Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NRTIDNRL -JUDI5CHE5 ORGAN HW Erscheint wöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11 — 12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland; Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige cs3ca9cs9csscs9c^9cs9cs9c!£3 Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. cascsscasosocaacssesocsscKi Nr. 6. Wien, Freitag den 10. Februar 1911. V. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Liberales Pech. Deutsch-antisemitische Roheit. Professor Ehrlich — russischer Ordsensriiter. Schönett — der Judenfreund. Rede des Abg. Stand bei der galizischen Judenenquete. Die Grundzüge des jüdischen Wesens. Aus dem jüdischen Leben. Parteinachrichten. Vereins- und Versammlungsnachrichten. Ueberläufer. Liberales Pech. Wieder ist eine liberale Säule umgefallen. Gemeinderat Herold, einer der letzten aus der seltenen Gattung der liberalen Christen, ist aus dem Deutschen Fortschrittsklub des Wiener Gemeinderates ausgetreten. Sein Liberalismus wurde aber auch einer allzuharten Belastungsprobe äusgesetzt. Er ist im Komitee. für den Wiener Bürgerball. Seinen Klubkoilegeii wurde die Aufnahme in das Komitee mit der Begründung verweigert, daß Juden in dieser Körperschaft nicht geduldet werden können. In einem Anfalle von Energie — eine in liberalen Kreisen nicht häufig auftretende Krankheitserscheinung — forderten die liberalen Gemeinderäte ihren Kollegen Herold auf, sich mit ihnen solid arisch zu erklären und aus dem Komitee auszutret e n. Aber Herold, der „wirklich“ liberale Wiener vom guten, alten „freisinnigen“ Schlage, gab den herben Bescheid, daß es ihm nicht im Traume einfalle, einigen wehleidigen Israeliten zuliebe eine so hochwichtige Tanzorganisation zu verlassen und er es vorziehe, dem liberalen Klub den Rücken zu kehren Der von den Juden verhätschelte, in den Himmel gepriesene, mit Inbrunst gewählte christliche Spießbürger hat seinen jüdischen Wählern und Parteifreunden den obligaten Tritt versetzt. Die liberale Presse hyllt sich in Schweigen. Der Fall, daß deutschtümelnde Juden den Lohn für die Unterwürfigkeit, welche sie den unbedeutendsten Arier gegenüber stets an den Tag legen, in Form einer Riesenblamage einheimsen, wäre weiter nicht absonderlich. Die vorliegende Affaire Herold aber wird durch ihre Vorgeschichte sehr .interessant. Im vergangenen Frühjahr fanden die Wahlen in den Gemeinderat statt Der Deutsche Fortschrittsklub hatte für die erste Kurie der inneren Stadt (die jüdischen Wähler bilden in diesem Wahlkreise die überwiegende Majorität) eine Liste aufgestellt, die zwei getaufte Juden und einen stark christlichsozial gefärbten Arier enthielt. Ein großer Teil der jüdischen Wählerschaft war darüber gerecht entrüstet. Leider kam diese gerechte Entrüstung nicht in würdiger Form zum Ausdruck e. Die alte liberale Zaghaftigkeit saß hoch zu tief in den Knochen. Statt drei stammesbewußte, national denkende Juden aufzustellen, sah man sich vorerst nach einem christlichen „Fortschrittsmann“, einem Paradearier, um und stellte ihm zwei deutschgesinnte, allerdings ungetaufte Juden zur Seite. Der christliche „Fortschrittler“ aber war eben derselbe Herr Herold, der jetzt seinen jüdischen Freunden so brüsk den Rücken kehrt. Man zog aus, um die getauften Juden zu bekämpfen und brachte den verkappten Antisemiten durch. Die Wiener Jüdischnationalen haben damals den Protest der jüdischen Wählerschaft gegen die politisierenden Täuflinge lebhaft begrüßt. Als aber die Kandidaturen der jüdischen Gruppe veriautbart wurden (für die Jüdischnationalen selbst war es unmöglich,. in der Kurie, der Reichsten Kandidaten aufzustellen), als es klar war, daß die ganze Bewegung mit der Schildhebung zweier Assimilanten und eines Paradechristen enden würde» lehnten sie jede Mitarbeit bei der Agitation ab. Diese Weigerung wurde ihnen von mancher Seite verübelt. Die Ereignisse haben erwiesen, wie begründet diese Ablehnung war. Die beiden Juden, welche der Äntitaufbpvegung ihre Mandate zu 'danken , hatten, - traten sofort in den deutscheriGemeinderatsklub ein, also in den Verband derselben Leute, welche die getauften Juden und den Antisemiten kandidiert hatten. Sie beriefen ferner sofort nach der Wahl eine Versammlung ihrer jüdischen Getreuen ein, in welcher zwei kriecherische Resolutionen beschlossen wurden Die erste lautete dahin, daß es .oberste und heiligste“ Pflicht der Gewählten sei, der christlichen freisinnigen Bevölkerung stete Dankbarkeit zu beweisen, die zweite verlangte die Gründung eines Vereines, dessen Obmann unter jederBedingung einChrist sein müsse! In weiser Voraussicht haben es die Zionisten abgelehnt, für diese beiden liberalen Helden und den dritten im Bunde, den „freisinnigen* Herold, einzutreten. Der Widerstand der Juden der inneren Stadt gegen die freche Zumutung, getaufte Juden, Renegaten mit ihrer politischen Vertretung zu betrauen, war eine gesunde Regung und ist auf das Konto der von den Jüdischnationalen geleisteten Erziehungsarbeit zu schreiben, Wohl ist es diesmal noch einigen Strebern und politischen Agenten schlimmster Sorte gelungen, diese gesunde Regung ihren schmutzigen Zwecken dienstbar zu machen. Aber das klägliche Fiasko, der Fall H er old wird viel dazu beitragen, die jüdische Wählerschaft vom verlogenen deutschen Liberalismus abzubringen und dem ehrlichen jüdischen Nationalismus zuzuführen. Deutschantisemitische Roheit. In der Debatte über das Hausiergesetz ergriff von jüdisch-nationaler Seite Abgeordneter Mahler das Wort und brachte die Beschwerden der jüdischen Hausierer, welche durch das Inkrafttreten eines derartigen Gesetzes dem größten Elend überliefert würden, zur Sprache. Während seiner Rede kam es zu tumultuarischen Szenen, die nach übereinstimmender Ansicht aller Parlamentarier beispiellos dastehen. Der deutschradikale Abgeordnete M a I i k unterbrach nämlich den Abg. Mahler durch flegelhafte Zwischenrufe. Dr. Mahler verbat sich das in entschiedener Weise. Darauf rief Abg. Malik dem Abg. Mahler „Saujud“ zu, welchen Zuruf Dr. Mahler treffend mit dem Worte „Lausbub“ quittierte. Wütend stürzte sich nun Abg. Malik auf Dr. Mahler und vergriff sich an ihm tätlich. Unter fortwährender Unruhe konnte Dr. Mahler seine Rede beenden. Der Präsident rief nacti Schluß der Rede beide Abgeordnete zur Ordnung. Die Deutschradikalen erhoben darauf neuerlichen Lärm und protestierten dagegen, daß einer der Ihren „eines Juden wegen“ zur Ordnung gerufen werde. — Daß die deutschtümelnden Juden aus diesen unerhört brutalen Exzessen „ihrer Parteifreunde“ aus dem deutschnationalen Verbände die Konsequenzen, welche sich für aufrechte Männer von selbst ergeben, ziehen werden, ist leider nicht zu erwarten. Haben doch die von Juden geschriebenen liberalen Tagesblätter kein Wort energischer Abwehr gefunden. Professor Ehrlich — russischer Ordensritter. Wenn ein beim Kohlen-, Schnaps- oder Holzhandel reichgewordener Jude sich den Adel kauft, dnnn geraten unsere israelitischen Ghettoblätter in Verzückung. Sie posaunen derartige Ereignisse schmetternd aus, als ob dem gesamten Judentume eine unendliche Ehre widerfahren wäre. Die jüngste Zeit hat ihnen reichlichste Gelegenheit geboten, sich in dieser Hinsicht auszuleben. Turf juden, Industrieritter und Bankmenschen, getaufte und ungetaufte, wurden schockweise nobilitiert. Nun steht eine neue Sensation bevor. Wie die Blätter melden, wird sich in Kürze über den Professor Ehrlich ein wahrer Ordensregen ergießen Der berühmte Gelehrte wird preußisch, spanisch, russisch und wer weiß wie sonst noch geadelt werden. Die erwähnten Journale, orthodoxer und liberaler Kouleur, schwelgen bereits in den fettesten Schilderungen. Den vernünftigen Juden könnte dieser ganze Rummel kalt lassen, wenn es sich wieder um eine baronisierte Judenkarrikatur handeln würde. Diesmal gilfs aber einem hochstehenden Gelehrten, einer Leuchte der Wissenschaft, einer wirklichen jüdischen Größe. Da taucht die Frage auf: Wird Ehrlich diese Auszeichnungen akzeptieren? Wegen seines Judentums konnte er in Preußen keine akad emjsche Würde erlangen. Wird er nunmehr eine preußische Ordensauszeichnung mit devotestem Danke annehmen? Wird er aus den blutbefleckten HändendesPogromzaren Titel und Würden entgegennehmen? Den Namen „Ehrlich“