Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 rer. wurde einer jüdischen konfessionellen Schule zugewiesen. I f . Während also in den meisten galizischen Ortschaften infolge Lehrermangels keine Schulen eröffnet werden können, gibt es unzählige qualifizierte jüdische Lehrer und Lehrerinnen, die jahrelang postenlos bleiben. — Nicht viel besser gestalten sich die Verhältnisse in den Mittelschulen. Die Zahl der jüdischen Schüler beträgt 8000 [21 Prozent]. Auch hier herrschen anormale Verhältnisse in Bezug auf den Lehrerstand. Es gibt heute in Galizien bloß zwei systemisierte jüdische Religionslehrerstellen, und zwar am Gymnasium in Brody [auf Grund eines alten Privilegiums der dortigen jüdischen Gemeinde] und an der Lehrerbildungsanstalt in Lemberg; die übrigen drei Stellen an den Gymnasien in Tarnopol, Stanislau und Lemberg sind ad personam besetzt. In allen übrigen Mittelschulen wird der jüdische Wenn wir auch auf diesem Gebiete eine aus- Religionsunterricht entweder von Supplenten oder von ganz unqualifizierten Kräften erteilt, giebige Subventionierung unserer Schulen und kulturellen Institutionen fordern, so geschieht es nicht bloß aus prinzipiellen Gründen. Es gibt eine ganze Reihe von jüdischen Institutionen, die dem Lande ganz erhebliche finanzielle Pflichten abnehmen. Ich will einige Ziffern nennen. ' In der Schulstiftung des Baron Hirsch sind 20 Millionen Kronen, in der Stiftung seiner Gattin 5 Millionen Kronen investiert. Sollen wir von den vielen jüdischen Spitälern, Waisenhäusern, Siechenasylen, Volksküchen und anderen Anstalten sprechen? Auf die Weise erspart der Landesausschuß alljährlich viele Hunderttausend e Kronen, da er ja eigentlich verpflichtet wäre, für jüdische Kranke, Waisenkinder und Sieche Sorge zu tragen, ebenso wie er dies für die christlichen Bekenntnisses tut. Angesichts dieses Umstandes erscheint es daher als eine Pflicht des Landes, diesen gemeinnützigen Institutionen durch finanzielle Mithilfe ihre schwere Aufgabe zu erleichtern. DasHausiergesetz und die Schänkerfrage. Ich komme nun zum V. Punkt des Fragebogens. Da wird zunächst die Frage gestellt, ob und inwiefern das Hausiergesetz, die Sonntagsruhe und die Aufhebung des Propinationsrechtes die ökonomische Lage der Juden ungünstig beeinflussen können. Es ist dies unzweifelhaft der Fall. Das- Hausiergesetz, das sein Entstehen der Intoleranz der antisemitischen Partei in Wien verdankt, hat weite Kreise des jüdischen Kleinbürgerstandes, die sich und ÄEarpilien vom Hausierhandel ernährten, an •®|tej^a^gebracht.;-Esiliegt:j^on heute. ^ciftgRcfgierwigfprpjelct^yvie fli^^e^^ärfungeui^ies E^mtIich^H^iisIei;erä:i«^>;ihr.ef;i«&sti^Z;'5bMrohehi? 'jjwäfiäii©bereitsMim Parlamente^ Gelegenh'eK^j auf das übermütige Gebaren der christlichsozialen Partei hinzuweisen, deren Taktik auf die Vernichtung der ärmsten jüdischen Bevölkerung gerichtet ist. Ich appelliere daher an alle maßgebenden Faktoren, sie mögen mit aller Energie und Standhaftigkeit diese Projekte bekämpfen. Das Hausiergesetz trifft auch andere jüdische Kreise auf das empfindlichste. Tausende jüdische Familien in den Kleinstädten leben von Vieh-, Geflügel- und Eierhandel. Sie kaufen ihre Ware bei den Bauern in den Dörfern und schlagen dieselbe in der Stadt mit einem kleinen Gewinne los. Eine mühevolle, physisch anstrengende Beschäftigung, deren Resultate mehr als bescheiden sind. Nun soll auch dieser Erwerbszweig den harten Bestimmungen des Hausiergesetzes zum Opfer fallen, was wieder den Ruin unzähliger jüdischer Familien bedeutet. Bei dieser Gelegenheit muß ich auch auf die ' übermäßig strenge Handhabung des Veterinärgesetzes hinweisen, wodurch wieder viele wodurch die Existenz vieler jüdischer Familien Umgebung keine Märkte abgehalten werden, jüdische Familien brotlos gemacht werden. So dürfen seit Monaten in der Stadt Do Tina und untergraben wurde. In diesen Tagen findet in Stryj eine Zusammenkunft dieser Händler statt, die über ihre triste Lage beraten wollen. Auch hier wird es Aufgabe der hiezu berufenen Faktoren sein, diesen bedauernswerten Leuten nach Möglichkeit unter die Arme zu greifen, sie vor dem vollständigen Ruin zu bewahren. Viehhändler beschweren sich über Chikanierungen seitens einzelner Bezirkstierärzte, welche mitunter die Bauern beeinflussen, sie mögen den jüdischen Händlern den Zutritt ins Dorf verwehren. Auch auf andere Mißstände möchte ich hier die Aufmerksamkeit lenken. Bis heute sind die Verhältnisse im kaufmännischen Leben in jeder Hinsicht rückständig; nur wenige Kaufleute sind im Besitze eines Gewerbescheines, was einzig der Nachlässigkeit der Behörde zuzuschreiben ist. Wenn ein Kaufmann bei der Behörde mißliebig geworden ist, wird ihm sofort ein Gewerbeschein abverlangt; und kann er keinen vorweisen, dann muß er sich alle möglichen Chikanen gefallen lassen. Sie ist eines der schmerzlichsten Kapitel der Leidensgeschichte des galizischen Judentums. Ich möchte hier zunächst meinen prinzipiellen Standpunkt als Repräsentant der breiten jüdischen Massen feststellen. Ich bin ein unbedingter Anhänger einer obligaten, ll/2 Tage währenden Arbeitsruhe für sämtliche Berufszweige, jedoch bei steter Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse und Traditionen der verschiedenen Bevölkerungskreise. Ebenso wie die Christen am Sonntag, ruhen die Juden am Samstag. Der jüdische Kaufmann, der sein Geschäft von Freitag nachmittag bis Montag früh geschlossen halten muß, kann unmöglich mit dem Nichtujden konkurrieren, dem bloß e i n Ruhetag auferlegt ist. Es wäre daher nur recht undbillig, denjenigen Juden, welche die Sabbathruhe beobachten, 'die Arbeit am Sonntag freizustellen. Dieser Grundsatz, den die auf der höchsten Entwicklungsstufe befindliche englische Gewerbegesetzgebung beobachtet, findet bei uns leider keine Anwendung. Das österreichische Gewerbegesetz vom Jahre 1895 enthält im Artikel 8 eine einzige Erleichterung, derzufolge die im Gewerbebetriebe beschäftigten Arbeiter, welche am Sabbath ruhen, Sonntag arbeiten dürfen. Ich spreche nun den dringenden Wunsch aus, daß diese Bestimmung auch auf die Handels- und Gewerbetreibenden ausgedehnt werde; ich'appeliere vor allem an die maßgebenden Persönlichkeiten, sie mögen angesichts der drohenden Verschärfungen des Gesetzes über die Sonntagsruhe all ihren Einfluß aufbieten, diese große wirtschaftliche Gefahr für die Juden im Keim zu ersticken. Nun zur Schänkerfrage. Ich will von einer Polemik ausgehen. Professor Sternbach hat in seiner gestrigen Rede bemerkt, er sehe das jüdische Volk in Galizien von zwei Katastrophen heimgesucht. Die erste sei die wirtschaftliche Vernichtung der jüdischen Schenker, die zweite die zu frühe Gewährung der verfassungsmäßigen Rechte an die Juden. Meine Herren! Als Oppositioneller kann ich Prof. Sternbach bloß mit Bezug auf den ersten Teil seiner Behauptung beipflichten, keineswegs jedoch dessen konstitutionelle Bedenken guthrißen, selbst wenn ich diesbezüglich ganz isoliert b'iebe. [Stimmen: Wir alle sind Ihrer Ansicht, es gibt hier niemanden, der anders denkt. Dr. D i a m a n d: ■ Graf Thun ist einer Ansicht mit Prof. Sternbach.] — Was nun die Schänkerfrage betrifft, so war die Lösung derselben eine ebenso unkorrekte als inhumane. Die . Entwicklung der sozialen Gesetzgebung in. ganz Europa geht bisher überall so vor sich, daß erworbene .Rechte respektiert werden. Lex retro non agit [ein Gesetz hat keine rückwirkende Kraft], so lautet ein alter Rechtsgrundsatz. Wer ein Recht erworben hat, soll daraus unbedingt Nutzen ziehen können, es wäre denn, daß ihm dieses Recht abgekauft würde. Die Aelteren unter Itgien erinnern sich noch an 4, die sogenannten Wundärzte alten Stils. Als nun ein neues Gesetz erschien, das für jeden Arzt die Erwerbung des1 Doktordipolms an einer inländischen Universität verlangte, da erschien es selbstverständlich, daß den Chirurgen ihre bisherigen Rechte ungekürzt erhalten blieben. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß ihnen jedenfalls ein wichtigeres Gut anvertraut wurde, als den Besitzern von Schankläden. In ähnlicher Weise hätte man auch den Schänkern gegenüber Vorgehen müssen. Für den Sozialpolitiker gibt es in dieser Hinsicht bloß zwei Eventualitäten,. Entweder käufliche Ablösung des erworbenen Rechtes oder lebenslänglicher Genuß desselben. Alles andere ist Almosen und auch dieses muß ich, um gleich zum 6. Punkt des Fragebogens [Gewährung einer augenblicklichen Hilfe] zu übergehen, von vorncherein verzichten. [Stimmen: Wir alle verzichten darauf.]. Gestatten Sie mir, meine Herren, auf zwei vielsagende Ziffern zurückzukommen, die uns Statthaltereirat Brückner vorgelegt hat. Herr Brückner sagte uns, daß es vor Erlöschen des Propinationsrechtes etwa 17.800 Schanker in Galizien gab. Gegenwärtig wurden 10.C0D Konzessionen verliehen, hievon an bisherige Schänker 7000. Ich kann es keineswegs begreifen, warum nicht in erster Reihe diejenigen berücksichtigt wurden, die diesen Beruf bereits jahrelang tadellos ausgeübt haben. Wenn man bei Vergebung der Konzessionen zumindest sämtliche bisherigen Schänker berücksichtigt hätte, dann wäre die Situation eine bedeutend günstigere. So aber sind, wie amtlich zugegeben, etwa 10.000 Familien aufs Pflaster gesetzt, eine Katastrophe, über die Sie, meine Herren, nicht ohneweiteres zur Tagesordnung übergehen dürfen. Nun frägt man, wie dem Uebel abzuhelfen wäre. Ich sehe den einzigen Ausweg darin, daß sämtlichen bisherigen Schänkern ohne Unterschied der Konfession und Nationalität, deren Unbescholtenheit feststeht, Konzessionen aa personam verliehen werden. Die Angelegenheit wird dann nach Ablauf einiger Jahre eine automatische Lösung finden. Ich persönlich bin Abstinenzler und propagiere den zweifellos schädlichen Alkoholgenuß am allerwenigsten. Aber diese bedauernswerten Leute müssen, so lange sie leben, vor Not und Hunger geschützt werden, ihr Recht erlischt mit dem Tode. Die Einwendung, daß es sich in diesem Falle einzig um die Bekämpfung des Alkoholismus handelt, beantworte ich mit dem Hinweise darauf, daß Galizien in Hinsicht des Konsumes von Schnaps, Bier und Wein bedeutend hinter den übrigen Provinzen der Monarchie zurückbleibt. Im Jahre 1899 kamen in Galizien auf jeden Kopf 4-61 Prozent Liter konsumierten Alkoholes, in Mähren 746 Prozent, in Schlesien sogar 9'43 Prozent. Im Laufe' der Jahre ist die Ziffer in Galizien auf 4T7 Prozent gesunken. Dieses Moment muß also teilweise, ausgeschieden werden, abgesehen davon, daß allgemein menschliche Motive für die Berücksichtigung erworbener Rechte sprechen. Und darum lege ich Ihnen diese Sache dringend ans Herz; wenn wir kein Diskussionsklub bleiben, sondern zur Sanierung der bestehenden Verhältnisse beitragen sollen, dann müssen wir wie ein Mann für diese gerechte Sache eintreten. Ich hege die Ueberzeugung, daß, wenn es den maßgebenden Faktoren nicht and em guten Willen gebricht, unser Appell nicht erfolglos verhallen wird. Damit ist die Sache jedoch noch nicht erledigt. Es erscheinen ja nicht bloß diejenigen benachteiligt, welche bei Verleihung von Konzessionen übergangen wurden, sondern auch viele von denen, avelche sich bereits im Besitze von Konzessionen befinden. Es wurden ihnen nämlich äußerst hohe ' Gebühren auferlegt, die zu tragen sie außer Stande sein werden. So wurden in einer Ortschaft zwei Schänkern ganz verschiedene Gebühren bemessen, dem einen 500, dem andern 2000 Kronen. Soeben habe ich vom Vorsitzenden des Gastwirtevereines in Brody ein Telegramm erhalten, in wetchem er mich dringend ersucht, der heutigen Enquete den Beschluß des Vereines mitzuteilen, laut welchem die Mitglieder für den Fall, als diese Gebühren nicht ermäßigt werden, sollten, die so schwer erworbenen Konzessionen zurücklegen müßten. Ich appelliere daher an Se. Exz. den Herrn Landmarschalt als Präses der Berufungskommission, er möge die Sache nicht bloß vom bureaukratischen, sondern vielmehr vom bürgerlich-menschlichen Standpunkte beurteilen. Ich setze voraus, daß der Landtag beim Beschlüsse des Gesetzes vom 20. Dezember 1905 mit der Tatsache rechnete, daß mindestens 20.000 Konzessionen zur Verleihung gelangen sollen, da man ja wissen konnte, daß 10.000 Schänker nicht im Stande sein werden, eine Abgabenlast von 7 Millionen Kronen zu tragen. Also auch aus diesem Grunde müßte die Zahl der Konzessionen eine Vermehrung erfahren. Ich bin nun am Ende meiner Ausführungen angelangt. Wenn ich im Laufe derselben manch bittere und herbe Töne angestimmt habe, so möge mich der alte Grundsatz entschuldigen, der da lautet: Amicus Plato, sed magis amica veritas. Veritas! Ich wollte Ihnen, meine Herren, die ungeschminkte, nackte Wahrheit über die Juden und ihre Not vor Augen führen. Es wurden hier zwei Kategorien von Leuten ziemlich häufig zitiert. Präsident Doktor Aszkegase sagte, daß wir hier Zeugen wären, Se. Exzellenz der Herr Landmarschah bezeichnte die Enquete als einen Arzt. Ich will hier als Zeuge der grenzenlosen, verzweifelten jüdischen Not gesprochen haben, seien Sie, meine Herren, gewissenhafte Aerzte dieses Uebels. Mit diesem Appell eines bedrückten Volkes an die Gesamtheit, mit dem Appell um gleiche Rechte, schließe ich meine Ausführungen. Budierfdiau. Festschrift des Vereines „Jeschurun“ — Troppau 1901—10. Der Verein „Jeschurun“ in Troppau, der vor kurzem sein zehnjähriges Bestandfest feierte, hat aus diesem Anlaß eine Festschrift ediert, deren gediegener Inhalt und vornehme Ausstattung, ihr freundliche Aufnahme bei allen Parteigenossen sichern.- Ein darin veröffentlichtes Begrüßungsschreiben des Präsidenten W o I f s o h n zeigt, weich hoher Wertschätzung sich die Troppauer Zionisten in allen Kreisen erfreuen. Dr. Eckstein erzählt in einem Artikel „Zehn Jahre Präsident der Troppaur Kultusgemeinde“, Dr. Sonnenschein hat einen „Beitrag zur Geschichte d er Juden in Troppau“ beigesteuert. Dr. Thon behandelt in einem geistvollen Aufsätze der Zionismus Weg und Ziel. Einige Kapitel aus Oppenheimers „Theorie der reinen und politischen Oekonomie“machen mit einigen Grundsätzen dieses Soziologen bekannt. Ueber die Bedeutung und Entwicklung des Bezalel in Jerusalem schreibt Dr. Alex. Hausmann. Dr. Zweig weiß in „Nationalfonds- Miszellen“ über die steigende Popularität des Nationalfonds recht Erfreuliches zu berichten. Adolf Böhm behandelt die Bedeutung der Palästinaarbeit. Außerdem enthält die Festschrift noch lyrische Beiträge von Abeies, Sommer und S c h e r 1 a g und eine Würdigung Herzls von Werner. M. MiHenHuber Ausführung von Gas-, Wasser- und sanitären Anlagen. Uebernahme von elektrischen Licht- und Kraft-Anlagen. :—: Billig» Preise. : Wien IV., Hauptstrasse 67. — Telephon 5328. _WEIKERSPORF b. Baden, Braitnerstraße 77.