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Jüdische Zeitung · 1911-01-06 · 1 (6.1.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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: Nr; 1 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 - Zusammenstöße und Unruhen zu befürchten? wären. Also: Weil deutschnationale Studenten sich unter- .. halten wojlen, müssen die jüdischen, ihre bei der v Behörde rechtzeitig gemeldete Festlichkeit .hübsch bleiben lassen, müssen sich.'zuhause verkriechen und dürfen das ihnen gesetzlich gewährleistete .. Recht des Farben- und Abzeichentragens nicht ausüben. - Dieses parteiische Vorgehen der Olmützer . Polizeibehörde,: die jüdische Studenten nach Bef lieben schikanieren zu dürfen glaubt, wird nicht - unbeantwortet bleiben. Der „Jüdische Nationalverf ein“ wird diese Affäre zum Gegenstände eingehender Erhebungen machen. Es soll sich erweisen, ob das Recht jüdischer Studenten, jüdischer Staatsbür- . ger, von irgend einem deutschnationalen antisemiT sehen Pblizeimenschen achtlos beiseite geschoben . werden darf. Parteinachrichten. ■ Sitzung -des Zentralkomitees für Westösterreich. Da Gg. Dr. Emil Margulies (Böhmen), Vizepräsident des Zentralkomitees für Westösterreich, am 8. d. M. als Vertreter der österreichischen Organisation bei der in Berlin stattfindenden Sitzung des Organisationsausschusses anwesend . sein muß, jedoch den dringenden Wunsch geäußert hat, der Sitzung des Zentralkomitees beizuwohnen, wurde diese auf Sonntag, den 15. Jänner, 10 Uhr vormittags verschoben. Gg. Dr. Emil Margulies hat sich mit dem Präsidenten des Zentralkomitees solidarisch erklärt. * * * Innerösterreichisches Distriktskomitee. Parteikataster. Das i.-ö. D.-K. hat bekanntlich an alle in Wien lebenden Gg. Gg. Katasterblätter verschickt. Von den ca. 600 ausgegebenen Bogen ist bisher nur die Hälfte zurückgekommen. Das D.-K. will die begonnene Arbeit vor seinem Abtreten unbedingt zu Ende führen, um dem neuen D.-K. wenigstens das unerläßlichste Material, das zum Ausbau der Organisation notwendig ist, übergeben .zu können. Es ergeht daher an alle Gg. Gg. die ebenso höfliche wie dringende Aufforderung, bis längstens 15. d. M. die noch nicht retournierten Katasterblätter dem D.-K. zukommen zu lassen. Die Wiener Studenten-, Frauen-, Mädchen- und Handelsangestellten-Organisationen werden hiemit ersucht, eine ihrer Mitgliederlisten entsprechende Anzahl von Katasterblättern im Sekretariat des D.-K. (IX. Türkenstraße 9) zu beheben, und zwar in der Zeit täglich von 4—7 Uhr. Zentralverein. Die Neuanmeldungen für den Zentralverein ergeben ein erfreuliches Resultat. Die angemeldeten Gg. Gg. erhalten in den nächsten Tagen ihre Mitgliedskarten. * * * Palästina-Gesellschaftsreise. Es wird hierdurch mitgeteilt, daß wir mit der Zusammenstellung einer Palästina-Gesellschaftsreise, die im Frühjahre 1911 stattfinden wird, beschäftigt sind. Sollten sich eine größere Anzahl von Interessenten melden, so werden die Ermäßigungen für die Schiffskarten für alle Klassen bedeutend sein. Es liegt daher im Interesse der Teilnehmer, sich unter Angabe der Schiffsklasse, die sie benützen wollen, ehebaldigst an das Informationsbureau zu wenden. Wir bemerken auch, daß auf dem Schiffe rituelle Verpflegung verabreicht werden wird. Selbstverständlich muß die Hinreise gemeinsam in Triest angetreten werden, während die Wahl des Zeitpunktes der Rückreise auf einem beliebigen Dampfer der entsprechenden Linie jedem Teilnehmer freigestellt wird, ohne dadurch der gewährten Begünstigung verlustig zu werden. Auch werden die Teilnehmer durch kein gemeinsames Programm des Aufenthaltes in Palästina gebunden, wodurch jeder in der Lage sein wird, seine Palästinarouten nach Belieben zu wählen. Unsere Institutionen in Palästina haben sich bereit erklärt, den Teilnehmern der Gesellschaftsreise zu jeder Zeit mit Rat beizustehen. Auskünfte über die Reise, Kosten, Voranschläge des Aufenthaltes in Palästina erteilt das Informati onsbureau, Wien, IX. Türkenstraße 9. Zionistischer Mädchenverein „Moriah“. Sonntag, den 1. Jänner 1911 fand in den Räumen der Talmud-Thora-Schule in der Malzgasse eine Chanukah-Kinderjause. statt, an der 115 Schulkinder teilnahmen. Die Feier nahm einen überaus gelungenen Verlauf. Zu Beginn erzählte Gg. Ella Schlesinger den aufmerksam lauschenden Kindern die Chanukah- Geschichte. Dann richtetej 6g. Gisela Kohn als Präsidentin des Vereines einige Worte an die Kinder und Gg.Goldschmidt zündete die Lichter an. Er erhöhte die Weihe durch seinen schönen Gesang. Hierauf sang ein Knabenchpr „Moaus zur. . .“ und ein kleines Mädchen, Scharolta Neumann, deklamierte wahrhaft herzbewegend Rosenfelds Chanukahgedichte. Die Zeit bis zur Jause wurde ausgefüllt durch Rezitationen, sowohl des Gg. Goldschmidt, wie auch der Kinder selbst Nach der jause hielt der anwesende Religionsprofessor, Herr Antscherl, eine warme Ansprache an die Kinder. Dann wurden sie in den Turnsaal geführt wo sie unter fachkundiger Leitung spielten und turnten. Zwei Vorturner des I. Wiener jüdischen Turnvereines, die Herren Gg. Gg. Taglicht und Reiß hatten sich in liebenswürdiger Weise dem Verein hierzu zur Verfügung gestellt und wurden von den Mitgliedern des Mädchenvereines die zum größeren Teil bereils Mitglieder des I. W. J. T. V. sind, eifrig unterstützt. Nachdem die Kinder sich müde getollt hatten, wurde Schluß gemacht. Beim Fortgehen erhielt jedes Kind noch ein kleines Spielzeug sowie Backwerk mit nach Hause. Der junge Verein hat die Aufgabe, die er sich für diesen Nachmittag gestellt hatte, glänzend gelöst. Jüdischen Goluskindern einen frohen, glücklichen und doch jüdischen Nachmittag bereitet zu haben, ist ein schönes Ding. Möge der rührige Verein in seiner Art Weiterarbeiten, er leistet gut jüdische, zionistische Arbeit. Zu den Ausweisungen ans Ungarn. Der „Jüdischen Volksstimme“ wird aus Ungarn geschrieben: . Seit einigen Jahren erfreuen auch wir im „liberalen“ und „gastfreundlichen“ Ungarn uns eines strengen Einwanderungsgesetzes und der segensreichen Institution einer Grenzpolizei, die mit Argusaugen darüber wacht, daß kein lebender galizischer Jude sich länger als ein paar Tage in Ungarn aufhalte. Das wäre aber noch nicht das Schlimmste. Seit den glorreichen Tagen der Koalitionsregierung erläßt die Grenzpolizei - mden nordöstlichen, an Galizien grenzenden Komitaten immer häufiger Ausweisungsbefehle gegen völlig unbescholtene jüdische Familien, die schon Jahrzehntelang im Lande wohnen, und hier zum Teil Grundbesitz erworben haben oder Inhaber größerer Handelsfirmen sind — ganz nach russischem. Muster. Wie wenig der Regierungswechsel an diesem judenfeindlichen Treiben geändert hat, beweisen die fortgesetzten Beschwerden und Wehklagen ausgewiesener Juden aus den Komitaten Maramaros, Ung. Zemplen usw., in die Oeffentlichkeit dringen und selbst in nicht gerade judenfreundlichen Kreisen Entrüstung gegen das unmenschliche Vorgehen der Grenzpolizei hervorrufen. So wird aus dem Grenzstädtchen Sztropko gemeldet, daß dort in den letzten Wochen zahlreiche angesehene jüdische Bürger, die den Nachweis ihrer ungarischen Staatsbürgerschaft nicht erbringen konnten, kurzerhand ausgewiesen worden sind. Gegen den Gemeinderabbiner von Sztropko Salom Halberstam, wurde bereits vor 6 Monaten ein Ausweisungsbefehl erlassen; er zog es vor, das ungarische Staatsgebiet zu verlassen, ehe ihm die Verfügung der Grenzpolizei zugestellt wurde. — Dem Thorarollenschreiber Salamon Melamed, der seit 19 Jahren in Sztropko wohnt und dort ein Haus im Werte von 6000 Kronen besitzt, wurde aufgetragen, mit seiner Familie das Land zu verlassen, sonst wüide er nach Galizien abgeschoben. — Hermann Perlmann, der seit dem Jahre 1900 im Städtchen wohnt und dort im Jahre 1904 gegen Entrichtung der vorgeschriebenen Taxe die Heimatberechtigung erlangt hat, muß gemäß Verfügung der Grenzpolizei samt Familie das Land verlassen Ebenso ergeht es dem Mayer Czigler, der seit 38 Jahren im Städtchen wohnt, 150 Kronen Staats¬ und Gemeindesteuern jährlich bezahlt, ein Grundstück im Werte von 8—10,000 Kronen und eine große Leber- und Eierhandlung — die größte im Bezirke Sztropko — besitzt. — Der 62 jährige Rabbinatsassessor Hirsch Weinfeld wohnt seit 42 Jahren in Sztropko und wurde im vergangenen Sommer zuerst durch den Bezirksrichter ausgewiesen. Er rekurrierte an den Vizegespann, der im September d. J. zu seinen Gunsten entschied. Trotzdem erhielt er dieser Tage wieder einen Ausweisungsbefehl seitens der Grenzpolizeihauptmannschaft Und all dies geschieht unter dem ausgesprochen „liberalen“ Regime des Ministeriums Khuen-Hedervary!... ICA kontra ICA. Zeitgemäße Betrachtungen von Maxim Anh». Zu den eigentümlichsten Besonderheiten des jüdischen Lebens gehört die scharfe, oft karrikaturmäßig-bizarre Ausgeprägtheit seiner gesellschaftlichen und politischen Geistesrichtungen. Ist der Jude — Bourgeois, so ist er es mit Haut und Knochen, ist er — Proletarier, so ist er von den Aeimsten der Allerärmste. Ist der |ude orthodox, ist sein Heim die Synagoge, wird er aber liberal, so schwindelt ihm vor lauter Freisinn jeder S i n n für das wahrhaft Freie. Treibt ihn die Verzweiflung und Erbitterung gegen Alles und Alle in die Reihen der Sozialdemokratie, so könnte selbst Marx in Sachen der ehernen Prinzipienfestigkeit, lodernden Revolutionsglut und antipatriotischen Kösmopolitismus bei ihm in die Schule gehen. Ist der Jude — Demokrat, so grenzt sein Demokratismus an die Anarchie. Gelangt er aber einmal zur Macht, so ist er der zügellose Absolutist. Kommt er schließlich in die Stellung eines Bureaukraten, ist er der stupideste und korrupteste Söldling . . . Nun, wenn man von jüdischer Bureaukxatie spricht, so weiß ein jeder, daß es sich in erster Linie um die ICA handelt. Die Geschichte der ICA ist ja zu bekannt, um aus ihr Belege für den beschränkten Bureaukratengeist, der ihre Tätigkeit stets beherrscht hat, hier anzuführen. Die jüngstens aufgedeckte Korruptions- und Mißwirtschaft in ihren argentinischen Kolonien setzt dem gesamten „Lebenswerk“ der ICA die Krone auf. Nur in Rußland, wo die ICA sich in erster Linie mit der Tätigkeit auf dem Gebiete der jüdischen Auswanderung befaßt, scheinen die Dinge eine andere Wendung zu nehmen. Um dem — bei dem bisherigen Tätigkeitssystem unausweichlichen — Bankerotte aus dem Wege zu gehen, scheint nun die russische Filiale der ICA sich freiwillig der gesellschaftlichen Kuratel unterstellen zu wollen . . . Als erster nicht unbedeutender Schritt auf diesem Wege ist zweifelsohne die jüngst abgehaltene Emigrationskonferenz in Libau zu betrachten. Denn hier ist in das straff bureaukratische System der ICA eine bedeutende Bresche geschlagen worden. Warum dieses in- Rußland geschah, liegt wohl auf der Hand. In diesem Lande, wo die Auswanderung ihren unverkennbaren Stempel auf alle Aeußerungen des jüdischen Lebens aufgedrückt hat, wo der Wanderstab gleich einem Damoklesschwert über den Häuptern von Millionen schwebt, hier hat man sich bereits daran gewöhnt, die Auswanderung als bedeutsamste V o 1 k s s a c h e, als den schärfsten Ausdruck der nationalen Leiden, aber auch als den mächtigsten potentiellen Hebel des nationalen Aufschwunges zu betrachten. Diese gesellschaftlich-nationale Auffassung des jüdischen Wanderungsproblems läßt sich nun wohl schwer mit dem absolutistisch-bureaukratischen Bevormundungssystem der ICA in Einklang bringen. So kam es denn, daß der ICA im eigenen Lager — in der Gestalt ihrer russischen Filiale eine gefährliche innere Opposition gewachsen ist. Diese Gefahr scheint man in Paris hereits eingesehen und auch ihre Kräfte richtig einzuschätzen verstanden zu haben. Sonst hätten die Pariser Machthaber einer in ihrer Praxis so unerhörten Veranstaltung wie eine Konferenz der östlich tätigen Personen nie ihre Zustimmung gegeben. Bei solchen äußeren und inneren Umständen war es wohl zu erwarten, daß die Arbeiten der Konferenz mehr oder weniger umer dem Zeichen der gesellschaftlichen Selbsthilfe stehen werden. Das finden wir auch tatsächlich in ihren Resulutionen wiedergespiegelt. Das ist nun auch der Grund, warum wir bei der summarischen Betrachtung der Ergebnisse dieser Konferenz sagen müssen, daß sie die langjährige bevormundende Wirksamkeit der ICA weit aufwiegen. Die lähmende Wirkung der althergebrachten ICAschen Traditionen wurde hier zum ersten Male überwunden. Aus fast sämtlichen Verhandlungen der Konferenz war“klar zu ersehen, daß man endlich aufgehört hat, die Auswanderung als Volksunglück und nur als solches zu betrachten. Dieser Standpunkt

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