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Jüdische Zeitung · 1910-12-23 · 51 (23.12.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
51 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite o JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 51 Bedeutung des Judentums und Oppenheimers Ueberzeugung von der möglichen Wiederbelebung des Landes, daß jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum sitze wie ehedem, unter1 Gesetzen, die im neuen Gewände doch die alten Mosis’ sind und die Juden an die Spitze des modernen sozialen Fortschrittes stellen werden. Wir hören die Botschaft, wir glauben an sie und wir schreiten von Tat zu Tat. Dort, wo die Makkabäer fochten, dehnt sich heute unser Herzlwald, Altneuland belebt sich immer mehr und der stockende Strom unserer Geschichte fängt wieder an zu rauschen und zu fließen. Nicht mehr als bloße Erinnerung, nein, als Verheißung einer schönen Zukunft, an der wir alle arbeiten, feiern wir diesmal das Andenken Matatjas und seiner Heldensöhne! , b. Die Aufgaben der Studentenschaft. Referat, erstattet am Wiener Distriktstag vom 8. Dezember 1910 von Adolf Böhm, Wien. Wenn ich als Funktionär der Partei von den Aufgaben der Studentenschaft spreche, so werden Sie erwarten, daß ich vor allem über die Pflichten derselben der Organisation gegenüber etwas sagen will. Ich habe nicht diese Absicht. Denn ich glaube, daß die Studentenschaft von heute schon viel zu viel im Parteileben und in nach außen gerichteten Aktionen aufgeht und zu wenig an ihrer inneren Erziehung arbeitet Ueber diese will ich ein paar Worte sagen. Will man zionistische Aufgaben und Probleme erkennen, so ist Voraussetzung dafür, daß man eine völlig klare Auffassung sowohl des Zionismus selbst, als der Mittel und Wege besitzt, welche zu seiner Verwirklichung führen. Denn Parteigetriebe, fest umschriebene Programme sowie Einzelaktionen, die man führt, lenken den Sinn sehr häufig von den Grundanschauungen ab, verhindern manchmal eine richtige Distanzierung, lassen Teile über das Ganze hinauswachsen, verschieben die Wertungen. Deshalb ist einer Partei nichts so notwendig, als die ständige Führung einer prinzipiellen Parteidiskussion, durch welche an Stelle eines mechanischen Fortwurstelns die stets bewußte Setzung von Zwecken tritt. Ich kann über die Aufgaben der Studentenschaft nicht sprechen, ohne mir klar zu machen, was ich als Aufgabe des Zionismus überhaupt ansehe, um danach die Rolle zu bestimmen, welche der zionistischen Jugend dabei zugewiesen ist. Ich sehe natürlich als Aufgabe des Zionismus die Erhaltung und Erneuerung des Judentums an. Daraus ergibt sich alles andere. Zunächst die Notwendigkeit der Heimstätte in Palästina, da im Golus weder das eine noch das andere möglich ist. Die Erhaltung nicht, weil die dissoziierenden Tendenzen .ungemein stark sind und die Abwehr derselben durch Schaffung neuer jüdischer Werte, welche die verloren gegangene Anziehungskraft der Religion ersetzen könnte, im Golus unmöglich ist, die Erneuerung nicht, weil ohne diese neuen Werte das Judentum rettungslos, zumindest der kulturellen Assimilation verfällt Gegen diese Entwicklung sich zu stemmen, erfordert ein ungewöhnliches Maß von Kraft. Es ist aber nötig, daß ein Teil des Judentums diese Kraft aufbringe. Solange die Heimstätte nicht aufgebaut ist, insolange wird diese Gruppe in der einen Hand die Kelle, in der andern das:Schwert halten müssen. Oder andersausgedrückt Diese Gruppe wird solange die Position desjudentums im Golus halten und verteidigen müssen gegen eine Welt von feindlichen Tendenzen von größter Macht, bis ihr die Rettung von :anderer Seite winkt. Schon daraus geht hervor, daß der Zionismus und vor allem die zionistische Jugend, diese Trägerin unserer Zukunft, unbedingt, d. h. radikal sein muß. Wenn Sie nicht imstande sind, allen das Judentum in jeder Weise verderbenden Einflüssen des Golus ein festes und unbeugsames Nein entgegenzusetzen, wenn Sie, die Sie ja doch im Golus und mit dem Golus leben müssen, nicht fähig wären, den täglich und stündlich auf Sie einstürmenden Einwirkungen eines nichtjüdischen Kulturmilieus einerseits, und einer psychisch degenerierenden Judenheit andrerseils die Macht eines hohen Ideals rein auf sich wirken zu lassen, das Ihr ganzes Sein umwandelt, dann blieben Sie für den Zionismus ohne Wert, auch wenn Sie noch so gute Agitatoren wären. Denn es gilt, Energie gegen Energie zu setzen. Einer so Ungeheuern Gewalt, wie sie die ,im Sinne einer Auflösung des Judentums wirkenden Tendenzen des Goluslebens darstellen, muß eine ebenso gewaltige Kraft entgegensetzt werden, sonst ist der Kampf völlig aussichtslos. Jenen Faktoren, die als effektive wirken, kann, da wir die Lage der Judenheit im Golus nur wenig ändern können, während der Uebergangszeit, bis die Heimstätte in Palästina aufgerichtet ist, nur eine geistige Macht wirksam begegnen. Mit irgend einer Aussicht auf Erfolg aber nur dann, wenn sie >vie ein rocher de bronze aufgerichtet wird, an dem alle Versuchungen des Golus zerschellen müssen. Daher keine Verweichlichungen und keine Verwässerungen. Wenn der rocher de bronze zu einem Felsen aus Butter werden würde, wird beim Zusammenstoß nichts an ihm zerschellen, wohl aber er in nichts zerfließen. Halten Sie sich das klar vor Augen! Glauben Sie nicht, daß momentane praktische Erfolge eines Nachlassens von der reinen Idee wert sind. Dem gegenüber möchte ich ein Wort des neuen Testamentes variieren, daß da lautet: „Was nützte es, wenn ich die ganze Welt gewönne, und ich nähme Schaden an meiner Seele“; was nützte es uns, wenn wir die ganze Judenheit gewönnen um den Preis, das wir den Geist des Zionismus opferten! Der große praktische Erfolg wäre dann gleichbedeutend mit dem Ende des Zionismus. Nicht wir müssen den Zionismus den andern mundgerecht machen, ihn den andern angleichen, nein, der Zionismus muß als unbeugsame, ideelle Macht aufgerichtet werden, der als solche die andern revolutioniert, ob sie es merken und zugeben wollen oder nicht. Nur der eiserne Wille kann Berge versetzen, unmögliches möglich machen, mit halbem Wollen kann man eine unendlich schwierige Sache nicht durchführen. Der Zionismus ist vor allem ein Willensphänomen. Und deshalb sage ich Ihnen: Stählen Sie Ihren Willen! Denken Sie an die Worte Zarathustras, der den großen Willen predigt: „Seligkeit muß es Euch dünken, Eure Hand auf Jahrtausende zu drücken, wie auf Wachs“. Was der Zionismus anstrebt, ist eine solche Kulturaufgabe, die )ahrhunderten ihren Stempel aufdrücken soll. Damit habe ich schon ausgedrückt, daß der Zionismus zuerst eine Forderung an uns selbst ist, dann erst eine solche an die andern. Das wird über der ewigen Agitationsarbeit, die ja gewiß nötig ist, immer wieder vergessen. Deshalb muß daran von Zeit zu Zeit erinnert werden. Le Sionisme oblige! Der Zionismus verpflichtet, das sei unsere erste Erkenntnis. Das neue Judentum, das wir verlangen, müssen wir zuerst in uns selbst aufrichten, bevor wir andere dazu bekehren wollen. Wären alle Zionisten schon heue Juden, dann wären wir dem Ziele unendlich näher. Denn erstens hätten wir dann ein Stück Ideal verwirklicht, und in uns verkörpert, zweitens würden wir die andern nicht bloß überreden, sondern überzeugen können. Denn hundert Reden : wirken ■■■ nicht so überzeugend, als eine Tatsache, eine Erfahrung, die wir selbst schon unzähligemale gemacht haben; so bei der praktischen Palästinaarbeit, sj aber auch schon hierim Golus, z. B. anläßlich der schnellen Zerstörung des uralten Märchens von der jüdischen Feigheit, durch die schlagenden Studenten' im Anfang der Bewegung. Und dies: daß wir durch unser Sein wirken müssen, nicht durch unser Reden, gilt nicht nur für die Aufgaben der Zionisten gegenüber den andern Juden, sondern für alle Juden gegenüber den Nichtjuden. Wenn diese in theoretischen Werken, wie im Alltagsleben den Juden diese oder jene Eigenschaften andichten, respektive absprechen, so müssen wir durch unser An d e r s s e i n, nicht aber durch Vereine zur Abwehr des Antisemitismus diese Tendenzlügen widerlegen. Das ist gar keine zionistische, sondern eine allgemein jüdische Forderung. Natürlich muß sie vor allem an die Zionisten, als jene Juden, welchen allein das Schicksal des Judentums am Herzen liegt, gestellt werden und unter ihnen zuerst an die Jugend. Denn diese ist noch bildungsfähig und kann durch Ideale in ihrer seelischen Entwicklung beeinflußt werden. Uebermenschliches kann man von ihr nicht fordern. Bei allen Völkern werden nur Wenige den höchsten Anforderungen entsprechen. Was aber von Jedem verlangt werden kann, das ist ein ernstes Streben in dieser Richtung. Zu der Bildung von Charakter und Willen tritt jene des Geistes. Auch hier könnte man unterscheiden zwischen Forderungen, die allgemein jüdisch sind und den speziell zionistischen. Man könnte sagen, daß bei den immer ungünstiger werdenden Konkurrenzverhältnissen für Juden, der Angehörige unseres Volkes nicht genug Wissen und Bildung haben könne. Von Zionisten aber, muß jedesfalls verlangt werden, daß sie sich ein hohes Maß von Bildung aneignen, weil sie sonst nicht in der Lage sind, die Probleme und Aufgaoen einer jüdischen Volkspolitik zu verstehen und wirklich die Führer des Volkes zu werden. Die jüdischen Probleme sind zudem bedeutend komplizierter, als jene irgend eines anderen Volkes. Nehmen Sie zum Beispiel die Frage des Nationalismus bei konsolidierten Völkern, wie Deutschen oder Tschechen, und sehen Sie, wie unendlich verwickelter sie bei uns Juden ist. Das gleiche gilt von allen anderen Fragen des Volkslebens. Die Bildungselemente, die Sie zum Verständis dieser Fragen in sich aufnehmen müssen, sind zuerst allgemeiner Natur. Sie müssen die soziale, nationale, kulturelle etc. Fragen erst in der Weise studieren, wie sie in der modernen Wissenschaft üblich ist und sich dann der speziellen jüdischen Form dieser Fragen zuwenden. Sie haben aber noch mehr zu tun. Sie müssen mit Ihrem ganzen Innenleben dem zionistischen Ideal zustreben. Dies ist gegenüber den im Golus und namentlich hier im Westen wirkenden entjudenden Tendenzen furchtbar schwer. Es gibt eigentlich, wenn wir von der Religion absehen, welche bei der Jugend von heute eine geringe Rolle spielt, nur zwei positive Mächte, die tatsächlich eine Wirkung im Sinne einer Judaisierung Ihres Fühlens ausüben können: Palästinaliebe und hebräis che Sprache. Die Palästinaliebe muß immer mehr in den Mittelpunkt Ihres Empfindens gerückt werden. Wie der Moslem beim Gebet das Antlitz nach Mekka kehrt, so soll, figürlich gesprochen, Ihre Seele immer mehr nach Palästina orientiert sein. Sie müssen die Kraft aufbringen, all die Dinge hier nicht so wichtig zu nehmen, wenn sie auch Ihr die allen Nationen gemeinsam ist — ist sowohl in Spanien als auch in Deutschland. Dieses Europa ist mit jeder nationalen Kultur verwoben und natürlich verarbeiteL Bei uns Juden aber — nicht! Entweder gar keine moderne Weltkultur oder ausschließlich! Und beide Schichten unseres Volkes sind mir ver- < leidet, denn bei den einfachen, bigotten Juden kann ich es nicht aushalten — aus denselben Gründen, aus welchen ein moderner Großstadtintelligenzler auf die Dauer in einem Gebirgsdorf in Bauerngesellschaft nicht leben könnte — und die „kosmopolitischen“ Juden stoßen mich durch ihre Seelenverfassung ab, denn sie hängen zwischen Himmel und Erde und haben keinen festen Grund unter den Füßen.“ „Weißt du“, fuhr er fort, „vor einer Woche stand ich in unserer Heimatstadt am Freitagabends vor dem Fenster eines jüdischen Hauses. Ich beobachtete, wie die Leute den Sabbat empfingen, ich war Zeuge eines rührenden und wunderschönen Familienbildes. Mein Elternhaus lebte vor mir auf und ich empfand tiefe Sehnsucht nach der Schönheit des jüdischen Lebens. Doch — als ich tags darauf in die Klaus kam und mit den Juden sprach — da tat sich die große seelische Kluft zwischen ihnen und mir auf und ich hatte ein ähnliches Gefühl, als ob ich mich als einziger Jude in Gesellschaft von Nichtjuden befunden hätte.“ Mir brannte schon lange eine Frage auf der | Zunge. Schließlich stellte ich sie. „Bist du Zionist?“ fragte ich meinen Jugendgenossen. „Ich kenne die Bewegung zu wenig“, war seine Antwort, „aber ich glaube, daß ich einer werden könnte, trotzdem meine Judenfrage ganz anders aussieht als das, was man gemeiniglich darunter versteht. Ich will keine Vergangenheit, ich will kein Vaterland. Aber das möchte ich — was man ausleben nennt, das Gefühl des Eingegliedertseins und die Hoffnung, daß mein Leben nicht fruchtlos verrinne. Ich fürchte, der letzte meines Stammes zu bleiben.“ „Der letzte deines Stammes?“ entfuhr es verwundert meinem Munde. „So nenne ich’s“, lautete die Gegenrede. „Denn nach mir kann nichts mehr kommen. Ein Entwurzelter kann nicht schaffen, kann keine Zukunft bereiten . . . Und das ist das Entsetzliche im Zustande von mir und meinesgleichen: ausgeschlossen aus der Reihe der Geschlechter, hinausgeschleudert aus dem Strome der Zeit. Hinter mir ein Geschlecht, das mir fremd ist — vor mir — nichts.“ „Du hast den ersten Grad des Schaffens erreicht“, sagte ich, zu ihm gewendet. „Du bist unzufrieden. In dir ist das Chaos. Und aus dem Chaos wurde die Welt geschaffen . . .“ „Doch sonderbar, wie ernst unser Gespräch wurde“, unterbrach ich mich selbst, „wir begannen von Chanukah und nun behandeln wir bereits die Gesetze des Schaffens. Kehren wir zu Chanukah zurück! Ist es kein schönes Fest? Die Erinnerung an die Vergangenheit, daran, daß aus unserem Stamm starke, nackensteife Männer der Tat entstanden sind und nicht gezweifelt, sondern gekämpft haben — ist diese Erinnerung nicht-schön?“ „Wie aber sieht deine Chanukah heute aus? Wo sind die Helden, wo die tatkräftigen, nackensteifen Männer?“ „Es regt sich ein neues Geschlecht. Auch wir sind mit dem Chanukahfest hier im Golus nicht zufrieden. Wir sehnen uns nach einer neuen Chanukah und freuen uns, am Webstuhl derZeit zu stehen und diese neue Chanukah unseres Volkes mitzuschaffen. Diese aber wird ein Fest sein, an dem auch Leute wie du ihre Freude haben werden!“ Mein Eifer schien ihn zu entflammen. „Ich will’s versuchen“, sagte er still, „an dieser Zukunft mitzubauen.“ Und schweigend schritten wir durch die Gäßchen der Vorstadt, die uns ins Freie führten.

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