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Jüdische Zeitung · 1911-02-10 · 6 (10.2.1911) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Rede des Abgeordneten Adolf Stand anläßlich der vom galizischen Landesausschuß einberufenen Enquete betreffend die Notlage der jüdischen Bevölkerung in Galizien Geehrte Herren! Im Augenblicke, da ich an diese Enquete herantrete, kann ich mich eines zweifelnden Empfindens nicht erwehren. Ist ja diese Enquete nicht die erste ihrer Art, eine ähnliche hat vor 20 Jahren getagt. Damals hat der hohe Landtag gleichfalls die Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung eingeladen, sich über die Frage zu äußern, wie man der jüdischen Not steuern könne. Die hiezu Berufenen haben ihre Meinung ausgesprochen, dann sind zwei Jahrzehnte vergangen, aber von einer Sanierung ist nichts zu merken, vielmehr ist eine Verschlimmerung der Verhältnisse zutage getreten. Die Proletarisierung der jüdischen Bevölkerung hat Fortschritte gemacht, und die berufenen Faktoren, die Regierung und der Landtag, haben nichts veranlaßt, um diesem Proletarisierungsprozesse Einhalt zu tun. Und darum kann ich mich heute eines Gefühles des Zweifels nicht erwehren. Nichtsdestoweniger' begrüßte ich die Enquete aus dem Grunde, weil es mir ermöglicht wird, als Repräsentant der breiten jüdischen Volksmassen die ihnen auferlegten Leiden und Bitternisse zu schildern. Die Urheber dieser Enquete fordern von •uns Wahrheit. Ich will sie rückhaltlos und ohne Vorbehalt zuni Ausdrucke bringen, und wenn diese Wahrheit scharf und rücksichtslos erscheint, bin ich hiefür nicht verantwortlich, da ich nur der Dolmetsch der traurigen Verhältnisse, der Verkünder des immer weitere Kreise ziehenden Niederganges meiner jüdischen Volksgenossen, der Schilderer einer überaus ernsten Situation sein will. j Gestatten Sie", . meine Herren, daß ich zunächst die Grundsätze bezeichne, nach welchen ich jtjie Angelegenheit behandeln möchte. — Was .fordern wir Juden? Darauf antworte ich: Wir ' sind; ztrs^schwaclii um Privilegien zu bean- .3sprucJii*n,^ber zu stolz, -um uns; mit A1 in os e n zu begnügen. Wit..verlangen T^$er,jPriyif. I.egien, t noch Almosen, noch auch Ausriäbnis-: Tiehandlung nach dieser oder, . jener Richtung.: Es •handelt' sich uns .nur um di£ unbedingte, „vollständige und eridgiltige -D u r c h f ü h r u n g 'de'r'Üf et c-h b e r e ch-t igit ng, wie sfe iti der Konstitution und in tiel; österreichischen Ver- '^faKUbg^tuih;^usdrucfi:e vk'ömmt. Diese Grund- ' sätie kommen uns Juden gegenüber noch immer nicht zur Geltung, weder in der Gesetzgebung, noch auch in der Praxis der Verwaltung. Soviel in prinzipieller Hinsicht. Ich kann nicht umhin, mit Bezug auf die Einberufung der heutigen Konferenz zwei Mängel hervorzuheben. Ich konstatiere, daß unter den zur Enquete eingeladenen Mitgliedern zwei wichtige Berufskategorien fehlen. Da wir" uns nämlich mit der Sanierung der jüdischen Verhältnisse, mithin zum großen Teile der Verhältnisse des jüdischen Kaufmanns- und Handwerkerstandes zu befassen haben, wäre es sehr erwünscht, daß auch diese Kreise hier entsprechend vertreten wären, um uns ihre persönlichen Wahrnehmungen und Eindrücke mitteilen zu können. Auch bemerke ich in dieser Versammlung ausschließlich Vertreter größerer Städte, obwohl das Elend der jüdischen Bevölkerung gerade in den kleinen Ortschaften am krassesten ist. Darum sollte an dieser Stelle den Repräsentanten der Kleinstädte Gelegenheit geboten werden, uns mit ihren Verhältnissen näher vertraut zu machen. Ich komme nun zur Sache selbst. Der uns vorliegende Fragebogen enthält die Frage, wie es um die ökonomische Lage der Juden Galiziens bestellt ist und wie die Verarmung derselben in die Erscheinung tritt. Ich will es in meinen Ausführungen vermeiden, den Mitgliedern der CnquC-te Elendsbilder vor Augen zu führen, man könnte .mir leicht Pessimismus oder Ueöertreibung vorwerfen. Eine beredtere Sprache als Bilder sprechen jedoch trockene, reale Ziffern, von denen ich einige nennen will. Auf die Frage: Welches sind die Anzeichen der jüdischen Armut? antworten nachstehende Ziffern: Im Jahre 1890 belief sich die Zahl der galizischen Juden auf 772.213, im Jahre 1900 auf ,_811.871. Die natürliche Vermehrungsziffer beträgt 19-1_8 Prozent, die wirkliche bloß 5 Prozent. Die jüdische Bevölkerung hat mithin einen Ausfall von 14 Prozent zu verzeichnen. Ich zitiere die Ziffern aus dem Jahre 1900, da mir die authentischen Daten der letzten Volkszählung noch nicht zur Verfügung stehen. Diesejben dürften jedoch eine Verschiebung des Verhältnisses im ungünstigeren Sinne erweisen. Was ist mit den 14 Prozent geschehen?- Die Antwort lautet: Emigration. Die Emigration. Die Emigration nimmt riesige Dimensionen an, doch steht fest, daß keineswegs Elemente, die der Gesellschaft zur Last fallen, also Kranke, Sieche, Arbeitsunfähige auswandern, sondern gerade Menschengruppen, die sich redlich und nutzbringend betätigen, vorwiegend Handwerker, Friseure, Schneider, Schuster etc., die dann die Ghettis von London und Newyork überfluten, ferner Techniker, denen es hierzulande an Arbeitsgelegenheit fehlt. Diese Ziffer erscheint erschreckend und illustriert anschaulich die Verelendung der jüdischen Bevölkerung. Eine weitere Ziffer: Auf 1000 beruflich tätige Christen kommen 757 erwerbslose Existenzen, auf 1000 erwerbsfähige Juden 1922 erwerbslose Existenzen. Wir ersehen daraus, daß im Durchschnitte 2 Christen einen erwerbsunfähigen Glaubensgenossen, dagegen 2 Juden 4 Glaubensgenossen zu erhalten haben. Weiters: Im Gewerbestande kommen auf 49.155 selbständige Christen 97.985 Arbeiter, hingegen auf 37.803 selbständige Juden 23.122 Arbeiter, respektive auf 100 Christen 200 Arbeiter, aut 100 Juden 62 Arbeiter, also wieder Ziffern, die einander gänzlich widersprechen. Endlich die vierte, schrecklichste Ziffer: Ohne Beruf erscheinen in Galizien 32.000 Juden und 60.000 Christen, so daß die Anzahl der erwerbslosen Juden im Verhältnis zur jüdischen Gesamtbevölkerung 4 Prozent, die Anzahl der erwerbslosen Christen aber nur Prozent beträgt. Diese Ziffern wollen sehr strikte genommen sein, da die Statistik selbst diejenigen Juden, die bloß ein Sümmchen von 100—150 K ihr eigen nennen, unter die erwerbsfähigen Personen einreiht. Leute dieser Art werden als „Kaufleute“ bezeichnet. Es verbleiben also 32.000 Menschen, die buchstäblich am Hungertuche nagen, da sie von niemandem erhalten werden, eine Ziffer, die für sich selbst spricht. Der jüdische Handwerker- und Arbeiterstand. Ich will nun der Sache selbst näher treten und zunächst jenen Beruf ins Auge fassen, dem viele Juden angehören: den Handwerkerstand. Es ist eine Voreingenommenheit, wenn behauptet wird, daß die Juden die körperliche ^Arbeit meiden und sich vorwiegend spekulativen ' Erwerbszwefgen widmen. Das ist nicht der Fall. Werfen wir einen Blick in das Londoner oder Newyorker Ghetto und wir sehen hunderttau- ‘ sende jüdischer Arbeiter, die in Werkstätten und Fabriken’arbeiten und die zum größten Teile aus, Roieh und Rußland stammen. Juden betätigen sich also als Handwerker und bedürfen als solche einerseits ausreichenden Kredites, anderseits intensiver Förderung durch Eröffnung stabiler Absatzquellen. In beiden Richtungen stoßen wir auf empfindliche Mängel. Der jüdische Handwerker verfügt über keinen Kredit, kann sich daher nicht mit den gehörigen Geräten versehen und kann in weiterer Folge seine Erzeugnisse nicht in jener Qualität liefern, wie dies seinen andersgläubigen Konkurrenten ermöglicht wird. Sehr traurig ist es um die öffentlichen Lieferungen bestellt. Juden sind sowohl an städtischen, als auch an Landeslieferungen in minimalem Grade beteiligt. Wir erfahren aus Diskussionen im Lemberger Gemeinderate, wie oft in dieser Hinsicht jüdischen Bewerbern Unrecht geschieht. Diese Klagen betreffen auch die im Landesausschusse übliche Praxis. Ebenso wenig Berücksichtigung finden Juden bei der Gewährung von Darlehen aus städtischen Fonds. In dieser Hinsicht soll meiner Ansicht nach künftighin Juden gegenüber größere Gerechtigkeit an den Tag gelegt werden und diesbezügliche Gesuche nur nach ihrer Stichhältigkeit, ohne Rücksicht auf die Konfession und Nationalität des Bewerbers, erledigt Werden. Ich muß hier als Vertreter der jüdischen Gemeinschaft betonen, daß wir Juden allmählich dahin gelangt—sind, daß „ohne Unterschied der Konfession und Nationalität“ gleichbedeutend ist mit „Gefährdung der Interessen der jüdischen Konfession und Nationalität“. Die Ueberzeugung hievon ist so stark durchgedrungen, daß Sie, meine Herren, im Interesse des Landes endlich daran gehen sollten, hierin Wandel zu schaffen. Ich beantrage die Gründung von Produktiv ge nossenschaften für jüdische Handwerker. Heute gibt es unter 55 Handwerkergenossenschaften bloß 6 jüdische. Die Genossenschaften verfügen über vollkommene Werkzeuge und sind in finanzieller Hinsicht konkurrenzfähiger, da sie - bei Bewerbung um öffentliche Arbeiten in der Lage sind, Kautionen zu erlegen und den festgesetzten Lieferungstermin pünktlich einzuhalten. Solche Genossenschaften sollten seitens des Landes gefördert werden. Tch kann bei dieser Gelegenheit eine traurige Episode nicht stillschweigend übergehen. Wir vernehmen, daß das Land‘der Tuchfabrik in Rakszawa ein Darlehen von 400.000 Kronen gewährt hat. Obwohl nun an der Spitze dieser Fabrik auch zwei jüdische Direktoren stehen und dem Verwaltungsrate Juden angehören, läßt die Behandlung der jüdischen Arbeiter sehr viel zu wünschen übrig. Ich halte mit der Wahrheit auch dann nicht zurück, wenn ich sie meinen Glaubensbrüdern vorwurfsvoll entgegenhalten muß, mag die Anklage noch so schwer sein. Nachstehende Details entnehmen wir der hier erscheinenden Zeitschrift „Kaufmännische Tribüne“. Den Juden, die sich um Lieferungen für die Fabrik bewerben, erklärt der Direktor der Fabrik, Kunstmann, daß sie hier nichts zu suchen hätten. Die Lieferungen werden Beamten der Fabrik zu höheren Preisen verliehen. Man zieht es also vor, die Rentabilität des Unternehmens herabzusetzen, um nur Juden nicht berücksichtigen zu müssen. Ein weiteres Beispiel. In Rakszawa besteht ein Internat für Lehrlinge. Als nun ein Konkurs für mehrere Freiplätze eröffnet wurde, enthielt derselbe die Bemerkung, daß die Bewerber römisch-katholischer Konfession sein müssen. Wollen Sie, meine Herren, dem jüdischen Gewerbe und Handwerk wirklich unter die Arme greifen, dann müssen Sie darauf achten, daß solche Dinge nicht Vorkommen. Daß Juden vor schwerer physischer Arbeit nicht zurückschrecken, mögen Sie aus folgendem ersehen: Ais die Produktion von Erdwachs in Boryslaw noch in •'primitiver, mühseliger Weise erfolgte, wareri fast ausschließlich jüdische Arbeiter beschäftigt. Sie wurden durch die berüchtigte Verordnung der Bergbehörde brotlos gemacht und zur Auswanderung genötigt. In der Holzindustrie finden wir eine ganze Reihe von Sägemühlen in Nadworna, die ausschließlich Juden beschäftigten. Ohne nun mit diesem Elemente irgendwie zu rechnen, hat die Regierung die überaus reichen Waldungen an die Herren Popper und Nesseldorf verpachtet, die das Holz exportieren, so daß die jüdischen Arbeiter nunmehr beschäftigungslos sind. Es ist Pflicht der Regierung und des Landes, auch in diesem Falle Abhilfe zu schaffen. Daß die Juden nicht bloß arbeitswillig sind, sondern, wo es nottut, auch vor Gefahren und Opfern nicht zurückschrecken, bewies ihr Verhalten während des großen, kaum zu bewältigenden Grubenbrandes in Sustanovice. Damals haben die jüdischen Grubenarbeiter mit Gefährdung des Lebens geradezu Bewundernswertes geleistet. Und noch ein Beispiel, wie wohlwollend der Landesausschuß den Juden entgegenkommt. Es gibt in Galizien einige Fabriken für Betonerzeugnisse, in denen jüdische Arbeiter Beschäftigung finden. Nun errichten verschiedene, dem Landesausschusse unterstehende Bezirksausschüsse ähnliche Fabriken, die jedoch nicht bloß für den eigenen Bedarf, sondern auch für Private arbeiten und jüdische Arbeiter nicht beschäftigen. Es entsteht so eine erdrückende Konkurrenz, welche die privaten Fabriken gänzlich ruiniert. Der jüdische Fabrikant, der ohnehin große Lasten an Steuern und Mietzins zu tragen hat, zahlt seinen Arbeitern Lohn für sechs Tage, obwohl sie bloß an fünf Tagen arbeiten. Der Bezirksausschuß zahlt weder Steuern noch Mietzinse, kann daher seine Erzeugnisse zu bedeutend niedrigeren Preisen absetzen, was den Niedergang der privaten Fabriken und der dort beschäftigten Arbeiter zur Folge hat. Der Handelsstand. Ich übergehe nun zum anderen Erwerbszweige der Juden, zum Handel. Im ganzen Lande entstehen Gremien kaufmännischer Vereine. Dieselben sind sehr notwendig und könnten in erheblichem Maße zur Hebung des Handels beitragen. Das von der Zentralregierung herausgegebene Musterstatut ist objektiv gehalten und beschränkt in keiner Hinsicht die Selbständigkeit der Gremialmitglieder. Nun hat der Gewerbeinspektor für Galizien, Herr Schönet, das Statut mit Zusätzen versehen, welche die Interessen des jüdischen Handels in hohem Grade zu gefährden vermögen. Während das Wiener Statut den Mitgliedern mit Bezug auf die Wahl des Ausschusses völlig freie Hand läßt, finden wir in den Verbesserungen des Herrn Schönet die Bestimmung, daß entweder der Vorsitzende oder dessen Stellvertreter, ferner eine gewisse Anzahl von Ausschußmitgliedern Christen sein müssen, und daß im Falle der Auflösung des Vereinesein Teil des Vermögens christlichen Fanden zu-, fällt. Was soll nun z. B. in Brodv geschehen, wo fast sämtliche Mitglieder des Gremiums Juden sind? Um nur Herrn Schöne tt befriedigen zu können, müssen sie das Präsidium einem Christen übertragen, ob er nun hiezu qualifiziert ist oder nicht. Ich will hiemit keineswegs gegen die Wahl eines christlichen Vorsitzenden auftreten, stehe vielmehr auf dem Standpunkte, daß einzig derjenige zum Vorsitzenden gewählt werden solj, der hiezu die Eignung besitzt, ohne Rücksicht auf sein Glaubensbekenntnis. Andernfalls wird die Entwicklung des Handels gehemmt, was gewiß nicht den Intentionen der hier Versammelten entsprechen tnatr. Der jüdische Kaufmann, speziell der Kleinhändler, benötigt dringend billigen Kredit. In Punkt 4B des Fragebogens wird erhoben, ob nicht eine Landesorganisation der gali-

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