Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sgye 2 . ■ jtjODlSQiEzZEiTUNG. lers, daß; man wenigstens in den obersten geistigen ^Schichten des deutschen Volkes diese: £ntwicklung.:durchmacht Dies-wäre; nicet möglichvgewesen, wenn nicht durch den-Zionismus, der nichts äst als die wiedergewonnene Selbstachtung des jüdischen Volkes, und der an die Stelle der würdelosen Aufdrängerei ein stolzes Beharren aut den eigenen Wert gesetzthat, die Achtung vor Jen Juden auch bei den anderen Völkern gestiegen wäre. So hat moralisch der Zionismus . dem ganzen Judentum genützt, nicht zuletzt auch jenen Juden, welche die Assimilation heiß erstreben, da diese zu einer weniger schmerzhaften Sache wird, wenn auf der Gegenseite etwas mehr Entgegenkommen gezeigt wird. Wären die jüdischen Assimilanten fähig, die Dinge von einer höheren Warte zu sehen, als sie es in ihrer auf den Tag gerichteten Denkweise imstande sind, so würden sie einsehen, daß die Bekämpfung des Zionismus einfach ein Verbrechen am Judentum ist, weil er die einzige Möglichkeit bietet, diesem die Achtung der Völker zu gewinnen — etwas woran jeder Jude, welche Ansicht immer er über die Zukunft des Judentums haben möge, aufs lebhafteste mit seinem ganzen Sein interessiert ist. Wir Zionisten haben keine Ursache, mit Köhler zu polemisieren. Er irrt gewiß darin, daß er glaubt, ein Teil der Judenschaft sei in religiöser Beziehung dem Protestantismus sehr nahe gekommen. Er sieht nicht, daß es außer den 600.000 Juden Deutschlands noch Millionen unserer Volksgenossen gibt, so daß das jüdische Problem noch genau so bestünde wie heute, wenn sich selbst allejuden Deutschlands assimilierten etc. Das ist aber nicht das wesentliche-an Köhlers Standpunkt. Er will die jüdische Frage ja nicht lösen, er ist auch nicht gegen den Zionismus, sondern er will als Nichtjude einerseits seinen Volksgenossen klar machen, daß eine Vermischung mit den Juden wünschenswert sei, anderseits diesen goldene Brücken bauen. Sein persönlicher Standpunkt ist daher sehr anständig und sehr logisch. Für uns Zionisten würde sich aber nichts ändern, wenn auch das ganze deutsche Volk, ja, wenn alle Völker diesen Standpunkt akzeptieren würden. Wir machen das Schicksal des Judentums nicht davon abhängig, was die anderen Nationen von ihm halten, sondern wir wollen es im Bewußtsein seines hohen Wertes wieder zu voller Entfaltung bringen. Wir würden daher gegen die Assimilation der Juden auch dann kämpfen, wenn sie den anderen Völkern als wünschenswert erscheinen und damit einen Teil der mit ihr heute verbundenen Peinlichkeit verlieren würde. Allerdings würde dann dieser Kampf viel von seiner Gereiztheit und Härte verlieren und mehr prinzipielle Formen annehmen. Wir würden dies gewiß nicht beklagen, aber auch nicht befürchten. So wenig wir erwarten» daß durch die Aeußerungen Köhlers wirklich ein Umschwung in der Richtung einer höheren Schätzung des Judentums seitens der anderen Völker angebahnt erscheint, so nehmen wir doch seine Aeußerungen als ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit. Der Schichte, derKohler angehört, entstammten die ersten Verkünder des „wissenschaftlichen“ Antisemitismus in Deutschland: Treitschke, Dühring etc. Ein Umschwung in diesen Kreisen wird doch nicht ganz ohne jeden Einfluß im Volke bleiben. Jedesfalls hat in Deutschland Köhlers Artikel eine lebhafte öffentliche Diskussion angefacht, bei der sich manche arische Größen mit äußerst günstigen Urteilen über die Leistungen der Juden hervorwagen. Nach Sombart Köhler — es scheint, das Judentum wird wieder interessant und es bricht sich wenigstens in den Kreisen der Wissenschaftler nach den geistigen Exzessen der genannten Theoretiker des Antisemitismus eine gerechte Wertung der Juden Bahn. Den deutschen Gelehrten macht dies alle Ehre: das Judentum wird seinerseits jede objektive Prüfung,.bestehen. Sonderbare HerzU Anbeter. Kaum war Hejzl, der Vielangefeindete, Verhaßte und Verunglimpfte, tot, da wuchs die Zahl seiner Fffeunde, Verehrer und Anbeter unheimlich Schnell, schier,ins JJner- . meßliche. * Leute, die sich der Führer zu Lebzeiten sorglich vom Leibe gehalten, drängen sich an den Toten heran. Jede Aktion der zionistischen Partei, .die der Assimilanten- und Kultusiudenclique unangenehm ist, wird mit dem Gejammer begrüßt: „Ja, wenn der große Herzl noch lebte! Der hätte so was nie und nimmer zugegeben!“ An die jüdischen „Herzlfreunde“ haben wir uns nachgerade schon gewöhnt. Wir sind nicht mehr erstaunt, wenn von Seiten jüdischer Gegner der Name Herzl gegen uns ausgespielt wird. Neu und interessant ist jedoch der Umstand, daß nunmehr auch die Antisemiten den Namen Herzls im Kampfe gegen uns auszubeuten versuchen, daß der christlichsoziale Parteichef Geßmann im Kampfe gegen die Wiener zionistische Partei errötend den Spuren unseres verehriiehen Kultuspräsidenten Dr. Stern und seiner Getreuen folgt. In der letzten Nummer unseres Blattes haben wir gegen das Vorgehen der Juden Rothschild und Guttmann, die für das Lueger-Denkmal namhafte Beträge spendeten, Stellung genommen und haben es als sklavisch und ehrvergessen gebrandmarkt, wenn Juden Mittel zur Verherrlichung ihres tückischesten Feindes liefern. Der Schrecken *ob der ungeheuerlichen Kühnheit; mit' ^welcher wir uns an einen Rothschild und Guttmann heranwagen, ist diesmal nicht nur unseren liberalen Juden, sondern auch den Chrästli ch sozialen in die Glieder gefahren. In einem langen Artikel -nimmt das Organ der christlichsozialen Partei, die „R e i c h s p o s t“, gegen die Jüdische Zeitung“ Stellung. Sie zitiert unseren Artikel fast zur Gänze und bemerkt wehklagend: „Für den Fonds zur Errichtung eines Lueger- Denkmals haben auch einige jüdische Unternehmungen Beträge beigesteuert . . ., weil sie wenigstens nach dem Tode Luegers diesem ein Zeichen der Anerkennung seines säkularen, schöpferischen menschenfreundlichen Wirkens als Bürgermeister nicht verweigern wollten . . . Aber das Organ der Wiener Zionisten, die „Jüdische Zeitung“, ist anderer Anschaung und wütet unter der Ueberschrift „EinejüdischeSchandsäule“ gegen jene Juden, die zum Denkmalfonds gespendet. . . . Der Zionismus hat für uns etwas Sympathisches. Der zitierten Auslassung zufolge scheinen sich aber seit Herzls Tod die Zionisten leider immermehr auf die Pflege jener jüdischen „Nationaltugenden“ zu beschränken, die im Antisemitismus ihren notwendigen Gegensatz finden mußten!“ Der Gleichkiang dieser christlichsozialen Jeremiade mit den Klageliedern, welche die liberalen Juden dem Treiben der bösen radikalen Zionisten widmen, muß frappieren. Auch hier die Schwärmerei für den „reinen“ Zionismus! Auch hier das Gejammer: Ja, wenn der große Herzl noch lebte! . . .“ Armer Herzl! Mit welcher Unverschämtheit Wird Dein Name mißbraucht. Kultusjuden und Antisemiten nennen sich Deine Verehrer und Freunde uniO-i kannst nicht protestieren. Du hast das protzige Kultusjudentum und das antisemitische Greislertum grimmig verachtet. Jetzt üben die Herrschaften Rache, gemeine, schmutzige, schimpfliche Rache: Sie nennen sich Deine Gesinnungsfreunde! Nr. 1 » Diese/Begeisterung für; den „reinen“ Zionismus bei allen r uns feindlichen Elementen,-. hat; seinen - :gufen Grund. - Einen „reinen“ Zionismus, ider sichidarauf beschränkt, ein! paar Kronen füh Palästina zu sammeln, » den ließen . sie ^sich ja " herzlich gern gefallen. Er hindert sie . ja nicht , in ihrem Tun und Lassen. Aber vonceineim Zionismus, der seine Anhänger - zu saufrechten, selbstbewußten Judenümacht, ider die Juden zu mannhafter und rücksichtsloser Selbstwelir-begeistert, wollen sie-freilich nichts wissen. Wir stehen heute auf dem Standpunkt, daß sich die Pflicht des Zionisten in der Leistung von materiellen Beiträgen für Palästinazwecke nicht erschöpft. Der Zionist ist zur Bekämpfung aller äußeren und inneren Feinde, welche die nationäljüdische Entwicklung hemmen, verpflichtet, mögen sie nun Liberale oder Antisemiten heißen. Er kann sich den Ehrentitel .^Zionist“ nur dann mit gutem Recht beilegen, wenn er hierzulande als Nationaljude seinen Mann stellt. Von dieser Auffassung, welche unseren Gegnern so unbequem ist, werden wir nicht lassen. Der Umstand, daß sie nicht nur auf gegnerischer jüdischer Seite, sondern auch auf christlichsozialer Seite ein solches Entsetzen auslöst, beweist nur ihre Richtigkeit. Polizeiliche Uebergriffe. Die Lorbeeren, welche sich die rühmlichst bekannte preußische Polizei erworben hat, scheinen gewissen politischen Beamten in Oesterreich" gewaltig in die Augen zu stechen und sie zur Nachahmung aufzumuntern. In Preußen ist man bekanntlich im Rausschmeißen von ausländischen, insbesondere von österreichischen und russischen Juden, rasch bei der Hand. Tagtäglich werden unbescholtene Leute, die jahrelang in Deutschland ruhig ihrem Erwerbe nachgehen, ausgewiesen. Systemlos schalten und walten Pölizeiwächtmeister über hundert von jüdischen Existenzen. Nun will man auch Oesterreich mit den Segnungen des „Kulturstaates“ Preußen bekanntmachen. In Mährisch-Ostrau wurden, wie bereits gemeldet, aus Rußland gebürtige, jahrelang ansäßige und seitens der Behörden bis nun unbeanstandete jüdische Bürger verwiesen. Der Intervention des „Jüdischen Nationalvereines für Oesterreich“ und der zionistischen" Abgeordneten ist es wohl gelungen, Remedur zu schaffen und in den krassesten Fällen die Rücknahme der Ausweisungsbefehle durchzusetzen, aber es steht zu befürchten, daß die Polizeipaschas in der begonnenen preußischen Praxis fortfahren. Es ist auch gar zu bequem, statt einzelne Schuldige in einem großen Reviere aufzuspüren, ziel- und wahllos auszuweisen, weil sich unter Hunderten von Gemaßregelten gewiß ein Misseiäter befindet. Wir österreichischen Juden werden von nun ab gewaltig auf der Hut sein und jeden derartigen Fall polizeilicher Willkür rücksichtslos verfolgen. Auch in dieser Angelegenheit befleißigte sich die liberale Judenpresse der gewohnten feigen Haltung. Sie schwieg. Nahm doch eine große Aufgabe all ihre Kräfte in Anspruch: Graf Aehrentbal, der „große“ Minister, mußte von dem Verdachte der unter seinem Regime verübten Fälschungen gereinigt und angestrudelt werden, unser famoser Diplomat, der es ruhig mitansieht, wenn anständige solide österreichische Juden aus Preußen ausgewiesen werden und in Rumänien die Juden, trotz aller Vereinbarungen mit allen Großmächten, also auch Oesterreich, blutig verfolgt werden. * * * Die zionistische Studentenverbindung „Geulah“ in Olmütz hatte für den 3. d. M. eine Feierlichkeit im städtischen Redoutensaale ängesetzt. Wenige Tage vorher wurde ihr plötzlich der bereits gemietete Saal gekündigt und seitens der Behörden ihren Mitgliedern verboten, in den nächsten Tagen Farben (Cquleurbänder) und Abzeichen zu tragen. Beide Maßregeln wurden damit motiviert, daß einige Tage später in Olmütz die deutschnationale Verbindung „Liberias“ eine Feier veranstaltet, daher