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Jüdische Zeitung · 1911-01-13 · 2 (13.1.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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w ■ HfiK NRTIDNPIL -JUDI5CHE5 QRGRN mwrmrwrm-m Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX-, Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: danzjähr. K 10.—, halbiähr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige *•' *• * * **»*■*■**■*•*■* * Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 b. Postsparkassenkonto 104.067. *******##*#*#'»* Nr. 2. Wien, Freitag den 13. Jänner 1910. V. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Die Schlachta als Rettungsgesellschaft. Die galizische Judenenquete. Ein Opfer der Christlichsozialen. Deutschliberale für die Austreibung russischer Juden. Eine neue Landplage. Sind die Juden deutsches Stimmvieh? Aus dem jüdischen Leben. Parteinachrichten. Vereins- und Versammlungsnachrichten. Die Schlachta als „Jüdische Rettungsgesellschaft“. In Lemberg wird dieser Tage eine große Komödie in Szene gesetzt. Der galizische Landesäusschtiß hat eine Enquete einberufen, deren Teilnehmer die traurige Lage der jüdischen Bevölkerung im österreichischen Osten studieren und über Mittel zur Abhilfe beraten sollen. Wenn man bedenkt, daß die Herren Schlachzizen sich seit jeher der edlen politischen Schauspielkunst beflissen haben und ihre Helfer, die Hausjuden Horowitz, Löwenstein und Konsörten, das denkbar'vorzüglichste Statistenmaterial sind; braucht einem um den '•äußeren Erfolg dieser östlichen Sensationsposse nicht bange zu sein. Es wird bei diesem Anlasse viel Champagner, sozialfürsorgliche Weisheit, Liqueur und statistischer Scharfsinn konsumiert werden. Die österreichischen und ausländischen Blätter werden mit den gediegendsten Berichten, den verzwicktesten und raffiniertesten Produkten polnischoffizieller Korrespondenzkunst ausgiebjg bedacht werden. Die ob solch großer Toleranz, Judenfreundlichkeit und Mildtätigkeit erfreute Mitwelt wird freundliche Nasenlöcher zeigen. Bei einigem Glück können die Herren Lemberger Judenretter sogar einen Leit- und Begrüßungsartikel in der „Neuen Freien Presse“ gewidmet bekommen. Von allen Seiten wird gratuliert, komplimentiert und begrüßt werden. Nachdem es sich diesmal nicht um eine interne galizische Kulturkomödie handelt, sondern unsere armen östlichen Judenbrüder in das Schauspiel einbezogen werden, wollen auch wir Zionisten unser Begrüßungssprüchlein aufsagen. Wenns auch etwas nüchtern und derb klingt, so ists doch ehrlich gemeint und gern gegeben. Merkts euch, ihr edlen Schlachzizen: Schlecht steht es Räubern an, das traurige Schicksal der Beraubten zu bejammern! In der jüngsten Vergangenheit wurden in Gaiizien 20.000 jüdische Schenkwirte brotlos gemacht, also z i r k a 10.000 Juden ihrer Existenz beraubt. Alten jüdischen Familienvätern wurden die Konzessionen entzogen, an junge Aristokraten, an Großgrundbesitzer wurden sie verliehen. Judenfamilien würden zum Hungertode verurteilt, damit Maitressen fetter werden. Wer sind die rücksichtslosen Barbaren, die das getan haben? DieselbenMenschenfreunde, welche in der nächsten Woche darüber beraten werden, wiedoch den armen, armen Juden zu helfen sei! Das heißt denn doch den Spaß zu weit treiben: Uebt euere Taschenspielerstückchen wann und wo immer, gaukelt auf Kongressen den Leuten Kultur, Zivilisation u. dgl. vor, so oft und viel ihr wollt! Aber den jüdischen Namen lasset in Ruh! Das Elend eines großen, alten Volkes ist zu heilig, als daß es einem politischen Kneipenulk als Staffage dienen soll! Polenklubmenschen als Judenretter! Oder: Wie sich der kleine Moriz die Rettung eines Volkes vorstellt! Ist denn ihr eigenes polnisches Volk so gründlich gerettet, daß die Herren Schlachzizen ihre edle Fürsorge nunmehr und ausschließlich den Juden zuwenden können? Der galizische Bauer hungert, wird künstlich in Unbildung gehalten; wenn er nicht ganz vertiert ist, wendet er der Heimat den Rücken, wandert aus. Ein gesunder Bürgerstand fehlt gänzlich, dafür macht sich eine ungezählte Sippe adeliger Schmarotzer :breit, die den Allerärmsten gegenüber die „Herrenmenschen“ spielen, auf Kosten der AHerschwächsten; leben. Fßr.sdiM?eise,. für den Gebrauch m der Fremde haben sie sich ein aalglattes, verbindliches; parfümiertes Kulturmenschentum zurecht gelegt, zuhause ist die Gewalt, der Schwindel, die Rechtsbeugung, der politische Betrug auf der Tagesordnung. So sieht der Befähigungsnachweis der Leute aus, die letzt in Lemberg „Rettungsgesellschaft“ spielen wollen. Es gibt nur einen Weg, auf welchem diese Herren wirklich Ersprießliches leisten könnten: Sofort nach dem Zusammentritte hätten die Teilnehmer an der Enquete einen Extrazug zu besteigen und korporativ und definitiv das Land auf dem kürzesten Wege zu verlassen. Dann wären nicht nur die Juden, auch die Polen und Ruthenen, das ganze Land Galizien wäre ein gut Teil der Leiden los und ledig. Trotz aller bereits vom Stapel gelassenen und noch zu erwartenden großen Fräsen erblicken wir in dieser ganzen Aktion nur einen frivolen politischen Trick. Die polnischen Gewalthaber werden heute von Ruthenen, die sich ihr Recht nicht länger wollen rauben lassen, hart bedrängt, anderseits lehnen sich die nationaldenkenden Juden gegen die Schlachzizenwirtschaft auf. So wollten sie denn retten, was zu retten ist und inszenieren den auf Judenfang berechneten Judenrettungsschwindel ob viele da reinfallen werden, ist fraglich. Wir möchten den Herren nur einen Rat geben: Sie sollten zumindest während der Dauer der Enquete dafür sorgen, daß die vieledlen polnischen Betschwestern von der gewohnten Tätigkeit ablassen, keine Judenkinder in Klöster schleppen und wegtaufen. Der komische Kontrast, der sich ergeben muß, wenn der Herr Gemahl Juden „rettet“ und gleichzeitig seihe erhabene Ehegesponsin Judenkinder stiehlt, könnte den äußeren Erfolg der großen Lemberger Komödie stark beeinträchtigen. Aeußerungen zur Judenenquete In Lemberg. Die „Jüdische Zeitung“ hat bereits im Jahre 1909, als der Plan der Enquete verlautbart wurde, eine Rundfrage an hervorragende Politiker ergehen lassen. Auszugsweise seien zwei Antwortschreiben in Erinnerung gebracht. Unser verstorbener Gesinnungsgenosse Reichsratsabgeordneter Dr. Gäbet wies darauf hin, daß bereits im Jahre 1890 eine vom Lande Galizien einberufene Enquete zur Linderung der Judennot stattgefunden habe, die nicht den geringsten Effekt brachte und bemerkte: „. . . Seither hat die polnische Gesellschaft nicht nur die Juden zu keinerlei neuen Stellungen zugelassen, sondern sie vielmehr aus den von ihnen schon eingenommenen systematisch verdrängt und auch für die Zukunft stellt sich die Lage der galizischen luden nicht rosiger dar. Schon beute wirft ihren schwarzen Schatten auf die Existenz von 30.000 jüdischen Familien, die im Jahre 1910 eintretende Erlöschung des Propinationsrechtes voraus. (Anm.d.Red.: Tatsächlich sind 20X00 Schänkerfamilien ^brotlos geworden.) Dann werden alle 'gezwungensehr, sich nnr Schankkonzessionen" za bewerben und die Verteilung der letzteren liegt in den Händen der Gemeinden und der Bezirkshauptleute. Sapienti sat . . . Auch die Menschen, welche an der Enquete im Jahre 1890 teilnahmen — haben sich nicht geändert. Sie standen damals und stehen auch heute in bedeutendem Maße an der Spitze der öffentlichen Angelegenheiten, aber außer schönen Worten haben sie sich noch nie zu einer einzigen wirklichen Tat verstiegen. Wenn also die galizische Enquete wirklich stattfinden sollte — die fortwährende Verschiebung derselben läßt auch dies zweifelhaft erscheinen — dann wird die Enquete wohl umfangreiche Reden und schöne Versicherungen, nicht aber eine reale Veränderung in bisherigen Verhältnissen — im Gefolge haben.“ * « * Reichsratsabgeordneter Dr. Eugen Lewickij (Ruthene) schrieb: „Meine Ansichten über die vom galizischen Landessausschusse angekündigte Enquete, betreffend die Not der galizischen Judenheit sind folgende: Die Enquete verfolgt bloß politische Ziele und steht in unmittelbarem Zusammenhänge mit dem Kampfe, welcher seit den letzten Reichsratswahlen zwischen den Jüdischnationalen“ und den sogenannten Assimilanten entbrannt ist. Die Judenheit kommt in Galizien in ihren breitesten Massen immer mehr zum nationalen Bewußtsein und die Folge davon ist, daß der politische Einfluß der in Galizien herrschenden Clique — insbesondere in Ost-Galizien! — in der jüngsten Zeit sehr schwer erschüttert wurde. Die Enquete verfolgt daher den Zweck, durch die angebliche Sanierungsaktion die Stellung der Assimilanten unter der Judenheit zu stärken, um im Kampfe gegen die Emanzipationsbestrebung der jüdischen Volksmasse mit Hilfe der „Assimilation“ das bisherige polnische Verwaitungssystem in Galizien aufrecht erhalten zu können. Die politische Demoralisierung der Juden in Galizien mit verschiedenen kleinlichen Mitteln persönlicher Konzessionen oder administrativer und polizeilicher Verfolgungen der „Unzufriedenen“ hat sich bereits als unzulänglich erwiesen — dieselbe soll daher jetzt unter dem viel besser ausschauenden und mehr verlockenden Aushängeschild einer groß angelegten Aktion zur „Hebung der materiellen Lage der jüdischen Masse“ fortgesetzt werden! Die Enquete wird für die Judenheit in Ga- . lizien ganz gewiß keinen positiven Erfolg bringen — schon darum nicht, weil eine Sanierung der Not unter den jüdischen Volksmassen in Galizien

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