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Jüdische Zeitung · 1911-02-17 · 7 (17.2.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NnTIDNRL Erscheintwöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahmer IX., Liechtensteinstrafie 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11-12 Uhr vormittags und 4 -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurüekgestelll - Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland > Ganzjähr. Mk. 10—, halbjahr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.-. Für das übrige caacaoraacaocsacaacaocaacao Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. cMcgoosocsoGBocaocaooaaog» Nr. 7. Wien, Freitag den 17. Februar 1911: V. Jahrgang. AUS DEM INHALTE. Die galizischen Schanker in Wien. Das neue Hausier gesetz. Der galizische Volkszählungskrieg. Lemberger Brief. Parteinachrichten. Die Grundzüge des jüdischen Wesens. Aus dem jüdischen Leben. Vereins- und Versammlungsnachrichten. Der Krakauer Hochschulstreik. Die galizischen Schanker in Wien. Empfang und Einquartierung. ’ Dienstag, am 14. d. M., trafen um 1 Uhr resp. halb 2 Uhr früh zwei Extrazüge ein, welche die 2500 Mann starke Deputation der jüdischen Schänker nach Wien brachten. Zum Empfahge hatte sich eine vielhundertköpfige Menge auf dem Nordbahnhofe eingefunden. Zur Begrüßung waren auf dem Perron die zionistischen'Reichsratsabgeordneten, die Vertreter der zionistischen Korporationen und der Ausschuß des jüdischen Nationalvereines erschienen. Bereits ^zwei Stunden vor Ankunft der Extra- Züge war das unter der Leitung des zionistischen Distriktsobmannes Dr. J. H. Körner stehende, über 300 Mann starke studentische Empfangskomitee aufmarschiert. Dem ersten Zuge entstiegen unter Führung der Reichsratsabgeordneten Breiter und Dr. Straucher 1400 Schänker, die warm und herzlich von den Anwesenden begrüßt wurden.. Sofort entwickelten unsere wackeren Studenten, welche schon einige Tage früher ununterbrochen Vorarbeiten geleistet hatten, ihre geradezu bravouröse Tätigkeit. Mit einer Präzision und Ruhe, welche, nach Aussage der intervenierenden Polizeibeamten, einfach ohne Beispiel dasteht, wurden die Ankommenden gruppiert und in Quartieren versorgt. Wiewohl man bis zur Ankunft der Züge nur auf zirka 10C0 Ankömmlinge gerechnet hatte, wickelte sich auch die Unterbringung der mit dem zweiten Zuge einlangenden 1200 Personen rasch und glatt ab. Dr. Körner und neben ihm Jurist M. Waldmann, Techniker, Buchbinder und Ingenieur Qroag leisteten eine schier üfcermenschliihe Arbeit. In einer Stunde war die ganze Massendeputation im Quartier. * Der Demonstrationszug. Von den zionistischen Studenten aus' ihren .Quartieren geholt, trafen um 9 Uhr früh die Gruppen der Schänker im Hofe des Hotels „zum goldenen Widder“ in der Taborstraße ein. Der iZug wurde rasch formiert und bewegte sich in musterhafter Cr.-nung über die Marienbrücke, den Franz-Josefs-Quai, zum Stubenring, die ganze Ringstraße entlang über die Augartenbrücke in den zweiten Bezirk, wo sich der Zug in einzelne Gruppen auTlöste, welche dann iji die Speisehäuser geführt wurden. Der Umzug dauerte über drei Stunden und erregte das größte Aufsehen. Viele Tausende von Zuschauern bildeten Spalier und beobachteten durchwegs die freundlichste Haltung. Besondere Teilnahme erweckte die große Gruppe von Greisen und Frauen. Der fremdartige und doch so beredte Anblick jüdischen Massenelends wird der Wiener Bevölkerung lange im ^Gedächtnis bleiben. Die Abordnungen. Am Stubenring trennte sich unter -Führung der Abgeordneten des jüdischen Klubs Straucher, Stand und Mahler und des Abgeordneten Breiter eine größere Abordnung ab, begab sich ins Handelsministerium und überreichte dem Handelsminister Dr. Weißkirchner eine ausführliche Denkschrift mit den Beschwerden der Schänker. Dem Empfang wohnte auch der galizische Landsmannminister Ritter von Zaleski bei. Bei der Hofburghielt der Zug neuerlich, eine Deputation begab sich in die Kabinettskanzlei und überreichte die an den Kaiser gerichtete Bittschrift. Auch vor dem Parlamente wurde gleichfalls Halt gemacht, hier, trug die Abordnung ihre Beschwerden und Wünsche dem Obmann des Polenklubs, Lazarski, vor. Die Massenversammlungen. Um 4 Uhr nachmittags fanden im Saal und im Hofe des „Goldenen Widders“ und im Hotel Central Massenversammlungen statt, die von mehr als 5000 Personen besucht waren. Im „Goldenen Widder“ führte der Obmann des „Jüdischen Nationalvereins“, Dr. Jakob Ehrlich, den Vorätz. Er begrüßte in längerer Rede namens deif Wiener Z i o n i s t i - sehen Organisatio ne.n die Schänker, ver- . sicherte ,sie, der Anteilnahme ihrer Wiener Volksgenossen und verurteilte’in'scharfen Worten die ablehnende Haltung des Wiener israelitischen Kultusvorstandes. Nach ihm sprach, stürmisch begrüßt, Reichstagsabgeordneter Stand. Er schilderte mit wuchtigen und herzergreifenden Worten die Not der jüdischen Bevölkerung in Galizien, verdammte unter stürmischen Entrüstungsrufen der. Versammlung die unverantwortliche Teilnamslosigkeit der Polenklubjuden Löwenstein, Horovvitz und Konsorten und versprach das tatkräftige Eingreifen der jüdischnationalen Abgeordneten. Im Hofe hielt Abg. Breiter, von stürmischen Kundgebungen begrüßt,' eine längere Ansprache. — In der Versammlung im Hotel Central, Wo Doktor Landau den Vorsitz führte, sprachen die Abgeordneten Breiter, Straucher, Stand und Mahler, ln beiden Versammlungen ergriffen auch mehrere Schänker, ferner Angehörige g a- 1 i z i s c h e r und Wiener jüdischer Vereine — unter diesen auch Herr Dr. Zipser — das Wort. Die Versammlungen schlossen mit der Annahme von gleichlautenden Resolutionen, in welchen von der Regierung Abhilfe verlangt wird. * Die Verköstigung. In nicht genug zu rühmender und aufopferungsvoller Weise nahm sich der Sepiseverein „E i n h e i t“, an dessen Spitze Herr Bernhard Hofbauer steht, und der Speiseverein „Achwah“, der von unserem braven Gesinnungsgenossen Moses Hammer geleitet wird, der Schänker an. Mittags und abends genossen unsere galizischen Brüder die liebenswürdigste Gastfreundschaft dieser beiden wackeren Vereine und waren voll des Lobes über ihre liebevolle Aufnahme und glänzende Bewirtung. Die Abreise. Um zehn Uhr abends wurden die Schänker von unseren wackeren Studenten zum Bahnhofe geleitet. Hier hatten sich fast sämtliche Mitglieder des Komitees eingefumln. Ein Schänker dankte in bewegten Werten den Wiener Zionisten für ihre gastfeundliche Aufnahme. Dann wurden die bereitgehaltenen Züge bestiegen und die Schänker verließen Wien. Die Haltung des Wiener Kultusvorstandes. Während die ganze Wiener Bevölkerung, die jüdische und christliche, ihrer Anteilnahme unverhohlen Ausdruck gab, sämtliche Behörden, Polizei und Eisenbahn den armen Schänkern zuvorkommend und hilfreich entgegenkamen, treibt die Haltung des Wiener israelitischen Kultusvorstandes uns Wiener Juden die Schamröte ins Gesicht. Daß der Kultusvorstand es nicht für notwendig gefunden hat, angesichts eines herzergreifenden j üdischen Jammers die Initiative-zu ergreifen, ist bei dieser Körperschaft leider selbstverständlich. Daß aber der Präsident der Kultusgemeinde und seine willenlose Gefolgschaft den traurigen Mut besessen haben, die von dem Empfangskomitee wiederholt angesprochene Mithilfe brüsk zu verweigern, ist unsagbar herzlos. Ais dieses ganz unverständliche Vorgehen der. Wiener jüdischen Repräsentanz bekannt wurde, flammte die Entrüstung überall hell auf. Auf offener Straße machte sich die Empörung in Rufen der Erbitterung gegen die Kultusgemeinde Luft. Daß die jüdische Bevölkerung besser ist als ihr. Kultusvorstand, hat sie durch den herzlichen Empfang der Schänker bewiesen; sie wird aber auch noch vor der breitesten Oeffentlichkeit in großen Volksversammlungen jede Gemeinschaft mit dieser herzlosen, unjüdischen Gesellschaft von sich weisen. Die . Schenker in Budapest. Audienz beim Ministerpräsidenten Aus Budapest, 15. d., wird uns telegraphiert: Heute nachmittags um 5 Uhr empfing Ministerpräsident Freiherr v. Bienerth die von den Abgeordneten Dr. Mahler, Stand und Straucher geführte sechsgliedrige Deputation der galizischen Schänker, unter denen sich auch ein Schänker katholischer Konfession befand. Die genannten Abgeordneten führten dem Ministerpräsidenten gegenüber aus, daß hier einzugreifen vor allem Pflicht der Menschlichkeit wäre, da durch das Inslebentreten des Gesetzes 50.000 Menschen brotlos geworden sind. Der Ministerpräsident sprach eingehend mit jedem einzelnen Mitglied der Deputation und ließ sich genau informieren. Er führte aus, daß er mit allem Eifei: bestrebt sein werde,- die vorkommenden Härten zu mildern, und wenn es natürlich auch ausgeschlossen sei, daß alle nun brotlos Gewordenen berücksichtigt würden, so werde er ^1 ennoch trachten, daß zumindest die alten und zu einem anderen Erwerb unfähigen Schänker bei der Neuerteilung von Konzessionen in erster Linie berücksichtigt würden. Bezüglich der Schaffung von Uebergangsbestimmungen konnte der Ministerpräsident irgendwelche Zusagen nicht machen. Nachdem die Teilnehmer der Deputation, der der Ministerpräsident mit der größten Liebenswürdigkeit entgegengekommen war, sich entfernt hatten* nahm Freiherr v. Bienerth Ge- Iegenheit* eingehend mit den Abgeordneten über die eventuell zu ergreifenden, Maßnahmen zu konferieren. Er erklärte, er werde sich mit Wem

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