Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische zeitung. Nr. 50 Und so änderte sich das Stimmenverhältnis. Während vor einigen Wochen in der ersten Sitzung der Dumakommission elf Stimmen gegen zehn für die Begrenzung eintraten, wurde jetzt mit Hilfe der Kadetten die Begrenzung der jüdischen Rechte mit zehn gegen fünf Stimmen angenommen . . . Wahrlich, die Warschauer Assimilanten haben ihre galiziscben Gesinnungsgenossen übertroffen. Kultuswahlen in Deutschland. Während in Wien intensiv um die Kultusgemeinde gekämpft wurde, fanden auch in Berlin heftige und erbitterte Wahlkämpfe statt. Zionisten mit Konservativen gemeinsam gegen die Liberalen, die nur zu gerne den Samstag auf den Sonntag verlegen möchten. Die Zionisten waren die eigentlichen Träger des Kampfes. In unzähligen Versammlungen sprachen sie. Nach Wiener Muster verschrie man sie als Friedensstörer, weil sie die Vermessenheit hatten, auch in gegnerischen Versammlungen zu sprechen. Die größte Wut der Offiziellen erregte unser Gg. Dr. Klee, der den Wahlkampf leitete. Tausende und tausende von Flugzetteln warnten vor der Wahl der Liste, auf der der Zionistenhäuptling Klee stehe. Diese Hetze und die liberalen Blätter Mosses taten das Uebrige. Die vereinigte Opposition blieb mit zirka 30 Prozent der Stimmen in der Minorität. Auch in Berlin haben die jungen Akademiker fleißige Aufklärungs¬ und Agitationsarbeit geleistet. In München ist dieselbe Konstellation. Auch hier bekämpfen die Zionisten gemeinsam mit den Konservativen die Liberalen. Die „Münchner neuesten Nachrichten“ hetzen schon fleißig gegen „Umstürzler“, die Zionisten, und wollen die Konservativen wieder auf ihre Seite bringen. Die Liberalen erklären, von einem nationalen Judentum nichts wissen zu wollen, in rituellen Angelegenheiten wollen sie das tun, was die Konservativen verlangen. Die Affäre York-Steiner. Wir erhalten folgende Zuschrift: ' Sehr geehrte Herren Gg! Anfang dieses Jahres haben wir in Erfahrung gebracht, daß Herr Heinrich York-Steiner vor dem Kongreß in einem Briefe an das m.-sch. DK. verschiedenen Beschimpfungen gegen uns und unsere „Genossen“ gerichtet hat. Wir veranlaßten, daß eine Abschrift dieses Briefes dem Zionistischen Zentralkomitee für Westösterreich als der kompetenten Parteibehörde vorgelegt werde. Dieses befaßte sich in seiner Sitzung vom 13. Februar a. ic. mit jenem Briefe und faßte einstimmig (wobei wir uns der Abstimmung enthielten) folgenden Beschluß: „Das Zentralkomitee hat Kenntnis genommen von zwei seitens des Herrn Heinrich York- Steiner an das mährisch-schlesische Distrikts-- kömitee gerichteten Briefen, sowie von Briefen und mündlichen Aeußerungen an einzelne Gesinnungsgenossen identischen Inhalts, in welchen :nsbesondere gegen die Mitglieder des Zentralkomitees, die Herren Dr. Isidor Margulies und Adolf Böhm, Beschimpfungen und Verleumdungen vorgebracht werden. Das Zentralkomitee spricht seine schärfste . Entrüstung über dieses Vorgehen aus und beschließt, Herrn Steiner zwecks Vermeidung seiner gerichtlichen Verfolgung vor ein Ehrengericht zu laden. Dieses Ehrengericht wird zusammengesetzt aus je zwei vom Zentralkomitee und von Herrn Steiner zu nominierenden Personen und aus einem von diesen gewählten Vorsitzenden, welche sämtlich Mitglieder der westösterreichischen Organisation sein müssen. Das Zentralkomitee nominiert in dieses Ehrengericht die Herren: Dr. Alfred Lanzer, Hof- und Gerichtsadvokat in Wien, und Dr. Fritz Eckstein, k. k. Gerichtsauskultant in Troppau.“ Herr Steiner erklärte hierauf, sich diesem Ehrengericht nicht zu unterwerfen, obzwar er die Hälfte der Schiedsrichter selbst ernnenen hätte können und verlangte die Einsetzung eines Ehrengerichtes durch das Aktionskomitee. Wir erklärten auf der Jahreskonferenz, daß wir uns auch diesem, von Herrn Steiner verlangten Ehrengericht unterwerfen (siehe „Welt“, Nr. 26 vom 1-/7, 1910). Die Jahreskonferenz beauftragte die nächstfolgende A.-C.-Sitzung, das Ehrengericht einzusetzen. Als es bei dieser, die am 22. November a.c. stattfand, zur Wahl des Ehrengerichtes kommen sollte, wurde ein Brief des Herrn Steiner verlesen, in welchem er erklärte — sich dem Ehrengerichte nicht zu unterwerfen undaus derPartei auszutreten. Wir stellen daher fest, daß Herr Steiner sich dem Spruche des von ihm selbst verlangten Ehrengerichtes entzogen hat und überlassen das Urteil über dieses Vorgehen und über den Wert der Vorbringurigen des Herrn Steiner der zionistischen Oeffentlichkeit. Wien, 13. Dezember 1910. Adolf Böhm, Wien. Dr. Isidor Margulies, Wien. Bezalelausstellung in Troppau. Die erste der vom mähr.-schles. Distriktskomitee veranstalteten Wanderausstellungen der Jerusalemer Kunstgewerbeschule „Bezalel“ fand in der Zeit vom 3. bis 11. Dezember 1910 inTroppau in Verbindung mit dem zehnjährigen Stiftungsfest des zionistischen Vereines „Jeschurun“ statt. Der Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde hatte in entgegenkommendster Weise den Sitzungssaal der Kultusgemeinde sowie auch die Beleuchtung für die Ausstellung unentgeltlich zur Verfügung gestellt, wofür ihm an dieser Stellung der wärmste Dank ausgesprochen sei. Zu der offiziellen Eröffnungsfeier am Abend des 3. Dezember 1910 hatten sich über Einladung des Ausstellungskomitees die Vertreter sämtlicher Troppauer jüdischen Korporationen, an ihrer Spitze der Kultusvorsteher Gg. Dr. Sonnenschein, weiters Veitreter der Presse eingefunden. Der Obmann des D.-K. begrüßte die Festgäste, worauf der Bezalelreferent die Führung übernahm. Die erschienenen Damen und Herren sprachen sich in Worten höchster Anerkennung über die wirklich hervorragenden Kunstprodukte des „Bezalel“ aus. Gleichen Beifall fand die Ausstellung bei den zum Stiftungsfeste des „Jeschurun“ gekommenen auswärtigen Festgästen, welche sich am Vormittage des 8. Dezember 1910 zur gemeinsamen Besichtigung im Ausstellungslokale vereinigt hatten. Der in der Ausstellungswoche anhaltende starke Besuch aus allen Kreisen der Troppauer Bevölkerung bewies, welches Verständnis und welche Anerkennung den Schöpfungen der Schule allseits entgegengebracht wurde. Bemerkenswert hierbei ist, daß unter den Besuchern und Käufern insbesondere die nichtjüdischen Gesellschaftskreise zahlreich vertreten waren, welche ihrer Bewunderung über die ausgestellten Stücke unverhohlen Ausdruck verliehen, ferner, daß auch die Lokalpresse in sehr dankenswerter Weise das Ansstellungsunternehmen förderte. Am 10. Dezember 1910 beehrte der Herr Landespräsident von Schlesien, Max Graf Coudenhove über Einladung des Komitees die Ausstellung mit seinem Besuche, welche er nach halbstündigem Aufenthalte, nachdem er sich über die Institutionen des „Bezalel“ hatte genauest informieren lassen, voll Anerkennung über das Gesehene verließ. Tags vorher besuchte der Herr Bürgermeister von Troppau, Walter Kudlich, ebenfalls über Einladung des Komitees, die Ausstellung^ und sprach sich gleichfalls sehr lobend über die Leistungen der Kunstgewerbeschule aus. Aus der großen Zahl von Besuchern wollen wir weiters nur noch hervorheben Frau Bürgermeister Kudlich, die Vertreter des k. k. Gewerbeförderungsinstituts, des Franz Josef-Museums u. a. m. — Ueber die künstlerische Vollendung und die sorgfältige, geschrnackvolle Ausführung der Ausstellungsstücke an; dieser Stelle zu sprechen, ist überflüssig. Sie ist viel zu bekannt, als daß sie hier noch besonders hervorzuheben wäre. Erwähnt sei nur, daß die Ausstellung ein außerordentlich reichhaltiges Sortiment von Teppichen, Silberfiligran-, Damaskuskupfer-, Holzarbeiten, Basreliefs, Lithographien und — last not least — Originalzeichnungen von Stark, Ben-Jehudo u. a. m. vor Augen führte und daß das lebhafte Interesse und die Anerkennung der Troppauer Bevölkerung über das Gebotene in zahlreichen Käufen und Nachbestellungen sinnfälligen Ausdruck fand. Resümierend betrachtet: Die Ausstellung bedeutet einen vollen moralischen und materiellen Erfolg. Sie hat die Sympathien für den „utopistischen, unproduktiven Zionismus“ bei der Troppauer Judenschaft gestärkt und der nichtjüdischen Bevölkerung Achtung vor jüdischem Kunstgewerbefleiß, welcher reale Kulturwerte, neue kunstgewerbliche Formen zu schaffen imstande war, abgerungen. — Ein nicht geringer Teil dieses so erfreulichen Erfolges ist den Damen und Herren des Lökalkomitees zu verdanken, welche sich um das überaus geschmackvolle Arrangement der Ausstellung bemühten und trotz aufreibenden Permänenzdienstes nicht müde wurden, den Besuchern immer wieder Aufklärungen über den „Bezalel“, seine Institutionen und Erzeugnisse bereitwilligst zu erteilen. Ihnen allen sei an dieser Stelle der allerherzlichste Dank ausgesprochen, Ein Verdienst ihrer eifrigen Werbearbeit ist es auch, wenn dem „Bezalel“ während der Ausstellüngswoche 14 neue Mitglieder zugeführt wurden. — Nach den in Troppau gemachten Erfahrungen steht mit Sicherheit zu erwarten, daß die Bezalelausstellung auch in den anderen sieben Ausstellungsorten des Distriktes — die nächste Ausstellung findet in Mährisch-Ostrau in der Zeit vom 14. bis 21. Dezember 1910 statt — einen gleich durchschlagenden und anhaltenden Erfolg erzielen wird. Atis dem jüdischen Leben. Eine neue hebräische Zeitschrift in Berlin, In Berlin ist soeben die erste Nummer eines neuen hebräischen Wochenblattes „Haibri“ erschienen, das sich die Aufgabe stellt, im Geiste des nationalen und historisch-überlieferten Judentums ohne parteiische Einseitigkeit die Interessen der Gesamtjudenheit zu vertreten und die jüdischeri Kult'urschätze aus Vergangenheit und Gegenwart den weitesten west- und ostjüdischen Kreisen in volkstümlicher Weise näher zu bringen. An der Begründung der neuen Zeitschrift haben sich eine Reihe namhafter Persönlichkeiten beteiligt, so u. a. Dozent Doktor E. Baneth, Baron David Günzberg (Petersburg), Dr. M. Hildesheimer. Professor Sulzbach (Frankfurt a. M.), Hermann Gumperz (Hamburg), Chachambaschi Jakob Meir (Saloniki), Prof. E. Mittwoch, Prof. Margolis, Prof. I. Friedländer (New-York), Rabbiner Kuk (Jaffa), Hermann Struck u. a. Zahlreiche bekannte Gelehrte und Schriftsteller haben dem neuen Blatte ihre Mitarbeit zugesichert., Tolmatschow, der Wohltäter. Der Selbstbeherrscher Odessas und Schutzengel des Verbandes des russischen Volkes, General Tolmatschow, veranstaltete dieser Tage zugunsten der Odessaer Studentengruppe dieses Verbandes eine wohltätige Lotterie, die einen Reinei trag von rund 20.000 R. ergab. Die Billets wurden von der Polizei fast ausschließlich unter der jüdischen Bevölkerung „abgesetzt“. Es braucht nicht erst gesagt zu weiden, daß die Juden nicht gerade aus besonderer Vorliebe für die studentische Antisemitenorganisation die hübsche Summe beigetragen haben ... Zu gleicher Zeit ging man in jüdischen Kreisen damit um, einen wohltätigen Abend zugunsten der jüdischen Trödler zu veranstalten, die durch den übereifrigen Kampf Tolmatschows gegen die Pest um ihr kärgliches Brot gebrächt worden sind. Da griff aber Tolmatschow ein und verbot die Veranstaltung des Abends, wie überhaupt jede Sammlung zugunsten der ruinierten Trödler. | Dr. Hirsch Hildesheimer.] Am 6. Dezember ist in Berlin Dr. Hirsch Hildesheimer plötzlich einem Gehirnschlag erlegen. Hildesheimer gehörte zu den bedeutendsten und und markantesten Persönlichkeiten der Juden Deutschlands. Er war Herausgeber der auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums stehenden „Jüdischen Presse“, und wirkte als Dozent für Geschichte an dem von seinem Vater, Rabbi Esriel Hildesheimer, begründeten orthodoxen Rabbinerseminar in Berlin. Den Traditionen seiner Familie getreu, übte er eine umfassende Wohltätigkeit, und besonders der aus ihrer Heimat vertriebenen russischen Juden nahm er sich auf ihrer Durchreise in Berlin an. Als tätiges Mitglied der „Esra“ und anderer Palästinavereine hat er wiederholt in Palästina geweilt und über die dortigen jüdischen Kolonien, um deren Einrichtungen und Verwaltung er sich große Verdienste erworben hat, zahlreiche informierende Schriften veröffentlicht. Die jüdischen Blätter widmen dem Verstorbenen ehrende Worte des Andenkens. Palästinasammelheft. Der in unserer letzten Nummer erschienene Artikel „Ein Palästinasammelheft“ wurde der letzten Nummer der Zeitschrift „Palästina“ entnommen. Vereinsu .Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. (Jüdisch-akademischer Juristenverein.) Neben den bereits angekündigten Kuisen veranstaltet der Juristenverein „U e b u ngen in derLektüre von Corpus juris- Stellen“, die cand. iur. Josef Schell leiten wird. Die Uebungen finden im Lokale des Juristenvereines, IX. Porzellangasse 11, statt und sind für Vereinsmitglieder unentgeltlich. Beginn Dienstag, 20. Dezember, 4 Uhr. Wien. (Hebräischer Konversationsklub „I b r i a h“.) Samstag, den 17. d. M., findet im Cafö Brammer, IX. Liechtensteinstraße I, ein Vortrag des Gg. Chacham über das Thema: „Die Zukunft der Assimilation“, statt. Anfang halb 8 Uhr. Gäste herzlichst willkommen. Wien. (Allgemeiner jüdischer Arbeiterverein „Poale-Zion“.) Samstag, den 17. Dezember, 8 Uhr abends, Vortrag des Genossen Boruchow über Tolstoi. Gäste willkommen. Am 26. Dezember d. J. findet in den Souterrainlokalitäten des Cafe Fol ly, I. Gonzagagasse 11, eine Makkabäer-Feier mit anschließendem Tanzkränzchen statt. Beginn 7 Uhr abends. Karten ä 70 h bei den Mitgliedern und an der Abendkasse erhältlich. Wien. (Jßdische Toynbee-Halle, XX. Othmargasse.) Beginn der Vorträge: An Wochentagen halb 8 Uhr, Samstag, sowie anSonn- und Feiertagen 7 Uhr abends. Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Vortragsprogramm für die Zeit vom 17. Dezember bis 23. Dezember: Sarnstag 17. Kon-