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Jüdische Zeitung · 1911-01-06 · 1 (6.1.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion, Administration and lnseratenaufnalune: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich i und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werdeta nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Erscheint wöchentlich. von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werdeh nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Qänzjähr. K 10.—, .halbjähr. K 5—, Vierteljahr; K 3.—. Für Deutschland: Gaiizjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *** ****** * * * * Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplhre20 h. Postsparkassenkonto 104.067. **•*■**-*•*■**•»•*•**** Nr. 1; Wien, Freitag den 6. Jänner 1910. V. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Radauzionismus, lin Zeichen der Zeit. ' Sonderbare Herzl-Anbeter Polizeiliche Uebergriffe. Zu den Judenausweisungen aus Ungarn. Parteinachrichten., . Vereinsnachrichten. Aus dein jüdischen Lebend Ueberläufer. Radauzionismus. Was ist Radauzionismus? Ein Verbrechen. •Desselben ist schuldig, wer sich inner-, hajb einer zionistischen Organisation oder gar an der Spitze einer solchen gewissenhaft betätigt, sei es durch Ausbau dieser Organisation, sei es durch Propagierung der zionistischen Idee oder durch Verbreitung und Förderung der jüdischnationalen Presse. Der wahre Zionist gibt sich mit schönen Reden bei festlichen Gelegenheiten zufrieden und. strebt .nicht über djesen .Rahmen; hinauf Er wird es Untertassen, mutwillig den nationalen Charakter des Zionismus zu betonen. Sonst ist der Friede in der Gemeinde gestört. Die Gegner werden er- .bittert, randalieren und schlagen Radau. Daher der Name Radauzionismus und darum Fluch den Radauzionisten. Welch’ herrliche Leistung an Verdrehung, Lüge und Verleumdung liegt in der Prägung und Anwendung dieses Schlagwortes! Wo immer der Zionismus ehrlich, ohne Rückhalt und sei es in der vornehmsten und sachlichsten Art vertreten wird, dort brüllt und tobt die Meute der Gegner Wer ist schuld an dem Radau? Selbstverständlich die Zionisten, denn sie haben den Radau verursacht. Das ist die vom Wiener Kultusrate subventionierte Logik. Sie stellt zwar die Tatsachen auf den Kopf, aber der Zweck heiligt auch hier die Mittel. Eine sonderbare Logik. Nicht der Stehler ist der Dieb, sondern der Bestohlene; denn dieser hat den Diebstahl durch Besitz des gestohlenen Gegenstandes veranlaßt. Ein sachlicher Kampf gegen den Zionismus ist eigentlich nie geführt worden. Es ist auch schwer, eine gute Sache zu bekämpfen und daöei die Rolle des guten Menschen weiter zu spielen. Schier unmöglich wird ein solcher Kampf, wenn man die Gesamtinteressen des Judentums in Generalpacht hat. Aber Not macht erfinderisch und es erstand das Schlagwort vom Radauzionismus, dem der „echte und wahre“, kultusisraelitisch approbierte Zionismus gegenübersteht. Herr Dr. J. S. Bloch, Herausgeber der Oesterreichischen Wochenschrift, hat in liebenswürdigster Weise das Protektorat über diesen Zionismus übernommen. Es sind daher des unbedingten Schutzes des höhen Protektors sicher: 1. Alle ehemaligen Zionisten, welche an den ersten Flammen der Begeisterung ihre Bettelsuppe zu kochen vermeinten, sich dann enttäuscht zutückzogen und nun zur Deckung des Rückzüges die Verdrängten und Undankerfahrenen spielen, 2. Alle jene, welche (als Zionisten kompromittiert) die Uügnade des „maßgebenden“ Israelitenkreises nicht länger ertragen wollen und die verlorene Gunst durch Verrat wieder zu gewinnen hoffen und schließlich 3. die politischen Helden der Nacht, deren Gewerbe durch Tageslicht gestört wird, die im Zionismus Morgenluft wittern und daher zu einem Verzweiflungskampf genötigt sind. Sie alle, alle scharen sich als wahre Zionisten unter Blochs Flagge zum Kampfe gegen den Radauzionismus. Theodor Herzl wurde, solange er an der Spitze der von ihm geschaffenen Organisation wirkte, als Radauzionist grimmig angefeindet. Seitdem er jedoch die Organisation infolge Ablebens verlassen hatte, wird er huidvollst als1 wahrer Zionist anerkannt. . *■ V- Wollt Ihr, Rädauzüjnisien, .noch, , bei Lebzeiten 'Brochs Anerkennung erringen, dann dürft Ihr Euch nicht, in Widerspruch setzen zu den „besten“ und „verdientesten“ Männern in Israel, denn sie sind es, die über Subventionen aller Art entscheiden. Ihr könnt ja weiter Euren' Schekel zahlen und gute Zionisten bleiben. Nur müßt ihr auf den nationalen Kern des Zionismus verzichten und Euch mit dem Reste begnügen. Das heißt: Reißt dem Zionismus das Herz aus dem Leibe! Dann könnt Ihr den Leichnam einbalsamieren, bei festlichen Gelegenheiten dem Volke zeigen und dabei schöne Reden halten. Dann gibt es keinen Radau mehr, Bloch ist wieder alleiniger Vertreter der Gesamtinteressen des Judentums und es herrscht Friede in der Gemeinde. Amen. x. Ein Zeichen der Zeit. Hegel vertrat den Satz, daß sich alle Entwicklung in Gegensätzen vollziehe. Zweifellos enthält diese Ansicht, soweit es sich um psychologische Phänomene handelt, ein gut Teil Wahrheit. Denn zu allen Zeiten sind in Kunst, Wissenschaft und Völkerleben gewisse Richtungen und Anschauungen. die sich zu herrschenden durchgesetzt hatten, einseitig auf die Spitze getrieben worden, so daß plötzlich als heilsame Reaktion gegen alle Uebertreibungen der Umschlag ins Gegenteil eintrat. Natürlich aber ging der Nutzen, den die frühere Richtung vor ihrer Uebertreibung gebracht hatte, nie mehr ganz verloren und so sehen wir, im Hegelschen Sinne* die Entwicklung durch solche gegensätzliche Tendenzen stetig fortschreiten. Man könnte annehmen, daß der Antisemitismus, der teilweise als Gegentrömung gegen die Emanzipation der Juden und ihr Vordringen auf allen Gebieten des Lebens neu erwacht war, nachdem er in den letzten zwei Jahrzehnten auf die Spitze getrieben wurde, im Sinne jenes Hegelschen Satzes von einer gegenteiligen Strömung abgeiöst werden müßte. Leider ist es aber eine geschichtliche Tatsache, daß der Antisemitismus, wie Pinsker sagt, eine unheilbare Volkspsychose darstellt Immerhin zeigt sich mancherorts auf seinen Ausschreitungen schon eine gewisse gesunde Reaktion. Eine solche von ganz bedeutsamer Art enthalten die Ausführungen eines der berühmtesten Rechtslehrer Deutschlands, des Prof. Dr. Köhler-Berlin, in der vorletzten Nummer der „Deutschen Montags-Zeitung“. Prof. Köhler entwickelt die Ansicht, daß eine Vermischung der Deutschen mit den Juden, welche beiden Völkern sehr verschiedene, meist entgegengesetzte Begabungen aufwiesen, für das deutsche Volk sehr erwünscht, ja sogar eine Notwendig-; keit wäre, soll dieses im scharfen Wettbewerb an der Spitze bleiben. Er sieht ganz klar, daß der Weg hiezu nur in Taufe und Mischehe der Juden gelegen sein kann, da deren Religion ein nationales Band sei. Er verlangt nicht den Abfall gläubiger Juden, sondern meint, daßsich die Vorstellungen vieler Juden mit dem Protestantismus vollkommen vertragen könnten. Er sieht auch ein, daß es daneben immer noch Nationaljuden geben wird und sagt, daß eine gewisse Vielheit der Kulturen notwendig ist. Wenn man, ganz objektiv denkend, erfaßt hat, daß der Antisemitismus der westeuropäischen Völker im tiefsten Grunde eine Bewegung gegen die Vermischung dieser mit den Juden darstellt, daß gerade dies die Assimilationsbestrebungen von Juden als charakterloses Aufdrängen stigmatisiert, so muß man sagen, daß der Standpunkt Köhlers, wenn er von den Völkern akzeptiert werden würde, der Judenfrage ein völlig anderes Gesicht geben würde. Freilich, die Taufe würde an und für sich, soweit ihr Motiv nicht wirklich religiöse Ueberzeugung wäre, immer ein schimpflicher Akt bleiben, die Mischehe aber würde solchen Ansichten gegenüber den Juden •noch wünschenswerter erscheinen als jetzt und der Assimilation der Charakter eines Aufdrängens genommen werden. Kommt aber diese moralische Hemmung auch noch weg, die heute gerade die besten Juden als solche empfinden, dann wird, bei der völligen Gleichgültigkeit der Westjuden in religiösen Dingen nur mehr ein einziges Motiv der völligen Auflösung des Judentums entgegenwirken. Der Wunsch, dasselbe zu erhalten und zuerneuern, weil dies eine Kulturforderung ist, was ja Köhler auch anerkennt. All das sind ja nur Spekulationen, denn, wie schon erwähnt, ist es nach aller geschichtlicher Erfahrung ganz ausgesch'ossen, daß die große Masse der westlichen Kulturvölker jemals den Standpunkt Köhlers teilen wird und daß diese dialektische Entwicklung, der Umschlag ins Gegenteil, das heißt von einer Abwehr der Vermischung mit Juden zu einem Wunsche nach einer solchen, sich etwa im deutschen Volk durchsetzen wird. Immerhin zeigt der ehrliche und vernünftige Standpunkt Koh-

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