Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Schlüsse seien die poetischen Erzeugnisse Berkelhammers und Chmieinickis Uebersetzung der Schneirschen „Kirschen“ zur Lektüre empfohlen. Ueber jüdische Kunst, gleichsam zur Einführung für die beigegebenen (leider zusammen am Schlüsse und nicht verstreut im Buche) Illustrationen schreibt Seweryn Gottlieb. Eine Inhaltsangabe, den an jüdischer Kunst Interessierten zur fleißigen Durchsicht empfohlen. Jedem, dem der Fortschritt zionistischer Arbeit in Palästina am Herzen liegt, werden die Artikel Adolf Böhms über „Mesopotamien“, Josef Gerstmanns über „Kulturzentrum in Palästina“, und der Aufsatz des Prof. Boris Schatz über den „Bezalel“ willkommen sein. Mit der ökonomischen Not der galizischen Juden und den Mitteln zu ihrer Steuerung befaßt sich M. Frostig. Seine von tiefer Sachkenntnis zeugende Arbeit, die ein Produkt jahrelanger Beschäftigung mit dieser Materie darstellt, bietet grundlegende Daten und Vorschläge bezüglich dieser brennenden Frage. Ueber Poale- Zionismus schreibt der Herausgeber der poale-zionistischen Monatsschrift „Nasze hasla“, Dr. Max Rosenfeld. Alles in allem hat der Almanach ein mehr kritisch-wissenschaftliches als literarisch-schöpfeiisches Gepräge. Es wird wenig neues gesagt Es ist eine Sichtung und Besprechung von vorhandenen und vielfach abgebrauchten Werten. Es wird nicht so sehr den Zionisten als den außerhalb Stehenden Belehrung und Genuß verschaffen. Woher das rühren mag? Ist die jungjüdische Schöpfei kraft an einem toten Punkte gelangt? Ich. glaube nicht. Aber die, Sehnsucht nach Zukunft, die Klage um gewesenes Glück, die Selbstqual der Golusschilderungen genügen nicht mehr. Halbleben, der Golus und Lebenssurrogate, wie Träumen und Plänemachen, wecken kein Echo im Herzen und drücken nicht mehr so vielen den schöpferischen Griffel in die Hand. Die Unzulänglichkeit, jüdisches Leben in nichtjüdischem Sprachgewande darzustellen, bedrückt unsere schaffenden Geister stärker denn je. Der Zionismus ist aus der Zeit der Illusionen und der glühenden Nur-Begeisterung hinaus. Der Einfluß ist merkbar. Die schöpferische Kraft sucht ein natürliches Milieu, sucht das entsprechende Ausdrucksmittel. Dort unten, im Lande der Väter, bereitet sich dieses Leben vor. Ein neuer Stil entsteht dort; unsere Ethischesten und innerlich Wahrhaftesten ziehen hin, um zu gesunden, um in Berührung mit der eigenen Muttererde ihre Kräfte zu stärken. Bald glaube ich, ist die Zeit gekommen, wo jüdische, wahrhaft jüdische Kunst von dort aus den Weg zu uns, den Versprengten nehmen, und unserem Schaffen Richtung und Ziel weisen wird. Was hier erscheint, ist der Ausdruck der Sehnsucht nach dieser Zeit. Auf dem Wege zur jüdischen Kunst sind diese Sammelbücher kleine Lichtlein. Und je mehr sie den Glanz der aufgehenden Sonne ahnen lassen, desto besser sind sie. Als Tatsache für sich haben sie wohl kaum mehr als geschichtlichen Wert, genau wie das „Almanachjudentum“, das nur als — wenn auch nicht scharf ausgeprägte — Veiheißung einer kommenden Erfüllung Sinn und Daseinsberechtigung hat. M. Wald mann. Samuel Lublinski gestorben. Samuel Lublin ski ist gestorben. Der Werdegang dieses begabten Schriftstellers entbehrte nicht der Tragik und da er bekanntlich auch eine Strecke mit uns gegangen ist, soll anläßlich seines Ablebens hier von ihm gesprochen werden. Er bekannte sich in den ersten Jahren des Kongreßzionismus zu unserer Bewegung und trat in Wort und Schrift für sie ein, um dann plötzlich — in einer knappen publizistischen Erklärung — mitzuteilen, daß er nicht mehr zu den Zionisten gehöre. Er sei zur Erkenntnis gelangt, daß er mit dem jüdischen Volke, an das er nicht glaube, und daher auch mit der zionistischen Weltbewegung, nichts gemein habe. Er fühle sich als-Kulturdeutscher. Einige Jahre später (1905) sprach er noch ein letztes Wort zur Judenfrage. Er sei strenger Individualist im Sinne Nietzsches. Was an ijim jüdisch sein möge, interessiere ihn nur, „weil und insofern es lublinskisch ist“. Und er wirkte weitab im deutschen Dichterwald. Da geschah" es, daß er etwas unsanft an das „Lublinskische“ erinnert wurde. Der famose Verleumder des östlichen Judentums, der Täufling Dr., Theodor Lessing, bewarf ihn mit Schmutz und stellte ihn als zerdrücktes Ghettomännchen mit Plattfüßen, schmalziger' Airoganz und einer Judennase, die in allen Töpfen stecke, an den Pranger. Tragödie des Schicksals: Lublinski, der seinem Volkstume aufgesagt halte, wird von einem jüdischen Renegaten wegen seiner Abstammung durch die Gosse geschleift. Wäre er nach wie vor in seinem Volke gestanden,er hätte über einen Doktor Lessing triumphiert. Soaber ... Die Lebensgeschichte Samuel Lublinskis ist ein Schulfall. 1 Aus dem jüdischen Leben. Palästinensische Kolonisationsbestrebungen in Amerika. Aus New-York wird gemeldet: Der hier bestehende iOider Bnei Zion“, der Zehntausende von Mitgliedern zählt, hat in seiner letzten Jahresversammlung beschlossen, eine Aktiengesellschaft unter dem Titel „Canaan Company“ zu begründen, deren Zweck-die Schaffung einer Kolonie amerikanischer Juden in Palästina sein soll. Die Canaan Company ist nun vor kurzem durch einen Charter des Staates New-York legalisiert worden. Die Company wird ihre Siedlungstätigkeit beginnen, sobald ihr Aktienkapital die Höhe von 25.000 D. erreicht haben wird. Der Preis eines Anteilscheines der Company beträgt 25 D. Die Gelder der Canaan Company werden bei der Anglo-Palestine Company in Jaffa zinsbringend angelegt werden. Judenausweisungeii in Buchara. Aus St. Petersburg schreibt map„ der „N. J. K.“: Ein Telegramm aus Taschkent meldet: Aus der Stadt Merw sind 100 bucharisch-jüdische Familien und aus der Stadt Taschkent 1.7 jüdische Familien als Ausländer ausgewiesen worden. Unter den Ausgewiesenen befindet sich auch der Gemeinderabbiner Taschir von Taschkent. Nachdem russischen Gesetz haben in Turkestan nur diejenigen Juden das Wohnrecht, die sich dort nachweislich vor dem Jahre 1864 niedergelassen haben. Alle anderen Juden werden als Ausländer behandelt. Im vorigen Jahre weilte Rabbiner Taschir aus Taschkent in Petersburg, um an den maßgebenden Stellen eine mildere Handhabung der betreffenden Bestimmungen durchzusetzen. Es schien damals, daß seine Intervention von Erfolg1 begleitet war. Nun ist er selbst von der Ausweisung betroffen worden und der Ausweisungsbefehl erstreckt sich sogar auf die in Merw wohnenden bucharischen Juden, obgleich das.Gesetz vom 5. Juni 1900 das transkaspische Gebiet ausdrücklich von den fraglichen Bestimmungen ausnimmt. Die Lage der ausgewiesenen Juden ist eine verzweifelte. Sie müssen ihre ganze Habe zu Schleuderpreisen verkaufen und alle Geschäfte liquidieren. Die Einführung vollständiger Sonntagsruhe in Rußland. Aus St. Petersburg wird der „N.J.K.“ gemeldet: In der Sitzung der Reichsduma vom 26. v. M. wurde mit 136 gegen 84 Stimmen - folgende Bestimmung in das neue Sonntagsruhegesetz aufgenommen: „Die Arbeit in sämtlichen kaufmännischen und gewerblichen Betrieben, die in § 1 genannt sind, muß während des ganzen Sonntags, am zweiten Weihnachts- und Ostejtage, am Neujahrstage und am Gedenktage der Bauernbefreiung (19. Februar) vollständig , ruhen.“ Dieses neue Sonntagsruhegesetz bedeutet'wieder einen Ruin tausender jüdi.-cher Existenzen, da die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden gezwungen sein werden, zwei Tage in der Woche zu feiern. Delegiertentag der kroatischen und bosnischen Zionisten. Aus Zagreb (Agram), 25. Dezember, wird gemeldet: Heute fand hier die zweite Landeskonferenz der kroatischen und bosnischen Zionisten statt. An 40 Delegierte waren anwesend. Advokat Dr. Hugo Spitzer aus Osijek (Essek), Prä- Nr. 2 sident der Zionistischen Landesorganisation für die südslawischen Gebiete der österreichisch-ungarischen Monarchie, eröffnet die Tagung. Hierauf berichtete er über den gegenwärtigen Stand der zionistischen Bewegung. Nach ihm erstattete Sekretär Erwin Kraus Bericht über die Tätigkeit des Landeskomitees und der Landessammelstelle des Jüdischen Nationalfonds. Den Berichten ist zu entnehmen, daß in den Gebieten der Landesorganisation monatlich ungefähr 575 K für den Nationalfonds und andere zionistische Institutionen gespendet wird. Der Präsident der Landesorganisation, Dr. Hugo Spitzer, sprach bei der kroatischen Landesregieiung vor, wo er vom Banusstellveit/efer Sektionschef von Chavrak freundlichst empfangen wurde. Präsident Dr. Hugo Spitzer zerstreute einige Bedenken, die man behördlicherseits gegen den Zionismus hegte und es wurde ihm zugesagt, daß die unterbreiteten Statuten der Osijeker und Zagreber zionistischen Vereine in günstigem Sinne erledigt werden. Von dem neugewählten Landeskomitee erwartet man einen bedeutenden Aufschwung der zionistischen Bewegung in unseren Ländern. Der Gouverneur von Pera auf einem jüdischen Fest. Am 31. Dezember 1910 leierte der Konstantinopeter jüdischnationale Turnverein „Makkabi“ das Andenken der Makkabäer mit der Veranstaltung eines großen Turnfestes in den Petit Champs. Der Zudrang zu dem Fest war ein ungeheurer. Die Feier begann mit der gemeinsamen Absingung der osmanischen Nationalhymne, der die „Hatikwah“, die zionistische Hymne, folgte. Nach einigen Ansprachen in türkischer, hebräischer und französicher Sprache, ergriff der Protektor des Festes, der Gouverneur von Pera, Muhieddin Bej, das Wort zu einer längeren Rede, in der er zu Eingang erklärte, daß die Zwecke des Turnvereines der Regierung volles Vertrauen einflößten. Er schloß mit einem stürmisch akklamierten Hoch auf die Konstitution, die Freiheit, den Sultan und das jüdische Volk. Die Turnübungen, die man sodann vornahm, fanden den lebhaften Beifall der anwesenden Offiziere. — Der Verein wird demnächst unter dem Patronat des Staatsrats Reschid Bej ein Fest zugunsten des Flottenfonds veranstalten. Die Vorbereitungen der Selbstverwaltungs; Vorlage. Der „N. J. K.“’ wird aus Petersburg berichtet: Die Dumakommission für städtische Angelegenheiten hat dieser Tage die Vorberatungen über die Vorlage betreffs Einführung kommunaler Selbstverwaltung in Polen zu Ende geführt. Vor der endgültigen Abstimmung über die gesamte Vorlage verlangten Friedman undPetrowsky eine nochmalige Lesung und Durchberatung derjenigen Bestimmungen, die eine Rechtseinschränkung der Juden enthalten. Abgeordneter Maslennikow trat mit großer Wärme für den Antrag ein. ln seiner Rede unterzog er die betreffenden Bestimmungen einer scharfen Kritik und protestierte ganz entschieden gegen den geplanten Rechtsraub an den Juden. Der Antrag Friedman-Petrowsky wurde zur Abstimmung gestellt und mit allen gegen lünf Stimmen abgelehnt. Diesmal waren die polnischen Abgeordneten mutiger und stimmten offen gegen den Antrag. Sonst hätten die Herren sehr leicht die Partie verlieren können: wuide doch die Rechtseinschränkung der Juden seinerzeit mit einer Mehrheit von nur einer Stimme angenommen. Charakteristisch ist, daß in derselben Sitzung ein ähnlicher Antrag, einen anderen Punkt betreffend, eingebracht wurde, und die Kommission keinen Anstand nahm, den betreffenden Punkt einer erneuten Beratung zu unterziehen. Abgeordneter Karaulow gestorben. Aus Petersburg schreibt man: Im Abgeordneten Karaulow, der dieser Tage einer Lungenentzündung erlegen ist, hat das jüdische Volk einen seiner besten und aufrichtigsten Freunde verloren. Seit Wladimir Solowiew kannte Rußland keinen zweiten Mann, der wie Karaulow mit so inniger Liebe an Juden und Judentum gehangen hat, der das ganze Gewicht seiner edlen reichbegabten Perönlichkeit darein gesetzt hätte, die Sünden seiner Volksgenossen an der jüdischen Nation zum Teil wenigstens gutzumachen. Karaulow war der erste, der die Gesetzesvorlage wegen Abschaffung des Ansiedlungsrayons unterschrieben hat und hätte demgemäß bei der Beratung der Vorlage als erster das Wort hierzu ergreifen sollen. Für diese Aufgabe bereitete er sich