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Jüdische Zeitung · 1911-01-20 · 3 (20.1.1911) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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nfuionrl -jüdisches drgun Erscheint wöchentlich.—Redaktion, Administration and Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich, 'von 11—12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Für das übrige KaKOKsraacKCMnaraDna Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. easeBoacaoeaseacsooBia» Nr. 3. Wien, Freitag den 20. Jänner 1911. V. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Volkszählungsschwindel. Fabrikanten und Hausierer. Kabinettswechsel in Rumänien. Die Experten. Eine politische Größe. Parteinachrichten. Vereins- und Versammlungsnachrichten. Oberläufer. Volkszählungsschwindel. Böhmische Köchinnen, Briefträger und Schneidermeister, galizische Hausierer, ungarische Pferdemakler und südslavische Barbierer pflegen in normalen Zeiten seitens des Wiener Deutschen nicht hoch eingeschätzt zu werden. Sie verschandeln seiner Ansicht nach die schöne deutsche Donaustadt. Er verhöhnt sie in Wort und Lied und würde es als schwere Beleidigung auffassen, wollte man ihn in irgend welche Gemeinsamkeit mit diesen Leuten bringen. In den letzten Tagen aber war eine radikale Änderung seiner Gefühle zu verzeichnen. Am Tage der Volkszählung haben die Wiener Patentdeutschen diesen zugewanderten Elementen gegenüber eine geradezu brünstige Liebe bewiesen. Alles was da mauschelt, böhmakelt und nur fünf deutsche Worte stottern kann, wurde stürmisch als deutscher Bruder anerkannt und fürs Deutschtum reklamiert. Ja diese junge Liebe steigerte sich bis zur Gewaltätigkeit. Mit den brutalsten Mitteln wurden die nichtdeutschen Bewohner Wiens gepreßt, sich zur deutschen Umgangssprache zu bekennen. Die deutschen Zeitungen haben mit beispielloser Frechheit Rezepte diktiert, wie man denWiderstand der Nichtdeutschen brechen kann. Dienstgeber wurden aufgefordert, ihren tschechischen Arbeitern und Dienstboten mit der Entlassung zu drohen, Hausherren haranguiert, in die Zählungsbogen Einsicht zu nehmen und die Mieter vor die Wahl der Einbekenntnis zur deutschen Sprache oder des Hinauswurfes zu stellen. Staatsbeamte wurden denunziert. Staatliche Zählorgane gebärdeten sich wie Wahlagitatoren und wurden hiefür noch öffentlich belobt. So schrieb die «Ostdeutsche Rundschau»: «Der Wiener Lehrerschaft, die sich bei dieser Gelegenheit — zumeist wohl nur im Bewußtsein ihrer volklichen Pflicht — freiwillig der Mühe der «Prüfung» der Anzeigezettel unterzogen hat, gebührt herzlicher Dank etc.» Saubere Zählorgane, die statt objektiv zu zählen, «volklichen» Pflichten nachkommen, d. h. nationale Agitation betreiben. Während die nationalradikalen und christlichsozialen Zeitungen die Hetze bestritten, besorgten -die deutschliberalen Judenblätter das Geschäft des Vertuschens Mit seichten Witzen undJ byzantinischen Anekdoten wurde das Lesepublikum über den Ernst der Situation hinweggetäuscht. Die «Zeit» brachte die,erschütternde Nachricht: «Einzelne sehr bekannte Personen wie Minister a. D. Zaczek, Graf Stemberg, die Operettendiva Günther und andere hatten vollständig korrekte Anzeigen abgeliefert Mehrere Aristokraten waren samt Dienerschaft verreist!» Das gewissenhafte «demokratische» Organ hat leider vergessen mitzuteilen, daß der Minister bei dem feierlichen Akte der Ausfüllung eine gestreifte Krawatte trug und die Diva seidene Unterröcke von der Firma Gerngroß. Die «Neue Freie Presse» bemerkte friedlich säuselnd, daß seitens der Revisoren die Streichungen und Korrekturen in der Rubrik Muttersprache im «besten Einvernehmen» mit den Parteien vorgenommen wurden. Kein Wort darüber, daß Tausende von Juden — ohne daß agitiert worden wäre — die Rubrik Umgangssprache mit „Jüdisch“ ausfüllten und erst die k. k Zählungskommissäre die Lüge «deutsch» einsetzten. Die vorgenommene Volkszählungist ein Schwindel. Sie ist vom politischen 'Standpunkte aus betrachtet ein Betrug, vom, wiss.chaftliche'if Standpunkte aus als Humbug zu bezeichnen. DieseStatistik, zu welcher politische Agitatoren das Material lieferten, ist keinen Pfifferling wert. Die zionistischen Abgeordneten, insbesondere der verstorbene Dr. Gabel, haben seinerzeit im Parlamente eine eifrige Agitation dafür entfaltet, daß statt der Rubrik «Umgangssprache» die Rubrik «Nationalität» in die Volkszählungsbogen aufgenommen werde- Mit Hilfe der slawischen Abgeordneten wurde auch eine dahin lautende Resolution im Plenum durchgebracht Die deutsche und polnische Bürokratie hat sich über den Willen des Parlamentes einfach hinweggesetzt und es ist beim alten geblieben. Die Tschechen, Slovenen etc., die schon wegen einer Straßentafel oder eines Weichenwächterpostens Ministerien gestürzt haben, ließen sich unbegreiflicherweise diese Nichtachtung ihres Willens ruhig bieten und haben so den deutschen und polnischen Chauvinisten freies Spie! gewährt So ist Wien als kerndeutsche Stadt aus der Zählung hervorgegangen. Vierzig Prozent Nichtdeutsche, wie Tschechen, Juden, Südslaven, Italiener etc, sind an die Wand gedrückt worden. Man hat den in ökonomischer Hinsicht so wertvollen nichtdeutschen Teil der Wiener Bevölkerung um das Recht des Bekenntnisses zum eigenen Volkstum betrogen. Es ist sehr zweifelhaft, ob sich die deutsche Alleinherrschaft in Wien für die Zukunft auf Gewalt und Betrug wird stützen können. Die Erkenntnis, daß Wien, die Hauptstadt des vielsprachigen Österreichs nicht Alleinbesitz deutschnätionaler Hetzbrüder sein kann, wird sich unaufhaltsam Bahn brechen. indisch; sozialistische ürhcitcppartoi „Poale Zion“. Jüdische Mitbürger! Arbeiter und Angestellte! Die österreichische Völkerzählung hat sich zu einem Völkerkrieg gewandelt. Die Erhebung der Umgangssprache ist ein Mittel geworden, die Juden anderen Nationen zuzurechnen. Die Juden Österreichs sind zu einem Werkzeug nationaler Majorisierung und Unterdrückung geworden. Gegen die Juden, die sich zu ihrer wirklichen Umgangssprache zur jüdischen Volkssprache, bekennen, werden alle Machtmittel aufgeboten. Juden Wiens! Erhebet Einspruch gegen diese Entrechtung und Enfe ehrung! Kommt in Massen zu der Sonntag, den 2?. d. h., halb 10 Uhr vormittags, im. Theatersaale des „Hotel Stefanie“, II., Taborstrasse stattfindenden Protestversammhing mit der Tagesordnung: Die Volhszäftlung and die luden. Erscheinet in Massen! Das. Lokalkomitee. Fabrikanten und Hausierer, In der Schule lernt jeder österreichische Junge eine Menge schöner, guter Dinge, Sprüchlein voll saftiger Güte und Weisheit, als da sind: Salz und Brot macht Wangen rot, Hunger ist der beste Koch, alle Staatsbürger sind vor dem Gesetze gleich und noch viele andere. Auch unsere Gesetzgeber, die Herrenhausmitglieder, sind dereinst in die Schule gegangen und haben gewiß andächtig diese Lehren aufgenommen. Heute freilich sind sie alte Herrn und schütteln ob dieser Schulweisheit lächelnd die kahlen Köpfe. Sie haben erkannt, daß Fasane und Truthühner auch einigenNährwert besitzen, daß die Künste eines französischen Küchenchefs auch einiges für sich haben und die Gleichheit vor dem Gesetze* wohl respektiert werden muß, aber nur von den Herren Schulbuben. Den Herren Gesetzgebern fällt es nicht im Traume ein, sich durch so kleinliche Schulweisheiten, und die Lehre von der Gleichheit aller Bürger ist ja eine solche, in ihren Handlungen beeinflußen zu lassen. Im Abgeordnetenhause wurde kürzlich; ein Antrag auf Aenderung der gesetzlichen Bestimmungen bezüglich des Kontraktbrachem angenommen und zur weiteren Behandlung an das Herrenhaus" geleitet. Heute wird nämlich ein Fabrikant, der seinem Arbeiter gegenüber den Arbeitsvertrag bricht, mit einer Geldbuße belegt, der kontraktbrüchige Arbeiter aber wandert ins Gefängnis. Das Abgeordnetenhaus hat diese Bestimmung abgeändert und das' Herrenhaus sollte nun seinerseits darüber beraten. Nun hat das Herrenhaus sich geweigert, die Beratungen aufzunehmen und zwar mit der Begründung, daß die Bestimmungen bezüglich des Kontraktbruches nur einen Teil der i|i sr| % e3S 11

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