Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG_Nr. 7 Handelsminister Weiskirchner und dem Statthalter von Galizien• Bobrzynski ins Einvernehmen setzen. Vorläufig d ü r f t e n voraussichtlich 900 Nachtragskonzessionen zur Verteilung gelangen. Die Abgeordneten stellten dem Ministerpräsidenten. vor, in ‘welcher Notlage sich* die Schanker befinden und wie sie nur noch eitlen Ausweg und einen Trost an den Stufen des 'Thrones zu finden hoffen. Abends reiste die Deputation nach Wien zurüdk. Bas neue Hausiergesetz. Die Skandalgeschichte des österreichischen Parlamentes ist tun ein schmutziges Blatt reicher geworden: das neueHausiergesetz ist angenommen. Bosheit und“ Unfähigkeit sind die Eltern dieser Mißgeburt. Die Regierung hat dem antisemitischen Pöbel ein paar tausend jüdische Existenzen in den Rachen geworfen Die Verhandlungen haben neuerlich bewiesen, daß all die schönen Worte von dem Schutze des seßhaften Kaufmannstandes und der Rettung des Kleingewerbes, mit welchen das neue Gesetz angekündigt wurde, nie ernst gemeint waren und man lediglich den J u d e n an den Leib , wollte. Die Regierung hat wohl in ihrem Entwürfe einen Schein von Objektivität gewahrt und von allzu brutalen Härten Abstand genommen. Aber im Ausschüsse und im Plenum wurde durch hunderte von Zusätzen und Änderungen der wahre, judenfeindliche Charakter der Vorlage enthüllt. Alle den Hausierhandel beschränkenden Bestimmungen, welche in erster Linie die jüdischen Hausierer treffen, wurden verschärft. Anderseits wurden für Gottscheer, Erzgebirgler, Tiroler, kurz für alle Hausierer, die nicht Juden sind, mildernde Ausnahmsbestimmungen getroffen. Als Dirigent der Gesetzgebungskomödie fungierte der Handelsminister W e i ßkirchner. Statt der Pflicht eines Ministers gemäß die Regierungsvorlage zu verteidigen, munterte dieser nette Regierungsvertreter den Ausschuß und die Abgeordneten dazu auf, judenfeindliche Änderungen der Vorlage zu beantragen. Bei jedem antisemitischen Vorschläge beeilte er sich zu versichern, daß die Regierung gerne bereit sei, sich den Wünschen der Antragsteller zu fügen. Er ließ durchblicken, daß ihn nur seine Stellung als Minister daran gehindert habe, die Vorlage noch rücksichtsloser zu gestalten. Und diesem Manne haben die deutschen Judenblätter nach dem Tode Luegers Weihrauch gespendet, habenihnzum Führer Wiensausgerufen! Die Beratung des Hausiergesetzes hat den Juden wiederum Gelegenheit geboten, die Zuverlässigkeit ihrer politischen «Freunde“ zu beobachten. Für das judenfeindlicheHausiergesetz haben alle deutschfreiheitlichen Abgeordneten, die getauften Juden mitinbegriffen, gestimmt, ebenso der P o 1 e n k 1 u b, mit Ausnahme der Abgeordneten Kolischer und Löwenstein. Die deutschen und polnischen Liberalen, welche den jüdischen Stimmen ihre politische Existenz verdanken, sind ungeniert für die antisemitischen Anträge eingetreten. Der Schlag, welchen die Bosheit rfer vereinigten bürgerlichen Antisemiten den österreichischen Juden versetzt hat, ist durch die Unfähigkeit dieser famosen „Gesetzgeber“ einigermaßen gemildert worden. Das Herrenhaus und die Krone, an welche das im Parlamente beschlossene Gesetz zur nochmaligen Durchberatung resp. Sanktionierunggeleitet <wird, werden es zurückweisen müssen. Nicht5 etwa aus Gründen der Gerechtigkeit und7 Billigkeit, sondern einfach deshalb, weil das Gesetz in Bezug auf Form und Inhalt unsinni; ist- 'Es enthält-Paragrafen, die einand er1 direkt zuwider laufen und basiert auf staatsrechtlichen Voraussetzungen, die nicht existieren. Beispielsweise verbietet ein Punkt den Handel mit Milch, ein folgender erklärt ihn für zulässig. En Passus bezieht sich auf die kroatische Staatsbürgerschaft. Eine kroatische Staatsbürgerschaft gibt es bekanntlich nicht In ihrem löblichen- Eifer, den jüdischen Hausierern nach Kräften zu schaden und für ihre Wahlbezirke möglichst viele Begünstigrungen herauszuschlagen, haben die österreichischen ' Parlamentarier unsinnig für jeden Antrag gestimmt So ist ein Monstrum zustande gekommen, welches das Gelächter aller vernünftigen Menschen erregt und eine treffende Illustration der gesetzgeberischen Fähigkeiten der deutschen Antisemiten bildet. Das Hausiergesetz wird neuerlich im Parlamente durchberaten werden müssen. Hoffentlich wird es einer besser gerüsteten Opposition möglich sein, den Antisemiten erfolgreich entgegenzutreten. Der Leidensweg der-polnischen Juden. Erlebnisse aus dem galzischen Volkszählungskriege 1911 Erzählt von Joachim Neiger. „V o I k s z ä h 1 u ngs k r i e g!“ Wieder ein neues Wort für das österreichische Sprachlexikon. Die polnischen Machthaber Galiziens haben das unbestrittene Verdienst, dem Sprachschätze der Kulturwelt dieses neue Wort geschenkt zu habei\. Scheinbar ein harmloses Ding dieser Konskriptionsbogen; was ist er denn? Befriedigung der statistischen Neugierde, die gleichgültigste Sache der Welt. Aber im gelobten Lande Galizien und für das gehetzte jüdische Volk gibt es keine gleichgültigen Dinge; hier versteht man es, die Volkszählung geschickt in eine VoUcsq^u ä 1 u n-g unpuwatideln. und aus d£m. harmlosen Anzeigezettel ein Matyrium für die Juden zu machen. Kaum begann, die Völkszählungsfrage aktuell zu werden, da würde schon ein wahres Kesseltreiben gegen diejenigen Juden inszeniert, die etwa - die - verbrecherische Absicht haben, im wilden Nationalitätenstreite der österreichischen Völker neutral zu bleiben und somit wahrheitsgemäß die jüdische Sprache als Umgangssprache anzugeben. Ein geharnischter Statthaltereierlaß, aus welchem bereits das unheimliche Rollen des Strafendonners zu hören war, warnte die einfältigen Juden, die es wagen sojlten, dje Wahrheit zu bekennen; heftiges Drohen im polnischen und assimilatorischen Blätterwalde, heuchlerische Aufrufe — wohlgemerkt; in jüdischer Sprache — an die „Achenu bne Jissroel“, gezeichnet von Renegaten und korrupten Kahalsatrapen; gleißnerische, auf die Dummheit einer fanatisierten Masse berechnete „Hirtenbriefe“ scheinheiliger Wunderrabbis; all dms wurde gleichzeitig in Bewegung gesetzt, um die nationalbewußten Juden zur „Besinnung“ zu bringen, mit anderen Worten, sie zur polnischen Lüge zu bekehren. Aber das jüdische Volk in Galizien ist den vereinigten Mächten der Finsternis, der Koalition von Verrat und Lüge, die Antwort nicht schuldig geblieben. Das selbstbewußte Judentum stellte sich den alliierten Korruptionisten mutig entgegen und überraschte die politischen Terroristen durch eine ungeahnte Menge mit „jüdisch“ ausgefüllter Konskriptionsbögen. Das war das erste Treffen, in welchem die Vorkämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit die Legionen der Lüge, tapfer zurückgeschlagen haben. Nun aber begann der. Guerillakrieg. Hat sich das jüdische Volk als Ganzes unbesiegbar erwiesen, so gibt ein polnischer Schlachzize die Sache noch nicht - verloren. Man greift -auf' alte bewährte Mittel zurück und es beginnt die aus Wahlzeiten sattsam bekannte Terrorisierung einzelner Juden, die Volksquälung im -wahrsten Sinne . des Wortes. Ein wahres Matyrium hatten die armen Juden zu bestehen und wie kann es da Wunder nehmen, wenn so mancher jüdische Bürger, des Gehetztwerdens müde, dem Terror weichen und eine bewußte Lüge blutenden Herzens als Wahrheit unterschreiben mußte. In erster Reihe wurde gegen die „Jüdisch“- Schreiber die Armee der Hausbesitzer, welche das Damoklesschwert der .hohen Steuer immer über ihrem Haupte hängen sehen, mobilisiert. Das geschah in der Weise, daß die vom Hauseigentümer überreichten Anzeigezettel der Mieter, sofern sie mit „jüdisch“ ausgefüllt waren, einfach nicht angenommen wurden. Der Hausherr, um sich die Last vom Hälse zu schaffen, sieht sich dazu veranlaßt,- durch Pressionen auf seine Mietsparteien dahin einzuwirken, daß sie das verhaßte Wort „Jüdisch“ durch „Polnisch“ ersetzen. Erst wenn die Beredsamkeit des Hausbesitzers nichts fruchtete, griffen die Behörden selbst ein. Ein solches „Eingreifen“ politischer Behörden in Galizien muß man selbst erlebt haben, um sich eine richtige Vorstellung zu machen. Ich will daher dem geehrten Leser, der mi,t galizischen Verhältnissen nicht vertraut ist, den Verlauf der sogenannten „Erhebungen“ und „Verhöre“, sowie meiner endlichen „Verurteilung“, ohne jeden Kommentar, getreu erzählen : Freitag, am 13. Jänner 1911 wurde ich für den darauffolgenden Samstag vor das städtische Polizeiamt geladen. Zweck:Ein Verhör. Die Angelegenheit muß eine sehr dringende sein, dachte ich mir, wenn dem Mitgliede einer ■ anerkannten Religionsgemeinschaft — das sind wir Juden doch — sein heiligster Ruhetag gestört wird. Selbstredend erschien ich pünktlich in der bezeichneten Abteilung des Polizeiamtes, wo ich zu meinem Erstaunen erfahre, daß ich der „Gesetzwidrigkeit“ beschuldigt werde, in meinem Anzeigezettel durch Ausfüllen .der Rubrik „Umgangssprache“ mit „Jüdisch“, falsche Angaben gemacht zu haben. Zuerst sucht man mich durch sachtes Zureden zu „überzeugen“; als aber die Erfolglosigkeit dieser Bemühung eingesehen wird, rückt man schließlich ganz uiiverhüllt mit der Drohung heraus, daß mich bei weiterem hartnäckigem Widerstande eine Geldstrafe in der Höhe von vierzig Kronen erwartet. Auf meine dezidierte Erklärung, daß ich tatsächlich nur jüdisch spreche und somit wahrheitsgemäß im Anzeigezettel diese Sprache und keine andere als meine Umgangssprache angeben konnte, wird mit mir ein „Protokoll“ aufgenommen und ich werde wie ein Verbrecher in Begleitung eines Wachmannes zur Bezirkshauptmannschaft „geführt“. Hier entspinnt sich zwischen mir und dem diensthabenden Kommissär folgender Dialog: Kommissär [das Reichsgesetzblatt vor der Nase]: Ich mache Sie aufmerksam, daß im Sinne der Ministerialverordnung vom 20./8. 1910 R. G. Bl. Nr. 148, nur eine der anerkannten Sprachen als Umgangssprache anzugeben ist. Nachdem die jüdische Sprache nicht zu den anerkannten gehört, fordere ich Sie auf, die-Angabe „Jüdisch“ durch eine andere zu ersetzen. Ich: Im Sinne des vorgedruckten Textes fühlte ich mich verpflichtet, in allen Rubriken des Anzeigezettels die reinste Wahrheit anzugeben. Somit konnte ich nur jene Sprache als meine Umgangssprache angeben, deren ich mich in meinem Umgänge tatsächlich bediene und diese ist eben die jüdische. Kommissär [streng]: Jüdisch ist keine Sprache, sondern höchstens ein deutsches Idiom und müßten. Sie somitkonsequenterweise „Deutsch“ als Ihre Umgangssprache angeben. Ich: Es kann eine Sprache, die von acht Millionen Menschen gesprochen wird und mit einer Menge von Worten slawischen und hebräischen Ursprunges durchsetzt ist, nicht als ein bloßer deutscher Dialekt bezeichnet werden. Aber abgesehen davon kann ich mich auch aus nationalen. Rücksichten nicht..-.zum Deutschtum bekennen, weil ich der deutschen Nation nicht angehör'e und ihr nicht ‘zugezählt Werden will. '