Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 2 durch den galiziscben Landtag, insbesondere bei seiner jetzigen Zusammensetzung, Oberhaupt unmöglich ist. , Die Notlage der Juden in-Galizien steht im unmittelbaren, ursächlichen Zusammenhänge mit der allgemeinen Notlage des Landes, mit seiner kulturellen und wirtschaftlichen Zurückgebliebenheit. Die Juden befassen sich bei uns meistens mit dem Handel, in erster Linie mit dem Kleinhandel. Ihre wirtschaftliche Hebung, bezw. Zurücksetzung bleibt daher im direkten Verhältnis ziir Kaufkraft der Bevölkerung. Solange daher die Bevölkerung sich auf einem niedrigen Kulturniveau befindet und auf demselben absichtlich -von .den polnischen Machthabern des Landes erhalten wird, solange die Landwirtschaft — die Hauptquelle des Reichtums des Landes — sowie die mit derselben verbundenen Industriezweige fast gänzlich unentwickelt sind, kann an eine materielle Hebung der Judenmasse in Galizien überhaupt nicht ernst gedacht werden. Die Juden müssen sich durch die Schaffung eigener wirtschaftlicher Hilfsvereine und Organisationen, die sie auch national kräftigen werden, einstweilen selbst helfen, dann aber mit allen oppositionellen Elementen Hand in Hand gehen, um das jetzt herrschende System, welches dem ganzen Lande den Weg zur lmlturellen und materiellen Stellung und zum allgemeinen Fortschritt auf allen Gebieten versperrt, zum Falle zu bringen.“ Ein jüdisches Opfer der Christlichsozialen. (Selbstmord des Motorführers Moritz Augenstein.) Die „Arbeiter-Zeitung“ vom 10. d. M. schreibt: „Im gestrigen Mittagsblatt hat die „Arbeiterzeitung'" von dem Selbstmord des Motorführers Moritz Augenstein berichtet. Samstag abends ist, meldete die Korrespondenz Wilhelm, ein Mann, der die Kleidung eines Bediensteten der städtischen Straßenbahnen trug, von der Kronprinz Rudolfs-Brücke in den Donaustrom gesprungen und sofort in den Wellen verschwunden. Auf der Brücke hat der Selbstmörder einen Uniformmantel eines Straßenbahners und eine Kappe sowie eine Karte mit der Adresse: „Moritz Augenstein, Wagenführer, XVI. Maroltingergasse 57“ zurückgelassen. Der Selbstmörder ist nun tatsächlich mit dem Wagenführer Augenstein der städtischen Straßenbahnen identisch und was ihn in den Tod getrieben hat, teilt er selbst der „Arbeiter-Zeitung“ in einem Schreiben mit, das uns mittags erreichte. Dieser Brief bedeutet eine Pauschalanklage gegen die schuftige Denunziantenwirtschaft bei den städtischen Straßenbahnen. Aber noch mehr, dieser Brief stellt die Tat Augensteins, durch die seine Familie in größtes Leid und in große Not versetzt wurde, als den Verzweiflungsakt eines Menschen dar, der keinen anderen Ausweg mehr weiß. Der Abschiedsbrief Augensteins lautet wörlich: Löbliche Redaktion der „Arbeiter-Zeitung“! Bitte gütigst nachstehende Zeilen zu veröffentlichen: Ich gehe in die Donau! Nicht daß ich feige bin, daß ich vor der schuftigen christlichsozialen Bande auskneife, indem mich der Kondukteur Stockhammer Nr. 3205 in der Wagenhalleohrfeigte und würgte, biSjich sinnlos wurde und ich ihn im Gesicht verletzte. Ich habe mir im Dienste mehrere chronische Leiden zugezogen und bin durch diesen Ueberfali körperlich und seelisch gebrochen und möchte meiner armen Familie zur Last fallen, indem mich die christlichsozialen Schufte so weit gebracht haben, daß ich gänzlich arbeitsuntauglich bin und diese christlichsoziale Verlogenheit und Schufterei nicht mit ansehen will, ziehe ich lieber den Tod vor. Bestens dankend Moritz Augenstein, Wagenführer der städtischen Straßenbahn in Wien, XVI., Ottakring, Maroltingergasse Nr. 57, 3. St., Tür Nr. 38. Eine Darstellung seiner Kollegen. Kollegen des Toten schildern die Vorgänge auf die der Abschiedsbrief Bezug nimmt, in folgender Art: Vor einer Woche etwa hatte Augenstein mit dem seinen Wagen zugeteilten Kondukteur Stockhammer einen Streit wegen der Stechkontrolle. Er war von einer Tour mit kleiner Verspätung eingetroffen. Vom Fahrmeister zur Rede gestellt, sagte er: „Ich kann nur fahren, wenn mir der Kondukteur ein Signal gibt. Infolgedessen komme ich nicht weiter.“ Daraus entspann sich ein Streit zwischen dem Kondukteur und dem Wagenführer, in dessen Verlauf der Kondukteur den Wagenführer ohrfeigte. Das schlug dem Faß den Boden aus. Augenstein steht seit 19 Jahren in Diensten der Tramway und war, da erjudeist, immer das Stichblatt christlichsozialer Kollegen, die einmal sogar Unterschriften dafür sammelten, daß ervomßahnhof Ottakring versetzt werde. Dies geschah nicht, aber die kleinen Schikanen, Sticheleien und Hänseleien mehrten sich. Nun gar Tätlichkeiten! Da konnte sich Augenstein nicht mehr halten, ergriff eine eiserne Wechselrichterstange, die in seiner Nähe lehnte, und schlug damit seinen Gegner, dem er mit der Stange eine Verletzung im Gesicht zufügte. Nun war das Unglück geschehen. Von dem Moment ab war Augenstein, der schon immer „als nicht recht beisammen“ galt, noch von der Furcht gequält, eine Strafe zu bekommen, seinen Dienst zu verlieren, seiner Familie zur Last zu fallen, und der Rest war: die Donau. Augenstein war Vater von zwei Kindern, sieben und sechzehn Jahre alt, und war immer sehr zurückgezogen. Er stand auch den Organisationsbestrebungen seiner Kollegen fern. So hatte er umsoweniger Halt in seinen seelischen Nöten und schrill klang sein Leben aus.“ * .* * So ist ein jüdischer Arbeiter durch die Quälereien der christlichsozialen „Kollegen“ in den Tod getrieben worden. Es soll dies das letzte Bubenstück sein, welches ungesühnt bleibt. Die „Jüdische Zeitung“ und unsere Organisation, der „Jüdische Nationalverein für Oesterreich“, werden diesen Fall im Auge behalten. Den Herren Christlichsozialen von der „Tr^mlyvay“ sei hiemit erklärt: ■ Beim Bekänntwerden eines neuerlichen Falles von tendenziöser Belästigung oder Vergewaltigung jüdischer Tramwaybediensteter d urch antisemitische Kolle gen, wird Veran 1 assung getroffen werden, daß das jüdische Wiener Publikum sich der verfolgten Volksgenossen energisch annimmt. Es wird eine Aktion eingeleitet werden. Kein jüdischer Fahrgjast wird den Tramwaykondukteiiren auch nur einen Heller Trinkgeld zukommen lassen. Wir raten den Tramwaybediensteten an, dieses unsere Wort sehr ernst zu nehmen und nicht für eine leere Drohungzu halten. Sie würden einen derartigen Irrtum teuer bezahlen müssen. * 1 * * Wir wollen angesichts dieses traurigen Vorkommnisses noch einmal daran erinnern, daß die Wiener Kultusgemeinde anläßlich des Todes Luegers, des Organisators der Judenhetzer, weh- und demütig kondoliert hat, daß reiche Juden, wie Rothschild und Guttmann, für das Lueger-Denkmal Geld hergeben. Der geschilderte Fall läßt dieses unwürdige Vorgehen unserer offiziellen Repräsentanten in noch grellerem Licht erscheinen. Wir wissen aber, daß dieser Mangel an Würde und jüdischem Solidaritätsgefühl nur bei der Gilde der Protzenjuden zu finden ist. Das große jüdische Publikum wird gerne die Gelegenheit ergreifen, sich bedrängter Volksgenossen anzunehmen. Es wird gewiß dem Rufe unserer nationalen Organisation folgen und den nächsten Akt christlichsozialer Brutalität in unserem Sinne beantworten. Deutschliberale für die Austreibung russischer Juden. Wir haben in unserer letzten Nummer über die polizeilichen Uebergriffe im Mährisch-Ostrauer- Revier berichtet und gegen die Ausweisung unbescholtener, seit Jahren ansäßiger Juden, die nur so unglücklich sind, aus Rußland zu stammen, protestiert und darauf .hingewieseo, daß ea der_ Intervention des „Jüdischen National verein es“ gelungen ist, die Rücknahme von Ausweisungsbefehlen, die sich gegen ganz unschuldige Leute richteten, zu bewirken. Darüber ist die deutschliberale „Ostrauer Zeitung“ außer Rand und Band geraten und hetzt in einem Leitartikel die Polizei gegen die russischen Juden auf. Sie schreibt unter Anderem: Leider fehlt es in dieser Hinsicht aber an der gebotenen Energie und so unglaublich es auch klingen mag, gerade das Mähr.-Ostrauer k. k. P o 1 i z e i k o m m i s s a r i a t, dessen leitende Funktionäre doch nun endlich den kritischen Charakter unserer Zustände schon erkannt haben sollten, legt den hier sich aufhaltenden russischen Flüchtlingen gegenüber noch immer eine G eduld und Nachsicht an den Tag, für die man auch bei aller Würdigung etwaiger humanitärer Motive keine Erklärung mehr finden kann. . Zwar sind tatsächlich schon einige' hundert Russen aus dem Revier entfernt, nichts desto weniger aber beherbergt der Ostrauer Staatspolizei-Rayon auch heute noch einige hundert russische Flüchtlinge, denen man, wie man immer wieder vernimmt, in liberalster Weise teils den weiteren Aufenthalt gestattet hat, teils monatelange Frist gewährte, um ihre Angelegenheiten zu ordnen. Wenn diese unverständliche Nachsicht etwa darauf zurückzuführen sein sollte, daß kürzlich ein zionistisches Wochenblatt („Jüdische Zeitung“) entschiedenen Protest erhob, weil unter den 300 Ausgewiesenen auch etwa zwanzig russische Juden sich befanden, so wird gegen diese Irreführung der öffentlichen Meinung, zu der sich im Anschluß an das Zionistenblatt auch einige Wiener Blätter hergegeben haben, energisch Verwahrung eingelegt werden müssen. Jene russischen Juden haben sich als lästige und gemeingefährliche Ausländer gezeigt, weil sie Paßschwindel und Falschmeldung betrieben oder gar in verborgenen Schlupfwinkeln der eingewanderten Verbrecherwelt russischer Herkunft eine sichere Zufluchtsstätte vor der Polizei und den Organen des Meldeamtesgeboten haben. Wenn diesen obskuren Hehlern das Handwerk gelegt wurde, so ist dies nicht mehr als in der Ordnung. Und wenn wirklich ab undzuauch ein Un sc hu 1 di ger in Mitleidenschaft gezogen worden sein sollte, so wird man diese unvermeidliche Härte getrost mit in Kauf nehmen können, wo es sich nicht um das Asylrecht einzelner Ausländer, sondern um das Wohl und die Sicherheit österreichischer . Staatsbürger und um die Ordnung in dem wichtigsten Bergbaugebiet der Monarchie handelt. Dieser von „teutscher“ Menschenliebe zeigende Artikel schließt mit den Worten „Hinaus mit den Russen“. Wir wollen uns damit begnügen, der tollgewordenen deutsch-„freiheitlichen“ Ordnungsbestie vorzuhalten, daß sie infam lügt, wenn sie die von uns in Schutz genommenen Volksgenossen als gemeingefährliche Paßschwindler, Falschmelder und obskure Hehler bezeichnet. Ehrsame, ruhige Leute sind es, wie ja die Rücknahme der Befehle beweist. Für die moralischen Qualitäten dieser deutschen Freiheitsheiden sind die wiedergegebenen Auslassungen so bezeichnend, daß wir uns eine weitere Kritik ersparen können. Wirmöchten nur die Ostrauer Juden, welche mit den Deutschnationalen durch Dick und Dünn gehen, darauf aufmerksam machen, daß sie sich da in einer sonderbaren Gesellschaft befinden. Leute, die darüber wüten, daß man armen jüdischen Verbannten Fristen zur Ordnung ihrer Angelegenheiten gewährt, die sich darüber hinwegsetzen, daß Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden, die Oesterreich mit dem Polizeiknüttel regieren wollen, sind kein guter politischer Umgang für Juden. Wenn sich die .deutschen Reaktionäre vor dem zivilisierten Europa blamieren wollen, so brauchten Angehörige des demokratischen, jüdischen Volkes wirklich nicht mitzutun.