Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 50 weitem Sie den Kreis der zu bekämpfenden Ausbeutung geradeso wie wir das getan haben. Ciauben Sie denn tatsächlich, daß mit dem bißchen Taufwasser schon der sogenannte Makel der Geburt, der Rasse abgewaschen wird? (Heiterkeit und Zustimmung.) Damit wird nur die Demoralisation gezüchtet! Sehen Sie also!(Zwischenruf.) Ich habe kein Verlangen nach der Taufe, mir brauchen Sie das wohl nicht zu sagen. Ich sehe aber auch gar nicht die Notwendigkeit ein, die Grundwahrheiten der jüdischen und der christlichen Religion sind und bleiben doch dieselben. (Zustimmung.) Also weiter zur Volkszählung! Ich muß die Forderung, welche ich in Bezug auf die Volkszählung aufgestellt habe, deshalb wiederholen und nachdrücklich wiederholen, weil wir Juden durch die' gegenwärtig beliebte Methode außerordentlich benachteiligt werden, da hierdurch unser Volkschärakter, unsere Nationalität nicht zum Ausdrucke kommt Hunderttausende von Juden sind genötigt, eine andere Umgangssprache, eine andere Nationalität amtlich anzunehmen als die, der sie wirklich angehören. Die Hunderttausende von Juden in Galizien und in der Bukowina, die ihre jüdische Umgangssprache haben, dürfen sich nicht zu ihr bekennen, weil die. Volkszählungskommissäre diese Eintragung als gesetzlich nicht zulässig betrachten und sie einfach streichen. Warum wollen Sie sich miteinem solchen Ballast beschweren? Helfen Sie uns, diese Bestimmung aus dem Volkszählungsgesetze eliminieren. Wir können ja das im Frieden und im Einvernehmen tun. Ich kann den Herren nur die Versicherung geben, daß in den jüdischnationalen Volkskreisen eine große Bewegung besteht und namentlich die jüdischen akademischen Kreise der studierenden Jugend haben mit vollem Recht und Energie diese Forderung aufgestellt. Diese Frage wird denn auch nicht eher zum Stillstände kommen, als ihr gebührend Rechnung getragen sein wird. Die gegenwärtige Zählungsmethode zwingt uns, uns zu anderen Nationen zuzuzählen; sie erschwert so unseren Kampf um unsere nationale Gleichstellung und um die Anerkennung der Landesüblichkeit der von fast 900.000 Juden als Umgangssprache angewendeten „jüdischen Umgangssprache“. Die Juden sind im Budget nicht berücksichtigt. Ich erlaube mir noch, an einer weiteren Frage zu zeigen, daß uns Juden schweres Unrecht zugefügt wird. Eine sehr empfindliche, verletzende und kränkende Zurücksetzung erfahren wir Juden nämlich seit Jahren im Staatsvoranschlage. - Kommen Sie näher, Herr Kollege Gail! Ich weiß ja, Sie interessieren sich so sehr für unsere Judenfrage ganz besonders 1 Stand: Herr Gail, Sie sind ja ein „gemäßigter Israelit“; interessiert Sie denn gar nichts Jüdisches? Dr. Strauche r: Wir wissen sehr wohl, daß allgemeine Steuergelder grundsätzlich nicht einseitigen religiösen Zwecken zugewendet werden sollen. Wenn aber schon aus den allgemeinen Steuergeldern der Gesamtbevölkerung für kirchliche, religiöse und Kultuszwecke einzelner Konfessionen Gelder' entnommen und Zuwendungen gemacht werden, so ist es nach unserer Auffassung — und ich glaube, diese Auffassung ist vollberechtigt — auch Pflicht der Regierung, daß auch den jüdischen Kultuszwecken aus diesem allgemeinen Staatsbudget, zu welchem ja die Judenschaft namhaft beiträgt, Zuwendungen gemacht werden. Ich habe vor zwei Jahren für einen Antrag des Herrn Abgeordneten Malik gestimmt, der die Zuwendung eines Betrages für die religiösen Zwecke der Altkatholiken verlangt hat. Wenn das grundsätzlich nicht geschieht, so bin ich damit einverstanden, weil ja nach den Bestimmungen des Staatsgrundgesetzes niemand verpflichtet werden kann, zu Kultuszwecken einer anderen, fremden Religion etwas beizutragen. Wenn aber — ich wiederhole — entgegen dieser staatsgrundgesetzlichen Bestimmung dennoch im Budget namhafte Aufwendungen für Kultuszwecke anderer Religionen und Konfessionen eingestellt sind, so müssen wir fordern, daß auch für jüdische Kultuszwecke aus dem Staatsbudget Zuwendungen gemacht werden. Im gegenwärtigen Budgetjahre sind eingestellt für die Kultuszwecke der Katholiken 24,101.869 K, der Evangelischen 726.968 K, für Griechisch-orientalische 272.6C0 K, nur für jüdische Kultuszwecke ist kein Heller eingestellt worden! Ja, das Unrecht geht noch weiter, indem zum Beispiel keine jüdische theologische Fakultät besteht und auch die Errichtung einer solchen nicht in Aussicht steht. Die Regierung fordert die Anstellung qualifizierter jüdischer Religionslehrer und Seelsorger, ohne aber eine staatliche Anstalt ins Leben zu rufen, wo diese Qualifikation erworben werden kann. Das ist der ewige Widerspruch zwischen Theorie und Praxis bei der Regierung. Alle unsere Reklamationen und Vorstellungen, unsere eindringlichen Bitten sind bisher fruchtlos verhallt. Sie können sich daher nicht wundern, wenn wir — eine allerdings nur kleine Gruppe — gegen das Staatsbudget stimmen müssen, wie wir es auch bisher getan haben. Solange die Regierung nicht die berechtigten Forderungen unseres Volksstammcs erfüllt, worden wir in der Opposition bleiben und' daher auch gegen ei n sol ch e s St aats b u d ge t stimmen. Die Wegtaufen. Ich verweise weiters, allerdings nur in gedrängter Kürze, noch darauf, daß trotz unserer seit Jahren vorgebrachten eindringlichen Beschwerden über die ununterbrochen andauernde gewaltsame Entführung jüdischer Mädchen in katholische Klöster von seiten der Regierung keine Abhilfe geschaffen worden ist. (Hört! Hört!) Lassen Sie sich nur einmal die Statistik der galizischen Klöster zeigen und Sie werden Ihre Wunder erleben! Der Staat macht trotz unserer begründeten Forderung von dem ihm zustehenden Machtmittel keinen Gebrauch. Diese Entführungen involvieren zunächst eine Verletzung des § 145 a. b. GB.; die Entführung das Ve brechen der öffentlichen Gewalttätigkeit durch unbefugte Einschränkung der persönlichen Freiheit eines Menschen. Trotzdem haben, wie gesagt, alle unsere Reklamationen bisher zu keinem Resultate geführt. Wir sind nicht imstande, die Regierung aus ihrer Lethargie aufzurütteln und sie dazu zu verhalten, hier geeignete Maßnahmen zu ergreifen. In der liberalen Aera, im Jahre 1868, hat das Abgeordnetenhaus dagegen Stellung genommen und die Regierung angewiesen, an die politischen Behörden und Gerichte geeignete Aufträge zu erteilen, damit diese derartigen, gesetzwidrigen Auschreijungen entgegentreten. Ich habe nur an wenigen Beispielen auf den öffentlichen Gebieten gezeigt, in welcher empfindlichen Weise wir überall zurüchgesetzt werden, und daß wir daher berechtigten Grund zur Beschwerdeführung haben. Zum Schlüsse seiner Ausführungen trat Doktor Straucher für die Verbesserung der Lage verschiedener Beamtenkategorien ein. Die glänzende Rede wurde mit großem Beifall aufgenommen. Der neue Heiland der Bukowina. Ich kenne Euch, Ihr edlen Biedermänner, Mit Euerer tiefsonoren Ehrlichkeit, Des Wortes Künstler und der Phrase Kenner, Ihr Wetterhähne auf dem Dach der Zeit! Ich brauch Euch nur von ferne zu besehen Und weiß genau, wie sich die Winde wehen, Und wo der Weizen^momentan gedeiht! " ‘ nr. ' ' Ich sehe „ihn“, das »Auge voller Zähren, Wie er das' sündenVölle Wien bekehrt, Wie er die Jugend Palästina ehren, Und alles andere verachten lehrt . . . Wie grundsatztief, wie ehern war die Kritik Der bitterbösen Gegenwartspolitik, Die er als Schande und als Schmach erklärt!! Und nun, schau, schau! Humana et Divina Erfaßt der rege Professorengeist, Der nun als Retter „seiner“ Bukowina Die aufgehetzten Städte kühn bereist, Umgeben von verdächtigen Talenten, Von buntgesprengelten, suspekten Elementen, Messias gleich das große Heil verheißt! Preis’ weiter Sanatorien von Verwandten, Schlag’ weiter für Herrn Bernhard Shaw Reklame, Mach’ Ministrelien fein den Ministranten— Kurzum, schöpf’ anderswo den Kowet-Rahm! Doch nimmer läßt das Volk von Dir verschänden Den Mann der Tat, denMann mitreinen Händen, Denn unser Volk kennt Ehrlichkeit und Scham. Beda. Statistisches zur letzten Wiener Kultuswahl. Es ist den Zionisten geglückt, durch ihr letztes Eingreifen in die WienerKultuswahl wieder das allgemeine Interesse auf die Gemeindeangelegenheiten zu lenken. Die Erregung des Kampfes um die Mandate der sogenannten allgemeinen Kurie zittert noch lebhaft nach und wir werden mit Anfragen überhäuft, wie sich denn das Ergebnis der Wahl in den einzelnen Bezirken gestellt hat, damit man daraus für das nächstemal seine Lehren ziehe. Da die Rechenschaftsberichte des Kultusvorstandes nach dem Prinzip, alles Interessante und Interesse Erweckende zu unterdrücken, niemals Daten über die Kultuswahlen enthalten, fühlen wir uns verpflichtet, das Publikum zu unterrichten. Der Uebersichtlichkeit halber beschränken wir uns darauf, nur die Grenzzahlen der in den einzelnen Wahlsprengeln für die einzelnen Kandidaten einerseits und für die zionistischen Kandidaten anderseit abgegebenen Stimmen wiederzugeben. S t i i m m e n: Gemeindeoffi¬ Ziobezirk zielle nistische I. 488-408 119-95 11. rechts 457-330 160-140 II. links u. XX. 513-343 264-229 III. 191-123 95-81 IV., V., X. 185-162 92-80 VI., VII. 437-260 276-252 VIII. u. IX. 408-352 . 305-244 XII.-XV. 191-183 76 -72 XVI, XVII. 145-126 123-104 XVIII., XIX. 127-111 95-86 XXI. 50- 48 6-3 Aus dieser Aufstellung erhellt, daß wir Zionisten viel geschlossener stimmten als unsere Gegner. Wenn erwogen wird, daß im Wahlsprengel Mariahilf-Neubau Dr. Engel als offizieller Kandidat auf 437 Stimmen nur deshalb kam, weil dort auch die Zionisten für ihn stimmten, und wenn demnach die nächsthohe offizielle Stimmenzahl 285 zum Vergleich herangezogen wird, entfallen, nach den Höchstzahlen berechnet, auf 100 offizielle Stimmen: In den Be¬ ^Zionistische zirken :: Stimmen VI., VII. 97 XVI., XVII. 85 XVI11., XIX. 80 VIII., IX. 78 111. 56 11. links, XX. 56 IV., V., X. 51 oXH.-XV. .Mt; 40 II. rechts 36 I. 24 XXI. 10 Am besten stehen wir also in Mariahilf-Neubau, und dann, wenn wir von Ottakring-Hernals, welches nur diesmal wegen Brüskierung des dortigen Kandidaten Dr. Deutsch so stark opponierte, in den einen geschlossenen territorialen Komplex bildenden Bezirken VIII, IX,. XVIII, XIX. Am schlechtesten stehen wir naturgemäß in der Inneren Stadt und nachher im Wahlsprengel Praterstraße. Floridsdorf bildet nur diesmal eine Ausnahme zu unseren Ungunsten, denn dort zog eben die von den Offiziellen aufgestellte Lokalgröße Herr Grünwald. Die Wahlbeteiligung war am stärksten im XVI. und XVII. Bezirk, stark im II. und XXI.. und und besonders schwach im XVIII., XIX. und I. Bezirk. In der Kurie der Höherbeste uerten wurden für die vier Mandate mit sechsjähriger Dauer 243 Stimmzettel abgegeben: Hievon entfielen auf: David Ritter von Gutmann 234 Stimmen Moriz Edler von Kuffner 233 „ Dr. Josef Breuer 231 „ Wilhelm Kuffner 231 „ Für das Mandat mit vierjähriger Dauer wurden 245 Stimmzettel abgegeben. Hievon entfielen auf: Emst Hirsch 240 Stimmen. Für das Mandat mit zweijähriger Dauer würden 289 Stimmzettel abgegeben. Die absolute Mehrheit betrug 145 Stimmen. Gewählt wurde: Max Zirner mit 187 Stimmen. Durchfiel der Kandidat des Kultuspräsidenten und der Allianz Wilhelm Pappenheim mit 100 Stimmen. Eine Wahlbeteiligung von 289Höherbesteuerten (fast 30 Prozent) war in den Annalen dieser Gemeinde noch nicht da.