Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Nr. 50 Aus dem Parlamente. Galizische Behörden an der Arbeit. Abgeordneter Stand hat im Namen des jüdischen Klubs im Abgeordnetenhaus an den Minister des Innern wegen Beeinflussung der Bevölkerung bei der Volkszählung folgende Interpellation eingebracht: „Die politischen Behörden in Galizien widmen seit einiger Zeit ihre Aufmerksamkeit der Volkszählung, die Ende dieses Jahres stattfinden wird. Da die Juden Galiziens entschlossen sind, als ihre Umgangssprache die jüdische Sprache auzugeben, haben die Behörden begonnen, die Juden zu chikanieren, damit sie bei der Volkszählung falsche Angaben bezüglich ihrer Umgangssprache machen sollen. So hat der k. k. Steuerinspektor Sigmund Andrischewski inKossow die angesehensten Bürger der Stadt zu sich eingeladen und hat ihnen den Auftrag gegeben, daß sie und ihre jüdischen Mitbürger die polnische Sprache als ihre Umgangssprache angeben sollen. Angesichts der Umstandes, daß ein k. k. Staatsbeamter es wagt, gegen Moral und Gesetz aufzutreten und freie Staatsbürger zu einer offenkundigen Unwahrheit zu verleiten, fragen die Unterzeichneten: 1. Ist dieser in Galizien leider nicht seltene Vorfall dem Minister bekannt? 2. Was gedenkt die Regierung zu veranlassen, um dieses gesetzwidrige Vorgehen zu bestrafen und damit solche Fälle nicht mehr Vorkommen? * * * Zur Schönkerfrage. Abgeordneter Stapinski hat die starke Wirkung, die die Rede des Abgeordneten Dr. Straucher im Parlament ausgeübt hat, dadurch abzuschwächen gesucht, daß er zur Schänkerfrage das Wort ergriffen und eine antisemitische Rede gehalten hat. Er erklärte, daß die Juden noch viel zu viel Konzessionen erhalten haben und las die statistischen Ziffern der galizischen Statthalterei vor. Aber er mußte selbst zugeben, daß 23.000 jüdische Schänker dank seinen Bemühungen und dank den Bemühungen des Statthalters jetzt brotlos werden. So etwas geniert aber einen Stapinski nicht, wenn nur seine Bauern und seine Freunde, die Schlachzizen, mit neuen Einnahmsquelien versorgt wurden. Parteinachrichten. Innerösterreichischer Distriktstag. Der am 8. d. M. in Wien abgehaltene innerösterreichische Distriktstag, über den wir kurz berichtet haben, nahm folgenden Verlauf: Anwesend waren 28 Delegierte. Zum Vorsitzenden wurde Gg. Dr. Hugo Löwy, zu dessen Stellvertreter Gg. Moses (Neunkircheo), zum Schriftführer Gg. S. Schmitz gewählt. Der Vorsitzende hielt dem verstorbenen Reichsratsabg. Gg. Dr. Heinrich Gabel einen warmen Nachruf, der von der Versammlung stehend angehört wurde. Namens des abtretenden Distriktskomitees erstattete Gg. Dr. Robert Beer den Rechenschaftsbericht. Das Distriktskomitee konnte, da einige Mitgliedergleich zu Beginn aus privaten Gründen aus demselben ausschieden, keine große Tätigkeit entfalten. Nichtsdestoweniger sind die Leistungen desselben nicht gering anzuschlagen. Im zionistischen Seminar wurden von den Gg. Gg. Böhm, Dr. W e i s e ngrün, Dr. Coralnik und Dr. Schönwald wissenschaftliche Vorfrage über den Zionismus gehalten. Die Herzlfeier nahm einen großartigen Verlauf und die veranstaltete Oelbaumsammlung zeitigte ein recht befriedigendes Ergebnis. Das Distriktskomitee entsandte eine Reihe von Rednern zu Veranstaltungen in der Provinz. Neugegründet wurden in W i e n, der Mädchenverein „Moriah“, der bereits schöne Arbeit geleistet hat, der Verein absolvierter Handelsakademiker „Neure Jehuda“ in Graz, der Verein „Jischuv Erez Israel“, in Neunkirchen „Achawath Zion“. Das Distriktskomitee hielt 29 Sitzungen ab. An Schekeln wurden 1040 K gesammelt, an Parteisteuer gingen 1200 K ein. Der Kassaüberschuß beträgt K 300.—. Hierauf sprach Gg. Dr. Weisengrün über die Bedeutung der Kultuswahl. Wir bringen das Referat an anderer Stelle. Nach längerer Debatte wurde dem abtretenden Distriktskomitee einstimmig das Absolutorium und Dank votiert. Den bei den Kultuswahlen in hervorragender Weise tätig gewesenen Gg. Gg. Dr. Paul Weisengrün, Dr. S. H. Körner, Ing. Julius Groag, und JUC. A. Geller wurde der besondere Dank und Anerkennung ausgesprochen. In der Nachmittagssitzung sprach Gg. Adolf Böhm, Präsident des zionistischen Zentralkomitees über die Aufgaben der Studentenschaft. Wir werden die glänzenden Ausführungen in der nächsten Nummer widergeben. Nach kurzer. Debatte erstattete Gg. Dr. med. J. Körner ein Referat über die Organisation. Der Referent entwarf einen detaillierten Plan über den Ausbau und die Neugestaltung unserer Organistion. Die humorvollen und sachlichen Ausführungen wurden mit stürmischem Beifall aufgenommen. Hierauf folgte die Wahl des neuen Distriktskomitees, deren Ergebnis wir in der letzten Nummer publizierten. Hierauf schloß der Vorsitzende den Distriktstag. * * * Montag, den 12. d. M..fand die konstituierende Sitzung des neugewählten Distriktskomitees statt. Die Referate wurden folgendermaßen verteilt: Präsidium: Dr. J. H. Körner, Vizepräsidium: Dr. H. Zuckermann, Schriftführer: Ingenieur J. Groag, Organisation und Kultusgemeinde: Dr. J. H. Körner, Bürgervereine: Ingenieur R. Köppl, Außenagitation: Dr. H. Zuckermann, Frauen- und Mädchenvereine: Dr. H. Löw, Nationalfonds: Dr. H. Eben, Palästina: provisorisch, Dr. R. Beer, Studentenheim: Dr. Architekt A. Karplus, Ohne Referat: R.-A. Dr. B. Straucher und Dr. M. Arminski. Die ordentlichen Sitzungen des Distriktskomitees finden allwöchentlich Montag im Kogreßbureau statt. Laut Beschlusses der letzen Sitzung wurde an die dem innerösterreichischen Distriktskomitee zugeteilten Vereine ein Zirkular verschickt, das wichtige frühere Beschlüsse in Erinnerung bringt. Von der Veranstaltung einer großen Makkabäerfeier in Wien mußte das Distriktkomitee infolge schon zu vorgeschrittener Zeit absehen. Doch wurden die Verbindungen und Vereine aufgefordert, Makkabäerfeiern im kleinen Stile abzuhalten. Die Vorbereitungen für Makkabäerfeiern in einzelnen Bezirken werden bereits getroffen. * * * Vortrag Rosa Pomeranz. Die bekannte Schriftstellerin Frau Rosa Pomeranz wird am 29. Dezember in einer vom „Ersten Wiener zionistischen Frauenverein“ veranstalteten Versammlung sprechen. Es steht zu erwarten, daß die Beteiligung der Wiener Gesinnungsgenossen eine recht rege sein wird, dies um so mehr, als Frau Pomeranz als eine ausgezeichnete Rednerin gilt. Der Vortrag findet im Saale des Gewerbevereines, I. Eschenbachgasse 11, statt. Das Thema wird in der nächsten Nummer bekannt gegeben werden. * * 4t Hebräische Kurse. Jene Damen und Herren, welche sich zur Teilnahme an den hebräischen Kursen gemeldet haben, sowie alle, die sich hiefür interessieren, werden gebeten, sich Mittwoch, den 21. Dezember, um 7 Uhr abends, im Kongreßbureau, IX. Türkenstraße 9, einzufinden. Zionistisches Zentralbureau für Westösterrei ch. * . * Danksagung. Zu unserem, am 7. und 8. Dezember 1. J, stattgefundenen 10jährigen Gründungsfest ist uns eine derart große Anzahl Glückwünsche und Sympathiekundgebungen aus der ganzen Welt zugekommen, daß wir außer Stande sind, dieselben einzeln zu erwidern, weshalb wir den verehrl. zion. Institutionen und Vereinen sowie den lieben Gg. Gg., welche aus der Ferne unseres Jubiläums gedachten, den allerherzlichsten Dank aussprechen, Zion. Verein „Jeschurun“ Troppau. * * * Wanderausstellung des Bezalel. ' Das mähr.-schles. Distriktskomitee veranstaltet in den Monaten Dezember 1910 und Jänner, Februar 1911 außer der in Troppau bereits stattgefundenen Bezalelausstellung noch weitere sieben solche Ausstellungen in Mähren und Schlesien mit reichhaltig und geschmackvoll zusammengestelltem Sortiment von ausschließlich Erzeugnissen der Kunstgewerbeschule „Bezalel“ in Jerusalem. Die Ausstellunng findet zur Zeit in Mähr. Ost rau in den Sälen des städtischen Museums statt und bleibt daselbst bis 21. Dezember 1. J. geöffnet. Ferner wird die Ausstellung noch stattfinden: in Bielitz vom 24. Dezember 1910 bis 2. Jänner 1911. in Teschen vom 5. Jänner 1911 bis 10. Jännner 1911, in Olmütz vom 16. Jänner 1911 bis 22.Jänner 1911, inProßnitz vom 24. Jänner 1911 bis 31. Jänner 1911. in Brünn vom 5. Februar 1911 bis 12. Februar 1911. in lg lau vom 18. Februar 1911 bis 25. Februar 1911. Das Ausstellungssortiment umfaßt sämltiche Erzeugnisse des „Bezalel“, darunter nicht weniger als 76 Teppiche, eine Unmenge reizender Silberfiligranarbeiten, Schmucksachen für Herren und Damen, rituelle Gebrauchsgegenstände, Kupfertabletts und -Wandteller mit Silber platiniert, inkrustierte Schüsseln und Holzrahmen, Kassetten, Basreliefs aus Zedern- und Ebenholz, Originalzeichnungen von ersten Künstlern, künstlerische Reproduktionen und viele hervorragende Schülerarbeiten. Nach den ganz außerordentlichen Erfolgen zu schließen, welche die Ausstellung in Troppau erzielte, wo die meisten Objekte drei- und vierfach verkauft wurden, steht auch in den anderen Städten zu erwarten, daß durch den Verkauf dem Betriebsfonde des „Bezalel“ ein namhafter Betrag zugeführt wird. Um Mißverständnissen vQrzubeugen, sei bemerkt, daß das komplette Sortiment unverkürzt in allen Städten ausgestellt werden wird und daß erst nach Schluß der letzten Ausstellung die einzelnen Gegenstände nach der zeitlichen Reihenfolge der Bestellungen an die Besteller verteilt, während die nachbestellten Sachen ehestens nachgeliefert werden. Durch Neuwerbung von Mitgliedern (Jahresbeitrag K 5.—) sollen dem „Bezalel“ diejenigen Mittel gesichert werden, deren das mächtig emporblühende Unternehmen zur Vergrößerung seiner längst nicht mehr zureichenden Betriebsstätten so dringend bedarf. Von diesen Intentionen erfüllt, gibt das Distriktskomitee seiner bestimmten Erwartung Ausdruck, daß die einzelnen Ortskomitees durch regen Eifer und tatkräftige Mithilfe die mühevolle Arbeit des Distriktskomitees unterstützen und so auch für ihren Teil zur Verwirklichung unseres Programmes: „Wirtschaftliche und kulturelle Hebung des jüdischen Volkes“ beitragen werden. Jüdische Assimilanten gegen Juden. Wie russische Blätter melden, hat die Dumakommission mit zehn gegen fünf Stimmen beschlossen, die Rechte der Juden in der Selbstverwaltung Russisch-Polens zu begrenzen. In den Städten, wo die Juden weniger als 50 Prozent der Einwohnerschaft bilden, dürfen sie nur den zehnten Teil der Abgeordneten wählen, in solchen Städten aber, wo die jüdische Bevölkerung mehr als 50 Prozent ausmacht, dürfen höchstens 20 Prozent aller Abgeordneten Juden sein. Da die Polen wiederum nicht wagten, offen gegen diejuden aufzutreten, hat man sich in der letzten Zeit der Hoffnung hingegeben, daß es doch noch gelingen werde, den Juden die ihnen gehörenden Rechte zu verschaffen. Aber — noch gibt es jüdische Assimilanten in Warschau! Was der russischen Regierung und den anderen Parteien nicht gelungen ist, haben die Warschauer Assimilanten zustande gebracht, indem sie die Kadetten zu bestimmen wußten, für die Begrenzung der jüdischen Rechte zu stimmen. Eine Deputation Warschauer Assimilanten, bestehend aus den Herren Dickstein, Nußbaum und Natansohn reiste heimlich nach Petersburg und „verhandelte“ solange mit den Kadetten, bis diese ihre Politik änderten, und für die Begrenzung der jüdischen Rechte eintraten.