Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 51 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kein Volk der Erde hat eine so lebendige historische Tradition, wie das jüdische. Geschichtliche Ereignisse, die tausende von Jahren zurückliegen, feiert es noch heute mit einer so gegenwärtigen Erinnerung, als ob sie gestern erst geschehen wären. Und alle diese Feste sind fast ausnahmslos an solche Begebnisse geknüpft, dje ausschlaggebend waren für den Bestand der Nation. Darin zeigt sich ein so gewaltiger Wille zum Leben, daß uns trotz der Auflösungstendenzen, die in der Judenheit von heute so stark wirksam sind, der Gedanke, unser Volk könnte verschwinden, ganz absurd erscheint; In jedem Moment der Geschichte, in dem seine Existenz bedroht war, schuf sich unsere Nation eine starke Bürgschaft seines Fortlebens, und wenn es keine materielle reelle Macht mehr sein konnte, so wurde es zu einer geistigen. Aehnlich, wie viele Pflanzen Notwurzeln entwickeln, wenn ihnen die natürlichen verloren gingen, mit denen sie sich wieder befestigen und Nahrung suchen, so hat auch unser Volk in jeder Not und Gefahr sich doch immer wieder eine Grundlage für seine Fortexistenz geschaffen. So ist es auch heute, wo den Auflösungstendenzen zum Trotz der Zionismus immer stolzer sein Haupt erhebt, als jene Form, in welcher in der Gegenwart einzig und allein das Judentum wieder die Bürgschaft für seinen Weiterbestand finden kann. Erkennt man dies, so wird man leicht begreifen, warum in keinem Teile der Judenschaft die Feste, welche an eine überwundene Bedrohung der Existenz des Volkes erinnern, mit froherem und stolzerem Gefühl gefeiert werden, als bei Zionisten. Denn dieselbe Kraft, die bei all solchen geschichtlichen Vorfällen das Judentum gerettet hat, lebt in den zionistischen Nachkommen der alten Helden und Geistesriesen. Wir grüßen sie nicht nur als Blut von unserem Blute, als Geist von unserem Geiste, sondern auch als Wirkende unserer Taten, als unsere Vorläufer, als unsere Beispiele. Und unter all diesen Ahnherrn des Zionismus ragten am höchsten die Makkabäer hervor, deren Heldentaten wir in diesen Tagen feiern. Man erinnere sich nur, welch wunderbare Errettung des Judentums sich an ihre Namen knüpft. IsraeLwar nicht mehr. In dem kleinen Judäa, das nicht größer ist, als etwa Istrien, saß der Rest unseres Volkes, ein kleines Häuflein Menschen, und selbst dieses geschwächt, im innersten Mark bedroht durch die steigende Gräzisierung von Priester- und Bürgertum. Gymnasien und Bäder waren schon nahe dem Tempel von Jerusalem errichtet und nur die Bauernschaft hielt am Vaterglauben und der alten Sitte fest. Und da beschließt der König des mächtigen Syrien den völligen Untergang des Judentums, verbietet die jüdische Kultur, zerstört den Tempel zum Teil und an der Stelle, wo sich der allheilige Altar erhob, wurde ein neuer dem olympischen Zeus geweiht. Da erhebt sich das kleine Völkchen gegen die erdrückende Uebermacht, David gegen Goliath — und das Wunder geschieht! Nicht nur der Anschlag auf das Judentum wird vereitelt, sondern das alte Königtum wird erneuert, die völlige Selbständigkeit erobert und in der Folge dehnt sich das Reich fast bis zu den früheren Grenzen- Es ist selbt dem agnostischen Beobachter der jüdischen Geschichte schwer, zu glauben, daß nicht wirklich immer wieder Wunder geschehen sind, um unser Volk zu erhalten. Immer wieder ist das Undenkbare möglich geworden, immer wieder hat sich Juda gegen eine tötliche Uebermacht behauptet. Und wenn das keine Wunder bewirkten, so war es übermenschliche Kraft, welche unsere Vorväter beseelt haben muß, deren Erben wir selbst sind. Wer kann da glauben, daß wir mit den sicherlich großen Schwierigkeiten, die unserem Ziel sich entgegenstellen, .nicht fertig werden könnten! Wenn wir uns nur unseren großen Ahnherren würdig erweisen werden, muß es gelingen. Unsere Zeit hat wieder einen Propheten in Israel gesehen, Theodor Herzl, und mit ihm und nach ihm erscheinen immer neue Führer und neue Tatgedanken. Jeder Tag bringt uns neues Leben, führt der Renaissance' unseres Volkes neue Kräfte zu. Ueberdenken wir nur die letzten Tagesereignisse! Fast in einer Woche hörten wirZollschans zwingenden Beweis von dem hohen Wert der jüdischen Rasse, offenbarte sich uns Bubers tiefsinniges Erfassen der geistigen Ein Gespräch. Von Moses Waldmann. Es war gerade vor drei Jahren. Da stapften wir durch die Straßen Wiens. Wir hatten uns lange nicht gesehen und stöberten darum in alten Erinnerungen und erzählten uns unsere Lebensschicksale. Beide hatten wir uns nicht nur von unserer Jugend, sondern auch von dem Judentum unserer Kindheit entfernt. Im Verlaufe der Unterhaltung nannte mein Jugendgenosse einen Namen: Moische der Rote. Das war unser Melamed. Und nun ging es los. Die Chederzeit, der Rebbe, seine Tochter, die Kameraden, der Belfer, die kleinen winkeligen Gassen, der Weg in den Cheder und nach Hause, die kleinen Laternchen, die unseren Weg am Abend beleuchteten, all das stand wieder vor uns und wir schwelgten in der Erinnerung an unsere Kindheit. „Und erinnerst du dich noch an Chanukah?“ fragte mein Freund. „Entsinnst du dich an unsere Spiele, an das Chanukahgeld, das wir bekamen, an die Lichter, die angezündet wurden, an die Klaus, ans Beth-Hamidrasch?“ Wir schritten in Gedanken dahin, bis mein Freund das Schweigen unterbrach: „Weißt du“, sagte er, „ich glaube, in einigen Tagen ist Chanukah; ich hätte mich nie daran erinnert, wären wir nicht zusammengekommen und hätten wir nicht über unsere Kindheit gesprochen.“ Und so waren wir bei einem Thema angelangt, das unerschöpflich ist: wir sprachen von dem Elend und der Verlassenheit der Versprengten unseres Volkes. Und da Erfahrungen nicht nur erlebt, j sondern auch erlitten werden, so war das, was mein i Freund erzählte, eine Kette von traurigen und sehnsuchtsdurchzitterten Erlebnissen. Im Alter von zehn Jahren kam er in eine große Stadt, wo er acht Jahre, bis zur Absolvierung des Gymnasiums, verblieb. Langsam verblaßte in der Umgebung fremder Leute die Erinnerung an die Jugend. Dann bezog er die Hochschule. Die Universitätsstadt war noch größer, die Umgebung fremder. Die Einflüsse der Außenwelt, die Eindrücke, die er empfangen, die Kultur, in welche er sich einzuleben Mühe gab, all das formte ihn um. Und als er seinen akademischen Grad erreicht, da zog er noch .weiter. Das einzige, was ihn an seine Jugend erinnerte, war der jüdische Vorname. Das dauerte so lange, bis er ihn änderte. Die Eltern waren mittlerweile gestorben. Das letzte lebende Band, das ihn an das kleine galizische Städtchen knüpfte, war gerissen. Was übrig blieb, waren tote Erinnerungen: die verschollene Jugend und der Friedhof, der die Ueberreste seiner Nächsten barg. Nun stand er ganz allein. Ein Fremder zu Hause, ein Fremder in der neuen Umgebung. Dazu kam, daß er unverheiratet geblieben war. Eine ganz alltägliche Geschichte. Wie sie jeder erzählen könnte, der entwurzelt wurde und keinen neuen Nährboden fand. ln dieser Verfassung zog es dann meinen , Freund in die Heimat. Er wollte in die Mitte derer j zurückkehren, die seiner Jugend Genossen waren. | Und da erlebte er die größte Enttäuschung. Nicht, daß er unfreundlich aufgenommen worden wäre! Man wußte sich an ihn ~u erinnern. Man kam ihm liebreich entgegen. Aber er selbst war anders geworden. Trotz des besten Willens, trotz der Sehnsucht, sich wieder einzugliedern: auf Schritt und Tritt mußte er erkennen, daß er ganz anders geworden war. Zu wenig Jude, um unter Juden leben zu können; zu viel Jude, um es in der fremden Welt auszuhalten. Das alles erzählte er in einfachen, stockenden Worten. Die Geschichte eines Entwurzelten, aber eines, der ehrlich war, der auf die Stimmen seines Innern hörte, der keine Kompromisse, weder mit der Fremde, noch mit der fremdgewordenen Heimat schließen mochte. Kein selbstherrlicher Individualist, dem es unter allen Verhältnissen so ergangen wäre! Nichts mehr als ein Jude, den das jüdische Leben zu Boden gestreckt und besiegt hatte. „Wäre es dir nicht ebenso ergangen“, wendete ich ein, „wenn du als Deutscher deiner Heimat entfremdet und sagen wir nach Spanien gezogen und dort viele Jahre geblieben wärest?“ „Nein“, entgegnete er fast heftig. „Europa — und ich verstehe darunter die europäische Kultur,