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Jüdische Zeitung · 1911-01-06 · 1 (6.1.1911) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. ' Nr;-1 .Jstheute nur noch das Besitztum derbeschränktesten -,«nd .fanatischesten Goluspatrioten . Von einem Vplksunglück . kann . man begreiflicherweise nichts — aber auch nichts Positives unti Schöpferisches erwarten. Da-kann nur eine charitativ-philantropjsche Linderung der negativen Folgeerscheinungen des' Volksleidens am Platze sein. : Den Leuten aber, die in Libau versammelt waren, . -scheinen die derben.Lehren der Realität bereits eine; «richtigere und breitere Auffassung des jüdischen « .Wanderungsproblems beigebracht zu haben; Wiederholt wird auf der Konferenz sogar in den Resolutionen — die Auswanderung als „äußerst wichtige und große .Volkssache“ bezeichnet, die das größte Interesse der breiten jüdischen Öeffentiichkeit verdient in der Reihe der Ursachen, die diesen bedeutenden Umschwung in der Beziehung der russischen ICA zur Emigration hervorgerufen haben, ist , zweifellos auch die Massenagitation zu Gunsten des; Emigrationskongresses zu nennen, die das Interesse der breitesten und bisher indifferentesten jüdischen . Kreisei für die Probleme der jüdischen Wanderung . -erweckt hat. Der Parole: „Das Volk muß die Wanderung in seine eigenen Hände nehmen!“ ist es in erster Reihe zu verdanken, daß die demokratische Behandlungsweise sich auf diesem Gebiete immer mehr Geltung verschafft. Sogar bei der ICA. Wäre es noch vor wenigen Jahren denkbar,, daß .eine .«Konferenz der ICA (eine Haeresis an sich!. . .) ,an die Aktivität und Mithilfe der Gesellschaft appellieren solle? Nun aber wendet sich die Konferenz wiederholt an die jüdische Öeffentiichkeit und «-Presse, um deren Interesse und Aktivität wachzu- :rufen. So z. B. bei der Bekämpfung des Agenten- .. wesens. — Der Berg äußerte eben keine Neigung Csich Mohamed zu nähern, so blieb denn Mobamed nichts übrig, als wohl oder übel dem Berge selber zuzuschreiten... Aber selbst innerhalb der Organisation hat das Bureaukratenprinzip auf der Konferenz einen bedeutenden Abbruch gelitten. Sie faßte nämlich den Beschluß, daß in Zukunft mindestens einmal jähr- . lieh zu den Sitzungen des Zentralbureaus Vertreter von fünf — a propos fast sämtlich gewählten — Rayonskomites zur Beratung des Budgets und anderer prinzipieller-Fragen mit beschließender-Stimme zugezogen werden müssen. Ein wahres Mißtrauensvotum dem in der ICA herrschenden Regierungssystem. Daß man in Rußland mit Paris überhaupt nicht sehr zufrieden ist, beweist ferner zur Genüge der Umstand, daß man der Leitung nur einmal Erwähnung tat — und zwar bei der für sie seht wenig erbaulichen Feststellung, daß die Geldmittel, die man in Paris Rußland zusendet, äußerst spär- 1 ch zugemessen werden und sogar für das Allerwichtigste nicht ausreichen. Hat die russische ICA einmal den „souveränen“ Standpunkt der völligen Ignorierung der jüdischen Öeffentiichkeit verlassen, so mußte sie konsequenterweise auch ihre bisherigen Beziehungen zu den -übrigen auf dem Gebiete der jüdischen Auswanderung tätigen Gesellschaften ändern. Und-tatsächlich wurde auch anläßlich der Dirigierung der jüdischen Auswanderung nach Galveston beschlossen, „Hand in Hand mit allen Organisationen zu arbeiten, die sich mit dieser Tätigkeit befassen“. Also auch das bisherige von der ICA ausschließlich in Anspruch genommene Monopol der üdischen Emigrationstätigkeit ist nun endlich aufgegeben worden . . . Und wenn wir noch in Belacht nehmen, wer, oder richtiger, was hinter der Galvestonsache steht, worauf sie — berechtigter- oder unberechtigterweise, das bleibe hier dahingestellt — in letztem Grunde hinzielt, so wird man sich wohl sagen müssen: Die Leute mußten zweifellos ihre bisherige scharf ausgesprochene Abneigung vor den genannten Perspektiven zu einem großen Teile überwunden haben, um mit den Vertretern der territorialen Konzentration der jüdischen Wanderung Hand in Hand arbeiten zu wollen. Und noch eins besagt diese Resolution, was zur bisherigen Praxis der ICA in schroffem Widerspruch steht: Nämlich nolens volens mußte man sich eingestehen, daß mit einem einfachen „L o swerden“ vom Emigranten, mit der büroktratischen „Abschiebung“ das Problem in keiner Weise gelöst wird, daß es vielmehr eine ziel- und planmäßige Regulierung erfordert Wiederum eine höchst erfreuliche Evolution! — Bei den Schicksalsleitern der ICA in Paris werden alle diese Symptome eiher ^Revolution- Von Hunten“ gewiß -«nicht viel .Freude erwecken.- Und jedenfalls werden sie ihnen.viel zu «denken-geben ... ' Noch eine Frage muß hier zürn Schlüsse hervorgehoben werden,; die für Oesterreich von besonderem Interesse isj. Die Konferenz'hat nämlich ihrer Unzufriedenheit " mit der '„Tätigkeit“ der „Allianz“ den schärfsten Ausdruck gegeben; indemr sie den Wunsch aussprach, „die österreichischen Juden mögen für den Schutz der durch Oesterreich reisenden Emigranten mehr Sorge tragen-und irt allen wichtigen Grenzpunkten arbeitsfähige Komitees gründen“. J -! Ueber die „Arbeitsfähigkeit“ - der Allianz war man sich also auf der Konferenz vollkommen im Klären. — Es ist nun tatsächlich die höchste Zeit, daß sich auch in Oesterreich Leute finden,Ydie.wenigstens-die ersten-Schritte -auf dem Wege, der--ratioriell-gesellschäftlichen: Behandlung und Leitung der jüdischen Aus- und Durchwaridening tun sollen. Die Zeit ist reif — denn es kann von keiner Seite bezweifelt werden, daß das österreichische insbesondere das galizische — Judentum schweren, ja verhängnisvollen sozialwirtschaftlichen Krisen entgegengeht, Krisen, für die stets und überall für die Juden die Auswanderung die einzigen Sicherheitsventile bildet. — Es liegt aber nicht allein im Interesse der auswandernden und miswandemngsbedürftigen Massen, sondern von dieser Tätigkeit ist auch bis zu einem, gewissen Grade das Schicksal der gesamten jüdischnationalen Bewegung -in Oesterreich abhängig. — . Denn solange der akademisch-rationalistische Nationalismus — und mag er von noch so starken idealistischen Impulsen getragen werden — solange er nicht einen gesunden konkreten Inhalt in Gestalt einer aufbauenden gesellschaftlichen Massenarbeit erlangt haben wird, solange kann m. E. von einem dauernden-Erfolge der jüdischnationalen Politik nicht ■ die «Rede sein. Und mehr als alle anderen Gebiete kommt für einen derartigen engeren Anschluß an die Volksmassen gerade das Gebiet, der jüdischen Wanderung in Betracht. Denn hier — und nur hier — flechten sich in innigstem Konnexdie Leiden der Vergangenheit, die Bedürfnisse der Gegenwart und die Hoffnungen der Zukunf^ znsammen. Und von den Leiden der Vergangenheit angespornt, können wir hier, die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigend, den Hoffnungen der-Zukunft entgegenschreiten . . . Aus dem jüdischen Leben. Eine neue jüdische Handwerkerkolonie-in Palästina. In Glasgow hat sich vor längerer Zeit ein Verein „Oale Ziön“ gebildet, , dessen Mitglieder bemittelte jüdische Handwerker (Schlosser, Schmiede, Drechsler usw.) sind, die die Absicht haben, demnächst nach Palästina auszuwandern und dort eine Handwerkerkolonie auf genossenschaftlicher Grundlage zu begründen. Zu diesem Zwecke haben sie sich mit dem bekannten Soziologen Dr. Franz Oppenheimer in Berlin in Verbindung gesetzt, der hnen seinen Rat und Beistand der Einrichtung der neuen Kolonie zugesagt hat. Jerusalemer Lehrer in Buchara. Die Juden der Buchara, die seit mehreren Jahren mit Vorliebe nach Jerusalem einwandem und eines der schönsten jüdischen Stadtviertel besitzen, haben in der letzten Zeit mehrere sephardische Chachamim von Jerusalem nach der Buchara kommen lassen, damit sie bei ihnen als Rabbiner Oder Lehrer wirken. Diese Einrichtung wird gewiß zur Verstärkung der Palästinaliebe unter der bucharischen Judenheit beitragen. Es wäre zu wünschen, daß die Verbreitung jüdischen Wissens durch palästinensische Lehrkräfte auch in den andern Ländern Eingang fände. Eine neue jüdisch-polnische Zeitung in Warschau. Die jüdischnationalen Kreise in Warschau haben beschlossen, eine Tageszeitung in polnischer Sprache herauszugeben und auch die nichtjüdische Bevölkerung Polens über die Ziele und Bestrebungen des nationalen Judentums aufzuklären, da die Öeffentiichkeit von der nichtjüdischen Presse in jüdischen Fragen oft falsch unterrichtet wird. Eine Kolonie amerikanischer Juden in Palästina. Aus St. Louis berichtet man: Hier hat sich vor längerer Zeit eine Aktiengesellschaft „Haochooza“ gebildet, die den Zweck hat, Boden in Palästina zu erwerben und einzelne Mitglieder der Gesellschaft auf diesem Boden als Landwirte anzu- ■ siedeln. Vor kurzem weilte nun-Herr Simön * Goldman-aiis St. Louis'- im -Aufträge "der-Gesellschaft-in Palästina und-kaufte für deren Rechnungein Gfurid- -Stücki.yöit i 40CO Dunam.- Ende-November-kehrte; Herr4 Goldman'nach St. Louis-zurück und erstattete auf einem von « den Mitgliedern der „Hoachööza“ und anderen Palästinäfreuriden veranstalteten Festabend- Bericht überdie Ergebnisse seiner-Reise. Nach id'en^MIttCilurtgeri '-'des"Herrn-Goldman 'kann die Begründung der ersten amerikanisch-jüdischen -Kolonie in Palästina; als gesichert angesehen werden. - - - Enquete wegen der Jüdenfräge in Rußland. Die „Gesellschaft zur Vereinigung aller Völker in Rußland“ hat ihre jüdische Sektion beauftragt, ein Memorandum zur Frage des AnSiedlurigsrayons auszuarbeiten. Das Memorandum soll'ein Bild Uber die geistige und soziale Lage der Juden im Ansiedlungsrayon geben. : Eine Jahresversammlung des Blindes-jüdischer Farmer in Amerika. Vom 28. bis 30. November fand in den Räumen der Edücatiönal Alliance in New-York die II. Jahresversammlung-des Bundes jüdischer Farmer (Federation öf Jewish Farmers: öf America) statt. 30 Vereine aus den Staaten New-York, Connecticut, Massachusetts, New-Jersey und Nord-Dakota waren auf der Tagung vertreten. Zahlreiche ■ fachwissenschaftliche Referate wurden erstattet, denen eine rege Debatte folgte. Größe4 Aufmerksamkeitwurde4 dem «Plan der Begründung kooperativer Kreditgenossenschaften nach dem RaiffeiSenschen System zugewendet. Mit Hilfe 1 der Jewish Agricultural - und Industrial Aid Society wird demnächst eine größere Anzahl derartiger Darlehensgenossenschäften4 in4 verschiedenen Ortsgruppen des Farmei bundes ins Leben gerufen werden. Zu den englischen Parlamentswählen. Aus den Parlamentswahlen sind 16 Juden als Mitglieder des Unterhauses hetvorgegangen, und zwar 9 Liberale und 7 Unionisten. Obgleich die Juden in England nur 0 5 Prozent der Gesamtbevölkerüng 4 bilden, beträgt der Prozentsatz der jüdischen Paramentsmitglieder 0 2 Prozent. Außer den Gewählten . gab es noch weitere 21 jüdische Kandidaten, die im Wahlkampf unterlegen sind. Juden und Zigeuner. Aus Petersburg wird der „N. J. K.“ gemeldet: Am 13. Dezember wurde n der zuständigen Dumakommission die Gesetzesvoriage betreffs rechtlicher Gleichstellung der russischen Staatsbürger im Großfürstentum Finnland beraten. Bekanntlich enthält diese Vorlage eine Klausel, wonach Juden und Zigeuner von der rechtlichen Gleichstellung ausgeschlossen sind. Die Vertretung der Nationalisten beantragten nun die Ausdehnung der Gleichberechtigung auch auf die Juden. (Natürlich war es den Herren nicht um das Wohl der Juden zutun, sondern vielmehr um die hübsche Gelegenheit, den Finnen einen Streich zu spielen.) Die Oktobristen traten aber ganz ent- ' schieden gegen den Antrag der Nationalisten auf, und die Ausnahmebestimmung bezüglich der Juden wurde beibehalten. Hingegen wurde die gleiche Bestimmung betreffs der Zigeuner gestrichen ... Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrte Redaktion! „Die Welt“, das zionistische Zentralorgan, hat mir, der ich seit ihrer Gründung Abonnent und Mitarbeiter und seit 14 Jahren Funktionär unserer Partei bin, im Briefkasten erklärt, daß sie meine Erwiderung auf den Angriff des Herrn Heinrich York-Steiner nicht bringen will. Hiemit ersuche ich Sie, diese Erwiderung Ihrerseits zu verlautbaren. „Wer mich kennt, weiß, daß mir für Tun und Lassen einzig das Wohl meines Volkes und meiner Partei Richtschnur ist. Drum muß ich den Vorwurf abwehren, den Herr Heinrich York-Steiner in Nr. 51 ■ Ihrer „Welt“ gegen mich erheot, als hätte ich dem vom AK. in Sachen Böhm und Dr. Isidor Margulies gegen Steiner eingesetzten Ehrengericht den Respekt versagt und so Disziplinbruch begangen. Nicht erst aus dem „Neuen Wiener Journal“ vom 7./VII. 1910, sondern als Augen- und Ohrenzeuge beim Bezirksgerichte Josefstadt in Strafsachen hatte ich vernommen, wie schwer Herr Steiner durch seinen Ehrenbeleidigui-gstritt gegen Freund bloßgestellt worden ist und pflichtgemäß habe ich hievon sofort dem Zentralbureau Meldung erstattet, damit jenes Ehrengericht untersuchen könne, wer der Mann ist, der einen Böhm und Dr. Margulies anzugreifen wagt. Ich habe also dem Ehrengericht seine Sache nicht bloß nicht entfremdet, sondern ihm noch neues

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