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Jüdische Zeitung · 1910-12-30 · 52 (30.12.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und inseratenaufnähme: IX., Liechtensteinstraße II, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10—, halbjlhr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—.. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige *•»»**•»*■»***«•«•** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. Nr. 52. Wien, Freitag den 30. Dezember 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Eine indische Schandsäule. Die Volkszählung. Die Demission der Wiener Parteibehörden. Die Landtagswahl in der Bukowina. Parteinachrichten. Zur Schänkerfrage. Die Nase des Ladislaus. Gedicht von Beda. Die Krise in der Alliance. Vereinsnachrichten. Eine jüdische Schandsäule. Die Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft (Eigentümer: Rothschild und Guttmann) hat für das Lueger-Denkmal zweitausend Kronen gespendet! Bekanntlich sind die Spenden für das Lueger-Denkmal sehr langsam und spärlich eingegangen, und zwar insolange, als nur Christen die Geber waren. Es stand zu befürchten, daß das Denkmal für den großen Bürgermeister sehr klein ausfallen würde. Erst als die Juden sich der Sache angenommen haben, und „ohne Un- ^Sfschied-sd&r-Konfession“ gesammelt wurde, begannen die Geldquellen rasch und reichlich /“zu fließen. Die Aufrufe in den antisemitischen Zeitungen wirkten wenig. Erst als... die von Juden geschriebenen und bezähmten liberalen Zeitungen bewegliche Worte an die lässige Bevölkerung richteten, erst als die Juden von der Notwendigkeit überzeugt wurden, daß dem.tückischen Verleumder ihres Volkes eine grandiose: Denksäule' gebühre, schwoll der Denkmalsfonds mächtig an. : - ■■1” "Anfangs ^schüchtern und. verstohlen schleppten ehrvergessene Juden nunmehr fnfqier -'öffenec^und unverschämter Bausteine für d^penkmal jenes Marines herr beiJt .der" unse^ Volk beschuldigte, die Be,s t nach Wi'qn gebracht zu haben und Judehhetzen ankündigte' der ein Apostel 'a^RitifalmordLlüge war." ,-yWepn {'je, so' .hat die Bezeichnung: ei'n Le,’t e J ü d e n, in Anwendung auf djgseTLeufe -volle Berechtigung. Dank der jüdischen ' Mithilfe Wird v das Monument weniger ein Andenken an Lueger bedeuten, als vielmehr eine •Schandsäule f ü fd a s - j ü d'i s tf’fi e V,o lk s e i n, die Verewigung j ü d isc he r ‘'.r"Sc hin ac h und Jüdischen Kn echt sinn es! 1 Wahrlich, in unserer|Zeit treibt das Judentum ganz;-eigenartige .Blüten: Einen Taussig, der-den Rüssen die Mittel für Judenhetzen -voijschießt, einen Rothschild, einen Güttfnahn; der dem Lueger Ehrenprunksäuleri baut,' einen .Wiener Kultusrat, der, seinen. To3_, als schmerzlichsten jVerlust tief' beklägf^ 'und .was' das traurigste isteui[jüdisphes Volk,' das all .diese Dinge ruhig^niitänsiehL'j;v Ars HerrenlWön Witköwitz fühlen sich Rothschild und.(juttmanh -verpflichtet^ dem Antisemitismus.. 'Tjribut'.'zü;'zollen.-*Sie tun <jies .vielfältig iind wirk'sa'm.'“iti ihren'Wit-, kowitzer Werkfih,„die'.täüsehdefBeamte und Arbeiter ^escl^fügenj stellen sie keine Juden an, weil die der überwiegenden Mehrzahl nach radikal-antisemitischen Angestellten hiedurch in ihren „Gefühlen“ gekränkt würden! Und um den Ruf als jüdisch-antisemitische Firma auch nach außen hin zu betonen, spenden sie namens der Firma für den Lueger-Fonds. Ritter von Guttmann gehört dem Wiener Kultusvorstande an, Rothschild hat seine Beauftragten in der Kultusstube sitzen. Leute, die jüdischen Brüdern Arbeit verweigern und dem Judenhaß Denkmäler bauen, sind unsere Führer! Das Vergnügen, die Ehre einer solchen Leitung zu unterstehen, haben wir Nationaljuden schon des öfteren und schmerzlich empfunden. Wir hoffen, daß ein von Rothschild und Guttmann erbautes Lueger-Denkmal auch andere Juden zum Nachdenken anregen wird. Die Volkszählung. Die galizischen Zionisten entfalten eine intensive.. Agitation, däß . die Juden die Rubrik „Umgangssprache“ mit Jüdisch ausfüllen. Fast in allen Städten fanden stark besuchte Volksversammlungen statt, in welchen die Anerkennung der jüdischen Sprache und jüdischen Nationalität gefordert wird. Aus Lemberg wird uns geschrieben: Lemberg, 26. Dezember 1910. Je näher der 31. Dezember heranrückt, umso erregter werden die Gemüter. Die Polen lassen kein Mittel unversucht, um die Juden einzuschüchtern. Die polnischen Zeitungen warnen die Juden in spaltenlangen Artikeln, die jüdische Sprache als „Umgangssprache“ anzugeben. So schreibt der „Kurjer Lwowski“ unter andern: „Da die jüdische Sprache nicht anerkannt ist, müssen sich die Juden entweder als Polen oder als Ruthenen einschreiben. Die Juden sollten nicht vergessen, was sie der polnischen Nation zu danken haben. Wir werden mit allen Mitteln dagegen kämpfen, daß sich die Juden in Galizien als eigene Nation gebärden. Der Statthalter wird die Behörden gewiß instruieren, wie sie sich denjuden gegen-l über, die die jüdische Sprache als'Umgangssprache angeben,, zu benehmen haben . . ’ " <'. Statthalter Bobrzinski hat den Wink verstanden und sofort ist er mit einem Ukas.'herausgerückt, in dem er allen Juden, die die jüdische-Sprache als Umgangssprache ahgeben, mit Strafend droht. .Nun wissen ja die Behörden, was sie zu tun haben. Aber auch die patentierten Polen, di^ Assimilanten ruhen nicht. Wie vor den Reichsrätswahlen haben: sie sich auch jetzt an die galizfeche'n Wunderrabbis gewendet, damit diese ihre .Chassidim bestimmen, sich bei der Volkszählung .als „Polen** efnzuschreiben. Wir können heute konstatieren, daß sich die fanatisch-frommen Juden, die kein Wort polnisch oder ruthenisch sprechen können, die polnische Sprache als ihre Umgangsspräche angeben, werden. Aber die politisch aufgeklärten, jüdischen Massen werden sieb weder durch die Drohungen der Polen noch durch die Schliche der Assimilanten abhalten lassen, ihre nationale Pflicht zu erfüllen und die jüdische Sprache als ihre Umgangssprache anzugeben. Ein anderer Berichterstatter schreibt uns: Die Agitation unserer Gesinnungsgenossen in Galizien, die Rubrik Umgangssprache mit „jüdisch“ auszufüllen, findet unter deu jüdischen Massen lebhaften Anklang, erregte aber in den herrschenden polnischen Kreisen nicht nur Mißfallen, sondern auch gehörige Furcht. Denn sobalddie Hunderttausende Juden nicht mehr wider Recht und Wahrheit zu den Polen gezählt werden, so gehört das von den Polen immer ins Treffen geführte numerische Uebergewicht über Ruthenen der Vergangenheit an. Darum versuchen die Polen mit allen Mitteln ■■■• selbst vor Repressalien und Amtsmißbraueb schrecken sie nicht zurück — die Juden am Bekenntnis zur jüdischen Umgangssprache zu hindern. Der Statthalter selbst griff in den letzten Tagen durch ein an alle Behörden gerichtetes Zirkular ein und stellte sich auf die Weise ostentativ auf die Seiteder radikal-chauvinistischen alipolnischen Presse. Dieses Zirkular befaßt sich vorwiegend mit der Zählung der Juden, macht die Behörden aufmerksam, daß die Juden beabsichtigen, „jüdische“ Umgangssprache anzugeben und trägt den Zählungskommissären auf, in „freundlicherweise“ dahin zu wirken, daß die konskribierten Juden von dieser Absicht abstehen. Sollte jedoch das freundliche Zureden nicht fruchten und sollten die Juden bei ihrer Absicht beharren, so mögen die Kommissäre die Rubrik unausgefüllt lassen und die Namen der Uebeltäter sofort den politischen Behörden angeben, damit man sie auf Grund des Piügelpatentes (im Zirkular heißt es auf Grund der Verordnung betreffend die Volkszählung vom Jahre 1869) bestrafe . . . Gleich den galizischen Zionisten haben auch die Jüdischnationalen in der Bukowina eine mächtige Bewegung für die „jüdische Umgangssprache“ eingeleitet. Es wurde folgende. Parole auggeeebetu^Dic-. RubnTc „Umgangssprache“" soll mit „j üdisch“ ausgefüllt werden. In Fällen aber, wo eine andere Umgangssprache angegeben wird, soll unbedingt „jüdischer Nationalität“ hinzugefügt werden.* Es hat sich ein aus Delegierten aller jüdischen Kreise bestehendes Volkszählungskomitee mit Dr. D i a m a n t an der Spitze gebildet, welches am 24. d. im jüdischen Nätronalhause eine imposante Versammlung veranstaltete. Den.Vorsitz, führte Dc/Birnbaum. " , ' Der , Referent Dr. Friedmann.erörtert zuerst den Zweck der Volkszählung. Die Volkszählung bezwecke' die sozialen Verhältnisse der "Völker Oesterreichs im Wege der Befragung jedes Einzelnen fe’stziistellen. So Geschlecht, Alterf Beruf, Religion und Nationalität werden in diesem' Wege erhoben. Der- Staat nimmt ein genaues Inventar seiner Bevölkerung auf. Bisher hat man mit Rücksicht auf die speziellen Verhältnisse der Juden eirizügehen mit Absicht unterlassen, von einem jüdischen Volke will man nichts wissen. Deshalb müssen die Juden mit desto mehr Kraft darauf hingewiesen, daß sie da sind und sich nicht übergehen, lassen. Denn die Ergebnisse der Volkszählung werden dann für die Gesetzgebung verwendet. Wenn nun, die Juden als Konfession gezählt werden, so kann der Staat naturgemäß .für. sie auch, weiter nichts tun, denn in konfessionellen Angelegenheiten mischt sich der Staat nicht.- - Dieser Kampf bei der Volks« zählung ist ein Kämpf um unsere Geltung, um unseren Anteil am Staate. Deshalb werden wir „jüdisch“ der Wahrheit gemäß als unsere Umgangssprache bezeichnen.; Als nächster Redner sprach Herr S t e inm e tjz, der darauf hinwies, daß die Hauptursache der Zurüekdrängung"des jüdischen Volkes in Oesterreich die nationale. Politik, sei, welche Vönden Polen in Galizien und den Deutschen in der Bukowina gemacjit werde, und die die Regierung unterstützt. :; . 'J . Sobald die Juden in'Galicien nicht. dem polnischen Volke zugezählt, sondernselbständig gezählt Werden; hört .'die Majorität' der Polen auf, ebenso steht es um die Stellung der Deurtschen in der Bukowina:: Dadurch, daß man: die Juden ihnen zuzähir, verdreifacht: man; ihre Zahl- und macht sje zu einetp wichtigen politischen Faktor.- Es ist daher begreiflich, 'daß jetzt, da die Juden sich das nicht mehr bieten lassen, man mit Tricks auszukommen

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