Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 3 (20.1.1911)
- Date
- 1911-01-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 3 Gewerbeordnung bilden und es nicht angehe, einzelne Teile aus der Gewerbeordnung herauszureißen und separat zu ändern. Es ist Idar, daß diese Begründung absolut unstichhältig und absurd ist. Die Herrenhäusler, die zum größten Teile selbst Fabrikanten sind, wollen eben sich und ihren Berufskollegen nicht weh tun. Um dem unangenehmen, gegen die Fabrikanten gerichteten Anträge aus dem Wege zu gehen, verschanzen sie sich hinter prinzipiellen Bedenken. Nun sind diese ..prinzipiellen“ Bedenken doch zu jung, um ernst genommen zu werden. Wir erinnern nur an das neue H ausiergesetz, das vor wenigen Monaten beschlossen wurde. Die Bestimmungen über den Hausierhandel bilden ja auch nur einen Teil der Ge werbeordriung. Warum hat sich damals das löbliche Herrenhaus ohne weiters in Beratungen eingelassen und teilweise Aenderungen der Gewerbeordnungruhigdiskutiert und Sanktioniert? Weil es sich eben damals nicht darum gehandelt hat, den Fabrikanten einige Vorrechte zu nehmen. Damals wurden nur einige tausende fleißiger, armerjuden ihrer Existenz beraubt Wegen so einer Kleinigkeit wird doch das Herrenhaus nicht mit prinzipiellen Bedenken kommen. Damals nicht wohl aber heute, denn ein Fabrikant ist doch schließlich und endlich etwas anderes, als ein kleiner schmutziger Hebräer. Unsere Buben werden aber auch in Zukunft in der Schule lernen: Vor demGesetze sind alle österreichischen Staatsbürger gleich!“ - Zum Eabinettswechsel in Rumänien. Man schreibt uns aus Bukarest: Das liberale Ministerium ist gegangen und der Präsident des neuen Kabinettes, Peter Carp, ist ein sehr alter Mann und ein sehr bekannter Politiker. Intelligent, belesen und recht energisch, besitzt er doch keine staatsmännischen Fähigkeiten im höheren Sinne. Er ist kein Doktrinär, kein rein politischer Theoretiker, der in einer Welt von Abstraktionen lebt; im Gegenteil, einer der besten Kenner der tatsächlichen Verhältnisse und insbesondere der Landwirtschaft Rumäniens. Aber ihm fehlt durchaus der Zusammenhang mit der Psychologie des rumänischen Parteilebens. Er ist bei aller seiner Tüchtigkeit der alte Bojar geblieben, der nicht begreifen will, daß auch in Rumänien „Massenpolitik“ gemacht werden muß, daß ein Staatsmann, der es nicht vermag, auf dem Instrumente der Volksseele zu spielen, bei allen organisatorischen Fähigkeiten keine politischen Dauerleistungen vollbringen wird. Carp, in dessen Adern echt moldauisches Bauernblut rollt, ist, dennoch geistig ein Fremder in seinem eigenen Lande. Sein Ministerium wird daher nicht von langer Dauer sein! Diese Tatsache ist für uns Juden schon deshalb unerfreulich, weil Rumänien einen größeren Philosemiten als Peter Carp nicht besitzt. Er ist sich in der Judenfrage wie in allen anderen Problemen der rumänischen Politik treu geblieben. Wie er vor 30 Jahren schon dem Vater des jetzigen Führers der Liberalen, Bratiano, zurief: „Was wollen Sie mit den armen Juden machen? Entweder Sie werfen sie alle in die Donau oder Sie räumen ihnen politische Rechte ein!“ so tritt er auch jetzt stets aufs wärmste für unsere Stammesgenossen ein, die vielleicht in keinem Lande der Welt politisch und wirtschaftlich so verfolgt werden. Aber praktisch bedeutet sein Philosemitismus nicht allzuviel. Denn in seinem eigenen Kabinett sitzen neben Majorescu und Marghiloman, die als „gute Europäer“ sich eines offenen Bekenntnisses zum Antisemitismus schämen, ehrliche, fast naive Gegner des Judentums, wie Filipescu. Carp vermag diese Elemente nicht zu zügeln, er kann in seiner eigenen Partei nicht eine eine einheitliche Anschauung in bezug auf die Judenfrage hersteilen. Er kann seine eigenen Anhänger nicht zu Philosemiten machen, wie soll er nun imstande sein, außerhalb seiner Partei solche Wirkung zu erzielen, Rumänien weniger antisemitisch zu gestalten? Nein, Carp wird die Judenfrage nicht lösen, er wird überhaupt kein Problem 'lösen; sein Kabinett ist eine politische Totgeburt und nach einem Jahre schon wird höchstwahrscheinlich seine Regierung klanglos in den Orkus sinken. Er wird schon Mühe genug haben, bei den nächsten allgemeinen Wahlen gegenüber seinem anscheinend mächtigeren konservativen Rivalen Take Jonescu, der nicht nur mit der rumänischen Volkspsyche' besser vertraut ist, sondern auch für die Bedürfnisse der „Massenpolitik“ ein feineres Ohr besitzt, überhaupt aufzukommen, um die im rumänischen Parlamente überaus notwendige starke Majorität zu gewinnen. Die Juden Rumäniens haben wahrlich Pech! Der größte Philosemit dieses Landes besitzt leider nicht die .Eigenschaften eines überragenden Staatsmannes und so haben wir keinerlei Anlaß, uns bei allen rein menschlichen Sympathien für die Persönlichkeit Carps’ über den Kabinettswechsel zu freuen. A. K. Die Experten. (Zur Lemberger Judenenquete.) Ursprünglich kiess es, dass bloss 40 Experten ‘ eingeladen werden sollen. Tatsächlich wurden 43 Experten eingeladen, darunter 23 Israeliten verschiedener Coulenr und 2 Zionisten. Als man an den Landmarschall, Grafen Badeni, das Ersuchen richtete, noch einige genaue Kenner der Verhältnisse — allerdings waren es Juden nnd keine Israeliten -— Einladungen ergehen zu lassen, entgegnete er brüsk: „Ich will kein Judenparlament haben!“ Dieser Ausspruch beweist, mit welchen Gefühlen der Vorsitzende der die Enquete veranstaltenden Körperschaft der Angelegenheit gegenübertiitt. Unangenehm nnd peinlich ist ihm die ganze Sache! Freilich steht da manches auf dem Spiele, trotzdem die Enquete vertraulich sein wird und nicht einmal Vertreter der Presse zugelassen werden. Europa wird doch erfahren — wenn auch die offiziellen Communiques von Entstellungen strotzen werden — wie verbrecherisch die Sclilachta in dieser ärmsten aller österreichischen Provinzen wirtschaftet und bis zu welchem Grade der offizielle und gesellschaftliche Antisemitismus gediehen ist. Angst vor Demaskierung der niederträchtigen Doppelrolle, blutrünstiger Antisemiten und freundlich-lächelpder Judenretter, das ist die Stimmung des galizischen Landesausschusses nnd seines Vorsitzenden, des wohledlen Schlachzizen Grafen Stanislaus Badeni! Unter den Eingeladenen befinden sich die zwei Zionisten Abg. Stand nnd Vizesekretär der Lemberger Handelskammer Dr. Abraham K orkis. Ausserdem die Abg Diamaod, Gross, Gold, Kolischer und Löwenstein, die Landtagsabgeordneten Dr.Landan (Krakau), R i 11 e 1 und S a r e. Überdies einige berüchtigte Kabalgewaltigen, zwei. Universitätsprofessoren, der berüchtigte Sternbach und der Rechtslehrer RÖsenblatt und — risum teneatis — Dr. Bertkold M e r w i n, der Redakteur der Jednos':! Besonders der letztgenannte Experte verbürgt eine objektive Darstellung der Verhältnisse. Von den 18 nichtjiidischen Experten seien erwähnt: Prof. Grabski, der Führer der an tisemitischen National - Demokraten, Abg. Battaglia und Landtagsabgeordneter Adam. Parteinachrichten. Zionistisches Zentralbhro für Vfcstösttrreich. JSIoan rta.vmiq.-u.e betreffend die Sitzung des zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich. Sonntag, den 15. d. M., fand in den Räumen des Jüd. Nat. F., Wien, IX., Türkenstr. 9, eine Sitzung des zionistischen Zentralkomites für Westösterreich statt. An derselben nahmen teil: der Präsident Adolf Bo e h m [Wien], der Vizepräsident Dr. Emil M a r g u 1 i e s [Leitmeritz], die Mitglieder: Dr. Otto Abeies {Wien], Fritz Loew [Proßnitz], Dr. Singer [Prag], Josef S ü ß m a n d 1 [Mährisch-Ostrau], ferner namens der Distriktskomites für Innerösterreich: Dr. I. H. Koemer [Wien], für Böhmen Prof. Dr. Engel [Prag], für Mähren-Schlesien Dr. Fritz Eckstein [Troppau], für die Sammelstelle des Jüd. Nationalfonds: Dr. Egon Zweig [Wien], Mit beratender Stimme nahmen an der Sitzung ferner teil: Die Mitglieder der Distriktskomites tnnerösterreich: Dr. Arnold K a r p 1 u s , Dr. H. Loew, Ingenieur Rudolf K o e p p 1, Ingenieur Julius G r o a g [sämtliche in Wien], Böhmen: Ingenieur S 1 o n i t z [Prag], Mähren-Schlesien: Gustav Finzi [Troppau], Einem Teil der Beratungen wohnten als Vertreter der „J üdisehen Zeitung“ die Herren Alexander Geller und Ingenieur Robert Stricker [Wien] bei. Der Präsident Adolf B o e h m eröffnete die Sitzung, um halb 11 Uhr vormittags und hielt zunächst dem verstorbenen Mitgliede des Z.- K., Dr. Hugo Rappaport, Trautenau, einen warmen Nachruf. Die Mitglieder der Sitzung erhoben sich zum Zeichen der Trauer von ihren Sitzen. Der Präsident erstattete sodann einen eingehenden Bericht über die Tätigkeit des Zentralbüros ,seit der letzten Sitzung. Derselbe erstreckte sich auf folgende Punkte: Presse [„Palästina“, ,„Jüd. Zeitung“, „Selbstwehr“, Jugendzeitschriften, Studentenzeitschrift], Propaganda [Vortragstourneen, Broschüre 'über Z o 11 s c h a n’s Buch], Hebräische Kurse, Kultusgemeindeaktion, Palästina- -a r b e i t [Informationsbüro, Gesellschaftsreise, Lichtbildervortrag, P. L. D. C. Agitation] und diverse andere Aktionen. Das Z.-K. nahm mit Befriedigung davon Kenntnis, daß durch die Bemühungen des Prager D.-K. und der Prager „Bar Kochba“, die' „Selbst wehr“ wieder von offiziellen Funktionären geleitet wird, ebenso, daß die Zeitschrift „Palästina“ sich in jeder Weise günstig entwickelt. Bezüglich Palästinapropaganda wurde beschlossen, fortan mit ganzer Kraft für die P. L. D. C. zu agitieren und die eben erscheinende Spezialnummer von „Palästina“ zur Unterlage für dieselbe zu benützen. ln der Nachmittagssitzung übergab der Präsident dem Vizepräsidenten Dr. Emil M argul i e s den Vorsitz. Er referierte hierauf in eingehender Weise über die Gründe seiner Demission. Nach längerer Beratung wurde folgender Beschluß gefaßt: „Das Z.-K. billigt die Haltung seines Präsidenten, dem es sein uneingeschränktes Vertrauen ausspricht. Das Z.-K. findet die Demission seines Präsidenten begründet in dem. Verhalten der Zentrale in Köln gegenüber der westösterreichischen Organisation und deren verantwortlichen Parteibehörden, insbesondere in den Veröffentlichungen des Zentralorgans in der Affä.re York-Steiner und den Angriffen auf die gesamten oster r. Gg. Gg., welche in Nr. 51 des Zentralorgans, im Schlußpassus der offiziellen Erklärung der Redaktion, enthalten si n d. Das Z.-K. fordert.die Einhaltung d er : aufder . J a h r es k oh f e r e n z 1910 vereinbarten Friede n sb e dingungen und v er langt von der Zentrale Genugtuung und Respektierung