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Jüdische Zeitung · 1910-12-23 · 51 (23.12.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
51 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 51 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 äußeres Leben bestimmen, sondern als die Heimat Ihres Herzens Palästina anzusehen. Diese Empfindung, daß wir hier nur im Exil sind, welche die Judenheit so lange vor der Assimilation bewahrte, ist heute völlig geschwunden, und die Juden glauben sich im Golus definitiv einrichten zu können. Daß dies ein Irrtum ist, darauf werden sie, die unser Vorhei sagen nicht hören wollen, sehr schmerzlich schon seit dem Umschwung nach der 48er Bewegung erinnert. Für uns Zionisten, die wir klar erkennen, daß im Golus keine Möglichkeiten sind, gilt es, jenes Gefühl, daß unsere seelische Heimat Palästina ist, wieder tief in die Herzen einzugraben. Nicht nur etwa deshalb, um die Lust an der Palästinaarbeit zu fördern, sondern um dem Herzen des Golusjuden wieder ein jüdisches Zentrum zu geben. Dieser Seelenzustand ist bei vielen Zionisten vorhanden, und er führt früher oder später eine ganze Anzahl von ihnen auch tatsächlich hinüber. Ein wahrhaft überzeugter Zionist wird mit der Zeit von selbst und unmerklich jenen psychischen Umschwung erfahren, deshalb ist mir in dieser Beziehung um Ihre Entwicklung nicht bange. Anders die hebräische Sprache. Diese zu erlernen, erfordert den Aufwand einer allerdings nicht allzu großen Mühe. Es ist aber völlig unerläßlich, daß Sie diese verhältnismäßig geringe Mühe aufwenden, jetzt, wo Sie noch im Alter sind, in welchem Ihnen das Lernen nicht schwer fällt. Nur durch die hebräische Sprache werden Sie in den Geist unseres Volkes eingeführt, nur durch sie erlangen Sie die Möglichkeit, in Fühlung mit der neujüdischen Entwicklung in Palästina zu bleiben. Wenn Sie mich fragen würden, was ich für Ihre wichtigste Aufgabe halte, so würde ich Ihnen sagen: Lernen Sie hebräisch! Diese von mir in allgemeinen Umrissen skizzierte zionistische Ausbildung soll Ihnen vor allem in ihren Vereinsigungen zuteil werden. Je mehr diese bestrebt sein werden, das Hauptgewicht auf die Erziehung ihrer Mitglieder zu wahren Zionisten zu legen, desto mehr werden sie für den Zionismus geleistet haben. Aber es ist nicht richtig, wenn den Vereinigungen allein diese Aufgabe überlassen wird. Die Grundrichtungen dei Ausbildung müssen von den leitenden Körperschaften ausgehen und ich möchte dem neuen Distriktskomitee den Wunsch mit auf den Weg geben, daß es in dieser Richtung führend eingreife. Die Studentenschaft aber möchte ich auffordern, den diesbezüglichen Versuchen der vorgegesetzten Komitees nicht so ablehnend gegenüberzustehen wie bisher. Sie werden dadurch in ihrer ängstlich gehüteten Selbständigkeit nicht tangiert, denn bei der Wahl der Leitung sprechen Sie ein gewichtiges Wort mit und haben es in der Hand, Männer zu wählen, in die Sie völliges Vertrauen haben, ln der zionistischen Organisation sind Sie keine Studenten, sondern Glieder eines Ganzen, das nur gedeihen kann, wenn die einzelnen Teile harmonieren. Und da will ich nur wenige Worte über Ihr Verhältnis zur Organisation sagen. Fassen Sie diese nicht falsch auf und halten Sie sie nicht bloß für ein notwendiges Uebel, sondern sind Sie sich dessen bewußt, daß gerade das schwerste Stück Arbeit des Zionismus auf organisatorischem Gebiete geleistet werden muß. Nicht nur deshalb, weil wir über die ganze Erde zerstreut sind, weil wir ferner eine freiwillige Organisation sind, die über keine Zwangsmittel verfügt und die jedermann leicht Zugang ge-, währen muß, was eine Homogenität der Teile sehr erschwert, sondern vor allem deshalb, weil wir Juden, wahrscheinlich durch historische Verhältnisse, so außerordentlich geringe organisatorische Fähigkeiten haben. Wir sind' — das ist ja bekannt — zu individualisiert, wir haben keinen Respekt vor einander, wir kritisieren im Uebermaß — lauter Erbteile des Ghetto. So können wir eher Organisationen zerstören als aufbauen. Deshalb richte ich einen dringenden Appell an Sie, gerade in dieser Richtung an sich zu arbeiten. Demokratie heißt Selbstbestimmung, sie erfordert aber auch die nötige Selbstzucht und Reife. Wenn Sie überall auf Grund gleichen Rechtes mitstimmen und mitsprechen können, dann haben Sie auch die Pflicht, eine selbstgewählte Leitung zu respektieren, ihr zu gehorchen und eiserne Disziplin zu halten. Wenn Sie dies nicht tun, so fühlen Sie nicht, daß Sie damit ein Gebot der Selbstachtung verletzen und nicht nur die Organisation untergraben, sondern auch wertvollen Parteigenossen die Mitarbeit verleiden. Dieses Wenige nur über Ihr Verhältnis zur Organisation. Auch dieses würde ein ideales werden müssen, wenn jeder Einzelne durch seine innere Umwandlung durch den Zionismus nur von der Liebe zur Sache angetrieben würde, die hoch hinaushebt über die Enge persönlicher Ambitionen und Reibereien, sowie kleinlicher Kritik. So komme ich am Schlüsse wieder zum Ausgangspunkt zurück. Nur in Ihnen selbst liegt es, den Zionismus groß und stark werden zu lassen, bleiben Sie dessen eingedenk! Denn alle äußeren Aktionen und Erfolge, so wichtig Sie Ihnen in Ihrem jugendlichen Tatendrang erscheinen mögen, sind doch von sekundärer Wichtigkeit. Die Kraft eines Volkes liegt in dem Wert der Individuen, die es bilden, der bestimmt wird von der sittlichen Energie, welche diese besitzen. Die größten und reichsten Kulturen sind zugrunde gegangen, weil ihre Träger innerlich haltlos wurden und die kleinsten Volkssplitter haben sich unter unsäglichem Druck erhalten, wenn sie, wie die Juden, sittliche Widerstandskraft gehabt haben. Der Zionismus ist die ideelle Macht, welche den Zerfall ■ des Judentums aufhalten soll. Selbst wenn die Erfolge in Palästina nur langsam zu erzielen sein würden, so wäre die Zukunft des Judentums doch nicht insolange in Frage gestellt, als eine Gruppe von Juden noch am Zionismus festhält. Lassen Sie daher keinerlei Pessimismus aufkommen, sondern wollen Sie und glauben Sie an sich selbst, dann braucht Ihnen um die Zukunft nicht bange zu sein! Drängen Sie nicht allzu sehr nach äußeren Erfolgen. Vergessen Sie nicht, daß eine Umwälzung der Gei- , ster eine Sache ist, die nicht von heute auf morgen! bewirkt werden kann. Bedenken Sie auch, daß sie j nur dadurch überhaupt möglich ist, daß — wie in ' der englischen Revolution die Puritaner, in der französischen die Jacobiner, in der türkischen die Jungtürken — eine kleine Gruppe in der Sache radikaler, energischer und zielbewußter Männer das treibende und führende Element bleibt, dem sich früher oder später mangels einer genügenden Widerstandskraft der große Haufe anschließen muß. Bleiben Sie puritanische Zionisten! Paktieren Sie nicht mit dem Ghetto in den Herzen und mit dem Golus unter den Füßen! Und noch eines: Sind Sie jung! Lassen Sie nicht zu sehr die Reflexion überwiegen, sondern lassen Sie sich von Ihrem Idealismus führen! Für das Judentum ist eine große, eine heroische Zeit angebrochen; preisen Sie sich glücklich, daß Sie in diese hineingeboren wurden! Streben Sie darnach, ihr gerecht zu werden, und inmitten einer materialistischen, ideallosen Unweit werden Sie den alten Spruch Huttens nachempfinden können: „Die Geister sind wach und es ist eine Lust zu leben.“ Mit Bezug auf das in der letzten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ erschienene Gedicht „Der neue Heiland der Bukowina“, erklärt das Preßkomitee der „Jüdischen Zeitung“, daß dieses Gedicht ihm vor der Drucklegung nicht vorgelegt wurde. Das meritorische der Angelegenheit wird den Gegenstand eines besonderen Artikels bilden. Das Preßkomitee. W ochenrundschau. Privilegierte M'e'schumodim. Auf unsere wiederholte höfliche Anfrage an den Kultuspräsidenten, warum die Apostasien der Herren k. k. Ministerialrat Sigmund Sonnenschein, k. k. Universitätsdozent Dr. Emil Glaß und k. u. k. Regimentsarzt Dr. Eugen Stiaßny nicht gleich den anderen in die Austritismatrikel der Israelitischen Kultusgemeinde Wien verbucht und im „Bloch“, dem offiziellen Organ der Gemeinde, verlautbart wurden, schweigt Dr. Stern und sein Freund Bloch verkriecht sich in seinem „Briefkasten“, von woher er erklärt, uns einer Antwort nicht würdig zu finden. Aber süßer Bloch, geben Sie die dringend nötige Aufklärung nicht uns, sondern Ihren eigenen Lesern, die sonst schließlich doch einsehen könnten, was von der Entrüstung unserer Offiziellen über die Taufseuche zu halten ist. He, heraus aus dem Briefkasten! * „Isidor Schmöckeles“ und „Schmöckel Hochmensch“ tituliert die „Arbeiter-Zeitung“ vom 15. Dezember den Kollegen vom „Fremdenblatt“, der es gewagt hatte, den deutschen Reichskanzler gegen die Angriffe der sozialdemokratischen Reichsratsabgeordneten in Schutz zu nehmen. In derselben Nummer berichtet die „Arbeiterzeitung“ aus dem Gemeinderat, den anderen Liberalen sei vor der Rede ihres Parteigenossen Stein „mies“ geworden. Schließlich druckt die „Arbeiter-Zeitung“ unter der irreführenden Ueberschrift: „Eine ritterliche Forderung. Was sagt die mosaisch-rabbinische Kultur dazu?“ nachfolgenden Brief ab, mit dem Dr. Stransky, der jungtschechische Abgeordnete und Advokat des gewesenen Bürgermeisters von Unter- Themenau, eine Herausforderung des dortigen Malzfabrikanten Alexander Rosenbaum ablehnt. Dieser Brief wäre sehr witzig zu nennen, hätte ihn nicht ein Meschumed geschrieben. In Beantwortung Ihrer geschätzten Zuschrift vom 7. d. erlaube ich mir vor allem höflichst zu ersuchen, Euer Hochwohlgeboren möchten mir gefäl igst des näheren bezeichnen, was Ihr Herr Mandant unter einer ritterlichen Genugtuung versteht. Eine solche Aufklärung ist in diesem Falle um so notwendiger, als ich — ich gestehe es, sei es mit Bedauern, sei es mit Stolz — aus keiner ritterlichen Familie entstamme, sondern kleinbürgerlichen Kreisen angehöre und mir auch bekannt ist, daß Ihr Herr Mandant kein Ritter ist. Es könnte daher über die Bedeutung der geforderten ritterlichen Genugtuung ein Al i ß v e r s t ä n d n i s um so eher entstehen, wenn Sie erwägen, daß von dein Gesichtspunkte der mosa isch-rabbinischen Kultur, in welcher Ihr Herr Mandant erzogen ist, keine sogenannte ritterliche Genugtuung existiert und sich auch in einem so demokratischen Volke, wie es das jüdische Volk war, nicht entwickeln konnte, deswegen anderseits vom Gesichtspunkte der arisch-deutschnationalen antisemitischen Kultur, zu der Euer Hochwohigeboren sich bekennen, die Angehörigen der Religion Ihres Mandanten aus dem Bereiche der ritterlichen Genugtuung ausgeschlossen sind. Dieser Unterschied und Widerspruch zwischen den beiden Gesichtspunkten muß um so mehr aufgeklärt werden, als das mosaisch-rabbinische Recht, welches die Institution der ritterlichen Genugtuung nicht kennt, auch keine Frist für die Forderung vorgesehen hat, wogegen Ihr arisch-germanischer Kodex eine Frist von 24 Stunden vorschreibt, welche vorliegendenfalls nicht eingehalten wurde. Endlich ist mir auch bekannt, daß nach Ihren Anschauungen derjenige ritterliche Genugtuung nicht erlangen kann, von dem es erwiesen ist, daß er in einem anderem Falle diesem Wege ausgewichen ist. Ihrem Mandanten ist durch meinen Klienten, den gewesenen Bürgermeister Havlicek, öffentlich das Wort „Lüge“ zugerufen worden und Herr Rosenbaum hat keine ritterliche Genugtuung verlangt, sondern die Klage beim Bezirksgericht überreicht. Da ich jedoch Ihren Mandanten bezüglich seiner eventuellen Ablehnung der betreffenden Theorie seiner Väter und der eventuellen Option für die arisch-germanischen Grundsätze, welche ritterliche Genugtuung in einem Waffengang erblicken, nicht behindern will, so gebe ich schon jetzt mein Wort, daß ich keine Strafanzeige wegen Herausforderung zum Duell gegen Herrn Rosenbaum erstatten werde. Austerlitz, der „deutsche“ Sozialdemokrat macht sich nebstbei über Rosenbaum, welcher in Unter-Themenau den „deutschen“ Umsturz herbeigeführt habe, lustig. Warum? Ist das Deutschtum der Adler, Ellenbogen, Austerlitz waschechter? Im allgemeinen sind diese antisemitischen Leistungen einer einzigen Nummer der „Arbeiterzeitung“ zwei Monate nach der Wahl Schuhmeiers durch die Leopoldstädter Juden ganz respektabel! Direktoriumssitzung des Jüdischen Nationalfonds. Im Anschluß an die Sitzungen des Aktions- Komitees in Berlin wurden am 24. und 25. November d. J. zwei Sitzungen des N. F.-Direktoriums abgehalten. An denselben nahmen folgende Herren teil: Dr. M. J. Bodenheimer, Dr. A. Hantke, Prof. Dr. O. Warburg, Dr. E. W. Tschlenow, Ing. L. Keßler, Sekretär H. Neumann, London, S. Hoofien, Direktor der Kölner Bureaus, N. Groß, Sekretär des Hauptbureaus, A. Awiadiowitz, Sekretär des Palästinabureaus. Bei einigen Punkten der Tagesordnung waren als Gäste anwesend: Herr David Jellin, Jerusalem, und Herr A. Horodischz, Bialystok. Der Vorsitzende, Herr Dr. Bodenheimer, erstattete einen Bericht über die propagandistische und organisatorische Tätigkeit des Hauptbureaus in der letzten Zeit. Sammelmittel An Flugschriften sind vom Hauptbureau im letzten Halbjahr herausgegeben worden: das Büchsenflugblatt in 40.000 Exemplaren in vier Sprachen; eine Reihe von Landessammelstellen haben es auf Veranlassung des Hauptbureaus außerdem in ihre Landessprache übersetzt. Diese Flugschrift hat überall großen Anklang gefunden und ist zur Informierung der Büchseninhaber außerordentlich geeignet. Ferner ist ein Frauenflughlatt in je 10.000 Exemplaren in deutscher und englischer Sprache und ein Oelbaumflugblatt in 50.000 Exemplaren, ebenfalls englisch und deutsch, erschienen. Seine größte Aufmerksamkeit widmete das Hauptbureau der Organisierung der Büchsen als dem zukunftsreichsten Sammelmittel des N. F. Zur Erleichterung der Kontrolle und Evidenzhaltung stellten wir besondere Büchsenempfangs- und Leerungsscheine her, die im Zusammenhang mit den Buchsenflugblättern geeignet sind, die Manipulation sehr zu erleichtern und die Büchsenerträge zu steigern. Eine kleine Besserung ist bereits erzielt worden, indem laut unserer Kartothek vom t.April bis 1. Oktober d. J. zirka 19 Prozent aller Büchsen (mit Ausnahme von Rußland) geleert wurden. Der Erfolg entspricht allerdings nicht den aufgewendeten Bemühungen. Wir werden jedoch fortgesetzt auf die Ordnung der Büchsensendung drängen, da dieselbe das wichtigste Mittel bildet, um die Eingänge des Nationalfonds dauernd auf eine Höhe zu bringen, die seinen großen Aufgaben entspricht. Der Vorsitzende besprach sodann das Ergebnis der übrigen Sammelmittel, wie der Marken, des Goldenen Buches, der Sammelbüchlein, der Landspende usw. und gab der Meinung Ausdruck, daß die Eingänge des Jahres 1910 zumindest die Höhe des vergangenen Jahres erreichen werden. Die Eingänge für den Genossenschaftsfonds können ferner ohne weiters auf Rechnung des Nationalfonds gesetzt werden, da dieselben fast ausschließlich der Tätigkeit des Hauptbureaus und der Ver-

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