Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG " Nr. 6 würde der russische Adelstitel nicht vergrößern und verschönern, aber den Namen Jude“ würde dieser Adelstitel .besudeln! Man verlangt heute vom ärmsten, bedrücktesten Juden, daß er die Würde des jüdischen Namens hochhaite. Umsoweniger darf sich der große, freie Gelehrte dieser Pflicht entziehen. Ehrungen, die von den Verächtern, Hassern und Mördern s e i n e r J u d en b r üder kommen,muß er alsschmähiiche Zumutung von sich weisen. Wenn er sie doch entgegennimmt, so ist wieder einmal bewiesen, daß hinter -roßen Gelehrten- und Künstlernamen oft jr kleine Juden, kleine Menschen stehen Schönet! — d?r JudeafreuncL Man hat mit Recht die Lemberger Judenenquete als Komödie bezeichnet. Die Ratlosigkeit der leitenden polnischen „Israeliten“ gegenüber dem Elend der jüdischen Bevölkerung, die ganze politische Frivolität des geistigen Urhebers dieser grandiosen Aktion des Herrn Dr. Nathan Löwenstein wurden wohl dem kurzsichtigsten Auge offenbar. Aber es gibt in diesem Satirspiel, welches gleich auf die blutige Tragödie des Schenkerelends folgt, eine ergötzliche Szene, deren groteske Wirkung überhaupt nicht überboten werden kann. Man sprach davon, d aß die große wirtschaftliche Not der galizischen Juden noch dadurch schmerzlich vermehrt werde, daß die Juden in keiner Beamtenkategorie Aufnahme finden. Da stand ein Regierungsvertreter, Herr Schönett, auf und sagte, er sei ein zu guter Freund der Juden, um ihnen eine Beamtenkarriere zu wünschen. Bei ihrer großen notorischen Intelligenz wurden sie in der Beamtenkarriere nur geistig und moralisch verkümmern! Welch ein Philantrop, welch ein Judenfreund! Der Mann vereinigt wirtschaftliche Einsicht mit richtiger Selbsteinschätzung des galizischen Ber amtenwesens. Welche Großzügigkeit spricht nicht aus diesen Worten. Der Herr Schönett als Pfleger und Schützer der jüdischen Individualitäten und ihrer Ausbildung. Er will verhindern, daß außer den Polen auch die Angehörigen unseres Volksstammes in der Enge, Dürftigkeit und Schablonenhaftigkeit des Beamtenstandei verkümmern. Die Juden sind ein undankbares Volk, denn bisher hat mon noch nichts advon vernommen, daß die Lemberger Kultusgemeinde dem Manne ergebenst gedankt hätten. Kein Löwenstein, kein Horowitz ist aufgestanden, um in schönen Worten den Schützer „jüdischer Individualität“ zu feiern. Doch Scherz beiseite. Muß nicht auch dem heftigsten Gegner unserer Bestrebungen ein Ekel vor der Ghettonatur unserer polniscnen Herren Israeliten aufsteigen. Diesen infamen, zynischen Witz des Herrn Regierungsvertreters haben die Herren unerwidert gelassen. Nicht einmal mit einem Worte haben sie reagiert. Wo ist die Schlauheit des Herrn Horowitz, wo die glänzende Beredsamkeit des Herrn Löwenstein geblieben? Ist es nicht unerhört, daß man solche Worte unerwidert läßt? Auch diese unheimlich-groteske Szene der Enquetekomödie hat ihr Gutes. Sie wirkt aufklärender über den Charakter dieser Veranstaltung als dicke, kritische Abhandlungen. Hilfskomitee zum Empfange der galizischen Schanker. Ueber Veranlassung/ der Abgeordneten Breiter und Stand und des „Jüdischen Nationalvereines“ konstituierte sich Samstag, den 4. Februar ein Hilfskomitee zum Empfang der galizischen Schanker, welchem Vertreter verschiedener Vereine, ohne Unterschied ihrer Parteistellung angehören. Die Leitung des Komitees liegt in den Händen eines fünfgliedrigen Ausschußes. Dem Komitee obliegt insbesondere die _Aufgabe, für die nach Wien kommenden Schanker Qartiere zu besorgen, die Ordnung des Demonstrationszuges zu überwachen, die Verköstigung zu übernehmen und die Versammlung der Schanker vorzubereiten. Die Massendeputation wird Montag den 13 d. M., abends in Wien eintreffen. Am 14. wird sie sich zu den Ministern Z a I e s. k i und Weisskirehner sowie zum Obmann des Polenklubs Dr. L a z a r s k i begeben. Da der Ministerpräsident an diesem und in den folgenden Tagen in Budapest weilen wird, werden sich eine Deputation, bestehend aus fünf Schänkern, unter Führung von Abgeordneten nach Budapest begeben, wo sie Baron Bienertn, welcher diesbezüglich von den Abgeordneten Stand und Breiter in einer am Dienstag, den 7. d. M. stattgefundenen längeren Konferenz verständigt wurde, empfangen und ein Memorandum entgegennehmen wird. Als Sprecher dieser nach Budapest reisenden Deputation ist Abgeordneter Stand ausersehen. Das Hilfskomitee zum Empfang der galizischen Schanker, ersucht hiemit um Ueberweisung von Spenden an die Adresse seines Kassiers Herrn M. Hammer, II., Taborstraße Nr. 8. Da die Zeit drängt und größere Mittel notwendig sind, ist es dringend geboten, eventuelle Spenden unverzüglich [vor Montag, den 13. d. M.j zu übersenden. Die Grnmdzüge des jüdischen Wesens. i. Seit Tacitus, den die Absicht leitete, dem römischen Staate, nicht dem jüdischen Volke gerecht zu werden, haben Legionen von Schriftstellern der Judenfrage ihr Interesse zugewendet. Die besten und die verlogensten; ernste Forscher und nichtigste Schwätzer: wer immer sich rühmte, die nackte jüdische Seele in Druckbogen gefangen zu haben, konnte sich sicheren . Beifalles freuen. Denn das ist das Merkwürdige und Wahre: Was immer über Judentum geschrieben wurde, den Schein der Wahrheit hatten die gröbsten Hyperbeln, hatten gewagteste Hypothesen für sich. Irgendwie und irgendwo, etwas blässer und etwas schwächer, nicht so allgemein, aber doch ganz sporadisch, hatte jede Lüge ihre Richtigkeit. Wenn nun ein Gelehrter von Beruf, wie Prof. Werner Sombart, ein Werk ai}icu^ digt, dessen Aufgabe es ist, gewisse Zusan^nen^ hänge zwischen dem Judentum und dem r^mer^l nen Wirtschaftsleben aufzudecken, oder garTzu* beweisen, „daß alles, was wir modernes Wirtschaftsleben nennen, auf jüdischen Einfluß zurückgehe,“* so mag man mit berechtigter Erwartung dem baldigen Erscheinen dieser Arbeit entgegensehen. Ein wesentliches Kapitel dieses Werkes, den Ausgangspunkt der ganzen Beweisführung, bringt jetzt schon die „Oesterr. Rundschau“ unter der Ueberschrift: „Die Grundzüge des jüdischen Wesens“. Wir wollen nun sehen, was ein objektiver Schriftsteller über das Wesen des Judentums zu sagen hat. „Aus vier Elementen baut sich die Welt“. Vier „elementare Eigenheiten“ bilden nach Sombart „die ganze, oft sehr komplizierte jüdische Wesenheit“. Es sind dies: Intellektualismus, Teleologismus, Voluntarismus [oder Energismus] und Mobilismus, auf die sich alle jüdische Eigenart zurückführen läßt. Im Vordergründe dieser Tugenden steht die „überragende Geistigkeit“, der, abweichend von den anderen Beurteilern, eine zentrale Bedeutung zugewiesen werden müsse. Also zunächst das Vorwalten der geistigen Interessen und Fähigkeiten vor den körperlichen. Bei keinem Volke hat der weise Mann, der Gelehrte die gleiche Wertschätzung erfahren. Eine große Zahl jüdischer Sprichwörter bringt diese Ueberbewertung des Wissens zum Ausdruck. Unwissenheit ist eine Todsünde. Die Re'.igionsübung selbst ist Lernen, die Synagoge: „die Schul“. Mit der überragenden Geistigkeit hängt auch die Wahl der Berufsart zusammen. Jedenfalls haben die europäischen Juden stets die geistigen Berufe vorgezogen, schwere physische Arbeit aber gemieden. Moejch [Gehirn], c/a Kojech [Gewalt], diese Worte enthalten im Grunde die ganze Judenfrage. Dieses Ueberragen der geistigen Interessen mußte bei den Juden auch ein Ueberragen der geistigen Fähigkeiten bewirken. Rasche geistige Analyse und Kombinationskraft sind unzweifelhaft eine jüdische Fähigkeit. Nach Ad. * Vortrag in Berlin, November 1909. J e 11 i n e k hat schon die hebräische Sprache für suchen, forschen 11, für trennen, scheiden 34, für knüpfen, verbinden, kombinieren 15 verschiedener "Ausdrücke. Starkes Abstraktionsvermögen, aber auch Neigung zu Spitzfindigkeit und Rabulistik sind charakteristisch für die intellektuelle Ueberlegenheit des Judenlums. Auf der anderen Seite aber mußten unter dem Ueberwuchern des Verstandes wichtige Seiten des geistigen Lebens verkümmern. Alle empfindungs- und. gefühlhafte Beziehung zur Welt, das gewisse, instinkthafte Verstehen, ist dem Juden versagt. Eng verwandt mit dieser Eigenart ist ein gewisser Mangel an Anschau- . lichkeit, an aufnehmender und -schöpferischer Sinnenkraft. Dies habe Sombart ganz besonders an einem russisch-jüdischen Studenten beobachtet, der eigens nach Breslau gereist war, um bei ihm Marx zu studieren, in mehreren Monaten Marx ausgeschöpft hatte und wieder abreiste, ohne auch nur eine Spur seiner neuen Umgebung in sich aufgenommen zu haben. Immer wieder falle diese unkonkrete Sinnesart, dieses in einer abstrakten Welt Eingesponnensein bei den Juden auf, mit denen man zusammenkomme. Es ist kein Zufall, daß es viel weniger jüdische Maler als Literaten gibt. Der Jude sieht sehr scharf, aber er schaut nicht viel. Er empfindet vor allem seine Umgebung nicht als Lebendiges. Es mangelt ihm der Sinn für das Natürliche, man könnte sagen:, für das Persönliche. Er ist oft ein vorzüglicher Menschenkenner; erkennt seine Vorzüge und Schwächen, aber oft genug den Menschen selber, in seiner Ganzheit, nicht. Deshalb liegen ihm aber auch alle rein persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse fern. Er ist seinem innersten Wesen nach aller Ritterlichkeit, aller Sentimentalität, aller Chevallerie, allem Feudalismus, allem Patriarchalismus abgeneigt. Er versteht auch ein auf solchen Beziehungen schauung, die keine leBe‘mirgen'"Tvtenscli^n“'rfiif' Fleisch und Blut, sondern qua’itätslose, abstrakte Staatsbürger kennt. Es gibt noch immer Juden, die die Judenfrage lediglich als ein Problem der politischen Verfassung ansehen und überzeugt sjnd, daß ein „liberales“ Regime den Unterschied zwischen Juden und Wirtsvölkern aufheben könne. Sie kennen die Welt eben geradesowenig wie sich, wenn sie ihre deutliche Eigenart ableugnen und behaupten, zwischen ihnen und einem Deutschen oder Engländer gebe es gar keinen Unterschied. Sie sehen nur mit dem Verstände, nicht mit dem Blute, j Das Weltbild, das sich so rein geistig orientierte Menschen machen, muß das eines wohlgefügten Verstandesbaues sein. Sie sind aber nicht nur theoretische, sondern auch praktische Rationalisten.. So erklärt sich seine Zweckbedachtheit oder der Teleologismus, der durchwegs anerkannt wird. Zweifellos gehören die Juden zu den subejktivsten unter den subjektivsten Völkern. Alles bringt der Jude in Beziehung zu seinem Ich. Ihn interessiert vor allem die Frage: warum? wozu? was tragts? was nützt’s? Unjüdisch ist es, eine Tätigkeit als Selbstzweck zu *betreiben, unjüdisch, zwecklos, schicksalsmäßig zu leben, sich der Natur harmlos zu erfreuen. Auch in der Religion tritt der Primat der Ethik, also die teleologische Seite, deutlich zutage. „Tachlis“ [Zweck, Ziel] muß etwas sein, damit man es tue. Diese Zweckbedachtheit des jüdischen Wesens zeigt sich besonders .bei jenen Juden, die, wie .die C h a s s i d i m, sich lieber dem Studium der - heiligen Bücher widmen und ihre Familien hungern lassen, weil es „doch keinen Zweck hat“, für das tägliche Brot zu sorgen. Sie zeigt sich aber auch bei einigen feinen jüdischen Schriftstellern, wie Hirschfeld, Schnitzler, Georg Hermann, denen eine weltentrückte, frühreife Lebensbetrachtung, tung, das in gutem-Sinne Sentimentale zu eigen ist, die niemals harmlos genießend der Welt I gegenüberstehen, sondern immer bedenkend und bedacht, immer sinnend und überlegend.