Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 6 zischen Kultusgemeinden und im Anschlüsse an dieselbe gewisse Wohlfahrtsinstitutionen ins Leben gerufen werden sollen. Diese Frage bejahe ich auf das entschiedenste. Ich halte eine solche Gemeindeorganisation für unbedingt notwendig, ich und meine Parteigenossen tun seit Jahren das möglichste, um eine solche Institution ins Leben zu rufen. Ich hatte bereits mehrmals im Reichsrate Gelegenheit, auf den Umstand hinzuweisen, daß, während sämtliche gesetzlich anerkannten Religionsgenossenschaften seitens des Staates Subventionen zur Deckung ihrer Bedürfnisse erhalten, die jüdische Konfession hiebei leer ausgeht. Arbeitsvermittlung und Auswanderer^!sarge. Als unser jüdischer Klub im Parlamente in dieser Angelegenheit mit dem Ministerpräsidenten Baron B i e n e r t h konferierte, erklärte derselbe, daß die Regierung mangels einer entsprechenden Organisation der jüdischen Religionsgenossenschaft nicht in der Lage sei, für diese eine Subvention ins' Budget einzustellen. Die Gewährung solcher Subventionen an einzelne Gemeinden würde den Widerspruch anderer zur Folge haben. Während jede andere Konfession nach außen hin durch ein Organ repräsentiert werde, mit dem die berufenen Faktoren in Kontakt treten können, stehen die jüdischen Kultusgemeinden lose nebeneinander, eine Anomalie, deren Beseitigung allen Ernstes angestrebt werden muß. Dann werden wir endlich in der Lage sein, bei der Regierung um jene materielle Mithilfe für unsere Kultusgemeinden vorstellig zu werden, wie sie anderen Konfessionen zuteil wird. Es handelt sich also zunächst um eine Angelegenheit von prinzipieller Bedeutung. Außerdem wünsche ich, daß im Anschlüsse an diesen Gemeindeverband zurei andere Institutionen von großer sozialer Bedeutung entstehen, und zwar ein Bureau für Arbeitsvermittlung und eine Zentralstelle für jüdische Auswanderer. Um die Arbeitsvermittlung, diesen höchst wichtigen Faktor der modernen sozialen Fürsorge, ist es bei uns noch sehr schlecht bestellt. Ein kleinstädtischer Jude, der nach Lemberg oder Krakau auf der Suche nach Arbeit kommt, würde sicher, da er die Ortsverhältnisse nicht kennt, das Opfer gewissenloser Ausbeuter; er wandert von Tür zu Tür, hungert oft tagelang, und es ist oft bloßer Zufall, wenn er endlich irgend eine Beschäftigung findet. Wenn bei allen größeren Kultusgemeinden organisierte Arbeitsvermittlungsstellen beständen, dann würde auch der jüdische Arbeiter viel leichter eine seinen Fähigkeiten angepaßte Beschäftigung finden. Nicht weniger wichtig sind die Zentralstellen für jüdische Auswanderer. Ich habe Ihnen bereits zu Beginn meiner Ausführungen Ziffern genannt, die Ihnen beweisen, welche Dimensionen die jüdische Emigrationsbewegung erreicht hat. Gibt es ein traurigeres Los, als das eines armen jüdischen Auswanderers, der nach einer W’ochenlangen, mühseligen Wanderung durch einen großen Teil 'Europas den Hamburger Hafen erreicht und, nachdem er dort von betrügerischen Agenten ausgebeutet worden ist, eine mehrwöchentliche Seefahrt absolviert, deren Begleitumstände allen Begriffen von Hygiene und Menschlichkeit Hohn sprechen, um dann, am Ziele seiner Reise, vom Auswanderungskommissär unter dem Vorwände an der Landung gehindert zu w’erden, daß er in gesundheitlicher Hinsicht den strengen Anforderungen der Einwanderungsbill nicht entspreche. Und wenn er auch diesen Leidensweg überstanden hat, dann geht er, physisch und moralisch gebrochen, ohne jede Kenntnis der Verhältnisse, ohne Rat und Hilfe, zu Grunde. Aufgabe der Emigrationsbureaus wäre es nun, durch enge Fühlungnahme mit den bedeutenden amerikanischen Fabrikszentren sich über die dortigen Arbeitsverhältnisse zu informieren und denselben sow’ohl w'ährend der Reise nach dem Hafen, als auch besonders bei der Landung in Amerika jeden möglichen Schutz und ausgiebige Hilfe zuteil werden zu lassen. Von hieraus wäre der Auswanderer nach jenem Zentrum zu dirigieren, wo er die seinen Fähigkeiten und Kenntnissen entsprechende Beschäftigung fände. Es ist unsere wichtigste Pflicht, die Gründung solcher Auswandererbureaus bei den Kultusgemeinden mit aller Beschleunigung in Angriff zu nehmen; andererseits ist es Sache des Landesausschusses, diesen Institutionen ausreichende Subventionen zu gewähren. Kulturelle Förderungen. Da einmal von Subventionen die Rede ist, kann ich nicht umhin, ein trauriges Kapitel zu berühren. Der Landtag bewilligt alljährlich Hunderttausende Kronen für kulturelle Zwecke, w'ovon bloß 3200 Kronen, das ist kaum 1 Prozent, jüdischen Institutionen zufällt, während wir 12 Prozent der Gesamtbevölkerung bilden. Ich appelliere daher an den hohen Landesausschuß, in Hinkunft auch jüdisch-kulturelle Institutionen, wie z. B. die Toynbehallen, die durch alle möglichen Mittel [Vorlesungen, Herausgabe von Broschüren, Kurse für Analphabetenetcj Kultur und Bildung unter den Juden Galiziens zu verbreiten suchen. Wir benötigen dringend gewerbliche Fachschulen und Kurse; an - jüdische Gesellen und Meister — ich hebe letztere ausdrücklich hervor — sollen Stipendien verliehen w'erden. Der jüdische Handwerker hat seine Lehrzeit unter so traurigen Verhältnissen absolviert, daß von einer gründlichen Ausbildung keine Rede sein konnte und er heute unmöglich auf der Höhe seines Berufes stehen kann. Wenn Sie mir, meine Herren, Vorhalten, daß die Juden die Töpferschule in 'Kolomea nicht frequentieren, so verweise ich auf eine gewisse Tradition, derzufolge die Juden gerade gewisse Arbeitszweige massenhaft ergreifen, w’ährend sie sich von anderen, die gerade nicht die schwersten sind, infolge meist nebensächlicher Umstände bisher ferngehalten haben. So arbeiten unzählige Juden als Schneider, Schuster, Juweliere, während sie auf anderen Gebieten seltener anzutreffen sind, eine Tatsache, mit der die maßgebenden Faktoren rechnen müssen. Solche Kurse sollen keineswegs nur in Lemberg, sondern auch in Provinzstädten errichtet werden, um jedermann die Frequentierung derselben zu ermöglichen. Die Handwerker in Lemberg besitzen in der Regel mehr Intelligenz und finden auch leichter Gelegenheit, sich in ihrem Fache fortzubilden, was in der Provinz nicht der Fall ist. Auch die Unterrichtssprache ist von Wichtigkeit. Ich bin der Ansicht, daß demjenigen Lehrling, der die polrische Sprache nicht gut beherrscht, die Anfangsgründe in der jüdischen Sprache beigebracht W’erden sollen. [Zwischenruf Dr. Mervin: Ich spreche in den kleinsten Ortschaften polnisch und w’erde von jedermann verstanden.] Ich wäre zufrieden, w’enn Ihre polnischen Reden von den Kultuspräsidenten in Lemberg und D.-ohobycz verstanden wrürdeiL [Heiterk.it.] Ich spreche mich also für eine weitgehende Förderung dieser Kurse aus. Das Intelligenzprahtcriat. Ich komme nun zu einem der heikelsten Punkte des Fragebogens. Der Landtag bittet um Ratschläge, wie man die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung besser gestalten könne. Lassen wir eine ganze Reihe von Aemtern Revue passieren. Wir finden weder beim Landesausschuß; noch bei den demselben unterstehenden Bezirksausschüssen, Bankinstituten und Versicherungsgesellschaften, die Tausenden von Menschen Lebensstellungen bieten, keinen einzigen Juden angestellt. Dasselbe läßt sich von den Magistratsbehörden in Lemberg und Krakau sagen. Entspricht dieser Stand der Dinge den Grundsätzen der Gleichberechtigung und dem' Prozentsätze der jüdischen Bevölkerung? Meine Herren! Wenn ich für einen Augenblick diese Enquete ernst nehmen und die guten Absichten derjenigen Faktoren, deren Einladung wir gefolgt sind, nicht bezweifeln soll, so könnte dies dann der. Fall sein, wenn von nun ab eine vollständige Umgestaltung der“ Verhältnisse einträte und jene Grundsätze der Verfassung zur. Durchführung gelangten, ' die den Juden' den Zutritt zu sämtlichenc Aemtern ermöglichen;. Hier handelt es sich nicht bloß um eine prinzipielle, sondern in gleichem Maße um eine .ökonomische Frage, um ein Problem, das in dem uns vorliegenden Fragebogen nicht berührt wird, um eine Sphäre des jüdischen Elends, die Ihnen, meine Herren, vielleicht mehr entrückt erscheint, als jene, die wir bisher vor Augen hatten. Es gibt ein Intelligenzproletariat, dessen Zahl stetig im Wachsen begriffen ist und der Aufmerksamkeit ded sozialen Forschers ebensowenig entgehen kann, als die Not der jüdischen Bevölkerung in den kleinen Ortschaften. Hier lasse ich wieder Ziffern sprechen. Es sind zw’ei geistige Gebiete, auf denen sich Juden vorwiegend betätigen, zwei Berufszweige, zu denen sie einen Prozentsatz stellen, der weder ihrer. I Kopfzahl noch dem faktischen Bedarfe entspricht. In Ostgalizien stellen die Juden 34 8 Prozent zur Gesamtzahl der Aerzte, in der Advokatur sogar 608 Prozent. Diese Ziffern sind noch immer im Steigen begriffen. Soll nun die Kategorie der sogenannten Luftmenschen nicht auch aus diesen Kreisen einen erheblichen Zuw’achs erhalten, dann muß unbe-' dingt für den Ueberfluß an Akademikern ein' Abfluß gesucht und gefunden w’erden. Ich sehe ihn nur in der Zulassung von Juden zu allen offen.liehen Aemtern und Behörden. Ich erlaube mir bei dieser Gelegenheit noch eines hervorzuheben. Unter den galizi-: sehen Juden, selbst unter den sogenannten offiziellen, die sich vielleicht scheuen, hier mit - der Wahrheit herauszurücken, macht sich eine; gewisse Abneigung gegen die sogenannte Sonderstellung Galiziens bemerkbar. Die Ursache; liegt vor allem in politischen Momenten. Es ist zur Genüge bekannt, daß bei dem herrschenden System die Zeptralregierung und das Parlament die einzigen Instanzen sind, bei denen die Juden ihre Beschwerden mit emer gewissen Aussicht auf Erfolg vorlegen können. Hier finden sie manchmal jenes gerechte Entgegenkommen, an dem es im Lände selbst mangelt. Die Zentralbehörden gewähren jüdischen Bewerbern den Zutritt zu gewissen Aemtern [Justiz-,. Finanz-, Post- und Eisenbahndienst], während ihnen die ’ Pforten der autonomen Landesbehörden ver- ' schlossen bleiben, obwohl sie, ebenso wie die christlichen Bürger des Landes, alle Lasten, oft sogar in erhöhtem Ausmaße, zu tragen haben. Wollen Sie, meine Herren, diese Abneigung der Juden gegen die Selbständigmachung Galiziens abschw'ächen helfen, so können Sie es w’eder durch schöne Phrasen, noch durch liberale Schlagworte, sondern einzig durch große, gerechte Reformen verwirklichen. Galizische Schulverhältnisse. Ich muß nun zu einer anderen Beschwerde übergehen. Die Zahl der jüdischen Frequentanten der Lehrerbildungsanstalt sinkt kontinuierlich, noch ärger ist es um die weiblichen Lehranstalten bestellt. Während dieselben in den Jahren 1881—1885 noch 93 Prozent jüdische Schülerinnen ’ aufzuweisen hatten, w'aren es in der Zeit von 19J1—1905 bloß 2‘2 Prozent. Auf eine Gesamtzahl von 1126 Schülerinnen sämtlicher Seminarien kamen etwra 25 'Jüdinnen; heute zählt die Lehrerinnenbildungsanstalt in Lemberg keine einzige jüdische Schülerin. Auf den'Einwurf, daß sich Jüdinnen nicht melden, muß ich bemerken, daß in Lemberg einige Privatanstalten dieser Art bestehen, die von zahlreichen jüdischen Schülerinnen frequentiert w’erden. Juden und Jüdinnen, die noch immer ihren Bildungseifer betätigt haben, stoßen also auch hier auf große Hindernisse; nunderte von intelligenten Leuten suchen einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Wirkungskreis und linden verschlossene Türen. Ich möchte auch einiges. über die Volksschulen sagen; leider liegen auf diesem Gebiete keine authentischen Ziffern vor. Das Questiorinaire fragt, ob die Baron Hirsch-Schulen gefördert werden sollen. Das sollte der Fall sein; aber w’ie ist es in Wirklichkeit? Es sollen gegenwärtig zwei Schulen, in Niemirovv und in Olesko, eröffnet werden. Die Behörde verbietet die Eröffnung der Schule in Niemirow, angeblich W’egen der unhygienischen Einrichtung des Schulgebäudes. Meine Herren! Es handelt sich hier keinesfalls um die Hygiene. Wie mir der Sekretär der Hirsch-Stiftung, Dr. Ascher, versichern konnte, entspricht die Einrichtung dieser Schule den rigorosesten hygienischen Anforderungen, die in dieser Hinsicht gestellt w’erden können. Es ist eine eigene Sache mit der Hygiene bei uns zu Lande. Jahrelang kümmert sich niemand darum, in w’elch schrecklichen, jeder Hygiene hohnsprechenden Verhältnissen Hunderttausende von Juden . ihr Daseijtx.fristen, Bis sich"plÖfzUcfnärf- - faßlich-einer Keichsratsw’ahr überall lebhaftes Interesse für hygienische Forderungen bemerkbar macht. In diesem Falle hat der Wunderrabbi von Beiz sein Veto gegen die Gründung einer Schule eingelegt und ist plötzlich das Interesse für das gesundheitliche Wohl der jüd. Bevölkerung envacht. Meine Herren! Die Autorität der Regierungs- und Landesbehörden scheint nicht zu genügen, dazu muß noch die Macht des Wunderrabbis, dieses wichtigen Bundesgenossen unserer otfiziellen Juden, kommen, wir sehen darin einen Bew’eis jenes geradezu dämonischen Einflusses der Wunderrabbis, W’elche die Volksmassen fanatisieren und zum geistigen und materiellen Ruin der galizischen Judenheit beitragen. Wir finden diesen verderblichen Einfluß auch anderwärts. Auch in der Ortschaft Olesko sollte eine Stiftungsschule gegründet werden, da erging seitens der Behörde ein Verbot, mit der Motivierung, daß angeblich die Bevölkerung die Gründung der Schule nicht wünsche. Es ist nun erwiesen, daß auch hier der Einfluß des Gew’altigen von Beiz ausschlaggebend w’ar. Welch eine Ironie! Es w’ird von „ausgiebiger Förderung“ der Baron Hirsch-Schulen gesprochen, die hier zitierten Fälle beweisen jedoch zur Genüge, welches Wohlwollen die maßgebenden Faktoren dem Schulw’erke der Stiftung entgegenbringen. Wir verlangen Offenheit in allen Dingen. Den Schulen muß weitgehendste Unterstützung zuteil werden, ohne Rücksicht auf die Gegnerschaft der Wunderrabbis. Wir werden den Beizer Rabbi mit all seiner d.ämonischen Gewalt auf Schritt und Tritt bekämpfen, W’ir fürchten ihn nicht und beneiden das offizielle Judentum am allerw’enigsten um seihen neuesten Bundesgenossen. Nun einen Blick au£ die Schulverhältnisse in Lemberg. In der Mädchenabteilung der Miekiewicz-Schule finden wir 75 Proz. jüd. Schülerinnen, dagegen keine 'einzige jüdische Lehrerin, in der mäpnlichen Piramowicz-Schule gar 90 Prozent ' jüdische Schüler, keinen einzigen Lehrer jüdischen Glaubens. Unzählige jüdische Kandidaten und Kandidatinnen sind auf der Suche nach Lehrerstellen, W’o. können sie dieselben unter solchen Umständen finden? Können wir die ganze Enquete und deren Beschlüsse ernst nehmen, wenn wir solche Verhältnisse in der Landeshauptstadt antreffen, W'o eben die Enquete stattfindet? In denjenigen Schulen, die auf konfessioneller Basis gegründet, bloß von jüdischen Kindern besucht werden , finden wir bloß ein Drittel jüdischer Lehrkräfte und fast ausschließlich christliche Schulleiter. A's nun einmal ein einziger jüdischer Lehrer für eine nicht konfessionelle Vo ksschüle ernannt wurde, legte der Vertreter der römisch-katholischen Konfession im . Ortsschulrate, Domherr L e n k i e - w’ i c z, sein Veto ein und der betreffende Leh- L. i.