. d. M. hat die Obmännerkonferenz der jüdisch-nationalen Studentenschaft Wiens einhellig folgende Resolution gefaßt: „Die Obmännerkonferenz der jüdisch - nationalen Studentenschaft Wiens erhebt entschiedenen Protest gegen die Verletzung der Autonomie der Hochschulen, welche in der Anzeige akademischer Bürger bei der Staatsanwaltschaft und in der Inanspruchnahme von Polizei und Militär gegen die streikenden Studenten gelegen ist. Sie protestiert ferner gegen *. Zollschan, Rasseuproblem. die harten Maßregelungen der freiheitlichen Studenten und drückt den Krakauer Kollegen ihre Sympathie aus. Sie verspricht, dieselben im Interesse der Freiheit der ffochschulen und der Wissenschaft moralisch und gegebenenfalls durch einen Sympathiestreik tatkräftigst zu unterstützen.“ JemnstJmammlimüsnaclipicliten. Voranzeigen. Fit O’clock tea hei den zionistischen Frauen. Diese Veranstaltung findet am 12. März im Hotel Central, Taborstraße, statt, zugunsten des zion. Auskunftsbureaus für Auswanderer nach Palästina. Wir betrachten es als eine Pflicht aller Gesinnungsgenossen, sich an diesem Werke zu beteiligen. Das musikalische Programm wird von Künstlern ersten Ranges bestritten. Beginn 5 Uht nachmittags. Tanz ab 10 Uhr. Karten zu je Kr. 2.— im Kongreßbureau, IX., Türkenstr. 9, im Vereinsloka', Gafe City, Porzellangasse, und bei der Kassierin, Frau Rappaport, IL, Rothen Sterngasse ,6 Wien. [Ness ZionaL] Dienstag, den 21. d., im „Cafe Mocca“ I., Schottenring, Vortrag des Herrn Dr. Paul Weisengrün über „Entwicklungsmöglichkeiten des Zionismus“. Gäste, auch Damen, vvi.(kommen. Wien. [Allgemeiner jüdischer Arbeiterverein Poale-Zion]. Samstag, den 19. d. M., Souterrainsaal des „Cafe Rembrandt“, IL, Untere Augartenstraße Nr. 9 [nicht im alten Vereinslokale] ein vom „Cheiruth“ und unserer Organisation geme:'n?am veranstalte e- Vortragsabend des Gen. A. R i 1 o u t s k y, „Die gegenwärtige Lage der Poale-Zicnbewegung. Beginn S Uhr. Gäste willkommen. Wien. [Zion. Mädchenverein „Moriah“.] Montag, den 20. d. M um 3/48 Uhr abends im Lokale des „Zionistischen Zentralvereins“ IX., Türkenstraße 9, Fortsetzung des Vortrages über „Poale-Zionismus“, Gäste, Frauen und Mädchen •willkommen. Wien. [Literarischer Abend.] Sonntag, den. *«9. d. M-, halb 8 Uhr im, Ingenieur- und Architekten-Verein, I., Eschenbachgasse 9. Vortragende: Ilka Nestor, Carmen Stör, Milgied der Neuen Wiener Bühne und Benno Wünsch: Aus den Dichtungen des Schriftstellers Friedrich Porges. Karten: beim Portier des Architektenvereines und an der Abendkassa. Ein Teild es Reinertrages ist wohltätigen Zwecken gewidmet. Wien. [Cheiruth: Verein jüd.-soz. Hochschüler, II.. Stefaniestraße 2. Cafe Stefanie.] Samstag, den 18. d. M. Vortrag des Gen. Schlimowicz: „Die gegenwärtige Lage der Poale- Zionbewegung“ — Freitag, den 24. d. M. Vortrag des Gen. Dr. Hahn, über „Das österreichische Vereinsrecht“. Beginn halb 8 Uhr. Gäste willkommen. — Mittwoch, 22. d. M., 7 Uhr, im Hörsaal 33 der jur. Fakultät Vortrag des Gen. S. Kaplansky-Kaplan: „Die sozial-oekonomischen Voraussetzungen der Judenassimilation“. Wien. [Vortrag aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur.] Donnerstag, den 23. d. M. halb 8 Uhr abends, im Ingenieur- und Architekten-Verein, I., Eschenbachgasse 9, Vertrag des (Rabbiners Dr. Max Grunwald: „jüdische Geschichte und Kulturdenkmäler.“ Mit Vorführung von Lichtbildern. Eintritt frei, ohne Karten. Wien. [„Jüdische Kultur“] Am 5. März, im Kursalon literarischer Abend, an dem Schalom Asch aus seinen eigenen Werken vorlesen wird. Karten ä 6, 4, 2 und 1 Krone sind täglich von 7 bis 9 Uhr abends im Vereinslokale [II., Blumauergasse 20] erhältlich. — Der für den 13. Februar angekündigte Vortrag des jüdischen Schriftstellers Lubetzky findet am 20. d. M. im Vereinslokale [IL, Blumauerg. 20] statt. ♦ Wien. Die „Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler“ hat im Rahmen der vom akademischen Senat gegebenen Gelegenheit eine Sportsektion begründet. Vorderhand werden folgende Sportgebiete gepflegt werden: Wintersport, Schwimmen und Fechten. Anmeldungen zum Beitritt sind mündlich oder schriftlich an die „Halle“, IX., Porzellangasse Nr. 11, zu richten. Fechtstunden täglich von 7 Uhr früh bis 7 Uhr abends jm Fechtlokal der Lesehalle, IX., Servitengasse 10. Auskünfte in Wintersportsangelegenheiten erteilt H. J. U. C. Artur Polatschek, I., Wipplingerstr. 27, in Schwimmangelegenheiten H. cand. ing. Edmund Bernard, IV., Technik. Kollegen und Kolleginnen, die nicht Mitglieder der „Halle“ sind, können sich an den Sportübungen beteiligen, wenn sie eine Teilnehmerkarte im_ Betrage von K 2.— pro anno lösen. — Das Präsidium. Troppau. Am 21. v. M. hielt der zion. Verein „Jeschurun“ eine zahlreich besuchte Generalversammlung ab. Der Obmann, Herr Karl Weinreb, erstattete einen eingehenden Rechenschaftsbericht. Der Ausschuß war jederzeit bestrebt, seinen Verpflichtungen gerecht zu werden. Von Veranstaltungen sind hervorzuheben : Vortrag des Gg. Dr. Emil Kohn aus

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