Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 suche. So wird erzählt, daß die V o 1 k s z ä h 1 an gskommissäre, welche die Zählbogen zu prüfen haben, beauftragt seien, zu jenen Personen, welche jüdisch als Umgangssprache in -den Anzeigezettel schreiben, hinzugehen, sie deutsch anzusprechen, und sobalddie Partei in deutscher Sprache antworten sollte, sofort die Eintragung des jüdisch zu sreichen und statt dessen deutsch zu schreiben. Redner fordere daher alle auf, dem Volkszählungskommissär nur in jüdischer Sprache zu antworten. Durch diese Art der Verfälschung des wahren Zählungsergebriisses sei aber die ganze Zählmethode hinreichend charakterisiert. Wer die Belehrung ansieht, die das Ministerium herausgegeben hat, findet darin alle möglichen Sprachen aufgezählt, sogar magyarisch, eine Sprache, die bloß 8000 Leute in Oesterreich sprechen, ist zulässig. Nur Jüdisch, das von einer Million Oesterreicher gesprochen wird, soll man nicht schreiben. Aber das Ministerium hat sich geirrt. Das jüdische Volk läßt so ein Vorgehen sich nicht mehr bieten und was auch immer erzählt werden wird, wir und alle anderen wissen schon heute, daß die Volkszählungsergebnisse unrichtig sein werden. Nachdem noch einige Redner gesprochen, wurde folgende Resolution einhellig angenommen: „Die am 24. d. im Saale des jüdischen Nationalhauses tagende jüdische Volksversammlung protestiert aufs schärfste gegen die Regierung, die die nationale Ehre des jüdischen Volkes dadurch verletzt, daß sic bei der Volkszählung den Juden jede Möglichkeit nimmt, ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Nation zu bekunden und die Rubrik „Umgangssprache“ wahrheitsgemäß „jüdisch“ auszufüllen. Die Versammlung erklärt in Angelegenheit der Volkszählung sowie in der Wahrung aller Rechte des jüdischen Volkes energisch den Kampf aufzunehmen und sich durch keinerlei Maßregeln der Regierung daran hindern zu lassen.“ Vor dem jüdischen Hause ordnete sich der in aller Eile zu einem demonstrativen Aufmärsche zur Landesregierung. Unter stürmischen Hochrufen auf das jüdische Volk und die jüdische Sprache zogen über 3000 Personen zur Landesregierung. Es gelang den Demonstranten dort anzulangen, ehe die Sicherheitswache herbeieilen konnte. Vor der Landesregierung wurde eine kurze Ansprache gehalten, welche von der Masse mit stürmischen Hochrufen auf die jüdische Sprache und das jüdische Volk beantwortet wurde. Der Demonstrationszug begab sich dann durch die herrengasse zum Rathause, wo neuerliche Demonstrationen stattfanden und löste sich vor dem Arbeiterheime auf. Protest und Demission der Wiener zionistischen Parteibehorden. Der Präsident des zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich, Gg. Adolf Böhm, und das gesamte innerösterreichische Distriktskomitee mit seinem Obmann Gg. Dr. J. Körner, haben ihre Demission gegeben. Als Grund des Rücktrittes bezeichnen diese Funktionäre die Haltung des zionistischen Zentralorganes „Die Welt“ (Köln), die in einer Reihe von Publikationen innerösterreichische Parteiverhältnisse einer durch außenstehende Personen beeinflußten und die Wiener Parteibehörden verletzenden Kritik unterzogen hat, des weiteren auch die Berichterstattung über Vorgänge im österreichischen Parteileben nicht objektiv besorgt. Wiederholte und nachdrückliche Proteste, welche seitens der Wiener Parteibehörden an den Präsidenten des Aktionskomitees, Herrn W olffsohn, geleitet wurden, fanden keine Beachtung und brachten keine Abhilfe. Die genannten Funktinäre haben Herrn Wolffsohn telegraphisch ihren Rücktritt und dessen Ursache zur Kenntnis gebracht. Einem in Kürze abzuhaltenden österreichischen Zionistentage sowie einem innerösterreichischen Distriktstage bleibt die endgültige Erledigung dieser Angelegenheit Vorbehalten. Wir verweisen auf die offizielle Publikation unter „Parteinachrichten“. * Auch die „Jüdische Zeitung“ war Gegenstand einer ungebührlichen Kritik seitens der „Welt“. Die Redaktion der „Jüdischen Zeitung“ behält sich die entsprechende Zurückweisung insolange vor, als diese Angelegenheit nicht durch die zuständigen Behörden erledigt erscheint. JÜDISCHE ZEITUNG. Zur Landtagswalil In der Bukowina. Die Reichsexekutive der Jüdischen Nationalpartei in Oesterreich hat in ihrer Sitzung am 11. Dezember d. j. die Agitation Prof. Kellners und Genossen gegen die Jüdische Nationalpartei in der Bukowina und deren Obmann Abg. Doktor Straucher als schädlich erkannt und mißbilligt. Die Publikation der bezüglichen Resolution in der „Jiid. Zeitung“ hat in weiteren-Kreisen Aufsehen erregt, da sich der Name _ des Herrn Prof. Kellner in zionistischen 'Kreisen eines guten Klanges erfreute und daher die Verurteilung seines Vorgehens unvermittelt scheinen mußte. In der Hoffnung, daß ein unerquicklicher und dem Ansehen der Partei nicht zuträglicher Konflikt sich schließlich werde beilegen lassen, haben die maßgebenden Faktoren der Nationalpartei und auch das Parteiorgan eine öffentliche Stellungnahme gegen Prof Kellner solange als möglich vermieden. Die Formen jedoch, welche die Agitation gegen die Nationalpartei angenommen hat, machten jede weitere Rücksichtnahme untunlich, die entschiedene Bekämpfung der Bestrebungen Prof. Kellners mit seinen engeren Genossen ist im Interesse der österreichischen Nationalpartei unumgänglich notwendig geworden. Die Hauptmomente, welche für die Stellungnahme gegen Prof. Kellner maßgebend sind, seien .nachstehend angeführt. Prof. Kellner, welcher wiederholt in öffentlichen Versammlungen, so am 19.November 1908 in Wien und später in Lemberg u. a. O., die Beschäftigung von Zionisten mit selbständiger jüdischer nationaler Politik in maßloser Weise verdammte — er bezeichnete sie nachgerade als ein Verbrechen am Zionismus, am Judentume — trat urplötzlich in der Bukowina als jüdischer Politiker, Organisator und Bewerber um ein Landtagsmandat auf. Als der Bukowinaer Parteiobmann Abg. Doktor Straucher von ihm Erklärung forderte, ob er auf dem von den Zionisten in Krakau bindend beschlossenen nationalen Gegenwartsprogramme kandidieren und im Falle seiner Wahl dem jüdischen Klub im Landtage beitreten wolle, hat Prof. Kellner die Abgabe dieser Erklärungen verweigert. Er ist noch weiter gegangen und hat durch Gründung eines „Volksrates“ der bestehenden Nationalpartei die Spitze bieten wollen. Bei dem Versuche dieser Gründung hat er sich mit ausgesprochenen Feinden der jüdischnationalen und zionistischen Organisation verbündet, auch mit ausgesprochenen assimilatorischen Elementen und hat sich prononzierter Kampforgane gegen die jüdischnationale und zionistische Gesamtpartei bedient, z. B. des „Tug“ in Krakau, der „Blochschen Wochenschrift“ in Wien etc. Ein solches Vorgehen eines organisierten Zionisten, ein solches Ignorieren alter, nationaljüdischer . und zionistischer Parteigrundsätze ist unbedingt zu verurteilen. Doppelt zu verurteilen, weil Herr Prof. Kellner derzeit Obmar.n des zionistischen Landeskomitees in Czernowitz ist, also ein zionistisches Vertrauensamt bekleidet, dem er seinen Einfluß verdankt, den Einfluß, welchen er nunmehr zum Schaden der von der zionistischen Partei gegründeten und von Zionisten geleiteten politischen nationalen Organisation Oesterreichs ausübt. Zu diesen Umständen, welche wohl die Stellung der: Nationalpartei gegen Prof. Kellner ausreichend begründen und für seine Konsequenz und Parteitreue kein gutes Zeugnis bieten, treten noch andere hinzu, die eS unmöglich machen, in ihm den Mann zu erblicken, welcher zur mannhaften Vertretung nationaljüdischer und demokratischer Interessen berufen erscheint. Ritter v. Taussig, der bekannte Vermittler der russischen Anleihe, der Geldvermittler der russischen Pogromregierung, Nr. 52 den alle ehrliebenderi : Juden verurteilten, hat in Prof. Kellner einen beredten Verteidiger gefunden. Am 19. November 1908, in einer Versammlung im Hotel Zentral in Wien, hat Prof. Kellner das Vorgehen der Wiener Zionisten dem Taussig: gegenüber aufs Schärfste verurteilt. Er hat ihn als großen, für das Judentum unendlich wertvollen Mann hingestellt. Judenmördern hat hat er Geld vorgestreckt, zugestanden aber, so sagte Prof.Kellner: Der Mann führt -seine Kinder am Jomkippur in den Tempel! Diese Art der Beweisführung und Entschuldigung näher zu charakterisieren, kann man sich ersparen. Dabei ist Dr. Kellner Universitätsprofessor und behauptet, Nationaljude zu sein. Er ist Mitglied vieler akademischer und bürgerlicher Vereine. Die Diskussion über diesen Punkt sei diesen Korporationen überlassen. Aber nicht nur dem jüdischen Finanzbaron, auch der Regierung gegenüber hat Prof. Kellner eine Stellung eingenommen, die den bescheidensten Anforderungen an einen jüdischen Volksvertreter widerspricht. Es bedeutet wohl den Gipfelpunkt aller „Loyalität“, wenn er in einem leitenden Artikel im deutschliberalen „Neuen Wiener Tagblatte“, welcher der Verherrlichung des österreichischen Beamtengeistes gewidmet war, die Behauptung aufstellt daß die österreichische Beamtenschaft allen Nationen gerecht entgegenkommt und nie in der Behandlung der Angehörigen der einzelnen Volksstämme Unterschiede macht. Da hat sich der Zionist Kellner denn doch etwas zu bescheiden hinter dem k.k. P r o f e s s or Kellner verborgen. Ob das unter dem Antisemitismus der Behörden so schwer leidende jüdische Volk gerade in diesem Manne den richtigen Vertreter seiner Interessen finden wird, ist wohl noch fraglich. Herrn Prof. Kellner sollen gewisse persönliche Vorzüge und Fähigkeiten nicht abgesprochen werden. Er verdankt ihnen die Zuneigung vieler Parteigenossen. Aber diese Zuneigung darf das sachliche Urteil nicht trüben. Die Parteileitung wurde durch schwerwiegende Gründe zu ihrer Stellungnahme veranlaßt und auch die Parteigenossen, welche persönlich für Prof. Kellner viel übrig haben, werden den angeführten Gründen wohl oder übel Rechnung tragen müssen. Mit Bezug auf die Form, in welcher der Kampf gegen die Bukowinaer Nationalpartei und speziell gegen Gg. Dr. Straucher geführt wird, ist auch noch einiges zu bemerken. Herr Prof. Kellner, der sich immer und mit größtem Nachdrucke Herzls persönlicher Freund nennt und diesem Umstande seine Popularität nicht zum geringen Teile verdankt, verschmäht es nicht, die Wiener „Blochsche Wochenschrift“, welche unseren Führer gemein geschmäht, einen Herzl der Geldunterschlagung geziehen hat, als Publikationsorgan zu benützen, weiters den „Tug“, das im Dienste der Polenklubjuden arbeitende antizionistische Verleumderblatt. Von Personen, die zum Anhänge des Herrn Prof. Kellner zählen und die er bisher nicht desavouiert hat, werden Pamphlete verbreitet, deren Inhalt jeder Beschreibung spottet. Und es muß unter diesen Umständen ganz sonderbar berühren, wenn ein Spottgedicht aus der Feder unseres Gg. Beda, das kürzlich in der „Jüdischen Zeitung“ erschien, die gar so große Entrüsung Einzelner entfesselt. Es mag sein, daß dieses Gedicht in seiner Form nicht nach jedermanns Geschmack ist, daß für eine derartige Polemik die Gedichtform ungeeignet erscheint. Aber was bedeutet diese, schlimmstenfalls so zu bezeichnende Formverletzung — der Inhalt steht ja aufrecht — gegen die unglaublichen Verleumdungen, die gegen Dr. Straucher und die Bukowinaer Partei