Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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;Nr. 52 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 tagtäglich verbreitet werden! Auf diesem Gebiete wird einfach Wahnwitziges geleistet. Es liegen Publikationen vor, in welchen von Mord, Mädchenschändung etc. gesprochen wird. Aber diese Dinge, die so ekelhaft sind, daß ihre Veröffentlichung nur im äußersten Notfälle in diesem Blatte erfolgen soll, einfach hin wegzitgehen und über den ehrlichen, vielleicht etwas zu losen Spottvogel herzufallen, ist ungerecht und abgeschmackt. Es zeigt von wenig Ernst und vielleicht auch von wenig gutem Gewissen, in einem solchen Falle lediglich gegen die Form zu protestieren und darüber den Inhalt zu vergessen! Farteinachrichten. Demission des Präsidenten des Zentralkomitees und Distriktkomitees für Inner- Oesterreich. Infolge der fortgesetzten in Inhalt und Form veretzenden Angriffe des offiellen Zentralorgans „Die Welt“ (Köln a. Rh.) gegen die österreichischen Gesinnungsgenossen und[deren Vertreter haben der Präsident des vvestösterreichischen Zentralkomitees, Gg. Adolf Böhm sowie das gesamte innerösterreichische Distriktskomitee ihre Demission gegeben. Die Einberufung eines westösterreichischen Zionistentages und eines innerösterreichischen Distriktstages ist bereits eingeleitet, * ♦ Sitzung des westösterreichischen Zentralkomitees. Die Sitzung des westösterreichischen Zentralkomitees findet am 8. Jänner, 3 Uhr nachmittags im Saale des Jüdischen Nationalfonds, IX., Türkenstraße 9, statt. * * * Vertraüensmänner-Konferenz in Lemberg. Sonntag, den 26. Dezember, fand in Lemberg eine Konferenz der zionistischen Vertrauensmänner für Galizien statt, bei der 60. Delegierte anwesend waren. Ueber die politische Lage referierte Abgeordneter Stand. Er sprach über die parlamentarische Tätigkeit des „Jüdischen Klub“ in der Schänkerfrage, über die Stellung zur Konferenz der jüdischphilantropischen Gesellschaften und zur Volkszählung. Redakteur Gg. Moses Frostig referierte über den jetzigen Stand der Schänkerfrage. Es entspann sich eine lebhafte Debatte, nach der folgender Beschluß gefaßt wurde: „Der Bericht des Abgeordneten Stand über die parlamentarische Tätigkeit des „Jüdischen Klub“ wird zur Kenntnis genommen. Die Konferenz begrüßt den Gedanken der jüdisch-philantropischen Gesellschaften, eine Hilfsorganisation für die Juden in Galizien ins Leben zu rufen und fordert die Gesinnungsgenossen auf, diese Aktion zu unterstützen In der Schänkerfrage wurde beschlossen, genaue Daten über die Schänker, die bei der Konzessionsverteilung leer ausgegangen sind, zu sammeln und eine Massendepudation der Schänker nach Wien kommen zu lassen, um gegen die ungerechte Konzessionsverteilung des galizischen Statthairers zu protestieren. Die Parteileitung wird ihren ganzen Einfluß aufbieten, damit die Hilfsaktion für die galizischen Juden möglichst rasch in Angriff genommen werde. Zur Volkszählungsfrage ergriffen mehrere Redner das Wort und es wurde beschlossen, die Aktion für die Anerkennung der jüdischen Sprache und Nationalität energisch durchzuführen und bei der österreichischen Regierung einen Protest gegen die Nichtanerkennung der Juden als Nation einzubringen. In der Nachmittagssitzung wurden mehrere Anträge über die Palästinaarbeit und über organisatorische Fragen angenommen. Brief aus Galizien. Lemberg, 19. Dezember 1910. Von unserem Korrespondenten. Der galizische Landesausschuß hat die Summe von 293.690 Kronen für Bildungszwecke bestimmt. Davon entfallen auf die jüdischen Bildungsinstitute — 3200 Kronen, also kaum ' l Prozent des Betrages, trotzdem die Juden in Westgalizien 6 Prozent und in Ostgalizien gar 12 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Diese Zahlen demonstrieren sehr deutlich das Vorgehen der Schlachzizen gegen die Juden. Als Stimmvieh sind ihnen die Juden gut genug und vor den Wahlen umschmeichelt man sie, aber wenn mit Hilfe der Juden die Macht errungen, dann braucht man auf sie keine Rücksicht mehr zu nehmen. Im Jahre 1900 haben von den neumalhunderttausend galizischen Juden 621.000 die polnische Sprache als ihre Umgangssprache angegeben. So haben die Polen eine große Stimmenmehrheit im Lande bekommen. Den Schlachzizen ist der Beschluß der Zionisten, die jüdische Sprache als Umgangssprache anzugeben, sehr unangenehm und das „SlowoPolskie“ warnt die Juden, diesem Beschluß Folge zu leisten, ln vielen galizischen Städten fanden Volksversammlungen statt, um die jüdischen Massen bezüglich der Volkszählung aufzuklären. Von den 10.000 Rekursen, die bei der galizischen Statthalterei von jüdischen Schänkern gegen die Entziehung von Schankkonzessionen eingelaufen sind, sind kaum SCO günstig erledigt worden. Die übrigen wurden verworfen. Wie ich erfahre, wird in den nächsten Tagen eine Deputation der abgewiesenen Schänker nach Wien fahren, um bei der Regierung vorzusprechen. Nach Neujahr sollen auf Grund der Volkszählung neue Schankkonzessionen ausgeschrieben werden. Der Statthalter hat vor‘einiger Zeit erklärt, daß diese Konzessionen nur an die abgewiesenen Schänker verteilt werden sollen. Es wird sich zeigen, inwieweit er sein Versprechen einhält. Die Statthalterei hat an die galizischen Bezirkshauptmannschaften ein Zirkular verschickt, in dem die Behörden aufgefordert werden, über die abgewiesenen Schänker genaue Listen aufzustellen. Es sollen in diesen Listen die Verhältnisse der Schänker genau geschildert werden. Dieses statistische Material wird für eine eventuelle Hilfsaktion für die brotlos gewordenen. Schänker vorbereitet. Zur Schänkerfrage. Vorige Woche fand in Wien eine Konferenz sämtlicher jüdischer Reichsratsabgeordneten statt, in der zur Schänkerfrage Stellung genommen wurde. Abgeordneter Stand schilderte die traurige Lage derjenigen Schänker, denen jetzt die Konzessionen entzogen wurden. Es wurde der Beschluß gefaßt, dem Ministerpräsidenten ein Memorandum mit den folgenden Forderungen zu überreichen: 1. Es soll für alle Schänker ein einjähriges Provisorium geschaffen werden. 2. Diejenigen Schänker, die länger als zehn Jahre eine Schankkonzession haben, sollen lebenslängliche Konzessionen erhalten. 3. Nach der Volkszählung sollen sofort die notwendig gewordenen neuen Konzessionen ausgeschrieben werden. Zum Schlüsse protestierte die Konferenz gegen die ungerechte Steuer, die den Schänkern jetzt auferlegt werden soll. * * * Dienstag, den 20. d. M. erschien beim Ministerpräsidenten eine Schänkerdeputation unter Führung der Reichsratsabgeordneten Stand, Mahler, Kolischer, Groß, Gail, Liebermann und Diamand. Abgeordneter Kolischer legte dem Ministerpräsidenten die Resolution der Konferenz vor und schilderte in längerer. Rede die Lage der Schänker, denen jetzt die Konzession entzogen wurde. Ministerpräsident Bienerth antwortete, daß er sich sofort mit dem Handelsminister und mit dem galizischen Statthalter in Verbindung setzen werde, und versprach der Deputation, daß die gerechten Forderungen der Schänker berücksichtigt werden sollen. Die Abgeordneten Löwenstein und Gold haben sich der Deputation nicht angeschlossen. Auch bei der Konferenz glänzten sie durch Abwesenheit. B. Die Krise in der Alliance. Die gesamte jüdische Oeffentlichkeit ist durch die Krise in der Alliance israelite in die lebhafteste Bewegung versetzt worden. Was sich soeben im Schoße dieser ältesten jüdischen Gesamtorganisation abspielt, ist von so symptomatischer und für das fernere praktische Wirken der Alliance prinzipiell wichtiger Bedeutung, daß man tatsächlich von einem Wendepunkte in der Geschichte dieser Gesellschaft una von einem hoch bedeutsamen Ereignis für die gesamte Judenheit sprechen kann. Die Zentraldiktatur der Alliance in Paris hatte es für gut befunden, die „Deutsche Konferenzgemeinschaft“ aufzulösen, diese hat dagegen erklärt, daß sie diese Auflösung nicht anerkennt und fortbestehen bleibt. Das ist der Kern des Streites. Die Entwicklung, die zu einem solchen Eklat innerhalb dieser Organisation geführt hat, zeigt, daß es sich hier um einen Kampf um die Prinzipien handelt, von welchen die Alliance auszugehen habe oder, besser gesagt, um eine Auflehnung der deutschen Mitglieder gegen die Fortsetzung der Tendenzen, welche bisher in der Zentralieitung sehr zum Schaden der Gesamtinteressen des Judentums herrschend waren. Wir haben diese Tendenzen, wie sich unsere Leser erinnern werden, in einer Reihe von Artikeln scharf charakterisiert sind, und wir schreiben unserer offenen und rückhaltlosen Sprache einen bescher denen Teil an der Wandlung zu, die sich bei den deutschen Führern der Organisation vollzogen hat. Die Alliance israelite, welche heuer das 50jährige Erinnerungsfest ihrer Gründung feiern tollte, aber bisher die Feier immer verschoben hat, weil der jetzige Zeitpunkt zu einer solchen sehr übel gewählt wäre, hat sich von den Grundsätzen ihrer Initiatoren so weit entfernt, daß sie gerade das Gegenteil dessen praktiziert, was ihren Gründern, einem Netter, einem Cremieux etc. vorschwebte. Diese waren sich bewußt, daß der Bund der Juden beseelt sein müsse von echt jüdischem und brüderlichem Geist, daß es sich um einen Zusammenschluß handle, dessen Aufgabe die Verteidigung des Judentums und der Schutz der bedrohten Volksgenossen sei. Mit großem Scharfblick erkannte auch Charles Netter die Notwendigkeit der jüdischen Kolonisation Palästinas und gründete schon vor 40 Jahren die Ackerbauschule in Jaffa. Was ist aus der Alliance geworden? Den Schutz bedrohter Volksgenossen hat sie, das muß anerkannt werden, getreulich betätigt. Aber aus dem brüderlichen Zusammenschluß und dem jüdischen Geist ist die unerträgliche Diktatur eines kleinen Komitees und eine auf Entjudung gerichtete Erziehungspolitik geworden. Und der Aufruhr in Deutschland ist nicht etwa dadurch verursacht, daß die Konferenzgemeinschaft an Stelle der frankisierenden germanisierende Tendenzen setzen will, sondern, wie das Gg. Doktor Handtke in ihrer letzten Sitzung klar ausführte, verlangt sie die Rückkehr zu den ursprünglichen allgemeinen jüdischen Gedanken der Gründe der Alliance und die Beseitigung der Pariser Diktatur. „Die Zeit ist vorbei“ — sagte Gg. Dr. Handtke — „in der sich ein kleines Komitee das Recht anmaßen konnte, namens der Judenheit zu sprechen, ohne daß er dazu ein Mandat habe und ohne sich der Kontrolle der öffentlichen Meinung zu unterwerfen.“ Die einzelnen Phasen der Entwicklung der deutschen Alliance sind bekannt. Durch die ruhige und tüchtige Arbeit des Hilfsvereines aus ihrer Lethargie gerüttelt, haben die deutschen Mitglieder der Alliance eingesehen, daß diese Organisation in Deutschland nie Boden fassen könne, so lange sie von Paris aus regiert wird. Sie schufen ein deutsches Komitee, die Konferenzgemeinschaft und sofort verdreifachte sich die Zahl der Mitglieder in Deutschland. Aber der Leiter dieses Komitees, Herr Goldberger, war ein Geistesverwandter der Pariser Diktatoren. Er war ihr fügsamer Gehilfe und schlug trot" der alljüdischen und brüderlichen Devise der Alliance einen überheblichen Ton gegen die zionistische Organisation und den Hilfsverein an, stellte die auf Assimilation gerichtete Politik der Alliance als die alleinseligmachende für die Judenheit hin usw. Aber was vielleicht heute noch in Frankreich wo es keine jüdische Oeffentlichkeit mehr gibt, möglich ist, das ist in Deutschland dank der unermüdlichen Nationalisierungsarbeit der Zionisten un