Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Kommissär Wenn Sie also in dieser Beziehung Bedenken haben, so fügen Sie die Bemerkung hinzu: Nationalität polnisch. [Als ob das gesetzlicher wäre als „Umgangs* spräche jüdisch“![ . 1 cjfc: Das kann ich -ebensowenig iun, zumal ich mich .zur jü-d i s c h-e-n, nidit aber zur polnischen'Nation gehörig fühle. -;K o m m i s s ä r [verdrießlich]: Eine jüdische Nationalität gibt es doch nicht, weil die Juden kein eigenes Reich haben! Ich: Ein polnisches Reich existiert doch ebenfalls nicht und dennoch fällt es niemandem ein, die Existenz einer polnischen Nationalität bestreiten zu wollen. Kommissär [ungeduldig]: Die Polen nennen Provinzen ihr eigen, die sich nur gegenwärtig unter fremder Herrschaft befinden; die Juden aber sind immer unterjocht gewesen. [Fürwahr, eine bewundernswerte Vertrautheit mit der Altertumsgeschichte.] Ich: Mit Verlaub, Herr Kommissär! Wir haben eine ruhmreiche Geschichte; wir haben, ebenso wie die Polen, eigene Könige und ein eigenes Reich gehabt und unser Land befindet sich ebenfalls nur unter fremder Herrschaft. Wenn wir aber unsere politische Selbstständigkeit verloren haben, so ist uns damit noch nicht das Recht genommen worden, unser Nationalitätsgefühl zu pflegen. Kommissär [resigniert]: Kriterium des Begriffes „Sprache“ ist meines Erachtens: eigene 'Literatur und eigene Kultur. Diese beiden .Voraussetzungen fehlen der jüdischen Sprache. Ich: Auch das trifft nicht zu: Die jüdische Sprache besitzt bereits seit "langem eine ausgebreitete Literatur; sie hat ihre Dichter, ihre Schriftsteller, ihre Journalisten. Daß schließlich die Juden die Träger einer alten Kultur sind, das braucht doch erst nicht bewiesen zu werden. Nach dieser charakteristischen^ praktisch freilich ergebnislosen Diskussion, zog sich der Beamte, offenbar behufs Beratung, in das anstoßende Bureau des Bezirkshauptmannes zurück und das Fazit war, daß ich zu einer Geldstrafe in der Höhe von K40, der höchsten, nach § 30 des Konskriptionsgesetzes für wissent- 1 ich f a 1 sch e Angaben bei der Volkszählung, überhaupt zulässigen Strafe — verurteilt wurde. Doch gerecht muß man sein. E i n erfreuliches Moment wenigstens ist hervorgehoben worden: Der galizische Verwaltungsapparat macht bemerkenswerte Fortschritte. Denket euch, meine lieben Leser: ln einer galizischen Bezirkshauptmannschaft wird mir das Urteil sofort nach Verkündung schriftlich eingehändigt; der Rekurs, den ich zwei Tage .später überreiche, wird stante pede' in der Statthalterei — abschlägig natürlich — erledigt und schon am 20. Jänner 1911 wird mir der Bescheid eingehändigt, in dem ich aufgefordert werde, die Strafe sofort zu Händen des Amtsdieners zu erlegen, da sonst die Exekution und gleichzeitig die Versteigerung der gepfändeten Gegenstände sofort durch dasselbe Amtsorgan vorgenommen werden wird. Das ist keine Uebertreibung, sondern die trockene, wörtliche Uebersetzung eines Reskriptes der k. k. Bezirkshauptmannschaft in Tarnow vom 20. Januar 1911, sage und schreibe neunzehnhundertelf. Eines mögen sich die galizischen Machthaber merken: Das Volk, das die innere Kraft besaß, der Inquisition und den Kreuzzügen zum Trotte seine Existenz zu behaupten, wird auch vor Arrest- und Geldstrafen nicht zurückschrecken, wenn es gilt, seine nationale Eigenart zu verteidigen. Die Juden werden der Lüge solange trotzen und solange bei der Wahrheit ausharren, bis sie gesiegt hat. Tarnow, 4._ Feber 1911. Lemberger Brief. [Von unserem Korrespondenten.] Die Gememderatswahlen stehen vor der 'Türe. Unsere „patriotischen“ Glaubensgenossen stellen zaghafte Versuche an, sich als-Wahlkomitee zu konstituieren, wobei sie tausendmal versichern, daß sie keineswegs separatistische Zwecke verfolgen, sondern vor .allem das Wohl ihrer Vaterstadt vor Augen haben und nur .solche Kandidaten nominieren wollen, deren polnische Gefühle über jeden Zweifel erhaben sind. — Gleichzeitig organisieren sich in allen Stadtteilen polnische, sage christliche Wahlkomitees, die als Wahlparole die Wahrung des polnischen [!] Charakters unserer Gemeinderepräsentanz > und die Beseitigung „fremden“ Einflusses ausgeben. Als ob es an Oel gefehlt hätte, um das Feuer zu wahren, mußte gerade jetzt die Generalversammlung der Lemberger Advokatenkammer ein jüdisches Präsidium wählen. In dieser Körperschaft sind zirka 70 Prozent der Atitglieder Juden. Die Präsidentenstelle ist durch Tod erledigt. Und nun geschieht das Schreckliche. Der Vizepräsident der Stadt, Dr. Tobias Aszk e n a s e, einer der fähigsten Rechtsanwälte; wird mit erdrückender Majorität zum Präsidenten, 2 Allpolen werden zu Vizepräsidenten gewählt. Es sei hier festgestellt, daß die um die Kultusclique gruppierten Herren sich nicht schämten, offen für den christlichen Gegenkandidaten einzutreten, um, wie sie sagten, kein böses Blut zu machen. Die Minorität verläßt entrüstet den Saal, der bisherige Ausschuß legt seine Mandate nieder und das „Slowo polskie“ bringt täglich Brandartikel, die die 5 Wahl des Juden Aszkenase als den ersten Schritt zur Unterjochung des Polentums seitens der koalierten Ruthenen, Sozialisten und Zionisten bezeichnen. Dr. Aszkenase, gegen den seit seiner vor 2 Jahren erfolgten Wahl zum dritten Vizebürgermeister ein Kesseltreiben in Szene gesetzt wurde, wird täglich in der gemeinsten Weise begeifert. Er wird unter Beschimpfungen zum Zionisten gestempelt, obwohl er keinen Anlaß vorübergehen läßt, um seiner antizionistischen Gesinnung Ausdruck zu geben. Sehr schlecht steht es auch um unseren „Freund“ Löwenstein. Auch ihm geht es fast an den Kragen, ln Posen werden große Grundstücke von der preußischen Regierung käuflich erworben. Die Besitzer waren polnische Edelleute, denen vorgehalten wird, sie hätten, angesichts der Verfolgungen, denen die Polen in Preußen ausgesetzt sind, unpatriotisch gehandelt. Daß aber gerade Dr. Löwenstein den Vertrag als Vertreter eines der Verkäufer mitunterzeichnen mußte! Das dürfte dem armen Manne, der erst vor einigen Wochen für ein polnisch-katholisches Schülerinternat 2000 Kr. gespendet hat, nicht so bald verziehen werden. Difficile est satirams non scribere. Ist es angesichts obengeschilderter Vorkommnisse zu verwundern, daß auch der Streik an der Krakauer Universität, wo polnische Hörer gegen die Vorlesungen des Theologen Zimmermann protestierten, den Zionisten in die Schuhe geschoben wird? Bedarf es noch weiterer Erfahrungen, um unsere „Offiziellen“ endlich zu überzeugen, wie verfehlt ihre Leisetreterei, wie unwürdig ihre Kriecherei, wie unjüdisch und erfolglos ihre ganze Politik ist? Iwri. Parteinachrichten. Sitzung des zionistischen Aktionskomitee. Mittwoch, den 1. d. M. fand im Zionistischen Zentralhuceau zu. Köln eine Sitzung des engeren Aktionskomitees statt, an (kg die Herren Präsident Wolffsohn, Dr. O. War bürg find J. (H. Kann, teilnahmen. Einem Teil der Beratungen wohnte auch der Vorsitzende des Jüdischen Nationalfonds Herr. Dr. M. J. Bodenheimer, Köln, bei. Das E. A.-K. beschloß, das Große Aktions-Komitee für den 18. März nach Berlin einzuberufen und den zehnten Zionistenkongreß vom 9. bis inkl. 15. August in Basel abzuhalten. Mitteilungen des i. ö. D.-K. Schekelagitatic n 1911« Als Schekelwoche wurde die Zeit vom 14« bis 31. März d. Jahres festgesetzt. In der „Jüdischen Zeitung“ wird allwöchentlich ein Ausweis der eingelaufenen Schekelbeträge mit Nennung der betreffenden Korporation bezw. der Sammler erscheinen. In der Schekelwoche wird das i.-ö. D.-K. in seinem Distrikt mehrere Agitationsversammlungen abhalten. Baselreise zum X. Kongreß Die Teilnehmer an der Reise zum Kongreß werden aufgefordert sich bis! längstens Ende März beim Sekretariat des i.-ö. D.-K. Wien, IX., Türkenstraße 9, zu melden. Masken-Ball der „Meriah“. Der zionistische Mädchenverein „Moriah“ veranstaltet am 9. März im Saale des Hotel Continental eine Maskenredoute für die zionistischen Korporationen Wiens. Diese Veranstaltung soll als Ersatz für die im letzten Jahre ausgefallene, gemeinsame Makkabäerfeicr gelten. Das i.-ö. D.-K. hat seine Unterstützung zugesagt. Zur Durchführung der Vorarbeiten hat sich ein großes Komitee gebildet, dessen enge rer Ausschuß in dem Bureau IX., Türkenstraße 9, permanenten Dienst hält, Gruppenanmeldungen entgegennimmt und alle Auskünfte gern erteilt. IjTel. 14.199.] Die nächste Komiteesitzung findet Samstag, den 19. d. M., präzise 2 Uhr nachmittags im Kongreßbureau statt. Die Mitglieder des Komitees werden um pünktliches Erscheinen ersucht. Gäste herzlich willkommen. Bezaiet-Ausstelkog in Mähr.-Ostrau. Die vom mänr.-schles. Distriktskomitee veranstaltete Wanderausstellung der Kunstgewerbeschule „Bezalel“ fand in Mähr.-Ostrau unter dem Protektorate des Kultusvorstehers, Herrn Dr. Alois Hilf, im städtischen Kunst- und Gewerbemuseum statt. Einige Tage vor Beginn der Ausstellung hielt Herr Gg. Ing. Bernhard Gleitsmann einen instruktiven Vortrag über „Hausindustrie und Kunstgewerbe in Palästina“. Redner schilderte die Lage der Juden in Palästina, die Notwendigkeit der Schaffung von Erwerbsmöglichkeiten, die hervorragende Stelle der Hausindustrie und des Kunstgewerbes und die „Bezalel“-Schule seit ihrer -Gründung bis zu ihrer heutigen Entwicklung. Der Vortrag, von sehr gelungenen Lichtbildern der Schule „Bezalel“ begleitet, fand ungeteilten Beifall. Der feierlichen Eröffnung wohnten die Vertreter der politischen Behörden, der Stadtgemeinde, des Museum-Kuratoriums, des mährischschlesischen Distriktskomitees, der Kultusgemeinde und "des Rabbinates, sowie sämtlicher jüdischer Vereine von Mähr.-Ostrau und Umgebung bei. Nach einer Ansprache des Gg. Herrn Prof. Artur Hahn sprach Herr Landtagsabgeordneter und Bürgermeister Dr. Gustav Fiedler und der Präsident der Kultusgemeinde, Herr Dr. Alois Hilf, als Protektor Einlagen auf Biiohel — 41 — An* und Verkauf von Wertpapieren. Börsenordres. Darlehen auf Wertpapiere. Wechsel-Eskompte. Versicherung gegen Kursverlust. 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