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Jüdische Zeitung · 1911-01-13 · 2 (13.1.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Eine neue Landplage. Der nationale Hader innerhalb der mährischen Sozialdemokratie würde uns weiter nicht heiß machen. Wir begreifen dieses Zeichen der Zeit. Aber dieser Kampf wird auf unserem Rücken aasgetragen und vernichtet j idische Existenzen. Die sogenannte deutsche Sozialdemokratie in den zweisprachigen Städten Mährens besteht nämlich aus jüdischen Aerzten und Advokaten als Führern, einem Heerbann jüdischer Handelsangestellterund Privatbeamter und einem winzigen Fähnchen wirklich deutscher Arbeiter. Es ist also eine fast durchaus jüdische Partei, die hier bewußtdeutsche Politik treibt und den antisemitischen Boykott seitens der tschechischen Bevölkerung provoziert. Früher war den deutschliberalen Großjuden der traurige Ruhm Vorbehalten, an dem Ruine des kleinen Juden in den zweisprachigen Gebieten mitgewirkt zu haben. Nun beginnen auch die internationalen jüdischen Freiheits- und Gleichheitsbrüder inDeulschtum zu machen. Ihre diesbezügliche Tätigkeit hat schon recht nette Blüten gezeitigt und man entsinnt sich noch, daß seinerzeit die Brünner jüdischdeutsche sozialdemokratische Partei mit der deutschliberalen Fabrikantenclique anläßlich der Gemeinderatswahlen im wohlverstandenen „völkischen“ Interesse Hand in Hand ging, damit die „von der tschechischen Hochflut umbrandete deutsche Feste“ — wie Brünn im Jargon des „Tagesbote“ genannt wird — deutsch erhalten bleibe. Neuerlich hat diese für die Juden so gefährliche Landplage auf P r o ß n i t z übergegriffen und beginnt nun auch auf dem heißen Boden dieser tschechischen Industriestadt ihr Unwesen zu treiben. Die „deutsche Fraktion“ hat sich etabliert, geht recht forsch daran, die deutsche Kultur zu retten, und scheint es darauf abgesehen zu haben, den Proßnitzer deutschnationalen jüdischen Studenten, die seinerzeit anläßlich des berüchtigten Brünner deutschen Volkstages heilrufend demonstrierten, den Rang abzulaufen. Das sind die verderblichen Folgen der Verlogenheit, mit welcher die Sozialdemokratie über den Judenpunkt hinweggeht: Sie zwängt die jüdischen Genossen in fremdnationale Fraktionen und macht sie zu Werkzeugen der Reaktion. Sind die Juden deutsches Stimmvieh? Die „Ostdeutsche Rundschau“ und das jüngste deutschnationale Organ, Verganis christlichsoziales „Deutsches Volksblatt“ haben wieder einmal die Zähne gefletscht und die Wiener Juden bedioht. Jeder Jude, der in Wien wohne, lebe von Deutschen und sei daher verpflichtet, in den Fragebogen anläßlich der Volkszählung „d e u ts c h“ als Umgangssprache einzutragen. Wehe, wenn er sich etwa zur tschechischen Umgangssprache bekenne! Hinter dieser bramarbasierenden Gebärde lugt eine jämmerliche Bettlermiene hervor, die es nicht verabscheut, die verhaßten, boykottierten Hebräer dazu zu benützen, das Wiener Deutschtum künstlich zu vergrößern, ähnlich, wie sich ja auch anläßlich der Landtagswahlen die „Reichspost“, das Organ Geßmanns, nicht entblödet hat, halb drohend, halb winselnd, um jüdische Stimmen für den Mandatsnachfolger Dr. Karl Luegers zu werben. Man hat eigentlich ein stilles Vergnügen ob der geradezu perversen Korruption dieser Wotanssöhne und heiligen Katholiken, und lächelt über die bodenlose Unverschämtheit der judenreinen Heilbrüder und deutschnational-christlichsozialen Verganileute, die die Wiener Juden zum Deutschtum pressieren wollen. Jeder Jude, der in den letzten Jahren aus tschechischen Gegenden nach Wien kam und sich der tschechischen Umgangssprache von Kindheit bediente, tat gut und klug daran, wenn er der Wahrheit die Ehre gab und das Tschechische als Umgangssprache in den Fragebogen eintrug. Wenn wir Juden schon — mangels der Rubrik „Nationalität“ im Fragebogen — um das heilige Recht betrogen wurden, bei dem sozialpolitisch für jede Nation des Reiches hochwichtigen Akt der Volkszählung d.e eigene Nation zu dokumentieren, so haben wir gewiß nicht die geringste Lust, auf das Kommando unserer Blutfeinde durch falsche Angaben an derLügevom „germanischen Wien“ mitzuwirken. Das fehlt gerade noch, daß wir an der Vergewaltigung von hunderttausenden in Wien lebenden Slawen, denen man die Schulen vorenthält, mitschudig werden! Unsere Meinung in dieser Frage haben wir wiederholt präzisiert: Es ist vom modem-österreichischen Standpunkte einfach reaktionär, die Metropole dieses polyglotten Staates zur urdeutschen Stadt stempeln zu wollen. Wien gehört den Oesterreichern und nicht den Herren Wolf und Schönerer, Vergani und Geßmann. Parteinachrichten. Innerösterreichisches Distriktskomitee! Gesellschaftsreise zum X. Kongreß nach Basel. Das i.-ö. Distriktskomitee hat das Arrangement einer Gesellschaftsreise zum X. Kongreß, der im A u g u s t d. J. in B a s e 1 stattfindet, übernommen. An dieser Reise können sowohl die Kongreßdelegierten, welche ihre Route über Wien wählen, als auch Gg. Gg., die den Kongreß als Gäste zu besuchen beabsichtigen, teilnehmen. Die Hinfahrt (Schnellzug HI. Kl.) erfolgt von Wien aus gemeinsam, die Rückfahrt aufgelöst. Für Logis und eventuell Verpflegung in Basel wird Vorsorge getroffen. Die Kosten dieser Reise belaufen sich inkl. sechs- bis siebentägigem Aufenthalt in Basel auf ca. 90—100 K. Es ist bei einer Teilnehmerzahl von wenigstens 50 Personen eine 20- bis 25prozentige Ermäßigung zugesichert. Um auch weiteren Kreisen die Teilnahme am X. Kongreß zu ermöglichen, kann von Seite der Interessenten eine wöchentliche oder monatliche Einzahlung erfolgen. Anmeldungen nimmt dis Sekretariat des i.-ö. D.-K., IX. Türkenstraße 9, mündlich oder schriftlich entgegen. * * * Parteikataster. Da die Arbeiten für'‘den'Parteikataster d i esen Monat zu Ende geführt werden müssen, ergeht nochmals an die Wiener Gg. Gg. das d r i ngende Ersuchen, die Katasterblätter auszufüllen und unvermittelt dem D.-K. zurückzustellen. Verloren gegangene Katasterbogen werden auf persönliche oder schriftliche Reklamation hin vom Sekretariat, IX. Türkenstraße 9, Telephon 14193, ersetzt. * * * Hebräische Sprachkurse. Die auf Initiative des i.-ö. D.-K. eingeführten und von der akad. Vereinigung „H a t’c h i j a h“ nach moderner Unterrichtsmethode geleiteten hebräischen Sprachkurse finden wöchentlich, und zwar Sonntag von halb 11 bis 12 Uhr vorm, und Mittwoch von 8 bis 9 Uhr abds. im Kongreßbureau, IX. Türkenstraße 9 (großer Saal) statt. Honorarbetrag pro Monat 3 K. Anmeldungen im Sekretariat des i.-ö. D.-K. Es ergeht an die Gg. Gg., besonders aus akademischen Kreisen, die dringende Aufforderung, an den Sprachkursen teilzunehmen. * * * Zionistischer Zentralverein. Ordentliche Plenarversammlung: Samstag, den 14. d. M., präzise 8 Uhr abend, im Kongreßbureau, IX. Türkenstraße 9. Tagesordnung: 1. Wahlen für den D.-T. 2. Vorbesprechung für die Generalversammlung 1911. 3. Eventualia. * * * Vortrag Dr. Pasmanik. Der Verein zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl* veranstaltet Freitag, den 27. Jänner 1911, im Hörsaal 33 der juristischen Fakultät einen Vortrag des Privatdozenten Dr. Daniel Pasmanik über „Sinn der jüdischen Geschichte“. Beginn präzise viertel 8 Uhr abends. Ein neuer Almanach. In einer Kontroverse mit einem unserer scharfsinnigsten Parteigenossen wurde von ihm im Eifer der Debatte ein neues Wort geprägt: Alma - nachjudentum. Das Wort sollte die Schädlichkeit jener Richtung in unserer Partei kennzeichnen, die dem realen jüdischen Leben nicht genügend Rechnung trägt und sich in halb gelehrter und ganz mystischer Weise an die Betrachtung verschiedener Probleme des Judentums heranmacht. Da dieses Wort als Gegensatz zum „schlechthinigen Zionis - mus“ — wenn man so sagen darf — gebraucht wurde, opponierte ich in heftiger Weise und verteidigte das „Almanachjudentum“, indem ich dem „schlechthinigen Zionismus“ eins am Zeug flickte. Nun sehe ich ein, daß wir beide recht hatten. Er mit seiner und ich mit meiner Kritik. Denn beide Zustände, gedankenloses Zionistsein und halbgelehrtes Problemlosen, sind ungesund. Von diesem Standpunkte aus, möge die Almanachflut unserer Tage betrachtet werden. Jedem ist wahrscheinlieh die Zeit noch lebhaft in Erinnerung — es war während des Zenithstandes der russischen Revolution — da die endlosen Debatten pro und kontra Zionismus, Territorialismus, Sozialismus, Poale-Zionismus, Sejmismus etc. zu einer wahren Landplage wurden. Unter der Einwirkung des russisch-jüdischen Lebens der damaligen Zeit, das sich in Theorien und kühnen Gedankensprüngen Luft machte, gerieten auch die westeuropäischen Parteigenossen außer Rand und Band und man kämpfte mit spitzen Waffen, geholt aus der Rüstkammer von Marx, Lasalle, Herzl und Zangwill. Solange, bis die Kehlen trocken wurden und die Nutzlosigkeit dieses unfruchtbaren Gezänkes offenbar ward. So verlief sich die Hochflut und ein zweites Extrem griff überhand: man scherte sich im großen Ganzen den Teufel um Theorie. Der Ruf nach realer Arbeit wurde allgemein, Nun bereitet sich ein neuer Umschwung vor. Seine Herolde sind die verschiedenen Sammelbücher, die bereits erschienen, und die unzähligen, die erst angekündigt sind. Im nachfolgenden soll von dem jüngst erschienenen Almanach in polnischer Sprache *) gesprochen werden, der ungefähr um dieselbe Zeit wie der seit einigen Monaten in deutscher Sprache von der Wiener „Bar-Kochba“ herausgegebene Almanach angekündigt wurde, jedoch erst viel später das Licht der Buchhandlungen erblickte. Schon der erste Eindruck lehrt, daß der Herausgeber den redlichen Willen hatte, ehrliche und nützliche Arbeit zu leisten. Doch ist vom Willen zur Tat ein weiter Weg. Die Unzulänglichkeit der Provinzverhältnisse bewirkte, daß die Ausstattung, der Druck, die Illustrationen, die im allgemeinen zu loben sind, jenen Schliff entbehren, der für die Bezeichnung „vornehm “ unentbehrlich ist. Desto besser ist der Inhalt. Bewährte und anerkannte Schriftsteller haben sich in den Dienst der Sache gestellt. Pasmanik, unser vielbelesener und geistig rührigster Parteigenosse .schreibt über die „Telologie in der jüdischen Geschichte“. Mathias A c h e r und Leon Kellner schreiben über das „Jüdische Theater“, beziehungsweise über die „Jidische Sprache“. Daß diese Aufsätze geistreich und gediegen sind, braucht nicht hinzugefügt zu werden. Dr. Pordes behandelt das jüdische Kulturproblem. Dieser eigenartige Kopf, der nur darum weiten jüdischen Kreisen unbekannt ist, weil er nur in polnischer Sprache schreibt, bietet in seinem Aufsatze wohl das Fesselndste, was darüber in letzter Zeit geschrieben wurde. Dr. Leon Reich bespricht im Leitaufsatze zionistische Gegenwartsfragen und begeht darin den Fehler, allgemein Zionistisches mit rein galizisch Landespolitischem durcheinander zu mengen. Dr. Ri ngel behandelt unsere Stellung zu den Polen und erhärtet zum xtenmale, daß wir keine Gegner des polnischen Volkes sind. Er tut es jedoch in klarer und sachlicher Weise. Dr. Ignaz Schipper bringt einen Teil einer größeren historisch-wirtschaftlichen Arbeit über die Juden in Polen zum Abdruck. Die Arbeit verdient ob ihres Fleißes und des reichen Materials volle Anerkennung. Prof Dr. S1 o u s c h berichtet über eine Reisebegebenheit in Nordafrika, über den Besuch bei jüdischen Grottenbewohnern. Da er über *) „Almanach zydowski“, herausg. von Dr Leon Reich. Preis 6 K.

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